Ulrich Siebgeber: Der Stand des Vergessens


Neogeografen [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)]

von Ulrich Siebgeber

Wäre ich nicht Siebgeber, ich wäre gern Moralist. Moralist sein ist einfach. Man folgt den Wegen der Einfalt, zumindest in Gedanken, und sagt: So machen’s alle. Man sagt es nicht im Tonfall der Überzeugung, sondern des Zweifels, und schon ist man ein gemachter Kritiker: Schaut, wie er’s macht! Man könnte sich, als kritischer Zeitgenosse, natürlich fragen, warum die Wege der Einfalt so ausgetreten und so vorhersehbar sind. Doch diese Frage bleibt besser unterdrückt, erstens, weil sie dem Gähnen so ähnelt, das erst als unterdrücktes kulturell etwas hermacht, zweitens, weil sie nicht ohne Tücke ist, denn nicht immer darf als ausgemacht gelten, was sie voraussetzt. Auch Einfalt liebt das Unerwartete.

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Frostedbubble2. Von Danielarapava - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=45320273

von Ulrich Siebgeber

In den neuerdings sittsam gewordenen deutschen Medien konnte man gegen Ende des abgelaufenen Jahres lesen, die deutsche Kanzlerin habe in der angelsächsisch sprechenden Welt einen Sturm der Entrüstung entfacht. Warum? Weil sie in öffentlicher Rede das Wort ›shitstorm‹ verwendete. Ach du liebes bisschen. Haben die keine anderen Probleme? Andererseits, es ist ihre Sprache, sie besitzen also eine Art erstes Zugriffsrecht, sobald es um Verfehlungen auf diesem kniffligen Terrain geht. Das gesprochene, sich alsbald ins geschriebene verwandelnde Wort hat eine magische Kraft.

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Barcelona - La Sagrada Família - Nativity Façade - Christmas Tree & Trumpeting Angels. Txllxt TxllxT [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], von Wikimedia Commons

von Ulrich Siebgeber

Eine lange, zeitweise fast unerträgliche Spannung löst sich in Gelächter – so geschehen in diesen Tagen, in denen der Fall Relotius den bundesdeutschen Gesinnungsjournalismus … nein, nicht etwa bloßstellt – das besorgt letzterer jeden Tag selbst –, sondern (mehr oder weniger buchstäblich) pulverisiert, er weiß es nur noch nicht, wird es auch, wie man ihn kennt, niemals wissen wollen. Denn bleiben wird er, so wie die Pülverchen, die sich ein Herzkranker aus der Apotheke holt, weil er den härteren Mitteln misstraut, die der Arzt ihm verschreiben würde, würde er ihn je konsultieren. Kein Arzt, niemals!

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