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von Philipp Bender

Falls es etwas in diesem Land gibt, das tatsächlich bunt und vielfältig ist, ohne dass es hierfür der gebetsmühlenartigen Beschwörung eines Buntheits-Vielfalts-Kitsches bedarf, dann ist es unsere Sprache. Immer wieder stößt man selbst als belesener Zeitgenosse auf Begriffe, Wendungen und Slogans, deren Bedeutung sich nicht ohne Weiteres erfassen lässt. Gehört man zu denjenigen Sprachkonsumenten, die nicht zum Heer der unkritischen Allesfresser zählen, dann hält man bei einer solchen neuen Begegnung inne, wird vielleicht neugierig und sodann motiviert, sich semantisches Neuland zu erschließen. Oder sollte ich besser sagen: zu erobern?

So erging es mir mit dem häufig anzutreffenden Ausdruck ›Whataboutism‹ bzw. seinem übleren, weil typisch teutonisch eingedeutschten Bruder ›Whataboutismus‹. Diese hatten – zumal offensichtlich von fremdsprachlicher Zunge stammend – bis vor Kurzem in meinem Wortschatz noch nicht Fuß gefasst. Vor allem im Internet kommen die Meinungsstarken offenbar nicht mehr ohne ihn aus, sei es in der Rolle des staatsalimentierten Qualitätsschreibers oder des bewegten Kommentators in den sogenannten ›Sozialen Medien‹. Wie beinahe alles, was sich als unverständlicher Anglizismus präsentiert, hat sich ›Whataboutism‹ besonders rasch in den Herzen und Köpfen der postmodernen Globalismus-Jünger breit gemacht. Gemeint sind diejenigen aufgeklärten Gewinnertypen, die die Enge national-sprachlicher Container hinter sich gelassen haben und für die die Forderung nach begrifflicher Klarheit so spießig wirkt, wie Opas Jägerzaun.

Schon nach kurzer Recherche erhellt sich, dass ›Whataboutism‹ einen Vorwurf beschreibt, den man seinem Widerpart entgegenschleudert, wenn dieser sich zuvor einen untunlichen, ja unzulässigen Debattenbeitrag geleistet hat. Bemerkenswert ist die häufige Verwendung des Whataboutismus-Vorwurfs auf Seiten der Online-Kampfabteilungen der Political Correctness; also derjenigen Epigonen, die Meinungsbildung wie Bodybuilding betreiben: Hauptsache stets angestrengt wirken, viele gewichtig wirkende Wiederholungen machen und auf Übergröße aufpumpen. In schöner Regelmäßigkeit liest und hört man ›Whataboutism‹ dort, wo selbsternannte ›Faktenfinder‹ und ›Volksverpetzer‹ das Wort führen. Schon auf den ersten Blick zwei selbstgewählte Kollektivbezeichnungen, für die man früher auf dem Schulhof aus guten Gründen Klassenkeile kassiert hätte.

What is Whataboutism?

Ist ›Whataboutism‹ also nur ein weiterer nachgeplapperter Kampfbegriff des hochgesinnten Juste Milieu gegen Andersdenkende? Nur eine neue Spielart von ›Das darf man (so) nicht sagen‹? Dieser Schluss wäre – jedenfalls, wenn man sich dem Ausdruck und seiner Bedeutung unbefangen nähert – zu voreilig und kurz gegriffen. Es gibt durchaus Versuche, das rhetorische Phänomen ›Whataboutism‹ anspruchsvoller zu erklären.

Wie unschwer zu hören ist, liegt die Wortherkunft im englischen Sprachraum, nämlich abgeleitet aus der Frage ›What about…?‹ also zu Deutsch: ›Und was ist mit…?‹ Als historisch aufgeladenes Anwendungsbeispiel muss oft die Sowjetunion in der Zeit des Kalten Kriegs herhalten. Whataboutism sei der Sache nach angeblich – ich habe das schon mangels Russischkenntnissen nicht weiter erforscht – ein gängiger Propaganda-Kniff in der UdSSR gewesen, mit dem man (westliche) Kritik an den Gulags und anderen Menschenrechtsverletzungen im Kommunismus leichthändig vom Tisch wischen konnte. Als patriotischer Sowjetbürger habe man auf diesen Tadel geistesgegenwärtig erwidert: ›Aber in den USA lynchen sie Schwarze!‹ – ›What about the lynchings in the USA?‹

