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von Peter Brandt

Häftling Nr. 1935 – das Verfolgungsschicksal des Zeugen Jehovas Ernst Reiter

Die Geschichtswissenschaft kennt seit über drei Jahrzehnten den Begriff der ›vergessenen Opfer‹ des Nationalsozialismus. Genau betrachtet, wurde fast jede Gruppe der im Nationalsozialismus Verfolgten und Ermordeten nach 1945 Opfer eines gesellschaftlichen Verdrängungs- und Verleugnungsprozesses, für den ›Vergessen‹ manchmal auch ein Euphemismus war. Maßgeblich für eine Überwindung dieses ›Vergessens‹ der Opfergruppen waren in allen Fällen aus den Opfergruppen selbst kommende Initiativen.

Zunächst waren es jüdische Überlebende und jüdische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler – zumeist beides in einer Person –, die den Holocaust dokumentierten und erforschten, lange bevor die Ermordung der europäischen Juden zu einem zentralen Thema der Geschichte des 20. Jahrhunderts wurde. Doch bei den meisten Opfergruppen bestand keine eigene wissenschaftliche Tradition, die diesen Aufarbeitungs- und kollektiven Erinnerungsprozess tragen konnte. Nicht-fachliches Engagement aus den Opfergruppen war entscheidend für die Erinnerung, Erforschung und Anerkennung. Wachsende, zwangsläufig nicht immer konfliktfrei verlaufende Unterstützung aus der Fachwissenschaft trat hinzu; heute gibt es auch eine wissenschaftliche Forschung, an der Nachkommen der Überlebenden oder spätere Generationen der einstigen Opfergruppen teilhaben.

Aber diese Erforschung ruht auf den Schultern derer, die sie ohne materielle, soziale, wissenschaftsinstitutionelle oder politische Ressourcen zuerst in Angriff nahmen. Ohne das ehrenamtliche Engagement aus den Opfergruppen heraus würden wir heute – zumindest bei manchen kleineren Opfergruppen – vielleicht immer noch in dem Zustand verharren, den die Kölner Historikerin Karola Fings im Hinblick auf den bundesdeutschen Umgang mit dem Völkermord an den Sinti und Roma bis in die 1980er Jahr so skizziert hat:

»Die Bagatellisierung der NS-Verfolgung, die Stigmatisierung der Opfer, die Schuldumkehr, die Verdunkelung der NS-Verbrechen und das allgemeine Desinteresse an einer Aufarbeitung dienten […] dazu, den Völkermord zu leugnen.«

Das Verdienst der Opfergruppen und ihrer in der historischen Aufarbeitung engagierten Repräsentanten ist zwar historiographisch in Einzelfällen aufgezeigt, aber von den Institutionen der Wissenschaft bisher oft ignoriert und insgesamt viel zu wenig gewürdigt worden. Das kann auch für die Opfergruppe der Zeugen Jehovas ausdrücklich bekräftigt werden.

Noch schwieriger als seitens der deutschen Zeugen Jehovas, deren Gemeinden in den 1930er Jahren immerhin etwa 25 000 Personen umfassten, stellt sich die historische Aufarbeitung für die österreichischen Gemeinden dar, die seinerzeit nicht mehr als 550 Personen umfassten. Das beinhaltet eine für die deutschen ›Zeugen‹ ungleich bessere Möglichkeit, historisch zu forschen und zu publizieren. An erster Stelle ist neben dem Gedenkstättenleiter Detlef Garbe hier der Name von Wolfram Slupina zu nennen, der auch das in drei Bänden zwischen 2013 und 2018 von Gerhard Besier und Katarzyna Stoklosa herausgegebene Standwardwerk: Jehovas Zeugen in Europa. Geschichte und Gegenwart angeregt hat. Ich selbst durfte in meiner aktiven Zeit als Hochschullehrer mehrere Doktor-Dissertationen zur Verfolgung der Zeugen im 20. Jahrhundert mitbetreuen, die deutlich machen, wie sich Angehörige dieser Gruppe einer zunächst dokumentarischen und chronologischen, dann zunehmend kontextualisierenden, den disziplinären Regeln folgenden und an die einschlägigen Diskurse anknüpfenden Forschung verpflichtet haben.

