von Jörn Boewe

In schwierigen Zeiten wird viel gezweifelt, aber mehr noch geglaubt.
Christoph Jünke über den Neostalinismus als moderne Religion.

 Christoph Jünke: Der lange Schatten des Stalinismus, Köln/Karlsruhe
(Neuer ISP-Verlag) 2007, 207 S.


»Das ideologische Gebäude des Stalinismus ist gesprengt worden«, schrieb Isaac Deutscher 1967, »aber nachdem seine Fundamente erschüttert wurden, sein Dach hinweggefegt wurde und seine verkohlten Mauern einzustürzen drohten, steht das Gebäude noch immer; und die Menschen sollen weiterhin in ihm leben.« Mit »Der lange Schatten des Stalinismus« hat Christoph Jünke ein Buch vorgelegt, das einigen Leuten nicht gefallen dürfte, aber an dieser Stelle dennoch empfohlen werden soll. Wer in den Trümmern der stalinistischen Ideologie gefangen bleibt - das ist Jünkes Grundthese - ist nicht nur unfähig, zu den geistigen Quellen der kommunistischen Bewegung durchzudringen, sondern wird auch zum Sozialismus des 21. Jahrhunderts nichts beitragen können außer Konfusion.

Kein Zufall, dass Jünke dieses Thema ausgerechnet jetzt anpackt. In Teilen der Linken ist es wieder en vogue, zu behaupten, »Stalinismus« wäre nichts als ein antikommunistischer Kampfbegriff - ganz so als wäre nicht ein reales geschichtliches Phänomen das Problem, sondern lediglich seine propagandistische Instrumentalisierung durch die Bourgeoisie.

Jünke erinnert an historische Fakten: Mit seinen Schauprozessen und »Säuberungen« hat der Stalinismus die kommunistische Bewegung nicht nur physisch dezimiert. Er hat auch das marxistische Denken langfristig beschädigt und sorgt bis heute für Verwirrung. Die halbherzige »Entstalinisierung« nach dem Abtreten des Vaters aller Werktätigen die Deutscher beschreibt, beruht auf der naiven Illusion, dass, wenn man vom stalinistischen »Marxismus-Leninismus« den »Personenkult« und Terror abziehe, man wieder bei Lenin ankäme.

Das ist nicht der Fall. Denn - darin haben die Anhänger Stalins völlig recht - der Stalinismus hat den Marxismus, gerade auch den Marxismus Lenins, auf eine eigenständige Weise weiterentwickelt; man ist versucht zu sagen: bis zur Unkenntlichkeit. Der sich ab 1926/27 als Reaktion auf die Niederlagen der Revolution im Westen und der Erschöpfung und Atomisierung der sowjetischen Arbeiterklasse entfaltende »Marxismus-Leninismus« war eine Weiterentwicklung des Leninschen Denken in einem vergleichbaren Sinne, wie Kautskys Einschwenken auf die Linie der »Vaterlandsverteidigung« 1914 eine »Weiterentwicklung« des orthodoxen Marxismus der II. Internationale war: Eine spezifische Variante der, von Georg Lukacs als für die imperialistische Epoche als charakteristisch analysierten, »Zerstörung der Vernunft« - in den großen, bürokratisierten Apparaten der Arbeiterbewegung. Dass diese tiefgehende Beschädigung des marxistischen Denkens in der Linken bis heute erstaunlich unreflektiert geblieben ist, ist eine direkte, langandauernde Folge dieser Zerstörung. »Der Marxismus unterliegt in seiner eigenen Geschichte jenen Entwicklungsbedingungen, die er erklärt«, schrieb Victor Serge 1939. »Er kann sie nur in geringem Maße überwinden, da jedes Bewusstsein Wirkung ist, bevor es Ursache werden kann und an bereits bestehende soziale Bindungen gebunden bleibt.«

Das 21. Jahrhundert ist nicht mehr taufrisch, die Linke bekommt - kaum zu glauben nach den Katastrophen des 20. Jahrhunderts - langsam wieder Wind unter die Flügel, aber sie schleppt, in Teilen, eine regressive Ideologie mit sich herum, die revolutionäre Sozialisten im 19. Jahrhundert, sagen wir, zur Zeit der Pariser Kommune, für obskur, wenn nicht reaktionär gehalten hätten. Im Windschatten eines breiten Unbehagens mit den neoliberalen Durchmarsch der vergangenen anderthalb Dekaden, wiedererwachenden Interesses an sozialistischen Ideen, erlebt - so Jünke - »in der Beschönigung und geschichtsphilosophischen Rechtfertigung seiner Verbrechen der historische Stalinismus zurzeit eine politisch-theoretische Auferstehung«. Die quasi-religiöse Komponente des Phänomens ist offenkundig. Wie der 2006 verstorbene ostdeutsche Historiker Manfred Behrend in einem Kapitel von Jünkes Buch bemerkt: »Die Zeit großer Erschütterungen ist zugleich eine Zeit, in der nicht nur viel gezweifelt, sondern auch viel geglaubt wird. Glauben aber lassen sich Legenden und Märchen, nicht die Wahrheit.«