Analytisch ist der Whataboutismus im Grunde leicht zu erfassen. Es geht um das seit Urzeiten sattsam bekannte rhetorische Reaktionsmuster der Gesprächsablenkung, des zusammenhanglosen Themenwechsels und der Verrückung des diskursiven Schwerpunktes. Werde ich mit einer mir schmerzlichen Kritik oder einer Anschuldigung konfrontiert, soll ich per definitionem dann Whataboutismus betreiben, wenn ich von meiner Person oder Betroffenheit ablenke, indem ich als ›Konter‹ auf das Verhalten meines Gegenübers selbst oder eines Dritten übergehe. Spricht jemand über eine politische, wirtschaftliche oder soziale Situation, die meine eigene Positionierung negativ berührt oder gar in die Defensive zwingt, dann sei Whataboutism der Sprung auf anders gelagerte Sachverhalte. Prangert also die Feministin Ungleichbehandlungen von Frauen im Berufsleben an, trifft denjenigen, der in diesem Kontext auf frühere Benachteiligungen von Jungen in der Schule verweist, der Whataboutismus-Vorwurf.

So verstanden, ist Whataboutism in der Tat ein perfider Trick aus der Mottenkiste der Rhetorik, mit dem man jede Debatte torpedieren kann. Auf dem Weg des plumpen ›What about…?‹ weicht man quälenden Diskussionen aus und lenkt teflongleich die Anwürfe ab, ohne sie aufzunehmen. Schleudert man Kritisches unmittelbar auf die Position des Angreifers zurück, so ist dieses Muster der Argumentationslehre als Tu-quoque-Manöver (lat. ›du auch‹) geläufig. Wir alle erinnern uns, wie wir in Kindheitstagen oftmals ›souverän‹ aus Zwistigkeiten herausgegangen sind mit der beherzten Verteidigung: ›Selber!‹

What about Vergleich?

Problematisch wird es dann, wenn in den rasant aufbrausenden und überschäumenden Meinungskriegen unserer Tage sogar solche (Gegen-)Argumente mit dem diskursverweisenden Verdikt des Whataboutism belegt werden, die in kontroversen Auseinandersetzungen seit jeher völlig legitim und oftmals hilfreich sind: Die Rede ist von Vergleichen. Im Vergleich betrachtet man zwei oder mehrere vergleichbare Sachverhalte bzw. Gruppen unter Bezugnahme auf einen geteilten Oberbegriff. Seriöses Vergleichen beginnt dort, wo das zu Vergleichende tatsächlich ver-gleichbar wird, also eine gemeinsame Betrachtung mit Blick auf die Summe geteilter (›gleicher‹) Merkmale überzeugen kann. Anhand einzelner Merkmale, die ich vom Allgemeinen zum Besonderen durchgehe, frage ich nach der Vergleichbarkeit. Je mehr X1=X1, X²=X², X³=X³ usw. desto überzeugender gerät der Vergleich zweier Objekte. Diese Vergleichbarkeitsmerkmale wiederum dürfen nicht zu abstrakt bleiben, sondern müssen sich konkretisieren.

Ich möchte die Prüfung einer Vergleichbarkeit anhand eines Beispiels vornehmen, das Schaum vor die Lefzen gewisser Kreise zaubern wird, nämlich Links- und Rechtsextreme. Beide sind – allgemein betrachtet – Gruppen von Menschen (X1) und beide sind weiter umrissen durch das jeweilige Teilen einer bestimmten politisch-sozialen Weltanschauung (X²), welche sich radikalisiert/extremisiert haben muss (X³). So weit, so allgemein sind Links- und Rechtsextremisten vergleichbar. Doch dann beginnen die Probleme einer weiteren Vergleichbarkeit: Genügt es, extremes Gedankengut zu haben und für sich zu behalten oder muss es sich äußern, etwa in Gewalt gegen Sachen und/oder Personen (X4)? Ist womöglich erst derjenige (bedrohlicher) Extremist, der gezielt Leib und Leben von Menschen attackiert (X5)? Ferner treten Fragen der Exklusivität und der Vergleichsgruppenbildung auf: Muss der Islamismus nicht auch – immer und überall – in die Betrachtung miteinbezogen werden? Schon die Frage nach Vergleichbarkeit ist von zugrundeliegenden Definitionen und Prämissen abhängig, die man gegebenenfalls gerade mit Hilfe des Vergleichs bilden oder präzisieren will.

