von Johannes R. Kandel

Manfred Gailus, zuletzt apl. Professor für Neuere Geschichte an der TU Berlin, ist ein ausgewiesener Experte der evangelischen Kirchengeschichte im Nationalsozialismus. Jahrzehntelang hat er sich mit dem Verhältnis von Religion, Kirchen und Nationalsozialismus befasst und zahlreiche einschlägige Publikationen vorgelegt (Habilitation 1999 über ›Protestantismus und Nationalsozialismus‹).

Er fasst Erkenntnisse seiner langjährigen Forschungen zusammen, greift neuere Beiträge auf und präsentiert in Gläubige Zeiten ein faszinierendes Panorama von ›Religiosität im Dritten Reich‹, oder, wie er – personalisierend – sagt, der »Hitlerzeit« (S.9). Der mit dem Thema nicht vertraute Leser mag es seltsam oder gar irreführend finden, von ›Religiosität im Dritten Reich‹ zu sprechen: War der Nationalsozialismus nicht eine durch und durch säkulare, antichristliche Weltanschauung? Wurden die christlichen Kirchen nicht bekämpft? War es nicht sogar das langfristige Ziel einer Reihe führender Nationalsozialisten, das Christentum nach dem Krieg ›auszumerzen‹? So treffend diese Beobachtungen auch seien mögen, Gailus zeigt auf, dass es eine Verschränkung von christlichen Traditionen und nationalsozialistischen ›Bekenntnissen‹ gab. Religiöse Menschen, die den Nationalsozialismus bejahten und/oder NSDAP-Mitglieder waren, konnten an den überkommenen Traditionen des Christentums festhalten und in der Kirche bleiben (›Christliche Nationalsozialisten‹). Oder sie konnten auch aktiv eine Umdeutung des Christentums im Sinne des Nationalsozialismus anstreben, wie die ›Deutschen Christen‹ schon vor 1933 (›Nationalsozialistische Christen‹). Oder sich auch der Konstruktion eines nationalsozialistischen ›Deutschen Glaubens‹ widmen, den ›Gott Deutschland‹ und den ›Messias Hitler‹ verehren (›Deutschgläubig‹). Diese nationalsozialistisch-religiöse Gemengelage wird in der Forschung gelegentlich als »religiöser Doppelglaube«, »multiple Gläubigkeit« oder »hybride Doppelgläubigkeit« bezeichnet. (S.10). Der Nationalsozialismus war nicht, wie Gailus eindrucksvoll darlegt, eine »Zeit beschleunigter Säkularisierung (…), sondern vielmehr eine Epoche, die im Zeichen der Rückkehr des Religiösen stand« (S. 185).

Religion, Religiosität und ›politische Religion‹

Der Autor verzichtet auf ausführliche Erörterungen, wie ›Religion‹ und ›Religiosität‹ zu definieren seien, sondern gibt eine knappe Erläuterung, was er unter ›Glauben‹ versteht. ›Glaube‹ und ›glauben‹ definiert er

in ihrer religiösen Bedeutung (…) als elementare Disposition von Menschen gegenüber letzten Sinnfragen nach Leben und Tod. Es geht folglich um Glaube an Gott, um Empfindung, Erlebnis und Erfahrung von Transzendenz, um Sterblichkeit, um Endlichkeit und Fortleben nach dem Tod. Es geht um die Suche nach Sinn und gläubige Antworten auf die großen Fragen menschlichen Lebens: den Umgang mit Leiden, um Erfahrung und Bewältigung von Schicksalsschlägen, kurz: Es geht um den Umgang mit den Kontingenzerfahrungen menschlichen Lebens schlechthin (S.8).

Das ist – religionswissenschaftlich gesehen – schon eine Art Synthese von ›essentialistischen‹ und ›funktionalistischen‹ Religionsbegriffen, salopp gesagt, zwischen Rudolf Otto (›Das Heilige‹) und Paul Tillich (›das Unbedingte‹) einerseits, sowie Emile Durkheim (›Integration‹) und Niklas Luhmann (›Kontingenzbewältigung‹) andererseits.

Eine bereits von den Zeitgenossen heftig diskutierte Frage war, ob der Nationalsozialismus eine ›politische Religion‹ oder ›politisierte Religion‹ gewesen sei. Erinnert sei an die Pionierarbeiten zu totalitärem Staat und Religion von Frederick A. Voigt (›Unto Cesar‹, 1938), Eric Voegelin (›Politische Religionen‹, 1938) und Raymond Aron (›L’avenir des religions séculières‹, 1944). Insbesondere Voegelin hat hier mit seinen an die Anthropologie Max Schelers und des amerikanischen Pragmatismus angelehnten Arbeiten einen entscheidenden Beitrag geleistet. Auch Gailus sieht im Nationalsozialismus eine politische Religion, einen Neuglauben, wie er sich schon im 19. Jahrhundert in völkischen Kreisen entwickelt hatte. Lange Zeit wurde in der NS-Forschung das religiöse Element entweder heruntergespielt oder gar völlig ignoriert (siehe auch Hesemann, Hitlers Religion, 2012). Heute scheint es darüber nach vielen kontroversen Diskussionen weitgehend Konsens zu geben (S. 72).

