Aufnahme: ©rs

Das Einstein in der Kurfürstenstraße – mit Dependancen ›Unter den Linden‹ und in der Friedrichstraße – ist das schönste und legendärste Caféhaus Wiener Prägung in Berlin. Man findet dort die tägliche Weltpresse ebenso wie Leute ›von Welt‹ (oder solche, die sich dafür halten): ›Monde‹ & ›Demi-Monde‹ reichlich, glücklich vereint. Dort auch sitzt der Flaneur, trifft sich mit Leuten, mit denen er beruflich zu tun hat, liest Zeitung, sieht schönen Frauen nach, unterhält sich über Ausstellungen, Theater etc. Die Kolumne des Berliner Philosophen Steffen Dietzsch, Bannkreis, versammelt – in loser Folge – die Resultate seines Flanierens: kleine Glossen, Artikel zur Sache. 

 

… neulich im Einstein

machte mich eine Freundin (der Kritischen Theorie) auf isomorphe Alltagsphänomene am Beginn unserer bürgerlichen Welt und ihren Turbolenzen heutzutage aufmerksam, – nämlich auf jene Wahrnehmung einer Großen Furcht aus dem Sommer 1789, als – damals – le peuple français (genauer: der dritte Stand) der felsenfesten Überzeugung war, ihre politischen Eliten, die Aristokratie und ihre ›Clercs‹ würden sie alle der Extermination überlassen. Der entsprechende Zynismus der ›Oberen‹ träte exemplarisch in der Empfehlung der Autrichienne (die dann als ›Witwe Capet‹ ihren Kopf verlor) in Erscheinung, die Armen sollten, falls ihnen das Brot ausginge, doch zum Kuchen greifen. Die Große Furcht schien nicht bloß ein grundloses Schreckensbild zu sein; große natürliche und soziale Katastrophen (Trockenheit, Missernten, Kriegsinszenierungen), unfähige und nihilistische Verwaltungs- und Gesetzespraxis (u.a. gegen das Gemeineigentum) waren entsprechend vorurteilsverstärkende Befunde im öffentlichen Bewusstsein.

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… neulich vor dem – immer noch verschlossenen – Einstein

war ich verblüfft über die Wahrnehmung des regierungsamtlichen ›Ostbeauftragten‹ (nein, nicht der für die Region ›Ober-Ost‹ seelig– um Kaunas herum – zuständige), der zufolge ›wir Ostler‹ aus langjähriger Kohabitation mit der Diktatur – manche von uns bringen es dabei auf biblische siebzig Jahre – die Rechtsradikalen ins Parlament wählen würden …

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… neulich vor dem Einstein

kam mir das Diktum des Novalis in den Sinn, als ich von Protesten dagegen hörte, die Verse einer (›schwarzen‹) Poetin einer (›weißen‹) Übersetzerin zu überlassen … war das eine Weinkrämpfe auslösende, unerhörte Identitätsanmaßung? Ursprünglich jedenfalls nicht. Denn beide – die Lyrikerin Amanda Gorman und die Übersetzerin Marieke Lucas Rijneveld (noch jüngst mit dem International Booker Prize ausgezeichnet) – waren sich gegenseitig gewogen, beide literarisch ähnlich interessiert und sie fanden auch einen (holländischen) Verlag, der sie drucken wollte; eine überaus normale ›Büchermacherei‹.

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.