von Pavlo Pustovoit
Am 26. Juni hat Ulrich Thiele einen Artikel mit dem ambitionierten Titel „Ein begründeter Verdacht und viele Ungereimtheiten: Die Neue Zürcher Zeitung erlebt ihren KI-Skandal“ veröffentlicht. In diesem scheinbar fachkompetent verfassten Artikel wurde jedoch nur eine Begründung explizit genannt – die Exzellenz von Pangram als einer Anwendung für die Erkennung KI generierter Inhalte. Die Argumentation des Artikels ist jedoch unzulänglich, da methodisch fehlerhaft. Dies wiegt umso schwerer, als dass der Vorwurf berufliche Konsequenzen für den Chef-Redakteur haben sowie seinen Ruf und seine Ehre beschädigen kann. Es ist nicht genug damit getan, KI-Tools und KI-Detektoren anzuwenden, sondern es ist zwingend erforderlich, auch deren Funktionsweise und Bedingungen zu kennen, um die Ergebnisse adäquat einschätzen zu können. Die Anwendung von KI-Detektoren gehört nicht in Laienhände, vor allem dann nicht, wenn die Ergebnisse zur Beschädigung der Autoren der untersuchten Texte führen können.
Um zu starten, fragen wir uns: Was ist ein natürliches, menschliches Schreiben? Zu ihm gehören Wörter (jeder hat ein eigenes spezifisches Vokabular), die Verkettung dieser Wörter zu einem Zeichen für einen Gedanken, die Rhythmik der Sätze und Passagen, lautliche Besonderheiten, Bildwahl und viele andere Stilmerkmale, die die spezifische Komposition und auch die Emotionalität des Textes ausmachen. Autoren entwickeln ein individualtypisches Profil solcher Merkmale, auch wenn sich dieses mit der Zeit mehr oder weniger verändert. Und das Wichtigste dabei ist: Dieses individuelle Schreibprofil ist mehr oder weniger komplex, wobei es alle Ebenen der Sprache auf einmal umfasst, und enthält dabei ein gewisses Chaoselement, das mehr oder weniger stark einer Musterhaftigkeit auf den verschiedenen Ebenen des Textes entgegenwirkt.
von Ralf Willms
I
unbegreiflich geworden
Ich kann dir gar nicht sagen
wie unbegreiflich das
für mich geworden ist, dass ich
lebe.
Ein Lebewesen bin.
Absolut unbegreiflich.
von Ulrich Schödlbauer
Mein lieber ***
auf Ihrem Weblog las ich vor wenigen Tagen die Bemerkung, es sei besser ein wenig Licht zu verbreiten als schmollend im Dunkeln zu verharren. Das ist, ohne jeden Zusatz gedacht, die Formel der Aufklärung, zuzüglich des Schmollens, auf das ich noch zu sprechen kommen werde. Man kann diese Formel heute überall finden. Sie ist der Weichmacher der Informationsgesellschaft, in der die digitalen Flutlichtanlagen jeden Winkel aufs Grellste ausleuchten (und das keineswegs nur in der Theorie). In dieser Gesellschaft kommen auf jeden, der brav sein Lämpchen hochhält, tausende von Scheinwerfern, die ihm ins Gesicht brüllen und ihm nicht mehr als ein hilfloses Zwinkern erlauben. Viele mögen das Bild übertrieben oder völlig falsch finden. Ich gebe ihnen den Rat: Betrachten Sie sich selbst, Ihre geistige Verfassung, unter dem Gesichtspunkt des Außer-sich-Seins und ich verspreche Ihnen, Sie werden binnen kurzem fündig werden – vorausgesetzt natürlich, Sie besitzen das Talent zur Selbstreflexion und plappern nicht nur nach, was andere Ihnen vorplappern.