Sind die Gruppen bzw. Situationen inkommensurabel, so fehlt es bereits an der – nachvollziehbaren –Vergleichbarkeit. Ich betone an dieser Stelle die Nachvollziehbarkeit und Überzeugungskraft, da das Problem der Vergleichbarkeit nicht naturwissenschaftlich exakt gelöst werden kann im Sinne eines wahr/unwahr, sondern eher anhand eines überzeugend/nicht überzeugend. Ich kann den Versuch wagen, Linksextremisten und Kleingärtner auf ihre Vergleichbarkeit zu untersuchen, aber über das Merkmal ›Menschengruppe‹ (X1) werde ich nicht sinnvoll hinauskommen. Die Vergleichbarkeit wäre allzu schwach ausgeprägt und jeder weitere Vergleich albern.

Ein Vergleich gewinnt seine Überzeugungskraft jedoch erst dadurch, dass nachvollziehbar vergleichbare Gruppen unter einen aussagekräftigen Oberbegriff gefasst werden. Dieses Dritte als tertium comparationis muss ›treffend‹ sein, darf also nicht zu weit gefasst sein, aber auch nicht zu eng. Es ist möglich, zwei perfekt vergleichbare Gruppen vor sich zu haben, und dennoch den Vergleich mit der Wahl des Bezugspunktes zu versauen. Ein Vergleich von Links- und Rechtsextremisten unter dem Vergleichsbegriff ›schönere Frisuren‹ ist lächerlich und interessiert niemanden.

Einmal mehr taugt ein die Gemüter erhitzendes Thema der jüngsten Vergangenheit als Anschauungsobjekt: Bekanntlich wurden bei zuletzt stattfindenden Großversammlungen die vermeintlichen Anti-Corona-Schutzvorgaben – wie auch immer man zu ihnen stehen mag – von den Teilnehmern nicht oder so gut wie nicht beachtet. Weder die Versammelten unter dem Motto ›Black Lives Matter‹ im Juni noch die Protestler gegen die Corona-Politik, die am ersten Augustsamstag durch Berlin zogen, scherten sich großartig um Abstandsregeln, Handdesinfektion oder Mund-Nase-Bedeckung. Selbst zigfach hingewiesen auf diese bei beiden Gruppen anzutreffende Regelmissachtung in Pandemiezeiten, waren sich Journalisten, Politiker und Kirchenleute nicht zu blöde, die BLM-Veranstaltungen und ihre Teilnehmer über den grünen Klee zu loben, während die regierungskritischen Demonstranten von Berlin für die Unterlassung von Hygienemaßnahmen als ›Covidioten‹ und Schlimmeres tagelang landauf und landab über sämtliche Kanäle beschimpft wurden.

Wer auf diese offenkundige Bigotterie und politisch-korrekte Heuchelei verwies, bekam als Reaktion die Whataboutism-Keule übergebraten. Tatsächlich handelte es sich jedoch um einen Vergleich, und noch dazu um einen sachgerechten. In diesem Vergleich zum tagesaktuellen Thema ›Einhaltung von Hygienevorschriften‹ (tertium comparationis) machte man mit Recht auf die unterschiedliche Behandlung zweier vergleichbarer Gruppen (Großversammlungen mit politischer Zielrichtung) aufmerksam – mit plump ablenkendem Whataboutismus hat dieses rhetorische Muster nichts zu tun. Die Gegner dieses Vergleichs und Whataboutism-Ankläger leugneten zumeist, ohne es allerdings analytisch durchdrungen zu haben, die Vergleichbarkeit bzw. den gemeinsamen Bezugspunkt. Schließlich seien der mutige Anti-Rassismus der BLM-Aktivist*innen und die Anti-Coronaschutz-Demo der Covidioten nicht ›dasselbe‹. Richtig ist: Dasselbe vielleicht nicht, aber vergleichbar eben schon. Und statthafte Vergleiche sind oftmals nützlich, um das große Ganze vor die Linse zu bekommen.

