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von Ulrich Schödlbauer

In Berlin rufen die Penner abweisenden Passanten ein »Gu'n Tach noch!« nach. Seit einigen Tagen vermisse ich das. Es scheint, alle sind jetzt Kriegsopfer und erwarten, dass man ihnen schwere Waffen aushändigt. Andernfalls sind sie ernsthaft beleidigt. Jedenfalls schweigen sie auffällig.

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Aus Fortunas Hamsterrad: Der bekannte Publizist benötigt 5 Zeilen, um Alice S., die keine Lust hat, im Atomkrieg zu sterben, Saures zu geben. In ihren besten Zeiten hätte sie keine 5 Wörter gebraucht, um ihn abzuschießen. Das erinnert an Goethes: »Doch wie sie sich auch eilen kann, / Mit einem Sprunge macht’s der Mann.« (Faust I, 3984f.) Die Zeiten ändern sich eben doch.

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Ein ehemaliger Bürgerrechtler jagt seit Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine seine tägliche Dosis Propagandaschrott in die Runde der mit ihm verbandelten Mailempfänger. Ich frage mich, welches Ministerium dieses Zeug millionenfach bestellt und kostenlos unter die Leute bringt. Der Gesundheitsminister kann es nicht sein. Der ist ausgelastet.

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Folgt man den öffentlich-rechtlichen Verteidigungsxpert*innen, die gerade von Einsatz zu Einsatz eilen, dann ist Deutschland der Welt einen dritten Weltkrieg schuldig – unter väterlich-wohlwollendem Schulderlass seitens der Verbündeten, der jederzeit, je nach Kriegsverlauf und Nachkriegsweltordnung, kassiert werden kann. Ja, es gab den Dritten Punischen Krieg. Nur die Punier gab es anschließend nicht mehr. Ich nehme an, die Kriegshetzer gingen rechtzeitig ins Exil.

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Im heutigen Deutschland gilt als feige, wer sich nicht für anderer Leute Konflikte totschießen lassen möchte. Die Bereitschaft dazu muss ausnehmend groß sein. Der forschere Teil der Ex-und-Post-Nation bewundert die östliche Nation im Werden und will partout den Geburtshelfer spielen, koste es, was es wolle. Dabei wäre es so einfach. Das Geheimnis lautet: hinfahren.

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Die redlichen Deutschen lassen sich allzugern beschimpfen, vermutlich, weil sie die eigene Nation für eine Fiktion halten, sich aber nicht ganz sicher sind. Vorsichtshalber bewundern sie andere Nationen maßlos. Maßlosigkeit scheint die Konstante ihrer Geschichte zu sein. Das gilt jedoch nur für den postwilhelminischen Teil.

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Der russische Geschichtsexperte, darin den hiesigen ähnlich, hält taktische Atomwaffen für ein bisschen gefährlich, gleichsam für atomare Schreckschusspistolen, und die Angst davor für weit übertrieben. Jetzt nicht schwach werden! Für mich hat dieser Mensch weder Gesicht noch Namen. Letzteren vergaß ich, um mich nie wieder an ihn zu erinnern, ersteres hat er sich selbst geraubt.

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Überhaupt scheint es momentan russisch zu sein, keine Angst vor dem großen Knall zu haben. Man ist Anti-Putin, das gibt einem das Recht, den kompletten Westen für feige zu erklären. Fragt sich nur: Warum dann das Exil? Diese Leute wären ersichtlich zu Hause besser am Platz.

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Wer auf jede Propaganda hereinfällt, der hält sich für gefeit gegen jegliche Propaganda. Das ist ein Kommunikationsparadox, mit dem sich die einschlägige Wissenschaft selten herumschlägt. Vermutlich, weil es vielen ihrer Vertreter ähnlich geht, sobald sie die Zeitung aufschlagen oder ins Internet gehen.

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Gerade noch gegen die Moralapostel der Politik gewettert und heute bereits Moralist Gnadenlos: So schnell kann’s gehen. Die Gedankenlosigkeit reitet das schnelle Pferd, das die Wahrheit bräuchte.

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Die öffentliche Moral ist ein Zankapfel nach dem Motto: Wer hat die bessere? Gefolgt wird vorsichtshalber keiner. Das ist vermutlich gut so.

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Der große Knall: Vorderhand geschieht er in den Köpfen. Auch das ist Moral. Ein klügerer unter den deutschen Exilschreibern hat einmal nachdenklich bekundet: »Auch ich habe mitdestruiert.« Das werden noch viele sagen können, denen das böse Geschick mit Wunscherfüllung droht. Neben der Frage, ob sie’s begreifen, steht die andere, ob sie Gelegenheit dazu bekommen werden.

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Kaum hält der notorische Kritiker das Handeln der Regierung für umsichtig, sieht er sich und seine Position von braven Bürgern überrannt: »Sabotage! Kryptoputinist!« Im Puff hat der Spießer frei und der Intellektuelle gerät ins Sinnieren.

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Nebenbei: Die Woken scheinen dümmer als die 68er zu sein (die auch schon nicht die hellsten waren). Vielleicht kommt es dem alten Mann auch nur so vor. Jedenfalls besteht ihre Haupttätigkeit darin, Posen nachzuahmen, die an anderen Orten und zu anderen Zeiten einen guten Sinn ergäben. So denunziert das Gute sich selbst, sobald es zur Bewegung verkommt.

 

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.