von Herbert Ammon

Alles hängt mit allem zusammen: Die durch das Karlsruher Urteil verhinderte Umschichtung der 60 Corona-Milliarden und die Lockerung der Schuldenbremse, Lindners Kehrtwendung beim Thema Schuldenbremse und Kubickis Kreuzfahrt-Bekenntnis zum liberalen Glaubenssatz solider Staatsfinanzen, der frühe Wintereinbruch – vor dem globalen Klimawandel in unseren Breiten völlig normal –, die wegen Greta Thunbergs BDS-Bekenntnis – vorerst – in eine Krise geratene deutsche Klimarettung, die anhaltende Asylkrise, die Sorge der Grünen-Parteispitze um die Ampel und grünen Machtverlust angesichts der ewig jugendlichen, von grenzenloser Moral beseelten Parteibasis, der Rücktritt der EKD-Vorsitzenden Annette Kurschus und die Erosion der Kirchen in der postchristlichen Gesellschaft.

Kritiker mögen diese Assoziationskette für weit hergeholt, für gedankliche Willkür halten: Was haben die Aufhebung der grundgesetzlichen Schuldenbremse, der frühe Winter mit der Krise der Kirchen zu tun? Den roten Faden liefert der politisch aufgeladene Begriff von Moral. Der Reihe nach: Aufgrund des Urteils des BVerfG fehlen der Ampel mindestens 60 Mrd. Euro in ihrem Haushalt, die durch vorläufige – vorläufig bis zur angestrebten Änderung des Grundgesetzes – Aussetzung der Schuldenbremse ersetzt werden sollen. Keine Milchmädchenrechnung, sondern schlichtes Faktum: Die Ausgaben für ›Geflüchtete‹/›Flüchtende‹ (a.k.a. Migranten) belaufen sich im Jahr 2023 auf 27,6 Mrd. Euro pro Jahr, davon 10,7 Mrd. für die sinnvolle, aber offenkundig wenig erfolgreiche Bekämpfung von Fluchtursachen.

(https://de.statista.com/statistik/daten/studie/665598/umfrage/kosten-des-bundes-in-deutschland-durch-die-fluechtlingskrise/)

Das reicht Aktivisten – vorneweg die Jugendbasis der Grünen – natürlich nicht aus, denn ihre Forderung nach offenen Grenzen für alle erfordert einfach höhere Summen. Zwar widersetzten sich auf dem Grünen-Parteitag in Karlsruhe Habeck, Ricarda Lang und selbst Göring-Eckardt der junggrünen Globalmoral, aber an den Fakten wird sich hierzulande wenig ändern – ein paar Abschiebungen mehr bestätigen nur die bestehende Praxis.

Kaum anders als die von unfehlbarer Moral getragene grüne Jugend äußerte sich unlängst noch die inzwischen wegen innerkirchlich noch ungeklärter Fragen zur Sexualmoral – wieviel Bisexualität im Blick auf die LGBTQ-Bewegung einerseits und auf 1. Korinther 6, 1-11 andererseits christlich vertretbar sei – zum freiwilligen Amtsverzicht genötigte Kirchenchefin Kurschus. In einem – vor Bekanntwerden der protestantischen Missbrauchsgeschichte – in der FAZ publizierten Interview bekannte sie sich zur Klimarettung und zu United4Rescue – das Schiff ›Humanity‹ liegt derzeit wegen fehlender Spendengelder für Diesel aus Deutschland im Hafen von Syrakus fest –, zur Nächstenliebe zu den nicht zuletzt wegen des katastrophalen Klimas in subtropischen, tropischen, ariden, alpinen und sonstigen Zonen übers Mittelmeer zu uns (in ›unser reiches Land‹) flüchtenden Migranten. (Siehe dazu) Erwähnt sei noch, dass sie auch eine Streichung der Kompromissformel von § 218 (»rechtswidrig, aber unter bestimmten Umständen straffrei«) und eine Ausweitung der Fristenregelung auf fünf Monate propagierte.

Die Ex-Kirchenchefin interpretierte ihren Rücktritt als persönliches Opfer, um Schaden von der Kirche abzuwenden. An derlei Apologie nahm der Facebook-Autor Reinhard Klingenberg – vor seiner Ausbürgerung aus der DDR Anfang der 1980er Jahre Vikar in Thüringen – Anstoß. Er frage sich, was das für eine christliche Grundhaltung sei. Kurschus habe jahrelang den Missbrauch unter den Teppich gekehrt. Daraufhin meldete sich ein anderer Facebook-Freund zu Wort. Ihm missfiel, dass Kurschus dem Rest des Landes habe vorhalten wollen, wie viele Flüchtlinge aus Afrika wir noch aufzunehmen hätten. Brett-vorm-Kopf-unter-Strom und Kurzschluss seien leider typische Vertreter einer Kirche, die das eigentliche Ziel aus den Augen verliert: Seelsorge und Hilfe für die hier lebenden Menschen statt Rettungsschiffe für das Mittelmeer zu kaufen.

Klingenberg wies derlei Polemik zurück als ein seltsames christliches Verständnis, was der andere da propagiere. Nächstenliebe kenne keine Grenzen und wir hätten nur eine Welt, usw. Sodann das säkulare, protestantisch-pietistisch eingefärbte Confiteor: »An den Krisen dieser Welt haben wir (!) ja selber einen nicht unerheblichen Anteil.« Am Ende traf der Bannfluch den ungläubigen Facebook-Genossen: »Was Du da verkündest(,) ist AFD-Geschwurbel und Trumpismus!«

Der frühere Vikar ist – stellvertretend für manch andere Protagonisten schlichter Gesinnungsethik – an die im Gefolge der ›Flüchtlingskrise‹ anno 2015 von dem Theologen Richard Schröder (SPD-Vorkämpfer der deutschen Einheit in der frei gewählten Volkskammer 1990) vorgetragene Kritik an grenzenloser Migration zu erinnern. Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lukas 10, 25–37) explizierend, betonte Schröder wiederholt Pflicht und Grenzen christlicher Hilfeleistung.

(Siehe dazu und https://www.nzz.ch/international/ungerechte-seenotretter-theologe-richard-schroeder-im-interview-ld.1504989)

Selbst die Ex-Kirchenchefin musste im erwähnten Interview einräumen, dass die Nächstenliebe – sprich Aufnahmebereitschaft – bei einer ›Selbstaufgabe‹ an ihre Grenze stoße.

In dem Facebook-Disput ging es auch um die laut Klingenberg unzulässige Verknüpfung von sexuellem Missbrauch und der Flüchtlingsproblematik. Tatsächlich besteht ein Zusammenhang in der – nicht nur – protestantischen Psychologie: Der Anspruch auf absolute Moral schützt – bis zum peinlichen Nachweis der Verfehlung der Wirklichkeit – vor Selbstzweifel.

Unter Bedford-Strohm und unter Kurschus an der Spitze der EKD wurden die von Richard Schröder verantwortungsethisch definierten Grenzen christlicher Moral verwischt. Was kommt nach Kurschus?