Bleiben wir für ein weiteres Beispiel, bei dem reflexhaft ›Whataboutism‹ erschallt, beim nächsten schwelenden Dauerbrand unserer Zeit, nämlich Rassismus. Erinnerte man in Talkshows, Internetforen und Kommentarspalten daran, dass eine rassistische Einstellung kein Alleinstellungsmerkmal deutscher bzw. weißer Menschen sei, sondern Rassismus auch vorne mit dabei ist, wenn schwarze Banditen weiße Farmer in Südafrika abschlachten oder die Deutschen von einem Türken als ›Köterrasse‹ beschimpft werden, dann war dies in den Augen vieler Eiferer Whataboutism. In Wirklichkeit war dieser Einwand jedoch die trefflich platzierte Widerlegung der These ›Nur weiße/deutsche Menschen können rassistisch sein‹, und zwar durch das argumentative Mittel des Vergleichs. Selbstverständlich kann man unter dem Oberbegriff ›Rassismus‹ vielerlei Sachverhalte diskutieren, auch Beleidigungen von schwarzen gegenüber weißen Menschen, die auf ethnisch-biologische Merkmale wie Haut- oder Haarfarbe Bezug nehmen. Nur der ideologisch Imprägnierte klammert rassistische Attacken der einen Seite aus. Hier zeigt sich deutlich, dass es sogar sachdienlich ist, durch Vergleiche das Debattenobjekt zu vergrößern. Jedenfalls dann, wenn man ernsthaft über Rassismus reden und nicht nur billig sein identitätspolitisches Süppchen gekocht und serviert bekommen möchte.

Vom Whataboutismus zur ›Wissenschaft‹

Die typische Evolution des Whataboutism-Vorwurfs, der bei Licht betrachtet meist recht kümmerlich dasteht, sieht so aus, dass man ihm nach einer gewissen Zeit – nämlich wenn seine Abnutzung unübersehbar geworden ist – ein wissenschaftliches Mäntelchen umlegt. Zum Vergleich von Links- und Rechtsextremisten mehren sich die Stimmen, die auf eine generelle Unvergleichbarkeit der beiden extremistischen Auswüchse bestehen und das ›Hufeisen‹ ins Altmetall entsorgen wollen. Überzeugungstäter aus der Politikwissenschaft sowie ›Rechtsextremismus-Experten‹, deren diesbezügliche Qualifikation der eigene Linksextremismus ist, stehen bereit und lamentieren um die Wette, dass man viel zu sehr auf Gemeinsamkeiten schaue, aber Unterschiede zwischen beiden außer Acht lasse. Wer die Passagen über den Vergleich weiter oben aufmerksam gelesen hat, kann bei dieser Grundsatzkritik nur erstaunt die Augenbrauen hochziehen. Der inhaltliche Gehalt dieses Vorwurfs an das Hufeisendenken entspricht einem trotzigen ›Hört auf zu Vergleichen!‹ und bedeutet nichts anderes als die Einzäunung eines geistigen Sperrgebiets. Wo gehobelt wird, da fallen Späne und wo verglichen wird, da zeigen sich Gleiches und Gemeinsames.

Selbstverständlich darf auch das wiedergekäute Uralt-Argument nicht fehlen, wonach Linksextreme ihre Wut und Gewalt weit überwiegend bloß gegen Infrastruktureinrichtungen und Sachen lenkten, jedoch – anders als Rechtsextremisten – so gut wie nie gegen Menschen. Dieser Logik geht man entweder als trotteliger Naivling auf den Leim oder aber man ist ›einen Schritt weiter‹ und sieht Polizeibeamte und Andersdenkende nicht mehr als Angehörige der Spezies ›Mensch‹ an. Nur zur Aufklärung und Klarstellung: Wenn man als Antifant einen Pflasterstein auf Polizisten schmeißt oder mit einer Eisenstange auf sie einprügelt, dann ist das keine Gewalt gegen den Stein oder die Stange, sondern gegen den Menschen, der in der Uniform seinen Dienst verrichtet.

Geht es um Rassismus, erklären uns die Master der ›Postcolonial Studies‹ und der ›Critical Whiteness‹, dass es Rassismus gegen Weiße per definitionem nicht gebe, weil man ja dahinterliegende repressive Machtstrukturen berücksichtigen müsse und Rassismus eben historisch eine kolonialistische Erfindung der Weißen gewesen sei und es ja schließlich um Dominanz gehe usw. usf. Es findet sich für alles irgendein ideologischer Alchemist aus den abgeschmacktesten Studierstuben der Geistes- und Gesellschaftswissenschaften, der mit verschwurbelten Beschwörungen einen kleinen Whataboutism mit der Zeit in einen Verstoß gegen wissenschaftliche ›Fakten‹ verwandelt, mit denen sich dann wiederum die Faktenfinden und Qualitätsdenker im Kulturkampf aufmunitionieren.