Der ›Tag von Potsdam‹ – ein ›religiöses Erlebnis‹

Das Deutschland von 1933 war gemäß Religionsstatistik »ein christliches Land. Um 95% der Deutschen gehörten den beiden christlichen Konfessionen an« (S.9). Von 65 Millionen Deutschen waren zwei Drittel Protestanten, ein Drittel Katholiken. Wie konnte es in einem solchen Land zur totalitären Herrschaft des Nationalsozialismus kommen? Weshalb erfreuten sich die Nationalsozialisten mit ihrem ›charismatischen Führer‹ so großer Zustimmung aus christlichen Kreisen?

Die Antwort darauf wird im Buch schon zu Beginn sehr klar bei der Beschreibung und Analyse des legendären ›Tag von Potsdam‹ (21. März 1933) gegeben. Hitler reichte bei diesem Festakt zur Eröffnung des neuen Reichstags dem greisen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg in der Garnisonskirche die Hand und dokumentierte damit symbolisch und höchst effektvoll den Schulterschluss zwischen den nationalkonservativen und nationalsozialistischen Kräften in Deutschland. Für Protestanten und Katholiken war dieser Tag gleichermaßen ein »religiöses Erlebnis« (S. 17ff.), auch wenn die emotionale Beteiligung unterschiedlich ausfiel. Gefeiert wurde aber gemeinsam das Ende der Weimarer Gottlosenrepublik und der Anbruch einer neuen Ära deutscher Geschichte. Adolf Hitler erschien Millionen religiöser Menschen als der gottgesandte Retter Deutschlands aus politischer Demütigung (›Versailler Schandfrieden‹), wirtschaftlichem und sozialem Elend sowie vor Bolschewismus, Sozialismus und ›zersetzendem‹ Judentum (siehe dazu das von Hans-Ulrich Wehler benannte ›Syndrom‹ protestantischer Mentalität: Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd.4, 2003, S. 799f.)

Selbst skeptische Protestanten und Katholiken ließen sich von Hitlers Anrufungen des ›Herrgotts‹, des ›Allmächtigen‹ und der ›Vorsehung‹ blenden und vertrauten seinen öffentlichen Bekundungen zu Religion und Christentum. Im Aufruf der Reichsregierung am 1. Februar 1933 hatte er erklärt, dass die Reichsregierung »das Christentum als Basis unserer gesamten Moral… in festen Schutz nehmen« wolle. Und in seiner Regierungserklärung am 23. März 1933 unterstrich er, dass die »Sorge« der »Nationalen Regierung … dem aufrichtigen Zusammenleben zwischen Kirche und Staat« gelte. Die Nationalsozialisten und die ihnen nahestehenden christlichen Kreise verwiesen auch stets auf das Parteiprogramm der NSDAP von 1920, in dem es hieß: »Die Partei als solche vertritt den Standpunkt eines positiven Christentums, ohne sich konfessionell an ein bestimmtes Bekenntnis zu binden«. Der von Hitlers Mentor Dietrich Eckart geprägte Begriff des ›positiven Christentums‹ wirkte, weil für viele Interpretationen offen, als vertrauenerweckende Werbung für die Hitlerpartei, war aber nichts anderes als blanker Etikettenschwindel. Trotzdem war die »reichlich nebulöse Formulierung« (S. 72) für zahlreiche Deutsche überzeugend: »Die Kirchenaustritte hörten plötzlich auf« und besonders die evangelischen Kirchen freuten sich »über eine Welle von Wiedereintritten« (S. 18).

Die Begeisterung im Lager der nationalsozialistischen Christen (›Glaubensbewegung Deutsche Christen‹, GDC) äußerte sich z.B. in Massenaufmärschen, Massentrauungen und Sammeltaufen in den von ihnen dominierten Kirchen. Luthers 450. Geburtstag 1933 bot den Anlass zu »ausgedehnten Lutherfeiern«, wobei Luther als der ›Hercules Germanicus‹ (nach dem Holzschnitt von Hans Holbein d.J., 1520) gepriesen wurde.

»Alle diese Manifestationen nährten die Erwartung einer durch das Wendejahr 1933 inspirierten religiösen Erneuerung, und nicht wenige Zeitgenossen wähnten sich bereits mitten darin« (S.24).

Die brutalen Begleiterscheinungen der ›Machtergreifung‹ wurden weitgehend mit Schweigen übergangen, oder gar, wie in der Predigt des brandenburgischen Generalsuperintendenten Otto Dibelius in der Garnisonskirche verständnisvoll kommentiert.

