Familienbild – die vier Kinder des Kurfürsten Maximilian von Pfalz-Bayern. Biermann, Georg (1914): Silhouettes

Wir leben im Grokoko. Wussten Sie das? GroKo ist groß, aber von gestern. GroKo kann nicht gehen, doch zum Bleiben schwindet die Kraft. Die Lösung heißt: Grokoko. Im Grokoko lösen sich die strengen Parteilinien des GroKo auf und werden spielerisch. Die Losung heißt: Unbeschwert. Stirb, aber beschwere dich nicht. Vor allem nicht über das, was danach kommt. Vielleicht kommt nichts danach, dann wäre ohnehin jede Beschwerde umsonst. Umsonst ist auch das Regieren, man betreibt es mit Schattenkabinetten, die nur per Wandzeitung existieren. An welcher Wand? Gegenfrage: an welcher nicht? In der Republik ist jede Wand gut genug, um eine Regierung anzuzeigen, natürlich als Projektion. Im Grokoko ist das Volk nicht länger gefragt. Das war im GroKo nicht anders, aber man behandelte es pompös, als sei einem damit ernst. Jetzt geht es ans Schäfchenbekränzen und alle Welt guckt dumm aus der Wolle. Die Kavaliere und Damen ergehen sich im Freien unter Ginsterbüschen und tragen Atemtücher gegen Feinstaub und Stick… Stick… Ox… Ox… Nox… Hust… Hust... Die Gesellschaft der Transsolaristen bewundert Sonnenuntergänge und lässt sich aus dem Stand an den Tafeln der Bedürftigen blicken, um zu probieren, ob's schmeckt. Dazu werden die Bedürftigen unter die Brücken geschickt und Schauspieler von der volkseig- … nahegelegenen Volksbühne geholt.

Das Volk bleibt eigen, auch wenn ihm nichts eignet. Diese Wendung entstammt der älteren Sprache und stößt in feineren Kreisen auf Unverständnis. Denn es ereignet sich viel. Eigentum bildet, vor allem sich selbst, deshalb zählt es zum Gebildetsten überhaupt und strebt… Wohin strebt es, das Gute? Zum Besseren, Dummchen! Im Grokoko ist das Bessere stets des Guten Freund, zusammen verkauft es sich bestens. »Wir sind die Bessersten!« So liest man es hier und da, es klingt, als habe die Besserungsanstalt seligen Angedenkens Ausgang. Die Besserungsanstalt liegt noch immer dort, wo die Älteren sie vermuten, in der Normannenstraße, wo man sie auf- und abwickelt, solange der Tag blau ist, nur die Schattenspiele haben gewechselt. Man merkt das auf Veranstaltungen, die der Selbstaufklärung des Publikums dienen. Die alten und neuen Opfer geben den Ton an und werden von Eingeweihten seziert. Wie das geht? Im Grokoko bleiben die Eingeweihten stets unter sich, sogar dann, wenn sie außer sich geraten, sie sind so tief gesunken, dass sie selbst dann nicht aus sich herauskönnen, wenn ihnen nichts anderes übrigbleibt. Was bleibt den Opfern anderes übrig, als stumm nach Hause zu gehen? »Alles vergebens«, murmeln sie resigniert, »man kommt nicht an sie heran. So viel Bühne und alles Schau.«

Die Opfer wollen nicht länger Opfer sein, sie lehnen die Komfortzone ab und wollen, dass alles so ist, wie sie sich das vorstellen. Was stellt ihr euch vor? entfährt es den Eingeweihten. Es handelt sich um ihren letzten Trumpf und sie spielen ihn aus, wann immer sie können. Vielleicht habt ihr mit euren Problemen recht, aber es gibt keine einfachen Lösungen. Überhaupt lösen sie sich von selbst, denn wir sind die Lösung und das ganz von allein. Aber die Opfer verstehen sie nicht, sie haben sich schon zu weit von ihnen entfernt und hören nur immer ›Allein!‹ Ja, sie fühlen sich alleingelassen mit ihren Problemen und finden, nun könnten sie sie, ganz auf sich gestellt, auch allein anpacken. Das sollte, denken sie, kein großes Problem sein, nach allem, was noch geschieht. Dabei macht ihnen der Opferdiskurs zu schaffen, denn was immer sie sich dabei denken, sie bleiben Eingesponnene. Wenn sie ihr ›Nie wieder Opfer!‹ rufen, dann lösen sie bei den Eingeweihten den Webereflex aus: Opfer, wir haben von euch genug, Deutschland, wir weben dein Opfertuch. Der Webereflex ist alt, er stammt aus der GroKo-Frühzeit und zierte einst den Altar der Wünsche, gleich neben dem Kreuz mit der Wahrheit und ihren Tücken.

Die Krankheit des Grokoko heißt Grokophantiasis. Der Botschafter des befreundeten Landes Ogottogott mailt nach Hause: Die Grokokoliker sind verrückt geworden. Das löst einen weltweiten Begeisterungssturm aus und alle wollen tafeln wie Grokohl d.J., bevor das Licht ausgeht. Grokohl d.J., erste Dienstperson unter Nemo I. – dem Erstbesten –, sieht darin vorerst kein Problem. Noch fährt sie ihren Bauerndiesel und glaubt, damit käme sie weiter als andere, die bloß deshalb unter Strom stehen, weil sie die Saftabzapferei leid sind. Aber wohin? Weiter ins Abseits? Der Auffassung ist Grokohl d.J. nicht. Überhaupt fasst sie alles besser von der Seite auf, die ihr Spaß macht. Da fast alles Spaß macht, kommt man, wie es heißt, damit gut und gern über die Runden. Gerät man ins lange Eck, ist der Spaß aus. An der Tafel, oben wie unten, endet der Spaß, zum Beispiel, wenn die Zufuhr stoppt oder die Esser meutern. Nicht jeder kann damit umgehen, wie es sich gehört: schweigsam. Grokohl d.J. zum Beispiel kann nicht schweigen. Dafür ist man nicht geworden, was man nun einmal ist: fast alles, wie man unter der Hand murmelt. Diese Schicht lebte alles und jetzt ist alles: Käse. Soviel zum Sortiment. Der Einzelhandel wirft das Handtuch und fängt sich eine Rüge ein. Die Rüge verwandelt sich in ein dünnes Stimmenpolster, das bei jeder Berührung schmilzt. Am Ende sind alle unberührbar und fallen vom Glauben ab. Damit endet die Monarchie und es beginnt ein neues Kapitel in der Geschichte der Bevölkerungen.

Abb.:
Familienbild – die vier Kinder des Kurfürsten Maximilian von Pfalz-Bayern. Biermann, Georg (1914): Silhouettes (Wikimendia Commons, gemeinfrei)

 

 

Siebgeber Ulrich Google Plus

Mag sein, das Volk ist eine irrationale Größe. Doch daraus auf die Rationalität der Eliten zu schließen wäre, sagen wir ... nicht in Ordnung.

Und doch, man geht wie auf Strickleitern durch Ihre Texte. Immer mit einem Anflug von Höhenangst. Das strengt ganz schön an.
Laska Freyh auf Twitter

Ulrich Siebgeber: Der Stand des Vergessens

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