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von Lutz Götze

Der aktuelle provinziell-lächerliche Disput um den ›Digitalpakt‹ hat die Misere der deutschen Bildungslandschaft erneut verdeutlicht. Die Gegner des Paktes – die Ministerpräsidenten der Bundesländer – beharren auf ihrem Standpunkt, nämlich das ›Kooperationsverbot‹ – schon der Name ist in einer Demokratie absurd – in Bildungsfragen zwischen Bund und Ländern zu bewahren, und verschließen die Augen vor der Realität.

Diese Wirklichkeit ist bitter: Es herrschen Lehrermangel in den Schulen und Chaos in den Lehrplänen; Curricula divergieren fundamental zwischen den einzelnen Bundesländern, die Schulen und öffentlichen Bildungseinrichtungen vergammeln. Wenn heute, in Zeiten wachsender und gewünschter Mobilität, der Vater in ein anderes Bundesland geht oder versetzt wird, bleiben Sohn oder Tochter im Regelfall sitzen, weil die Inhalte der Fächer in Bremen andere sind als in München, in Leipzig anders als in Freiburg.

Bildung und Schule sind seit Gründung der Bundesrepublik Ländersache. Das hat berechtigte historische Gründe. Mit zentralistischer Bildungspolitik hat Deutschland in der Vergangenheit, zumal im Faschismus, schlechte Erfahrungen gemacht. Auch die von Ostberlin gesteuerte Bildungspolitik in der DDR war misslungen.

Doch die Zeiten haben sich geändert. Die Bundesrepublik ist ein solider demokratischer Staat mit Kontakten in die ganze Welt geworden, auch im Bildungsbereich. Deutsche Schulen gibt es allenthalben, deutsche Wissenschaftler forschen und lehren in der ganzen Welt. Da fragt kein Partner nach Länderhoheit. Es wäre Krähwinkelei.

Die Länder haben zudem ihre Heilige Kuh, den Bildungsföderalismus, in der Vergangenheit allzu oft geschlachtet. Wann immer es um Schulneubau oder Modernisierungen von Bildungseinrichtungen ging, hielten sie gern die Hände auf, um die nicht unbeträchtlichen Gelder des Bundes zu empfangen. Inhaltlich aber sollte alles beim alten bleiben. Hinzu kamen lächerliche Diskussionen um die Dauer des Gymnasiums in Bayern und anderswo, also G8 oder G9. Jeder halbwegs im Bildungssystem Erfahrene aber weiß, dass nicht die Anzahl der Jahre über das Niveau von Bildung entscheidet, sondern die zu vermittelnden Inhalte und die Qualität der Lehrenden. Verwirrung stiftete obendrein die Einführung unausgegorener pädagogischer Theorien in die Schulen, etwa die Methode ›Schreiben nach Gehör‹: ein Unding, das nur Fehler beim Schreiben produzierte. Ähnlich unsinnig war und ist die Abwahl mehrerer Fremdsprachen in den Schulen und die Konzentration auf das Englische. Jeder in Spracherwerbsforschung und Sprachenvermittlung Tätige hingegen weiß, dass das Gehirn beste Voraussetzungen für Mehrsprachigkeit bietet und die Kompetenz in mehreren Sprachen auch vorteilhaft für andere Lernprozesse ist und damit Berufschancen eröffnet. Einsprachigkeit oder die Beschränkung auf das Englische als einziger Fremdsprache sind weltweit die Ausnahme, also heilbar!

Der neueste Coup im Chaos der Bildungspolitik ist die Forderung im Zusammenhang mit dem Digitalpakt, alle Schülerinnen und Schüler sollten ›vernetzt‹ sein, um digitales Lernen zu ermöglichen. Deutschland gewänne derart einen Platz in der oberen Klasse der Bildungspolitik weltweit und würde didaktisch-methodische Rückständigkeit überwinden, lauten die Parolen der Befürworter. Sind sie glaubwürdig?

Sie sind vor allem ein riesiges Projekt für die digitale Industrie. Sie sieht gewaltige Investitionen und Absatzmöglichkeiten und erwartet enorme Gewinne. So war es, vor Jahrzehnten, mit der Anschaffung von Sprachlaboren in Schulen und Universitäten: Sie sollten das Lernen von Fremdsprachen erleichtern und verbessern und standen, bereits wenige Jahre später, als Investitionsruinen da. Übrigens auch deshalb, weil sich die für die neue Technologie entwickelten Lernprogramme als unbrauchbar und niveaulos herausstellten. Das Gespräch zwischen Lehrenden und Lernenden, also zwischen Lehrer und Schüler, erwies sich als bedeutender und gewichtiger als der vieldeklarierte ›Dialog Maschine-Mensch‹ und die Reduzierung der Rolle des Lehrenden auf einen bloßen ›Lernbegleiter‹. Die damalige Entwicklung, so unsere Prognose, wird auch das Schicksal einer forcierten und übereilten Einführung digital gesteuerter Lernprozesse sein. Der Computer hat im Unterricht eine Hilfsfunktion beim Bereitstellen von Daten, mehr nicht. Eigenständiges und kritisches Denken fördert er nicht, sondern verhindert es eher.