Protestanten und Katholiken im Vergleich

Gailus konstatiert, dass die Protestanten in ihrem Verhältnis zum Nationalsozialismus keine Einheit, sondern »ein vielstimmiger dissonanter Chor« gewesen seien (S. 26ff.). Es ist den nationalsozialistischen Christen nicht gelungen, eine einheitliche Evangelische ›Reichskirche‹ auf der Basis einer christlich gefärbten nationalsozialistischen Weltanschauung zu schaffen, so sehr sich auch darum bemühten. Für die Nazis waren die ›Deutschen Christen‹ (DC) eine Zeitlang nützliche Helfer, wurden dann aber, schon gegen Ende 1933 zunehmend lästig und sogar gefährlich, weil sie sich einen ideologischen und institutionellen Alleinvertretungsanspruch für das protestantische Deutschland anmaßten. Das war angesichts der inzwischen entstandenen kirchlichen Opposition (›Bekennende Kirche‹) sowie anderer den Nazis nahestehenden religiösen Kreise (v.a. die ›Gott- und Deutschgläubigen‹) eine gigantische Selbstüberhebung und große Fehleinschätzung der politischen und religiösen Landschaft. Die innerprotestantischen Grabenkriege schwächten den Protestantismus und nervten die Nazis. Das lag auch daran, dass in ihren Führungszirkeln sehr unterschiedliche religionspolitische Konzeptionen vertreten wurden, die zwischen den Extremen der Konstruktion einer Reichskirche unter nationalsozialistischer weltanschaulicher Führung und einer gänzlichen Vernichtung der christlichen Kirchen schwankten.

Auch die ›Bekennende Kirche‹ (BK) blieb, so Gailus, zu schwach, den Nazis ernsthaften Widerstand entgegenzusetzen, sowohl aufgrund der in ihr fortwirkenden nationalprotestantisch-obrigkeitsstaatlichen Überzeugungen, ihrer mangelhaften theologischen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und ihrer einseitig auf institutionelle Bestandssicherung orientierten Kirchenpolitik. Der Autor hat sich wiederholt als scharfer Kritiker der BK profiliert, unterschätzt hier aber meines Erachtens die Theologie. Zwar bezeichnet er die legendäre ›Barmer Theologische Erklärung‹ von 1934 als »Magna Charta der Kirchenopposition« und zitiert zentrale Aussagen, thematisiert jedoch ihre theologische und kirchenpolitische Bedeutung nicht weiter. Gewiss, der ›Kirchenkampf‹, ist nur ein Nebenaspekt seines Buches, doch an dieser Stelle wäre mehr als eine bloße Erwähnung des Hauptautors der Erklärung, des Schweizer Theologen Karl Barth, wohl angemessen gewesen (S. 32). Barth hatte schon vor 1933 sehr klar den Charakter des Nationalsozialismus als eine anti-christliche, totalitäre Bewegung erkannt und sich in bedeutsamen Schriften gegen jeden Glauben an den ›deutschen Staat‹ verwahrt und scharf die ›Irrlehre‹ zurückgewiesen, die Zugehörigkeit zur Kirche von ›Rasse‹ und ›Blut‹ abhängig zu machen (So öffentlichkeitswirksam in ›Theologische Existenz heute‹, Juni 1933). Barths dezidiert reformatorische Theologie war nicht nur eine klare theologische Abgrenzung zu der GDC, sondern zugleich eine politische Kritik am ›totalen Staat‹.

Dass die ›Bekennende Kirche‹ vor allem eine »anti-deutschchristliche Abwehrbewegung in der Kirche« war, ist im Blick auf die Kirchenverfassung sicher richtig, aber dass damit »keinesfalls eine christlich-theologisch motivierte Zurückweisung des Nationalsozialismus« verbunden war, ist, so pauschal formuliert, nicht richtig (S.34). Die Front gegen die GDC war nicht nur eine religionspolitische Zurückweisung der institutionellen Machtansprüche der GDC, sondern zugleich eine Absage an die nationalsozialistische Ideologie. Es gab sehr engagierte evangelische Theologen, die schon früh gegen die nationalsozialistische Ideologie und ihre pseudo-christliche Verbrämung aufgestanden waren, neben Barth vor allem Dietrich Bonhoeffer, Helmut Gollwitzer und Hans Asmussen. Gailus hätte Dietrich Bonhoeffer auch ein paar Zeilen mehr widmen können als ihn nur einmal im Zusammenhang mit den von ihm vermittelten Auslandskontakten zu erwähnen (S. 83). Sicherlich ist dem Autor Recht zu geben, wenn er, wie in anderen zahlreichen Veröffentlichungen zuvor auch (z.B. ›Zerstrittene Volksgemeinschaft‹, 2011), von der »Geschichte historischen Versagens… ungeachtet des couragierten Auftretens vieler protestantischer Männer und Frauen gegen den fatalen Mainstream der Epoche« spricht. (S. 38).

