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von Ulrich Schödlbauer

Hier also stehe ich, sagt der Besucher, den Staub eines fernen Erdteils diskret aus dem über den Arm geworfenen Mantel klopfend, vielleicht auch nur eine schwache Erinnerung – Heimat! Zwölf Jahre sind eine lange Zeit, fast eine Ewigkeit, so fühlt es sich an, wenn ein Auswanderer zurückkehrt, ein Hin- und Herwanderer zwischen den W… nun, es müssen ja keine Welten sein, wer spricht von Welten. Dies ist heimischer Boden, woher die Fremdheit? Heimat! Es ändert sich viel. Sie haben sich also ein Ministerium für Heimat zugelegt, nein, das ist nicht korrekt, sie haben das Kompetenzfeld Heimat dem Innenminister zugeschanzt, der einst Polizeiminister hieß – nun gut, damals gab es auch einen Volks-Mund, da wusste man gleich, woran man war. Man hat sich an allerlei gewöhnt seit meinem Weggang, das muss ich sagen. Zeit essen Bedenken auf, so läuft’s, da braucht es keine besonderen Ängste. Dabei hatten sie Ängste, soweit ich zurückdenken kann. Dabei gab es nie Grund zur Besorgnis. Dabei, dabei – was ist schon dabei? Die Politik ist ein Spiel. Spielen Sie Fußball oder Backgammon? Was soll’s, ich bin draußen. Das wäre schon einmal geschafft. Das Spiel, oder was auch immer hier läuft, geht in die heiße Phase, ich habe mich vorab informiert, man will schließlich wissen, wo man herunterkommt. Also ich muss schon sagen: Die Zahl derer, die draußen sind, hat sich rapide vermehrt, bekannte Gesichter, auch altbekannte. Da fühlt man sich gleich auf vertrautem Terrain. Wer hätte gedacht, dass sie noch einmal würden antreten müssen! »Schaut nicht so verfolgt, ihr seid Profis!« könnte ich ihnen jetzt zurufen, ein Rufer aus der Vergangenheit, aber nein, sie lächeln, auch sie kennen sich wieder aus und wissen die Vorteile zu schätzen, die sich daraus ergeben, selbst wenn sie mit Nachteilen erkauft werden. So ein Profil, mit Vorder- und Hinterteil, muss unverwechselbar sein, und nicht für die Subtilen, die jeden Fehlstrich erkennen. Früher nannte man dergleichen Rufmord, was soll’s, sie laufen doch alle quicklebendig herum. Früher, früher! Da wird ein Schriftsteller, den man durch die Gefängnisse des alten Regimes schleifte, von einem alten Freund, der es ein paar Jahre später auf ungleich komfortablere Weise in den Westen schaffte, um dort noch ein paar Jahre lang das Kommunarden-Kostüm aufzutragen, das ihm im Ostteil des Landes so gute Bardendienste geleistet hatte, jetzt gibt er den Regierungswauwau und braucht es nicht mehr … von diesem Freund also hintenherum verdächtigt, es sei ihm durchaus zuzutrauen, diese … diese … Partei, deren Name von der Konkurrenz wie ein Abführmittel gebraucht wird, zu wählen, in freier, vor allem geheimer Wahl, wenn’s recht ist – na und? Schon steht er am Pranger. Wer, fragen Sie? Der Schwätzer oder der Angeschwärzte? Sie haben gut reden. Von welchem Stern kommen Sie hereingesegelt? Wusste nicht, dass die Lufthansa Flüge aus dem Nirwana im Angebot hat. Wie die Geschichte weitergeht, fragen Sie? Das ist ein guter Ansatz, damit kann man etwas anfangen. Diese Geschichte geht immer weiter. Ein Interview und ein paar Sätze weiter, die er so nie gesagt zu haben beteuert, und er ist sein Alters-Zubrot als ›Zeitzeuge‹ an einem bekannten Folterort los, er ist jetzt ›Unperson‹, ›persona non grata‹ im eigenen Land, dem Land der gefälligen Untert…assen, wo sonst. Das glauben Sie jetzt nicht? Ich auch nicht, ich auch nicht… Da gibt es nichts zu glauben, absolut nichts, man sollte sich seinen Glauben für spätere Gelegenheiten aufheben, sie kommen noch, das können Sie mir glau-, nein, ich sage es jetzt nicht. Sie tragen ja diese Sternchen im Gesicht, wie ich sehe, da können Sie von keinem anderen Stern, Sie sind ein Hiesiger, geben Sie’s ruhig zu, ich weiß schon Bescheid. Sie sind ein Rechtgläubiger, nein, eine orthodoxe Person, mit Ihnen lege ich mich nicht an. Warum auch? Wir sitzen in einem Boot, ich das Leck, Sie der Pfropf oder umgekehrt, ich bin gleich wieder weg, da haben Sie freie Bahn. Fast wie der notorische Saalfüller Sarrazin, den Ihresgleichen, quasi als Zugabe, schon deshalb hasst, weil die eigene Partei ihn unbedingt loswerden will, ohne dass es ihr, wenngleich aus anderen