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II.

Die ersten Erinnerungen des im November 1914 im damals noch österreichisch-ungarischen Ostgalizien Geborenen waren Weltkriegserinnerungen. Am Ende dieses Ersten Weltkrieges wurde der vierjährige Jakob nicht nur Zeitzeuge des revolutionären Zusammenbruchs dreier europäischer Monarchien (Russland, Deutschland und Österreich-Ungarn), sondern musste auch gleich erleben, wie seine nun polnische Heimatstadt Blasow die neue Unabhängigkeit nicht besser zu feiern wusste als mit einem Judenpogrom. Nachdem daraufhin seine Familie 1919 nach Köln flüchtete, in die Heimatstadt seines Vaters, eines Textilfabrikanten, wuchs er im Köln der Zwischenkriegszeit auf und schloss sich Anfang der dreißiger Jahre der Jugendorganisation der aus einer linksoppositionellen Strömung der SPD hervorgegangenen Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) an und engagierte sich im Arbeitersport. Ende 1933 verließ der junge Jude und Sozialist das faschistische Deutschland und ging nach Palästina, um in einem Kibbuz nicht nur zu überleben, sondern auch am Aufbau einer neuen solidarischen Welt Anteil zu nehmen. »Würde man mich fragen, woher meine unverrückbare Zuversicht stammt, dass Menschen Habsucht, Jagd nach Geld, Konkurrenzneid, Selbstsucht, Unterwürfigkeit – jene zum großen Teil vom Kapitalismus mühsam anerzogenen ›menschlichen‹ Eigenschaften – ablegen können; würde man mich fragen, wo die tiefste Wurzel meines Glaubens daran liegt, dass Menschen ohne jeden äußeren Zwang als Gleiche und Freie im Kollektiv ihr Leben selbst gestalten können, ich würde antworten: Das hat mir meine Erfahrung in der Praxis des damaligen Kibbuz bewiesen.« (1991, S.115) Hier, im palästinensischen Kibbuz also, lernte er eine praktisch gelebte sozialistische Kollektivität, die ihn zeitlebens prägen sollte, die ihn aber auch politisch ernüchtern ließ, als er aus dem Kibbuz ausgeschlossen und mit 27 Monaten Internierung bestraft wurde, weil er 1939 gegen den politischen Zionismus auftrat und gewerkschaftliche Streiks organisierte und dabei wie selbstverständlich auch mit nichtjüdischen Arabern zusammenarbeitete.

»In der falschen Hoffnung, die Geschichte würde dort weitergehen, wo sie nach der Revolution von 1918 unterbrochen worden war«, (ebd. S. 122) wollte er nach dem Ende des zweiten Weltkrieges und dem Zusammenbruch des deutschen Faschismus unbedingt zurück nach Deutschland. Doch erst 1948 gelang ihm über Frankreich und Belgien die Rückkehr nach Westdeutschland – der deutsche Osten bot ihm, dem trotzkistisch beeinflussten Antistalinisten, keine wirkliche Perspektive. Zurück in Köln wurde er Redakteur der von Willi Eichler und Heinz Kühn geführten sozialdemokratischen Rheinischen Zeitung und Mitglied der neuen Sozialdemokratie. Er stärkte dort – zusammen mit Leo Kofler, Ernest Mandel und anderen – den linkssozialistischen Flügel und ging nach seinem Schweizer Erholungsurlaub 1952, als er verstand, dass dieser zu Beginn der fünfziger Jahre in die hoffnungslose Defensive geraten war, im Jahre 1953 als Sozialreferent an die bundesdeutsche Botschaft nach Paris.

Er hielt zwar den Kontakt in die Heimat, doch das Westdeutschland, in das er neun Jahre später, 1962, zurückkehren sollte, hatte sich während des vergangenen Jahrzehnts nachhaltig verändert. Große Teile seiner Generation heimatloser Linker hatten sich nach langen und intensiven Kämpfen gegen die Godesbergisierung der SPD enttäuscht und zermürbt geduckt oder gar zurückgezogen. Und die neue, an den Universitäten heranwachsende linke Generation wollte von der ersten Generation einer Neuen Linken nicht mehr viel wissen – was zu tiefgreifenden gegenseitigen Vorbehalten führte und, anders als in Ländern wie Frankreich und Großbritannien, eine fruchtbare und für die Zeit nach 68 folgenreiche Zusammenarbeit zwischen alter und neuer ›Neuer Linker‹ verhindern sollte. Nur ganz wenige derjenigen, die in den fünfziger Jahren politisch führend aktiv waren, sehen wir nach 68 auf der politischen Bühne wieder. Und einer dieser wenigen war Jakob Moneta, den der IG Metall-Vorsitzende Otto Brenner 1962 zum Chefredakteur der beiden einflussreichen IG-Metall-Zeitungen Metall und Der Gewerkschafter gemacht hatte, und damit auch zum IG Metall-Vorstandsmitglied.

Mit seinem tatkräftigen Optimismus gelang Moneta der Brückenschlag zwischen den Generationen und er ging als einer der wenigen Exponenten des linken Gewerkschaftsflügels in die Geschichtsbücher der sechziger und vor allem siebziger Jahre ein. Als neuer Metall-Chefredakteur brachte er die IG Metall wieder auf einen strikt antimilitaristischen Kurs gegen den Vietnam-Krieg und gab den Ohnmächtigen eine Stimme, u.a. durch Berichte und Interviews aus dem betrieblichen Arbeitsalltag, durch Ausdehnung der Leserbriefspalten und, später, durch fremdsprachige Zeitungsausgaben für die in Deutschland lebenden und arbeitenden ›Gastarbeiter‹. Als zuvor die Studenten aufbegehrten und ihr ›Wir wollen alles – und zwar sofort‹ auf der Straße skandierten, wusste er zwar, dass dieses ›sofort‹ eine Illusion war, aber immerhin eine heroische Illusion, denn dass hier jemand endlich wieder einmal alles begehrt, das gefiel ihm sehr. Entsprechend kritisierte er seine reformistischen Kolleginnen und Kollegen nicht dafür, dass sie sich als Reformisten verstanden, sondern dafür, dass sie nicht reformistisch genug waren, dass sie nicht das politische Bündnis mit den Radikalen suchten, um ihrem Reformismus den nötigen Nachdruck zu verleihen.

Solange ein Otto Brenner noch an der Spitze der IG Metall stand, konnte Moneta mit dieser Haltung noch produktiv wirken. Als jedoch Eugen Loderer den 1972 plötzlich verstorbenen Brenner ersetzte, ging dieses Verständnis Stück für Stück verloren, bis Moneta Ende der siebziger Jahre den vorgezogenen Ruhestand suchte, um endlich wieder frei von institutionellen Zwängen als Autor und Vortragsreisender wirken zu können. Es war die Zeit des Niedergangs der Neuen Linken und des Aufstiegs der ökologischen Frage. Es wurde aber auch die Zeit des Postmodernismus und eines wie Phönix aus der Asche auferstandenen Neo-Liberalismus. Kein Zufall ist es deswegen, dass Moneta in seinen Kolumnen der achtziger und neunziger Jahre so gekonnt den alten Faden seines Essays von 1952 wieder aufnahm und nicht mehr müde wurde, das damals seinen Siegeszug antretende neoliberale Menschenbild kritisch aufzuspießen, wo es nur ging.

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.