Ulrich Siebgeber: Der Stand des Vergessens

Die Ökonomie der Illusion gebietet – ja, sie gebietet! –, die Rechte des Individuums, oder was der Einzelne dafür hält, herunter­zu­brechen auf das Recht der Selbsttäuschung: Nur die Täuschung ist genehm, die im Gewand der Selbst­täuschung daherkommt, die dem Vorurteil schmeichelt, vor allem dem, Bescheid zu wissen. Jeder weiß Bescheid – dafür vergisst er viel. Die Ökonomie der Illusion und die des Vergessens sind eins.

Und doch, man geht wie auf Strickleitern durch Ihre Texte. Immer mit einem Anflug von Höhenangst. Das strengt ganz schön an.
Laska Freyh auf Twitter

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Depressive Dominanz

Ich werfe der zwischen 1950 und 1960 geborenen (westdeutschen) Generation vor, dass sie die deutsche Stimme in der Welt rigoros abgeschaltet hat. In diese Stille hinein ertönen seit Jahren die Worte der Kanzlerin und die zynischen Kommentare ihres gerade entlassenen ›Kassenwarts‹ – mit den bekannten Folgen ... Schriftsteller? Unerheblich. Philosophen? Fehlanzeige. Wissenschaftler? Beschränkt aufs Fachpublikum, mit gelegentlichen Ausreißern in die Medien: anämisch. Politische Köpfe? Statur sieht anders aus.

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Die Journalisten

Irgendwann nach 1989 muss es den Journalisten aufgefallen sein, wie leicht es war, die klassische Figur des Nachkriegsintellektuellen vom Sockel zu stoßen. Das geschah selbstredend in der DDR, deren Lebenszeit nur noch kurz bemessen war, aber lang genug, damit sich die gewohnten Wortführer mit Westkontakt noch schnell durch öffentliche Treuebekundungen zu einem geläuterten Sozialismus desavouieren konnten, bevor die Öffnung der Stasi-Akten ihnen für längere Zeit den Mund verschloss. Aber ein Hauptakteur im Westen war sicherlich der frühere Feuilletonchef und spätere Miteigner der FAZ, Frank Schirrmacher, ein Journalist mit der geistigen Physiognomie des verhinderten Intellektuellen, der in seinen Sachbüchern das Gefühl zu verbreiten wusste, das lebenswerte Leben sei just mit ihrem Erscheinen zu Ende gegangen.

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US - Wahlgesichter

Allmählich sollten die Sittenwächter der Republik begreifen: So lässt sich dieser Staat nicht regieren. Sie haben sich, sehenden Auges blind, in den Bürgerkrieg der Worte und Gesten gestürzt, als die Flüchtlingskrise schonungslos die Handlungsschwäche der EU offenlegte, sie haben mit dem unerleuchteten Gerede von Hell- und Dunkeldeutschland eine Saat gelegt, deren Aufgang direkt in die Sitzverteilung des kommenden Bundestages führt, sie haben, mit einem Wort, das Land gespalten, sie haben Europa gespalten und wenn es nach ihnen ginge...