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Das Einstein in der Kurfürstenstraße – mit Dependancen ›Unter den Linden‹ und in der Friedrichstraße – ist das schönste und legendärste Caféhaus Wiener Prägung in Berlin. Man findet dort die tägliche Weltpresse ebenso wie Leute ›von Welt‹ (oder solche, die sich dafür halten): ›Monde‹ & ›Demi-Monde‹ reichlich, glücklich vereint. Dort auch sitzt der Flaneur, trifft sich mit Leuten, mit denen er beruflich zu tun hat, liest Zeitung, sieht schönen Frauen nach, unterhält sich über Ausstellungen, Theater etc. Die Kolumne des Berliner Philosophen Steffen Dietzsch, Bannkreis, versammelt – in loser Folge – die Resultate seines Flanierens: kleine Glossen, Artikel zur Sache. 

 

… neulich im Einstein

machte mir meine polnische Freundin klar, dass die jüngsten kriegerischen Ausbrüche des ›Nationalstolzes der Großrussen‹ (als Mentalität schon Anfang des Ersten Weltkriegs von Lenin kritisiert) nicht bloß aus deren neueren Bedrohungsphobien zu begründen sind, sondern dass darin eine über hundertjährige geopolitische Dynamik in Rechnung zu stellen ist.

Mit dem Zusammenbruch des russischen Kaiserreichs 1917 kam es sehr schnell, zunächst vom Bolschewismus unterstützt, zur nation-building bei vielen aus dem sogenannten ›Völkergefängnis‹ entlassenen Ethnien; am nachhaltigsten (und geostrategisch einfallsreich) geschah das bei der Neubegründung der Republik Polen (Nov. 1918), die sich mit erheblichen militanten Landnahmen aus dem Bestand der ehemaligen drei Monarchien konstituierte [expl.: westpreuß. Posen (Poznań), litauisch Vilnius (Wilna), ostgalizisch Lemberg (Lwów)].

Die Staatsbildung der östlich von Bug und Dnjestr gelegenen zaristischen Gouvernements Ruthenien, Wolhynien, Polesien, sowie Novorossija und Taurien als ›Ukraine‹ dagegen stand von Anfang an, seit Februar 1918 unter dem Makel der Fremdbestimmung: Das kaiserlich-deutsche Militär besetzte dieses Gebiet, nach Vereinbarungen des Vertrags von Brest-Litowsk und das Land stand bis Ende 1918 unter der Protektion einer deutschen Armee und ihres Kommandeurs, des Generalstabschefs des Militärbezirks Ober Ost, General Max Hoffmann (1869-1927). Dieser etablierte Pawlo Skoropadskyj (1873-1945) bis zum Ende dieser Besatzung als Regierungschef des Hetmanats Ukraine. Er wurde von 1919–1920 von Szymon Petljura (1879-1926) abgelöst, der eine Eigenstaatlichkeit mit fragwürdigen militärischen Mitteln vorantrieb. Um sich im ukrainischen Bürgerkrieg mit bolschewistischen Freischärlern und – damals schon beliebt – temporären roten Stadtrepubliken zu behaupten, wurde 1920 ein Friedensvertrag mit der Neuen Republik Polen abgeschlossen, der allerdings für die Ukraine den Verlust Galiziens mit sich brachte (der erst 1939/1941 und dann ab 1945 durch die Angliederung von Ostgalizien an die Ukraine teilweise aufgewogen wurde).

In diesen Bürgerkriegsjahren (1918-1922) war in der Ukraine ein Autonomiebegehren – weg-von-Moskau – in weiten Teilen der städtischen Intelligenz und der Jugend präsent, das natürlich auch geopolitisch von den Siegermächten des Ersten Weltkriegs im europaweiten Kampf gegen den Bolschewismus befeuert wurde. Das kam dem ukrainischen Nationalismus durchaus entgegen, da er – wie aller Antizarismus – zwar aus dem sozialrevolutionären Denken überhaupt kommt, ohne aber den marktkritischen, antibürgerlichen Impetus der Moskauer Staats- und Rätetheorie zu teilen.