Das katholische Deutschland reagierte auf Hitlers ›Machtergreifung‹ insgesamt eher zurückhaltend und zögerlich, von einzelnen Theologen abgesehen, wie z.B. dem Tübinger Systematischen Theologen Karl Adam, der Hitler als ›Befreier des deutschen Genius‹ feierte, der die Deutschen das »Wesenhafte« ihres Volkstums leben und lieben gelehrt habe: »unsere bluthafte Einheit, unser deutsches Selbst, den Homo Germanus« (S. 47ff.) (Siehe auch Scherzberg, Karl Adam und der Nationalsozialismus, 2011). Für den Episkopat und breite katholische ›Volkskreise‹ war das am 20. Juli 1933 abgeschlossene Konkordat der Reichsregierung mit dem Heiligen Stuhl wichtiger als das ›Volkstum‹ und seine Verbindung zum Katholizismus. Schon deshalb war man zunächst beruhigt und bereit, der ›nationalen Regierung‹ ihre verkündeten guten Absichten zu glauben. Hitler hatte mit dem Abschluss des Reichskonkordats ein »politisches Meisterstück« vollbracht (Scholder, Die Kirchen und das Dritte Reich, Bd.1, 1977, S. 482). Er hatte die Katholische Kirche ruhiggestellt, ihr das Verbot parteipolitischer Aktivitäten von Geistlichen aufgedrückt und im Gegenzug zwar die Garantie des katholischen Schul- und Vereinswesens ausgesprochen, aber nicht konkretisiert.

Drangsalierung und Verfolgung von Geistlichen, Vereinsmitgliedern, Jugendbünden und katholischen Laien hörten nicht auf. Doch der Episkopat schaute lange weg, denn im Vordergrund des katholischen Interesses standen die Bestandssicherung, Aufrechterhaltung der überkommenen weltkirchlichen Strukturen und die Einheit der Kirche, sowie die Beibehaltung katholischer Bekenntnisschulen. Im Unterschied zu den Protestanten gab es keine Massenorganisation, die offene Unterstützung der Nationalsozialisten leistete, wie die ›Deutschen Christen‹. Nur wenige Geistliche, »braune Priester« genannt, sympathisierten offen mit den Nazis oder traten in die NSDAP ein. Ihr Anteil an der Parteimitgliedschaft lag unter einem Prozent, während rund 15 – 20 Prozent evangelischer Pfarrer das Parteibuch der Nazis besaßen (S. 44). Auch die katholische Kirche hatte zu den im Zuge der ›Machtergreifung‹ stattgefundenen Gräueln und Boykottmaßnahmen gegen Juden geschwiegen, abgesehen von einzelnen Würdenträgern, die ihrem Gewissen folgten und sich äußerten. Am 14. März 1937 durchbrach Papst Pius XI. das Schweigen mit einer seinerzeit viel beachteten Enzyklika Mit brennender Sorge. In dieser klagte der Papst mannigfache Vertragsverletzungen des Reichskonkordates an und sprach von einem »Vernichtungskampf« gegen die katholische Kirche. Er wandte sich deutlich gegen die »zunehmende Sakralisierung weltlicher Größen und Mächte wie ›Führer‹, ›Rasse‹, ›Volk‹ und ›Staat‹« (S.43), verurteilte die Verfolgung von Priestern und Laien und rief die Katholiken (insbesondere die Eltern) auf, dem Glauben treu zu bleiben. Die inzwischen diskriminierten und verfolgten Juden wurden an keiner Stelle erwähnt.

Gailus erwähnt in diesem Zusammenhang die Denkschrift der II. Vorläufigen Kirchenleitung der BK an Hitler von Ende Mai 1936, die aber gegenüber der Enzyklika keine »vergleichbar schlagkräftige Abwehrreaktion« gewesen sei, was er auf den Mangel an »innerer Geschlossenheit und Handlungsfähigkeit« der Protestanten zurückführt. Die Initiatoren der Denkschrift hätten seiner Schätzung nach nur 10-15 Prozent der Protestanten repräsentiert. Hinzu sei durch eine »vorzeitige Indiskretion und Publikation in der Auslandspresse« die Wirkung weitgehend verpufft, auch weil im Sommer 1936 sowohl die Nazi-Führungsriege als auch die deutsche Öffentlichkeit vom Olympiafieber erfasst war (S. 43). Er hat im Blick auf die Öffentlichkeitswirkung der Denkschrift gewiss Recht, nicht aber bezüglich des Inhalts. Denn im Unterschied zur Enzyklika wird die nationalsozialistische Weltanschauung mit dem Führerkult schärfer kritisiert, Antisemitismus und Judenhass scharf verurteilt. Auch wird deutlich auf die Diskrepanz zwischen dem Anspruch, ein ›Rechtsstaat‹ zu sein, dem Fortbestand von Konzentrationslagern und den »Maßnahmen der Geheimen Staatspolizei« hingewiesen (Text in: Denzler/Fabricius, Die Kirchen im Dritten Reich, Bd.2, 1984, S. 102f.). Das schreckliche Schicksal des Justitiars der BK, Friedrich Weißler, der 1937 im KZ ermordet wurde, erwähnt der Autor hier nicht, er hat ihm aber mit seiner Biografie ein Denkmal gesetzt (Gailus, Friedrich Weißler, 2017).

