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von Günter Grass

In jeder Epoche hat es Künstler gegeben, die als Antwort auf die jeweils vorherrschenden Krisen und Hoffnungen ein emblematisches Bild geschaffen haben. So Albrecht Dürer mit seinem Kupferstich Melencolia I zur Zeit des Humanismus. So Francisco Goya mit einem Blatt innerhalb der Capricio-Radierungen mit der Unterschrift Der Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer zur Zeit der Aufklärung.
In kleinem Format sitzt die personifizierte Vernunft als schlafender Mann an einem Tisch. Über ihm bildet fabelhaftes Nachtgetier in dämonischer Ballung den düsteren Traum ab. Ein vieldeutiges Bild, das bis heute Fragen aufwirft: Ist es die Vernunft, in deren Kopf die Ungeheuer ursprünglich sind? Oder bedrohen Ungeheuer die Vernunft, weil sie schläft?
So ist auch die von dem Künstler Carl Frederik Reuterswärd geschaffene und unseren gegenwärtigen Krisen und Hoffnungen gemäße Skulptur vieldeutig, wenngleich man meint, ihren Sinn mit einem Blick erfassen zu können.

Der Knoten im Revolverlauf. Das sieht doch ganz einfach aus. So macht man das, sagt der alte trickreiche Zauberer – Hokuspokus! –, und schon ist der Lauf der soeben noch bedrohlichen Waffe verknotet und ad absurdum geführt.

Ja, wäre es doch so einfach, sagt der Skeptiker, dann sähe die Welt anders, rundum friedfertig aus. In Wirklichkeit jedoch, so fährt er fort, uns zu belehren, ist der Lauf des Revolvers immer noch zielgenau auf jeden gerichtet, der keinen Revolver besitzt oder nur einen verknoteten. Darum kaufe er sich schnell beim nächstbesten Waffenhändler einen, dessen Lauf noch zielgenau gestreckt ist.
Also wäre die heute enthüllte Skulptur nur ein Traum? Nur der vieldeutige Wunsch eines Künstlers, der Gestalt gewann und nun hier vor dem Bundeskanzleramt bewundert, aber auch mit zynischem Beifall bedacht werden könnte, etwa von jenen Rüstungslobbyisten, die sich gerne im Spazierschritt und biedermännisch gekleidet zwischen Parlament und Regierungssitz ergehen?
Mißdeutungen und entsprechende Journalistenwitze sind im Dutzend zu haben. Demnächst druckfrische Kommentare aus spitzer Feder können leicht vorweggenommen werden, etwa: Gut gemeint, aber... Bißchen unhandlich für Polizisten... Die geeignete Waffe für Gutmenschen... und ähnliche Blödeleien.
Auch Vorschläge wie dieser sind zu erwarten: In verkleinerter Ausgabe könnte sich die um ihren Zweck gebrachte Waffe als Geschenk für den derzeitigen amerikanischen Präsidenten eignen, der sich ja gerne als Cowboy mit rauchendem Colt im Kampf gegen das Böse sieht.
Allen witzelnden Kommentaren zum Trotz will ich jedoch dem Künstler Carl Frederik Reuterswärd, der dieses Emblem gegen die Gewalt geschaffen hat, zurufen: Hier ist der richtige Ort für den verknoteten Revolver. Hier in Berlin vorm Kanzleramt, hier, in Nähe zum Parlament, hier, wo Ja und Nein von Gewicht sind, hier, wo über Vieles, das der politische Alltag fordert, aber auch direkt und indirekt über Krieg und Frieden entschieden wird; ich wüßte keinen besseren Blickpunkt.

