Ein satirischer Bericht zum Festakt der Universität Tübingen (2. Juli 2026) anlässlich der Verleihung des Preises "Rede des Jahres 2025" an Christian Drosten
von Heinrich Brian Mann
Es gibt am Neckar ein kleines Universitätsstädtchen. Wie so viele Orte mit einer Universität besitzt es die Fähigkeit, sich zugleich für den Mittelpunkt der Welt und für ihre letzte Bastion zu halten. An manchen Abenden liegt über den Gassen eine eigentümliche Feierlichkeit. Die Neckarwellen flüstern leise gegen das Mauerwerk, die Fassaden tragen ihr ehrwürdiges Grau wie einen alten akademischen Talar, und in den Sälen sammeln sich Menschen, deren größte Sorge darin besteht, rechtzeitig von den richtigen Menschen gesehen zu werden.
Man kommt nicht zu früh. Man erscheint. Ich war aus purer Neugier hineingeraten. Schon nach wenigen Minuten fragte ich mich, ob ich fehl am Platze sei. Dann sah ich mich um und war erleichtert: Ich war es tatsächlich.
Die Herren tragen jene Mienen, mit denen sie gewöhnlich historische Verantwortung übernehmen, ohne dabei ihr Weinglas wegzustellen. Die Damen begrüßen sich mit einer Herzlichkeit, die so dosiert ist, dass sie niemals in Wärme ausartet. Man nickt einander zu. Man erkennt sich. Wer niemanden erkennt, erkennt wenigstens die Bedeutung des Augenblicks. Es ist eine Welt, deren Grenzen weniger aus Mauern als aus Übereinstimmung bestehen. Man könnte sie „Blase“ nennen.
Weiterlesen …