Doch auch die vor- und semiprofessionelle Beschäftigung mit der Unterdrückung und Verfolgung der Opfergruppe der Zeugen Jehovas im nationalsozialistischen (Groß-)Deutschland wie, weniger brutal, in anderen Diktaturen, ausgehend von den Beiträgen der Zeitzeugen, verdient Beachtung und Würdigung. 2021 veröffentlichten die drei Töchter des aus Graz stammenden kaufmännischen Angestellten Ernst Reiter (1915-2006) die aus Dokumenten und erläuternden Texten zusammengestellte, bewegende Lebensgeschichte des Vaters. Reiter kam nach achtzehnmonatiger Zuchthaushaft im November 1940 ins KZ Flossenbürg in der Oberpfalz. Die Autorinnen definieren ihr Bemühen als »Zeitzeugentätigkeit der 2. Generation«, die sie – offenbar mit großer Wirkung – auch in Schulen ausüben.

Mein Respekt vor Jehovas Zeugen rührt daher, dass ich im Jugendalter noch Männer kennengelernt habe, die als antifaschistische Widerstandskämpfer in der Tradition und aus den Organisationen der Arbeiterbewegung ungebrochen in KZ-Haft gesessen hatten. Sie berichteten mit Hochachtung vom Zusammenhalt, der gegenseitigen Hilfsbereitschaft, dem Mut und der Todesverachtung ›derer mit dem lila Winkel‹. Diese wurden allein deswegen inhaftiert, weil ihre Gemeinschaft, strikt unpolitisch, nicht nur den Wehrdienst, sondern auch jede indirekte Tätigkeit zur Unterstützung von Kriegen, etwa durch eine Arbeit in der Rüstungsindustrie und sogar bei der Herstellung von Uniformen, ablehnt. Die Brücke, die das NS-Regime ihnen baute, um aus einem der Konzentrationslager entlassen zu werden, die Unterzeichnung einer Erklärung, mit der sich der Betreffende von seiner Religionsgemeinschaft lossagte (Faksimile S. 49), wurde nur ausnahmsweise betreten.

Die Publikation gibt einen anschaulichen Eindruck von dem harten und grausamen KZ-Alltag, dem Sadismus der Wächter, der Verzweiflung und dem Durchhalten des Häftlings Ernst Reiter. Dieser überstand selbst noch den Hungermarsch der Überlebenden unter Regie der SS, den erst der Vormarsch der Amerikaner Ende April 1945 beendete. Neben den Recherchen der Autorinnen und einem Interview, das das Shoah Foundation Institute (Washington) 1998 mit dem Zeitzeugen Reiter führte, standen schriftliche und gelegentliche mündliche Erinnerungen im Familienkreis zur Verfügung.

Zu dem bedrückenden Schicksal früherer KZ-Insassen gehört es, dass sie, die vielfach stark traumatisiert waren, lange nicht imstande waren, über ihre Erlebnisse zu sprechen (S. 63ff: »Vater schwieg, wir schwiegen«). Ernst Reiter versuchte, das ihm Widerfahrene vor den Kindern regelrecht zu verbergen, um sie zu schützen. Allerdings war auch das allgemeine soziale Klima, namentlich in den 1950er Jahren, in Deutschland wie in Österreich, nicht so, dass eine empathische Einstellung zu den Opfern hätte vorausgesetzt werden können, eher im Gegenteil.

Das lag, neben dem generellen Unwillen, mit der NS-Zeit konfrontiert zu werden, auch an der Tatsache, dass die Haupt-Häftlingsgruppen (abgesehen von den in der Kriegszeit dominierenden Ausländern und Juden) Kriminelle – sie stellten häufig die Kapos, also die Hilfspersonen der SS-Wachmannschaften aus den Reihen der Inhaftierten –, Homosexuelle und Kommunisten, auch nach 1945 unbeliebt waren. Schwer fassbar die erinnerte Äußerung einer Lehrerin der Verfasserinnen aus dem Jahr 1960: »Reiter – ihr Judenkinder...« Es ist ein trauriger, wenngleich erklärbarer Tatbestand, dass erst mit einem gewissen zeitlichen Abstand die Bereitschaft zunahm, nicht nur nach den Herrschaftsstrukturen des ›Dritten Reiches‹ und den Haupttätern samt Hintermännern, sondern auch nach der Verstrickung großer Teile der Gesellschaft, auch unpolitisch erscheinender Amtsträger wie ›normaler‹ Polizeibeamter und Betriebsärzte, zu fragen.

Die vorliegende Publikation über die Leidensgeschichte des Zeugen Jehovas Ernst Reiter kann nicht die damit aufgeworfenen Forschungsfragen beantworten, aber sie klärt an einem konkreten Fall in höchst lebendiger Weise auf und verdeutlicht die Notwendigkeit für die heutigen Deutschen und Österreicher, nicht nachzulassen bei der Auseinandersetzung mit den Schrecken der Vergangenheit.

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.