von Ralf Willms

Zur Kunst des André Schinkel gehört es, die groben Ströme des Lebens in feingliedrige Wortfolgen zu verlegen, so dass diese im eigenen Ton zusammenspielen. Der kurze Prosatext Quartiere am Stadtrand beginnt: »Oh, es ist gut, sich in den Nächten zu betrinken... gemeinsam mit den nervösen und verschwitzten Kollegen sich betrinken nach der Arbeit und in den von Westen aufkommenden Regen zu starren. An diesen Abenden [...] werden wir beginnen, von den Verheißungen zu träumen, die sich uns tags auf den Steigen und Wegen boten – Schenkel und Brüste und Augen waren da in der leuchtenden Luft. In den Nächten, heißt es, schlagen die Herzen von den Erinnerungen lauter. Nachts sind die Gefängnisse für die gebändigten Glieder geöffnet [...].«

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von Ralf Willms

I. Axel Sanjosé: Gelegentlich Krähen

In den Gedichten Axel Sanjosés kommen immer wieder Spuren extremer Gewalt zum Vorschein, nicht selten recht unverhüllt, so wie in diesem titellosen Gedicht (S. 51): »Es war in den letzten Ritzen der Sprache, / ein Unzeichen [...] / Man fand Worte, es nicht mehr zu nennen, / Satzfetzen, man fand Zitate, Zwang und Zärtlichkeit, / sagte Unsagbares, lallte Unlallbares, / riss die Eingeweide mit bloßer Hand aus dem Rücken [...] gab Kindern Draht, sich Nabel zu bohren, / teilte Spinnen aus und Splitter / zu gurgeln, zu gurgeln.« Die Gewalt, die einerseits bis in die »letzten Ritzen der Sprache« dringt, und andererseits nicht mehr genannt wird, erscheint, wie man weiß, stets in immer neuen und alten Gewändern:

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von Ralf  Willms

Als »poetischer ›Zwischenbericht‹ (Klappentext) nach dem ›Ortswechsel‹« gilt der Gedichtband Wo es war von Kurt Drawert. Die Bezeichnung ›Zwischenbericht‹ mag sich dem Erscheinungsjahr verdanken, der Gedichtband erschien im vierzigsten Jahr des 1956 geborenen Autors, nachdem der Debütband Privateigentum sieben Jahre zuvor (und vier Jahre vor dem Ortswechsel von Ost nach West) veröffentlicht wurde. Ein Generalthema, das beide Gedichtbände durchzieht, ließe sich so formulieren: Wie behandelt ein politisches System – als gesellschaftliche Wirklichkeit – die Menschen, die in ihm leben?

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