Die Befürworter digitaler Lernprozesse in Schulen, Hochschulen und Einrichtungen der Erwachsenenbildung verweisen dabei gern auf die Erfolge der Forschungen zur Künstlichen Intelligenz (KI). So seien bereits jetzt die Algorhythmisierung und Automatisierung bei der Strukturierung von Arbeitsabläufen, bei Operationen in der Medizin oder bei selbstreflexiver Fortbewegung – Stichwort: fahrerlose Steuerung von Autos – weit verbreitet und würden täglich besser. Unterschlagen wird dabei, dass trotz jahrelanger und mit Milliarden von Euro geförderter Forschung, die Erfolge bescheiden sind, etwa beim Sprachenlernen oder automatischer Übersetzung einer Sprache in eine andere. Mehrfach gegliederte Sätze, Wörter mit mehreren Bedeutungen (Homonyme) oder verschiedene Wörter mit ähnlicher Bedeutung und Verwendungsmöglichkeit (Synonyme) stellen automatische Übersetzermaschinen vor unlösbare Probleme. Die Apologeten sind daher in jüngster Zeit in ihren Prognosen auch leiser geworden. Das Postulat, in absehbarer Zeit werde die Forschung zur Künstlichen Intelligenz das menschliche Gehirn in seiner Leistung ein- und überholen, wird kaum noch geäußert, es sei denn, der Mensch wäre bereit, im Dialog mit der Maschine auf deren Niveau herabzusteigen. Intelligenz wäre dann nur noch ein Restbestand dessen, was vor einigen Jahrzehnten darunter verstanden wurde. Ein Name aber ist dafür bereits gefunden: ›Funktionale Intelligenz‹.

Im Kern aber ist der Disput um das Pro et Contra der Digitalisierung im Bildungssystem in Deutschland die Frage, welche Inhalte in Zukunft in unseren Bildungsanstalten vermittelt werden sollen. Sind es jene, die die Computerprogramme zulassen oder ermöglichen, oder ist der Anspruch ein weit umfangreicherer?

Er muss es sein, um die Zukunft einer humanen und solidarischen Gesellschaft zu sichern. Wir stellen fest, dass sich die deutsche Gesellschaft – wie jene aller anderen Staaten – in den letzten Jahren dramatisch auseinander entwickelt hat und dass Populisten und Hassprediger an Einfluss gewonnen haben. Sie bedienen sich dabei technischer Medien, insbesondere der asozialen Netze, die sich gern ›sozial‹ nennen. Wie heutzutage in diesen Medien polarisiert und diskriminiert wird, übersteigt jedes vertretbare Maß und hat die Verbalinjurien der Stammtische landesweit verbreitet – bis in die bürgerliche Klientel hinein. Die Sprachverrohung schreitet allenthalben voran. Zudem werden, auch von sprachwissenschaftlicher Seite, falsche Signale gesendet: so bei der Genderdebatte und bei der Hinnahme von Vulgarisierungen unter dem Motto: ›Sprache verändert sich!‹ Nein: Sie verändert sich nicht, sie ist kein Passivum, sondern wir, die Menschen, verändern sie. Wir sind die Akteure, kein Automat oder Anonymus!

Die Ursache all dieser Fehlentwicklungen ist der gravierende Mangel an Wertmaßstäben und humanistischer Bildung, der die Gesellschaft prägt und keineswegs nur die jüngere Generation. Begleiterscheinung dieser katastrophalen und die Demokratie gefährdenden Unbildung ist die allgemeine Geringschätzung der Geisteswissenschaften an den Hochschulen und der philologisch-philosophischen Fächer, die Musik einschließend, in den Schulen bei gleichzeitiger Überschätzung der sogenannten MINT-Fächer, also der Fächer Mathematik, Ingenieurwesen, Naturwissenschaften und Technik, weil sie bessere Berufschancen böten. In den Fächern Deutsch, Fremdsprachen, Geschichte, Philosophie, Musik und Gesellschaftskunde aber werden Wertekonzepte, Identitätsprobleme und ein umfassendes Wissen über Geschichte, Kulturen, Kreativität, Denken und Bewusstsein vermittelt. Fehlen freilich diese Lehrinhalte oder schwächeln sie auch nur zeitweise, nimmt die Gesellschaft insgesamt Schaden. In diese Lücke stoßen die selbsternannten Heilsbringer und Rattenfänger, die mit Lügen und Versprechen orientierungslose Menschen manipulieren.

Darum geht es: In deutlichem Gegensatz zu den Bildungsinhalten der jüngsten Vergangenheit, die ein technizistisches Menschenbild unter intensiver Nutzung technischer Medien favorisierten, muss ein umfassendes Bildungskonzept entworfen werden, das wertorientiert und humanistisch geprägt ist sowie solidarisches Handeln fördert. Eine der Konsequenzen dieser bisherigen einseitigen und weitgehend wertfreien Bildung – im eigentlichen Sinne eher eine Ausbildung und Einpassung in Produktionsprozesse – ist das Auseinanderdriften der Gesellschaft bei gleichzeitigem Erstarken der Ränder, wo Populisten ihre Chance wittern. In nuce: Dumme und Verblendete sind empfänglicher für Hassbotschaften und Heilsversprechen.

Gelingt dieser radikale konzeptionelle Umschwung, folgt die Frage der Umsetzung, also der Didaktik. Sie muss selbstständiges Lernen und kritisches Denken entwickeln und fördern. Entscheidend dafür ist der Dialog von Lehrenden und Lernenden unter Führung des Lehrenden, wie es einst Wilhelm von Humboldt für die Universitäten gefordert hat. Diese neuerliche Aufwertung des Lehrenden ist das gerade Gegenteil einer Position, die da lediglich einen ›Lernbegleiter‹ sieht.

Digitale Medien spielen bei diesem Lernprozess eine Rolle, nicht mehr: Sie sind Mittel zum Zweck, nicht Ziel und schon überhaupt nicht ein Wert an sich.

 

Götze Lutz

Prof. Dr. Lutz Götze, geb. 1943, von 1992 bis 2008 Professor für Deutsch als Fremdsprache an der Universität des Saarlandes, seit 2008 Professor im Ruhestand. Vertrauensdozent der Friedrich-Ebert-Stiftung, Ehrenvorsitzender des Sprachenrates Saar. Mitglied des P.E.N. International.

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.