von Herbert Ammon
In einem Artikel zum 250. Jubiläum der Unabhängigkeitserklärung der USA ( H.A. in: Globkult, 02.07.2026, https://www.globkult.de/
Ein früherer Kollege bemerkte dazu, er möchte die These "Dekolonialismus als pervertierte Form des Universalismus" gerne näher erläutert wissen. Ich nehme die Kritik als Anstoß zu Überlegungen, die auf eine Erklärung der maßgeblich von den USA ausstrahlenden Ideologie zielen. Es geht darum, den – unter dem Etikett „wokeism“ firmierenden - jüngeren Linksradikalismus auf seine Wurzeln hin zu untersuchen und ihn aus den dem „westlichen“, aufklärerischen Denken innewohnenden Widersprüchen herzuleiten.
Die Wurzel aller politischen Bewegung – und aller Radikalismen, ob „rechts“ oder „links“ - liegt in der Auflehnung von Individuen, Gruppen oder Kollektiven gegen die jeweils etablierte Ordnung. Somit trägt auch die in den demokratischen Revolutionen etablierte Herrschaftsform den de facto unaufhebbaren Widerspruch von Herrschenden und Beherrschten (oder Regierenden und Regierten) – manifest in Begriff und Funktion der „Eliten“ - in sich. Was wir im Namen von „decolonialism“ bzw. „critical whiteness“ derzeit in den USA und in Westeuropa erleben, ist – in dialektischer Umkehrung – das Produkt des im Westen geborenen Universalismus.
I.
Laut Festtags- und Mahnreden leben wir in "unserer Demokratie" in der besten aller politischen Welten, gegründet auf das - mehrfach abgeänderte - Grundgesetz vom 23. Mai 1949. Wozu also Geschichte? Wozu Geschichte in einem Land, in dem die Reflexion über Komplexität und Logik historischer Prozesse, über die wechselvolle Realität von Macht und Herrschaft, über die Kontingenz historischer Ereignisse, über die Bedingtheit menschlichen Handelns, allgemein über die Relativität menschlicher Existenz in einer flüchtigen Gegenwart, für schlichte Weltdeutung untauglich erscheint? Warum sollten wir uns in diesem unseren Land, dem historischen, geographischen und staats- und völkerrechtlichen Restbestand des 1871 gegründeten Deutschen Reiches, mit schwieriger Historie befassen?
Welche Geschichtsdaten - außer dem 9. November - sind den nach dem Mauerfall Geborenen überhaupt noch geläufig? Was sagt ihnen die Jahreszahl 1813? Liebhaber klassischer Musik kennen noch Tschaikowskis "Ouvertüre 1812", aber sie passt nicht in unser Bild von Putins Ukrainekrieg. Anders als in Frankreich, wo der 11. November noch immer als nationaler Feiertag begangen wird, oder in Großbritannien, wo man mit Poppies aus Papier oder Kunstfaser der zahllos in Flanderns Feldern ruhenden Toten gedenkt, kennen viele jüngeren Deutsche die Daten des Großen Krieges kaum noch.
Wen interessiert in der anno 1990 "erweiterten Bundesrepublik" (dixit Habermas) die Geschichte der deutschen Teilung, wer - außer den älteren "Ossis" - kennt noch das Gründungsdatum der DDR? Was kümmert jüngere Generationen mit Migrationshintergrund, aufgewachsen mit spezifisch eigenen Erinnerungen und Traditionen, die von den Nazi-Verbrechen überschattete deutsche Geschichte?
von Herbert Ammon
Vorbemerkung:
In der laufenden Auseinandersetzung mit der AfD spielt „Ethnopluralismus“ als Kennzeichen „neurechter“ Ideologie eine zentrale Rolle. Der inkriminierte Begriff geht maßgeblich auf Henning Eichberg zurück, dessen Werk in nachfolgendem Aufsatz dargestellt wird. Es ist im voraus zu betonen, dass der „umstrittene“ Begriff „Ethnopluralismus“ bei Eichberg nichts mit Apartheid-Ideologie zu tun hatte.
Ende der 1970er Anfang der 1980er Jahre gab es in Deutschland eine in Wellenbewegungen verlaufende Diskussion um die „nationale Frage“. Auf der Linken setzte mit der Ausbürgerung des regimekritischen Sängers Wolf Biermann aus der DDR eine Debatte ein, die aus der Ökologiebewegung regionalistische und kulturnationale Impulse aufnahm und in und in die von – realen und imaginären - Ängsten, Hoffnungen und Forderungen inspirierte Friedensbewegung mündete. Ausgelöst anno 1979 von dem - als Antwort auf neue sowjetische Atomraketen konzipierten - „Doppelbeschluss“ der NATO zur Aufstellung von atomar bestückten Mittelstreckenraketen, vereinte der Protest gegen das nukleare Wettrüsten unterschiedliche Strömungen - von der SED-gesteuerten DKP bis hin zu Abweichlern in der CDU/CSU. Hauptträger der Bewegung waren linke Sozialdemokraten und linke Christen - obenan die Exponenten eines pazifistisch orientierten Protestantismus – sowie die sich aus heterogenen Elementen als Partei formierenden Grünen.
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