Gründen, gelänge – unter dem Grinsen der Öffentlichkeit, der jeder Skandal der Genossen recht ist, er gehe nach vorn oder hinten los. Wen schert das schon? Niemanden schert es. Was zählt? Ich bitte Sie, was zählt bei den heutigen Genossen? Ich sage Ihnen, was zählt. Es zählt die dumpfe Wut über die unerklärliche Schwindsucht ihrer Partei, die nach Opfern verlangt, echten, patentierten Menschenopfern, am besten aus eigenen Beständen, warum nicht, da steht noch manche unbeglichene Rechnung aus alten Tagen im Raum. Alt sind die Knaben ohnehin, die einander da an die Gurgel gehen. Vielleicht nicht ganz so alt wie ich, den ihre Partei einst, in Willy-Zeiten, in den Westen lockte – löschen Sie das, wer hat Ihnen erlaubt, mich aufzunehmen? –, aber alt genug. Sagte ich Knabes? Wieso Knabes? Da kommt eine andere Partei ins Spiel, eine ganz andere… Was sagte ich? Es sind auch Mädels dabei, patente Mädels, so hieß das damals, heute kommt man wahrscheinlich für so ein P-Wort ins Gewahrsam, wegen Unbedachtsamkeit. Ich bin nur ein Fremder auf Durchreise, ich höre zu. Sie dürfen mich einen alten Trottel nennen, warum denn nicht? Nennen Sie mich ruhig einen alten Trottel, das tut gut, man stirbt nicht daran. Mein persönliches P-Wort heißt immer noch Partei. Die Partei des Wahnsinns hat mich schikaniert, die Partei der Seufzer mich angewidert, die Nachfolge-P jagt, wie man hört, wieder Rechte, nein, entfernt sie von ihren Posten, auf denen sie das alte Unrecht lebendig halten, das ist korrekt. Inkorrekt sind andere. Ein Abgeordneter der Dingsda-Partei … na Sie wissen schon … wird nächtens auf der Straße zusammengeschlagen, alle wissen … pardon, keiner weiß warum. Kaum aus dem Krankenhaus entlassen, jagt man ihn bereits als Hochstapler des Opfergewerbes, warum? Weil seine P, seine P…Partei die Mär von einem Kantholz verbreitete, das doch definitiv nicht im Spiel war, schließlich geschah alles unter dem wachsamen Kamera-Auge der Polizei. Woher dieses plötzliche Beben in meinen Lippen? Ich frage mich… Nein, ich frage nicht. Diese P…Partei, dieser altbekannte rechte Flügel der C…, der sich nun herrenlos in den Parlamenten herumtreibt, wenn er sich nicht in den Gassen Hamburgs…, diese faschistisch-imperialistisch-rassistische Brut… Brut, Sie verstehen? Nein, Sie verstehen nichts. Sie verstehen nichts, Sie müssen von hier sein. Dass ich nicht lache! Was sollen Sie schon verstehen? Sie wissen ja nichts. Diese Frau Lengsfeld, der Name fällt mir gerade ein, sagt Ihnen der Name was? Ich sehe es an ihrem Gesicht, er sagt Ihnen ›Achtung! Vermintes Gelände!‹ Man findet sich schnell auf der falschen Seite im Internet wieder, die Leute mögen erlebt haben, was sie wollen. Diese Menschen mögen einst, unter anderen Verhältnissen, Mut bewiesen haben, als Leute wie Sie gerade erst in die Windeln schissen – pardon, nicht persönlich gemeint –, macht sie das weniger verdächtig? Es macht sie erst recht verdächtig. Widerständig! Welch ein Wort. Eine honorige Frau – jetzt schlägt sie sich mit schmutzigen Facebook-Kommentaren und einem boshaften – oder heißt das ›bösartigen‹? – Fahndungsplakat aus dem Gesinnungs-Untergrund gleich neben der Haustür herum. Wie honorig ist das denn? Man geht dem politischen Gegner an die Ehre, als gäbe es dafür Bares. Warum nicht? Wer lang genug die Hand aufhält, dem legt jemand früher oder später etwas hinein. Fragt sich was, aber ist das wichtig? Hauptsache man hat etwas an der Hand. Manchmal auch gegen den Falschen, Verwechslungen kommen vor – tut nichts, der Klassenfeind wird verbrannt. Erwischt’s den einen, erwischt es den anderen auch. Gewöhnung, denkt sich der Besucher aus einem fernen Land, so war es früher, so ist es heute, es kommt ihm vor, als sei er gerade von einem anderen Stern eingeflogen. So hielt es Genosse Stalin, so halten es wir. Der Mob, der gute alte schreibende Mob (oder schreibt man ihn neuerdings ›Mopp‹ – irgendwo muss er doch stecken?) hat sich daran gewöhnt, dass nach dem Mord an einem Menschen oder ein paar mehr erst einmal gefragt wird, welcher Partei die Nachricht nützt. Großartig. Danach wird sie entsprechend zurechtgestutzt. Das geht ganz einfach, da ist doch nichts dabei. Hilft es dem politischen Gewissen, so hilft es allen.