Fazit: Whataboutism – wenn Nebelkerzen verglimmen

Im ursprünglichen Kern meint Whataboutismus nicht viel mehr als die – verständliche – Rüge an die Adresse seines Diskurspartners, nicht vom ›eigentlichen‹ Thema abzulenken. Allzu oft ist der Vorwurf jedoch nur ein weiteres pseudo-intelligentes Halt-den-Mund-Argument der Gartenzwerge mit rot gewirkter Jakobinerkappe, nämlich wenn es um die Verächtlichmachung und Exklusion von an sich völlig berechtigten Vergleichen geht. Wer Vergleiche und Parallelen bildet, will das große Bild in den Blick nehmen und sich nicht lediglich an zu eng umrissenen ›eigentlichen‹ Themen aufhalten, die einem der Gegenüber oktroyiert. Sinnvolle Vergleiche in die Diskussion einzuspeisen ist nicht einfach, denn immer geht es um die Etablierung des tertium comparationis, des ›eigentlichen‹ Bezugsbegriffs. Wer am liebsten ausschließlich über Rechtsextremismus sinniert, für den ist ›Politischer Extremismus‹ kein angenehmer Vergleichsbegriff. Wie so oft, dreht sich schließlich auch in der Welt des Whataboutism und der Vergleiche alles um die Diskurshoheit und darum, wer dazu in der Lage ist, sie mächtig genug herauszufordern. Vergleiche zwischen Situationen, Strukturen, Menschen oder Menschengruppen demaskieren zuweilen effektiv Bigotterie, Doppelstandards und Heuchelei; sie erweitern das vorgegebene Debattenfeld auch in Tabuzonen hinein und hinterfragen Denkverbote.

Es ist eben kein Hütchenspieler-Whataboutism, in einem Vergleich der jüngsten Großdemonstrationen darauf hinzuweisen, dass die Nichteinhaltung von Hygieneregeln bei der BLM-Versammlung der veröffentlichten Meinung völlig egal war und diesbezügliche Mahnungen als krypto-rassistische Spießigkeiten galten, während mit Blick auf den Protest der ›egoistischen Corona-Leugner‹ aus dem gleichen Umstand ein Skandalon für die Volksgesundheit gezimmert wurde. Hier werden unter einem Bezugsbegriff zwei Lebenssachverhalte verglichen, um politisch-korrekte Doppelzüngigkeit und Scheinheiligkeit zu entlarven: Was bei den ›guten‹ Linken und Anti-Rassisten schon in Ordnung geht, dürfen die ›rechtsoffenen‹ Verschwörungstheoretiker noch lange nicht. Fühlt sich das tonangebende Milieu allzu ertappt und auf die Füße getreten, wird der im tagespolitischen Diskurs völlig unproblematische Vergleich als Whataboutismus abgestempelt und in die Bloß-nicht-ernst-nehmen-Ecke gedrängt. Übrigens: ›Rechtsoffen‹ ist eine dieser kruden Begriffsneuschöpfungen, die wir demnächst jedoch öfter hören werden. Nämlich immer dann, wenn auf einer Versammlung von 10 000 Menschen 1 Minderbemittelter die Reichskriegsflagge am Tornister hängen hat und Antifa-Zeckenbiss für die ARD die Handykamera draufhält.

Alles Theoretisieren in dieser Frage kreist um zwei Kerne: Was ist das ›eigentliche‹ Thema und was ist ein ›völlig anderer Sachverhalt‹? Whataboutism mit einem Minimum Hand und Fuß geißelt das Ablenken auf andere, nicht ›zur Sache‹ gehörende Umstände. Wer indes um seine Diskurshegemonie fürchtet, weil statthafte Vergleiche sein ›eigentliches‹ Leib-und-Magen-Thema erweitern und – in der Tat – gegebenenfalls relativieren und anders gewichten, der sollte nicht ständig vom ›Whataboutismus‹ plärren. Kommt der Anwurf auf diese infame und durchsichtige Art und Weise daher, ist er nichts weiter als ein trendiges, schickes Totschlagargument, zumeist als Geschwisterchen der Pappkameraden ›Verschwörungstheorie‹ und ›Fake News‹. Diese Nebelkerze verglimmt jedoch und niemand sollte sich an ihr verbrennen.

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.