Völkischer Glaube, Deutsch- und Gottgläubige

Im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts hatte sich mit der sogenannten ›Völkischen Bewegung‹ auch ein Spektrum neuer Gläubigkeit etabliert (Siehe Puschner, Die völkische Bewegung im wilhelminischen Kaiserreich, 2001, S. 203ff.). Seinerzeit zahlenmäßig noch schwach und von internen ideologischen Differenzen geprägt, war die Bewegung in den zwanziger und dreißiger Jahren doch insgesamt stärker geworden. Die auf Sprache, Rasse und Religion fixierten abstrusen Ideen der Bewegung (›arteigene Religion‹) fanden im Nationalsozialismus zunächst eine Reihe von weltanschaulichen Anknüpfungspunkten und die völkisch-religiösen Gruppen, als ›Deutschgläubige‹ bezeichnet, hofften darauf, im ›Dritten Reich‹ eine offizielle Anerkennung als ›dritte Konfession‹ neben dem traditionellen Kirchenchristentum und der GDC zu erhalten. Sie hatten sich Ende Juli 1933 zur ›Arbeitsgemeinschaft Deutsche Glaubensbewegung‹ (seit Mai 1934 ›Deutsche Glaubensbewegung‹) zusammengeschlossen. Den Kirchen, der GDC und auch den Nazis passte diese bizarre Sammlungsbewegung, trotz mancher inhaltlicher Übereinstimmungen, nicht. Kirchen und GDC sahen, oft die Stärke der ›Deutschgläubigen‹ übertreibend, eine gefährliche Konkurrenz und die Nazis wollten sie aus religionspolitischen Gründen nicht, weil sie weitere Spaltungen für die erstrebte ›Volksgemeinschaft‹ befürchteten.

»Der neue Glaube der Deutschen jenseits der christlichen Kirchen, so lautete die nationalsozialistische Partei- und Staatsräson, könne und müsse in der Weltanschauung der Hitlerpartei gefunden werden« (S.64).

Genau diesem Anspruch entsprach ein Personenkreis »fanatischer Nationalsozialisten« die, ohne »eigenen organisatorischen Zusammenhang, ohne explizites Glaubensprogramm und ohne separate religiöse Praxis«, die NSDAP und SS als ihre Glaubensgemeinschaft verehrten. Es waren meist »jüngere Parteikader«, »SS-Mitglieder«, »hauptamtliche Parteifunktionäre, Beamte, viele Lehrer und andere Personen des öffentlichen Dienstes«, die mit der Kirche gebrochen hatten (S. 65ff.). Diese »braunen Dissidenten«, denen Reichsinnenminister Wilhelm Frick mit dem Begriff »gottgläubig« im November 1936, einen offiziellen Status verschafft hatte, erreichten 1939 in verschiedenen Städten Deutschlands immerhin einen Bevölkerungsanteil zwischen 10 und 16 Prozent (S. 66). Für die NSDAP stellt Gailus insgesamt eine »erstaunliche Gesinnungsvielfalt« in Religionsfragen fest, denn zu den – immer bedeutungsloser werdenden ›Deutschen Christen‹ und den ›Gottgläubigen‹ müsse man alle jene Parteimitglieder rechnen, die an einem traditionellen, gleichwohl völkisch inspirierten, Christentum festhielten und in der Kirche blieben:

»Deutlich über zwei Drittel« der NSDAP-Mitglieder »gehörten im Sommer 1939 zugleich einer christlichen Kirche an«. Selbst in der SS gab es zum Jahresende 1938 noch einen Anteil von 70 Prozent »nomineller Christen«, während »sich knapp 26% der SS-Mitglieder als ›gottgläubig‹ deklarierten« (S. 78).

Das Bestreben der NSDAP Führungskader (Himmler, Rosenberg, Goebbels) war es, dieser ›Vielfalt‹ ein Ende zu setzen und einen ›deutschen Glauben‹ zu stiften, der aus diversen völkischen Quellen schöpfte und kompromisslos das Christentum, in welcher Form auch immer, verwarf. So wurde versucht, ein breites Angebot von Zeremonien zu schaffen, die den Lebenslauf der Menschen begleiten sollten: ›Lebensfeiern‹ anlässlich von Geburt, Jugendweihe, bzw. Konfirmation und Firmung, Hochzeitszeremonien und Totenfeiern. Dazu wurde der Jahreskalender durch NS-Feiern erweitert und umgeprägt: ›Tag der Machtergreifung‹ (30. Januar), Parteigründung der NSDAP (24. Februar), Hitlers Geburtstag (20. April), ›Tag der nationalen Arbeit‹ (1. Mai) und ›Gedenken an die Märtyrer der Bewegung‹ (9. November). Letztlich hatten die Nazis mit diesen Aktionen, einen neuen Glauben zeremoniell zu flankieren, keinen Erfolg (S. 77ff.).

Juden, Judentum, Antisemitismus, Kristallnacht

Das eklatante Versagen und die Schuld des christlichen Deutschland tritt hier krass hervor und sollte bis heute jeden verantwortungsbewussten Deutschen beschäftigen. Gailus hat mit zahlreichen Schriften zur Aufarbeitung dieses dunkelsten Kapitels deutscher Christenheit beigetragen Es ist erschütternd, nachzuvollziehen, dass der Antisemitismus gerade in einem Land weite Verbreitung erfuhr, in dem 1933 95 Prozent der Deutschen einer christlichen Kirche angehörten. Hatte der christlich imprägnierte Judenhass die Geschichte der Deutschen seit Jahrhunderten belastet und im Kaiserreich und der Weimarer Republik rassenbiologische Züge angenommen, zog sich nun die schreckliche Spur der Judenfeindschaft bis zur Vernichtung des jüdischen Volkes (Shoah) im Nationalsozialismus hindurch.