So ein Gewissen besaß ich nie, sinniert der Besucher, es muss fein sein, eins zu besitzen, wo es doch so allgemein ist. Ein allgemeines Gewissen verliert sich leicht im All und kommt als Gemeinheit zurück. Gemein und Gemein gesellt sich gern, gleiche Brüder, gleiche Kappen. Gerade lese ich – man kann ja nie sicher sein, aber vielleicht stimmt’s –, dass ein verdienter Gewerkschafter – lachen Sie nicht im voraus, ich lache ja selbst schon! – von seinem Verein, der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft – lachen Sie nicht, halten Sie doch endlich den Mund, Sie…! – nach vierzig Jahren Mitgliedschaft und 25 Jahren Betriebsratsvorsitz ausgeschlossen wird, rausgeworfen, weil er … weil … seien Sie doch endlich ruhig, Sie … Sie Lachmonster, das hier ist eine tragische Sache – … weil er in diese Partei, diese A… diese A … – nein, ich spreche den Namen nicht aus, dazu bekommen Sie mich nicht, eher gebrauche ich Sternchen –, weil er in diese P eingetreten ist, P wie peinlich, garantiert peinlich, im Grunde sind alle diese Parteien irgendwie peinlich, nicht wahr, Greta, sie sind ganz schön peinlich, die Großen, zu denen auch du bald zählen wirst. Heute rennen sie hinter dir her, wie peinlich ist das denn? Bewahre dir deinen Sinn fürs Peinliche, du wirst ihn brauchen, er ist der Schlüssel zu fast allem im Leben. Mach dir nichts vor. Wenn sie nicht hinter dir herrennen, rennen sie hinter dieser verhassten A-Partei her, als ginge es um die Wurst, nein, alles dreht sich im Kreis, um, wie die Katze, sich in den Schwanz zu beißen, und sie beißen alles weg, was ihnen dabei in die Quere kommt, das A sitzt ihnen im Gehirn, vielleicht im Stammhirn, da kenne ich mich nicht aus. – Aber das ist nicht die Art von Gesellschaft, die wir damals meinten, geht es dem Besucher durch den Kopf, fast fühlt er sich wieder zu Hause, denn alles lacht ihn an und er lacht laut zurück, ganz schön illiberal ist das, ziemlich populistisch, fast wie in alten Zeiten oder wie in Ru oder in der Tü oder in Enemenemuh, man gönnt sich ja sonst keine freie Meinungsäußerung. Wer nichts zu sagen hat, kann es ruhig sagen. Nur heraus mit der Sprache! Heraus die Zungen! HDB – weißt du noch? Halte dich gefälligst bedeckt. Diese Menschen … treten die Rechte ihrer Mitbürger mit Füßen, indem sie dreist behaupten, sie wollten sie schützen. Wer solche Beschützer hat, der braucht keinen Schutz. Auch so ein Spruch. Brauche ich Schutz? Ja, ich brauche Schutz. Wann geht mein nächster Flieger? Wie? Das weiß hier keiner? Wartungsprobleme? Sie Leihdackel! Was ist aus diesem Land geworden, seit ich weg bin! Vielleicht hätte ich nicht weggehen sollen, vielleicht liegt hier der Grund für all diese Verwerfungen. Andererseits lese ich, dass neuerdings auch Professoren von Universitätsseiten zu verschwinden beginnen, einfach so, weil sie irgendwo irgendetwas gesagt haben. Soweit sind wir also schon. Vielleicht wäre auch ich bereits verschwunden, wäre ich nicht aus freien Stücken gegangen. Irgendein Schwund vollzieht sich in diesem Lande, er beginnt in den Köpfen und irgendwann qualmen die Socken.

 

 

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Ulrich Schödlbauer lehrte bis 2015 als Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der FernUniversität in Hagen. Er schreibt Gedichte, Prosa, Essays. Netzprojekte: Die versiegelte Welt und Das Alphazet. Seine wissenschaftlichen Schwerpunkte liegen auf den Gebieten der Kultur- und Kunsttheorie. Er ist Herausgeber des Jahrbuchs für europäische Prozesse Iablis.

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.