Von ukrainischen Gelehrten wurde schon früh eine autochthone politische Theorie entwickelt, die die Unabhängigkeit des Landes begründen wollte: die Idee der Natiokratie, entwickelt von Mykola Sziborskyj (1898-1941). – Dass nach dem bolschewistischen Sieg im Bürgerkrieg 1922 die Sowjet-Ukraine zwischen 1922 und 1991 eine Republik innerhalb der Union der Sowjetrepubliken wurde, ließ das Interesse an souveräner, selbstständiger Entwicklung der Ukraine auch bei der kommunistisch-ukrainischen Elite nicht verkümmern. Sie betrieben während der Zwanziger Jahre eine intensive Ukrainisierung in Sprache, Literatur und Volksbrauchtum. Dabei wurden nachhaltige politische Entscheidungen getroffen, die die Eigenart der ukrainischen Kultur aufnahmen und weiterentwickelten. Namentlich wurde die nationale Allukrainische Akademie der Wissenschaften gegründet (1921), auch eine nationale Parteiorganisation ukrainischer Kommunisten und natürlich alle staatlichen Institutionen. Diese versuchten in der Agrar- und Landwirtschaftspolitik die gewachsenen Strukturen im Sinne der erfolgreichen Bucharinschen Ökonomietheorie zu erhalten und auszubauen. Damit waren sie nicht bereit, den von Moskau orchestrierten Kampf gegen die Bauern (Stalin) mitzutragen (der dann 1931/33 zu den entsetzlichen Hungerzeiten mit Millionen Toten führte). Maßgeblich waren hier viele ukrainische Funktionäre bemüht, die Lebensfähigkeit der Ukraine unter dem Diktat des Stalinismus zu erhalten: wie Wlas Tschubar (1891-1939), zwischen 1923-1934 Ministerpräsident oder Mykola Skrypnyk (1872-1933), Erziehungsminister, der sich im Juli 1933 erschossen hatte, nachdem er in höchsten Parteigremien des Nationalismus bezichtigt wurde. Stalin erklärte im Januar 1934 auf dem XVII. Parteitag (dem ›Parteitag der Sieger‹), dass ›Skrypnyks und seiner Gruppe Sündenfall (!) in der Ukraine kein Ausnahmefall ist.‹

Diese gesellschaftlichen Erfahrungen in der Ukraine mit der politischen und alltäglichen stalinistischen Sowjetkultur schon während der ersten fünfzehn Jahre staatlicher Existenz müssen hier zu Überlegungen innerer Sezession geführt haben. Nationale Selbstbesinnung war weit verbreitet (noch 1970, so erinnert sich die Freundin, wurden z.B. strenge Kontrollen beim Zugang zur Kiewer Universität eingeführt, um illegale Versammlungen von Nationalisten zu unterbinden). In Dissidentenkreisen war das Interesse an nationaler Selbstständigkeit wohl bei weitem überwiegend, mehr jedenfalls als an der (im Westen dominanten) ›Rekonstruktion‹ des historischen Materialismus …

Währenddessen gab es seit Mitte der Zwanziger bin in die Fünfziger Jahre eine intensive Arbeit zur nationalen Hegemonie durch ukrainische Exil- und Untergrundaktivitäten, die über die Jahre auch eine markante Militanz auswiesen. Das ging soweit, dass ukrainische Untergrund-Kampforganisationen (die sich auch untereinander bekämpften) mit jedem Feind des Bolschewismus paktierten: im Zweiten Weltkrieg mit der deutschen Wehrmacht und der Waffen-SS (deren Division ›Galizien‹ zählte im Herbst 1944 über 50 000 Kombattanten!). Gerade in Deutschland waren immer zentrale Netzwerke für die unabhängige Ukraine wirksam, so in Berlin das ›Ukrainische Wissenschaftliche Institut‹ (1925-1945) und die Freie Ukrainische Universität in München (bis 1989).

Mit der Konstitution eines unabhängigen ukrainischen Staates (1991) ist ihre lange opferreiche Sezession an ein historisches Ende gelangt. Und so ist des Einen geopolitische Katastrophe des Anderen Glück und Vorteil.

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.