Gailus weist auf erschreckende Beispiele christlichen Schweigens angesichts von Judenboykott, Arierparagraph und Kristallnacht hin und zeigt widerwärtige Fälle von christlichem Beifall für den Kampf gegen das »Gift jüdischer Zersetzung« auf (z.B. Landesbischof Walther Schultz, Theologieprofessor Emanuel Hirsch, S.104). Auch christliche ›Amtshilfe‹, für die Nazis wurde geleistet, indem Pfarrer und Kirchengemeinden Kirchenbücher zur Verfügung stellten, aus denen dann der ›Ariernachweis‹ zu ermitteln war (allen voran der Pfarrer und Kirchenhistoriker Karl Themel, S. 92ff.). Pfarrer und kirchliche Angestellte mit jüdischem Familienhintergrund wurden aus der Kirche getrieben und völkische Theologen (Gerhard Kittel, Emanuel Hirsch u.a.) sorgten mit ihren ›Expertisen‹ über das Judentum zur Untermauerung des Antisemitismus.

Von 18000 deutschen Pfarrern können »nicht einmal 18 Theologen… namentlich genannt werden«, die am Buß- und Bettag 1938 die schrecklichen Ereignisse des 9. November ansprachen (S. 99). Sicherlich gab es Einzelne, die couragiert protestierten, wie z.B. Hermann Klugkist Hesse aus Wuppertal, Pfarrer Helmut Gollwitzer, Berlin, Pfarrer Julius von Jan aus Oberlenningen (Württemberg), der nach einer kritischen Bußtagspredigt von einem SA-Kommando schwer misshandelt und dann ins Gefängnis eingewiesen wurde (S.106 ff.). Nicht zu vergessen die Berliner Historikerin und Studienrätin Elisabeth Schmitz, die das Schweigen ihrer Kirche nicht mehr ertragen konnte, 1936 eine kritische Denkschrift verfasste und an die BK weiterleitete (›Zur Lage der Nichtarier‹) und nach der Kristallnacht ihre Pensionierung beantragte.

Die katholische Kirche hüllte sich gemäß päpstlicher Vorgaben in distanziertes Schweigen. Eine große Ausnahme war der Berliner Dompropst Bernhard Lichtenberg, der immer wieder mutig in Predigten und Gebeten der verfolgten Christen, Juden und ›Nichtarier‹ gedachte. Nach mehrjähriger Gefängnishaft und erneuter Verhaftung starb er am 5. November 1943 auf dem Transport in das KZ Dachau (S. 106). Die tapferen Stimmen der Einzelnen sind hoch zu anerkennen und zu ehren. Doch was fehlte, brachte der Kirchenhistoriker Kurt Dietrich Schmidt auf den Punkt:

…ein großer öffentlicher Aufruf an alle, die Christen sein wollten, sich geschlossen zu erheben gegen die elementare Verletzung der einfachsten Gebote Gottes, die da geschah: etwa nach der Kristallnacht, zur Frage der Euthanasie, zur Endlösung der Judenfrage oder ähnlichem. … Daß nur Führer der Kirchen in nichtöffentlichen Eingaben das Wort ergriffen und nicht die Kirchen als Ganze elementar aufstanden, das muß als ein Stück ihres Versagens gewertet werden (Schmidt, Der kirchliche Widerstand, 1964).
 

Protestanten, Katholiken, Gottgläubige im Krieg

Im Unterschied zum begeisternden ›Augusterlebnis von 1914‹ kam es zu Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939 nicht zu Ausbrüchen enthusiastischer Zustimmung. Die Stimmung war eher gedrückt und sorgenvoll. Für die protestantische Kirche formulierte ein sogenannter ›Geistlicher Vertrauensrat‹ aus Deutschen Christen, kirchlicher Mitte und Konfessionslutheranern »die allgemein vorherrschende öffentliche Sprache der evangelischen Kirchen zur Kriegszeit« (S. 117). Unumstritten war die stets bekräftigte »treue Verbundenheit zum Schicksal des deutschen Volkes«, (so in der Erklärung des Vertrauensrates am 2. September 1939), d.h. die vaterländische Pflicht zur Unterstützung von Hitlers Eroberungs- und Vernichtungskrieg. In allen kirchenpolitischen Lagern fanden sich »kriegsbegeisternde Stimmen« (S. 122), in erster Linie bei den Deutschen Christen.

