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Ein Blick über den Euphoriehorizont

von Wolfgang Rauprich

Digitalisierung ist heutzutage als Schlagwort in aller Munde, wenn es darum geht, in offiziellen Verlautbarungen, in Sonntagsreden von Politikern oder im medialen Rauschen innovativ erscheinende, aber möglichst unkonkrete Zukunftsvisionen zu beschwören. Neuerdings befeuert von den negativen Auswirkungen der Corona-Krise auf beinahe alle Bereiche des Lebens, gilt Digitalisierung als Allround-Lösung für Probleme nahezu jeder Art. Nun soll die Digitalisierung unter der Ampel-Regierung mit aller Macht vorangetrieben werden, weil Deutschland in einen Rückstand geraten sei. Eine deutsche Bundeskanzlerin brachte ihre Sorge darüber sogar mit einem Begriff aus dem ›Argot‹ der Ostberliner Kindergartenszene zum Ausdruck: ›… dass wir einfach irgendwann Bummelletzter sind‹.

von Ulrich Schödlbauer

Mit dem Schuldspruch über die ›Ungeimpften‹ betritt zum ersten Mal offen das mythische Opfer, volkstümlich ›Sündenbock‹ genannt, die parlamentarische Bühne der Bundesrepublik. Das ist ein historischer Einschnitt ersten Ranges. Siebzig Jahre lang galt die Abwehr solcher ›Tendenzen‹ als gemeinsame Pflicht aller Demokraten, plötzlich wird das Mitmachen Pflicht. Ein Ethos verkommt zum Mittel des Totschlags. Das mag zyklische Gründe besitzen und im allgemeinen Werteverfall begründet sein, aber es ist vor allem bequem.

von Rainer Paris

In einem Cicero-Artikel (Ein Schloss im Nebel, in: Cicero 10/2021) hat der bulgarische Politologe Ivan Krastev das politische Grundproblem Deutschlands nach dem Ende der Merkel-Ära folgendermaßen auf den Punkt gebracht: ›es weiß nicht, wie man eine Führungsrolle übernimmt, ohne Vorbild zu sein‹.

Eine treffende Formulierung – und zugleich ein Verweis auf eine grundlegende Differenz, die in politischen Diskussionen oft verwischt wird. In der Tat: Führung ist etwas ganz anderes als der Wunsch oder das Bestreben, Vorbild zu sein. Ja mehr noch: Auch wer Vorbild ist, muss deshalb keineswegs erfolgreich führen.

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.