Von Deutschland gingen im letzten Jahrhundert zwei Weltkriege aus, deren Folgen bis in die Gegenwart spürbar sind. Die Bürger meines Landes und deren demokratische Abgeordnete haben daraus Lehren ziehen müssen. Und wohl deshalb hat die gegenwärtige Bundesregierung verantwortlich gehandelt, als sie Nein sagte zum immer noch andauernden Krieg im Irak. Gegen erheblichen Widerstand ist sie bei diesem Nein geblieben, als die US-Regierung versuchte, Verbündete – das hieß Kriegswillige – für eine militärische Machtdemonstration zu gewinnen, die das Völkerrecht mißachtete und die mit Lügen begründet wurde.
Dieses auf leidvoller Erfahrung fußende Nein ist mit dem Knoten im Lauf des Revolvers in die Tat umgesetzt. Täglich hören wir von den entsetzlichen Folgen des politischen Fehlverhaltens, vom Terror und Gegenterror des nichtendenwollenden Krieges. Also muß es beim Nein bleiben und muß der Knoten im Lauf des Revolvers noch fester gezurrt werden.
Er soll die Regierenden und uns alle auch in Zukunft ermahnen, denn an Herausforderungen vergleichbarer Art wird es nicht fehlen, fehlt es schon jetzt nicht. Die Zahl der Krisen nimmt zu, und die Bereitschaft, nach ihren Gründen zu fragen, schwindet dahin. Militärische Gewalt kann diese Krisen nicht bewältigen, wird sie eher – was der zunehmende Terrorismus lehrt – vergrößern und miteinander verzahnen. Zivile Vernunft ist gefragt. Ihr könnte der nun auf Dauer gesicherte Anblick des verknoteten Revolvers behilflich werden.

Unabhängig von Wetter und Sonnenstand wird die heute enthüllte Skulptur ihren Schatten auf die Zukunft, aber auch auf die Vergangenheit werfen. Das Jahr 2005 ist ein Jahr des Gedenkens. Vor sechzig Jahren kapitulierte das Großdeutsche Reich und hinterließ einen Trümmerhaufen. Seitdem mußten wir Deutsche mit der Verantwortung für Kriegsverbrechen und Völkermord leben; und zwar Generation nach Generation. Sich der Verantwortung zu stellen, fiel oft nicht leicht, war aber unausweichlich, denn immer, wenn wir meinten, es sei genug, holte uns unsere Vergangenheit ein. Deutschland gehört zu den wenigen Ländern, die bereit waren, die Last der Vergangenheit zu tragen.
Offenbar ist es so, daß dem Besiegten die totale Niederlage zum Vorteil werden kann, wenn er Willens ist, aus anhaltend schmerzlicher Erfahrung eine Lehre zu ziehen. Den Siegern der Geschichte mangelt es manchmal an dieser Einsicht. So ist mir unverständlich, daß bis zum heutigen Tag kein Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika die seit sechzig Jahren nicht schwindende Notwendigkeit erkannt hat, die atomare Vernichtung zweier japanischer Städte, mithin den Mord an hunderttausenden Zivilisten als Kriegsverbrechen einzugestehen.
Im Sinne des Knotens im Revolver ist und bleibt es wünschenswert, daß Präsident Bush endlich das sechzig Jahre lang anhaltende Schweigen beendet und sich im Namen der Vereinigten Staaten von Amerika bei den Hinterbliebenen der Opfer von Hiroshima und Nagasaki entschuldigt.

Am sechsten August und drei Tage später abermals wurde in beiden Städten, nein, weltweit der epochemachenden Barbarei gedacht, der vor sechzig Jahren ein Schreckensdatum gesetzt wurde. Seitdem steht die Büchse der Pandora offen. Seitdem sind die Mittel militärischer Gewalt und deren Wirkung ins Unermeßliche gesteigert worden. Seitdem ist die Menschheit in die Lage versetzt, sich selbst zu vernichten. Seitdem nimmt die Zahl der nuklearen Waffen zu; so werden neuerdings im Auftrag des Pentagon welche entwickelt, die zynischerweise »kleine« Atombomben genannt werden.
Ich weiß: Der Revolver nimmt sich, gemessen am Atompilz, harmlos aus. Doch der Knoten im Lauf gilt für alle Waffen und also auch für jenes Waffensystem, das vor sechzig Jahren mit Kalkül den massenhaften Tod bezweckte und sich seitdem zur permanenten Bedrohung der Menschheit ausgewachsen hat.
Es ist an der Zeit, daß die heute Verantwortlichen des übermächtigen Imperiums, das einst die Öffnung der Pandorabüchse zuließ, nun die Größe aufbringen, sie im Interesse aller Völker auf friedfertige Weise wieder zu schließen.
Das alles sagt uns der Knoten im Lauf des Revolvers. Wie Dürers Melencolia und Goyas Traum der Vernunft ist er Sinnbild und Menetekel zugleich.

 

Rede zur Einweihung der Skulptur »Non Violence« (Carl Frederik Reuterswärd) am Bundeskanzleramt, Berlin 21.8.2005

Grass Günter

Günter Grass (1927 – 2015), Schriftsteller, Bildhauer, Maler und Grafiker, Mitglied der Gruppe 47. 1999 Nobelpreis für Literatur.

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.