Der rasche, siegreiche Vormarsch nach Westen wurde als »Kompensation« für die »nationale Kränkung« in Versailles 1919 begrüßt und die Eroberung des Ostens erleichtert als »legitime Vernichtung des ›gottlosen‹ Bolschewismus« gutgeheißen (S. 124). Gailus zitiert hier erschreckende Urteile aus der deutschen Pfarrerschaft und Gemeinden, die in den ersten Jahren der ›Blitzsiege‹ dafür sorgten, dass die Glocken geläutet, die Hakenkreuzfahne aufgezogen und Dankespredigten gehalten wurden. Während – mit Ausnahme des radikalen Flügels der Bekennenden Kirche (›Dahlemiten‹) – der Mehrheitsprotestantismus die nationalsozialistische Kriegspolitik unterstützte, dachten Hitler und seine Paladine keineswegs daran, ihre kirchenfeindliche Politik zurückzufahren. Hitlers Bekundungen in dieser Richtung (›Burgfrieden‹) waren bloße Beruhigungstaktik, die Verfolgung der Kirchen ging unvermindert weiter. Die vereinzelten Proteste und zahlreichen Eingaben kirchlicher Amtsträger (Landesbischof Theophil Wurm!) wurden weitgehend ignoriert. Die evangelische Kirche verzehrte sich weiter im internen theologischen und kirchenpolitischen Streit und versuchte, nach dem ernsthaften Beginn des Luftkrieges 1942/43 »den Bombenkrieg sprachlich fassbar zu machen« (S. 130). Dafür wurde eine »Mischung aus Sühne, Buße, ›Strafe-Gottes‹ – Rhetorik und apokalyptischer Heimsuchungsklage« bemüht (Ebd.).

Scharf geht Gailus mit der von katholischer Seite bis heute kolportierten »Helden-und-Opfer Geschichte« ins Gericht:

»eine katholische Heldengeschichte des christlichen Widerstehens, kombiniert mit einer christlich-gläubig erduldeten Leidensgeschichte – Katholiken als Opfer von Nationalsozialismus und Krieg« (S. 133).

Zwar thematisiert er die »zweifellos mutigen Predigten« von Bischof Clemens August Graf von Galen gegen NS-Übergriffe von katholischen Einrichtungen und die NS-Euthanasiemaßnahmen sowie eine Reihe von kritischen Verlautbarungen der Bischöfe, dies träte aber hinter ›Zustimmung, Einverständnis und Mitwirkung der katholischen Deutschen‹ zurück (S. 133ff.). Das katholische Milieu der Kriegszeit habe sich als »ein kräftig durchmischtes religiöses Feld« erwiesen, »in sich vielfältig und in Teilen von Kriegs- und Hitlerbegeisterung affiziert« (S. 143). Ganz offensichtlich hat es auch antisemitische und antibolschewistische Haltungen gegeben und mancher katholische Wehrmachtssoldat empfand den Krieg im Osten als legitimen Kampf gegen den ›gottlosen Bolschewismus‹, gegen Slawen und Juden.

Es ist problematisch, Haltungen und Aktionen von Widerstehen gegen »Kollaboration bis zu aktiver Mittäterschaft« aufzurechnen (S. 135). Nach welchen Kriterien soll eine Gewichtung der unterschiedlichen Faktoren vorgenommen werden? Und dies ist wiederum eine Frage des religiös-politischen Standorts des Historikers.

Die von den Nazis bekundete ›Entkonfessionalisierung des öffentlichen Lebens‹ und die von der Führungselite erstrebte letztendliche Beseitigung des Christentums und seine Ersetzung durch die nationalsozialistische ›Gottgläubigkeit‹ fand trotz aller Bemühungen nicht statt. In dem Maße wie im Osten die Niederlagen der Wehrmacht zunahmen, gelang es auch den nationalsozialistischen Ideologen nicht mehr, dem deutschen Volk das Massensterben zu erklären. Pompöse NS-Totenfeiern gingen ins Leere, denn das Bedürfnis nach christlich-religiöser Sinnstiftung und kirchlichen Zeremonien behauptete sich: »Der neue NS-Glaube erodierte bereits zwei bis drei Jahre vor der militärischen Kapitulation« (S. 150).

Christen und der Holocaust

Wenn es um den Holocaust ging, so hörte man im Nachkriegsdeutschland immer wieder den stereotypen Spruch: ›Davon haben wir nichts gewusst!‹. Gailus stellt klar, dass trotz nur bruchstückhafter Informationen, »das Wissen um den Judenmord im Osten...im Laufe der Kriegsjahre weit in die Gesellschaft des ›Dritten Reiches‹ vorgedrungen« sei und auch in christlichen Kreisen präsent gewesen sei. (S. 155). Der bekannte Augenzeugenbericht des gläubigen evangelischen Christen, SS-Obersturmführer Kurt Gerstein, lag seit August 1942 vor und war offensichtlich einigen führenden protestantischen Amtsträgern bekannt (Dibelius, Niesel, Niemöller, Meiser, Wurm). Auch der Vatikan wusste davon, doch Papst Pius XII. schwieg (Friedländer, Pius XII. und das Dritte Reich, 2011).