Jünke legt sich vor allem mit zwei Vordenkern des neuen Trends an, den Italienern Domenico Losurdo und Luciano Canfora. Beider Bücher sind mittlerweile auch in deutscher Sprache in beachtlichen Auflagen erschienen. Losurdos zentrale These lautet mehr oder weniger, dass es unter Stalin zwar Diktatur, Terror und Verbrechen gegeben habe, man das Ganze aber im Kontext eines omnipräsenten »Dritten Weltkrieges« relativieren müsse. Jünke hält mit Marx dagegen, dass die die Menschen ihre Geschichte selbst, wenn auch unter vorgefunden, nicht selbst gewählten Bedingungen. Losurdo, so Jünke, löse die » in dieser Formulierung enthaltene Spannung« auf, »indem er sich im Folgenden ausschließlich über die nicht selbst gewählten Bedingungen auslässt«. Losurdos Passmann Canfora machte Furore mit seiner 2006 auf Deutsch nach heftigen Turbulenzen erschienenen »Kurzen Geschichte der Demokratie«. Im Original heißt das Buch »Storia di un'ideologia«, und viel mehr ist die Demokratie für Canfora auch nicht: Ein einziger Betrug der Bourgeoisie an den minderbemittelten Klassen und ergo für den Aufbau des Sozialismus obsolet. Rosa Luxemburgs Gedanke, es sei eine »offenkundige, unbestreitbare Tatsache, dass ohne freie, ungehemmte Presse, ohne ungehindertes Vereins- und Versammlungsleben gerade die Herrschaft breiter Volksmassen völlig undenkbar ist«, ist Canfora ganz und gar fremd.

Jünke besteht dagegen auf den Kerngedanken des klassischen Marxismus, dass die Befreiung der Arbeiterklasse nur das Werk der Arbeiterklasse selbst sein kann und rekurriert hier auf Denker wie Isaac Deutscher, Leo Kofler, Lucio Colletti, Manfred Behrend, Boris Kargalitsky, Georg Lukacs. Letzterer läuft in seinem bei Jünke zitierten politischen Testament »Sozialismus und Demokratisierung« (1968) zur Hochform auf, wenn er den Grundwiderspruch aller poststalinistischen Reformversuche konstatiert: »Auf der einen Seite will die zentralplanende Bürokratie auf ihre absolut führende Rolle nicht verzichten, obwohl es sich bei jeder näheren Untersuchung zeigt, wie wenig die von ihr gestellten Kriterien, Aufgaben, Kontrollmittel etc. mit einer echten, die wirklichen Bedürfnisse der Menschen befriedigenden Produktion zu tun haben. Man schreckt dabei sogar vor formellen ›Modernisierungen‹ nicht zurück, wenn sie bloß das alte Wesen unberührt lassen. Es gab z.B. Vorschläge, dass der bisherige oder kaum ausgebesserte Apparat mit kybernetischen Maschinen versehen werden sollte, um die Berechnungen exakter zu vollziehen; als ob ein von Grund auf falscher Mechanismus dadurch richtig verbessert werden könnte.«

Das ungefähr wäre das intellektuelle Niveau, dem sich die Linke wieder annähern müsste: »Die Zeiten verlangen nicht nach Mäßigung«, schreibt Jünke, »sondern nach Radikalität.« Altgläubige wird sein Buch kaum beeindrucken. Wie der Simmel-Schüler Carl Christian Bry 1925 schrieb, kann »jede verkappte Religion« nur »durch eine andere« beseitigt werden, » nie aber durch Logik«. Sei`s drum: »Nach jeder Niederlage sollte man sich den Staub von den Knien bürsten und fröhlich und erhobenen Hauptes weitermarschieren«, zitiert Jünke den britischen Marxisten Edward P. Thompson, und fügt hinzu: »Doch was heißt dies heute und in Bezug auf unser Thema?« Eine Antwort gab Kurt Tucholsky im Dezember 1935 in seinem Abschiedsbrief an Arnold Zweig, fünf Tage, bevor er sich umbrachte und wenige Wochen vor Beginn des ersten Moskauer Prozesses: »Man muss von vorn anfangen, nicht auf diesen lächerlichen Stalin hören, der seine Leute verrät, so schön, wie es sonst nur der Papst vermag.«

Das Problem ist, dass man nach historischen Katastrophen nicht wirklich wieder von vorn anfangen kann - man ist praktisch immer mittendrin. Man muss also, wie der Franzose Daniel Bensaid, schreibt, »jenseits von Ideologie in die Tiefe der historischen Erfahrungen eintauchen, um den Faden einer, unter den angesammelten Niederlagen begrabenen, strategischen Debatte wieder aufzunehmen.« Und so wird es noch einige Zeit dauern, bis das marxistische Denken wieder, sagen wir, das Niveau der Kommunistischen Internationale unter Lenin erreicht haben wird. Ob dies dann ausreicht, die Probleme des Sozialismus im 21. Jahrhundert zu lösen, steht auf einem anderen Blatt.

 

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