Die protestantische Seite verzichtete auf öffentliche Proteste, dagegen versuchte Landesbischof Wurm mit vertraulicher Eingabenpolitik gegen die Religions- und Christenverfolgung anzugehen und erwähnte auch die »Verfolgung und Vernichtung« der Nichtarier (Brief an Hitler vom 16. Juli 1943) (S. 158). Ein leuchtendes Beispiel für Zivilcourage und christliche Nächstenliebe war der reformierte Theologe Helmut Hesse aus Wuppertal, der von der Kanzel (6. Juni 1943) vehementen Einspruch gegen Antisemitismus und Judenverfolgungen erhob und zum Widerstand aufrief; »Nichtarier, ob Jude oder Christ, ist heute in Deutschland der unter die Mörder Gefallene« (S.153). Zwei Tage später wurden er und seiner Vater Albert verhaftet und ins KZ Dachau eingeliefert. Hartmut Hesse, 27 Jahre alt, verstarb dort im November 1943. Erschreckend sind die Beispiele von aktiver Unterstützung und Mittäterschaft von protestantischen Amtsträgern, wie dem Kirchenhistoriker Wolfgang Beyer oder dem Propst Dr. Walter Hoff, Luisengemeinde Charlottenburg, der sich bei Heimaturlaub im Konsistorium »seiner Heldentaten im Kampf gegen ›Bolschewisten‹, ›Partisanen‹, ›Juden‹« rühmte (S.161) (Zum Ganzen Gailus/Vollnhals (Hg.), Für ein artgemäßes Christentum der Tat, 2016)

Zusammenfassend hält Gailus fest:

»Die mehrheitliche christliche Gesellschaft der Kriegszeit stand gegen den Massenmord nicht auf. Einen Aufschrei wagten nur gut Informierte und von diesen nur sehr wenig Vereinzelte wie Helmut Hesse« (S. 164).

Die Kenntnis vom Judenmord war immerhin z.B. für die Männer des 20. Juli 1944 ein entscheidender Grund, sich der Opposition gegen Hitler anzuschließen.

Fazit

Die Bilanz des Verhaltens der christlichen Gesellschaft zwischen 1933 und 1945 fällt nach Meinung des Autors verheerend aus. Alle Hoffnungen in christlichen Kreisen auf eine nationale und religiöse Wiedergeburt des deutschen Volkes wurden von den Nationalsozialisten grausam zerstört. Und:

Diverse individuelle Versuche, durch parteipolitische Partizipationen (›Mitmachen‹) die NS-Bewegung von innen her im christlichen Sinne zu läutern, zu mäßigen oder irgendwie zu ›bessern‹ – alle diese Versuche scheiterten eklatant« (S.166).

Die Nationalsozialisten nutzten die vornehmlich im Protestantismus, aber auch dem Katholizismus präsenten, nationalkonservativen, völkischen und antisemitischen Einstellungen um ihren NS-Staat weltanschaulich zu bauen. Ein entscheidender Hebel dazu war die Religion, ausgedeutet im völkischen Sinne (›artgemäß‹) und umgedeutet zu einem apokalyptischen Erlösungsdrama (›Messias Hitler‹). Sie sollte als Instrument zur Schaffung einer ›Deutschen Kirche‹ (Alfred Rosenberg) und eines nationalsozialistischen totalen Staates dienen. Die nationalsozialistischen Ideologen sind daran gescheitert. Die wesentlichen Gründe dafür hat Gailus herausgearbeitet. Es wäre gleichwohl fair gewesen, nicht nur auf die beschämend wenigen Frauen und Männer zu verweisen, die aktiv und mutig ›Widerstand‹ geleistet haben. Der Autor hätte wenigstens erwähnen können, dass auch das trotzige Beharren zahlreicher Protestanten und Katholiken auf grundlegenden christlichen Werten und traditioneller Kirchlichkeit zum Scheitern der nationalsozialistischen Weltanschauung beigetragen hat. Wie wir dieses nennen, ob »unangepasstes Verhalten«, »Protest« oder »passive Resistenz«, ist nicht relevant, es sollte nur nicht vergessen werden (Hermle/Lepp/Oelke, Christlicher Widerstand!?, 2019, S. 84ff, S. 117ff.)

Es ist Gailus zuzustimmen, wenn er »in der Epoche des ›Dritten Reiches‹ ... eine lehrreiche historische Lektion über die gefährlichen Ambivalenzen der Religion« sieht (S. 167). Dieses hier und in weiteren anderen Werken plausibel herausgearbeitet zu haben, ist ein großes Verdienst des Autors. Es ist ein wichtiger Mosaikstein aus der jüngsten deutschen Geschichte für die seit Jahrtausenden anhaltende kontroverse Debatte über Segen und Fluch der Religion (Siehe dazu treffend: Schieder, Sind Religionen gefährlich?, 2008).

Ich merke abschließend nur noch an, dass sich diese ›Lektionen‹ seit 1933 bis in unsere Gegenwart vervielfältigt haben, denken wir nur an den seit den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts verstärkt einsetzenden religiös begründeten politischen Extremismus und Terrorismus. Der uns gegenwärtig permanent bedrohende islamistische Extremismus in seinen verschiedenen Varianten gibt Anlass zu beständiger Wachsamkeit und weiteren interdisziplinären Recherchen zur Ambivalenz von ›Religion‹ und ›Religiosität‹.