139 plus minus eins

von Christoph Jünke

 Es gibt nur wenige Fragen, die die menschliche Vorstellungskraft in solche Höhen und Tiefen zu treiben vermögen wie die Frage nach dem Sinn des Lebens. Und doch stellt sie sich als ewige, als zutiefst menschliche Frage realiter nicht jeden Tag. Im Alltagstrott nicht sehr beliebt, drängt sie sich in den Zeiten individueller wie kollektiver Krisen, in Zeiten des individuellen wie kollektiven Bruchs und Überganges geradezu auf. Ob individuell oder kollektiv, ob in der Pubertät, der Midlife-Krise, vor dem Lebensabschluss oder in Zeiten passiver wie aktiver revolutionärer Gesellschaftstransformationen: »Die große Sinnfrage taucht meist in Zeiten auf, in denen bislang als gesichert geltende Rollen, Überzeugungen und Konventionen in eine Krise geraten.«

 

Terry Eagleton: Der Sinn des Lebens, Berlin (Ullstein) 2008, 160 Seiten

Terry Eagletons Feststellung ist auch dort zuzustimmen, wo er weitergeht und den historisch-konkreten Wurzelgrund zeitgenössischer Debatten aufzeigt. So betont er, dass sich die Frage nach dem Sinn des Lebens heutigen Gemütern nicht zuletzt deswegen aufdrängt, weil die traditionellen Sinnstifter Religion, Kultur und Sexualität im Zuge der kapitalistischen Modernisierung an Substanz, Zentralität und Bedeutung verloren haben. Dies »waren genau die Bereiche, an die sich die Menschen traditionell wandten, wenn sie nach Sinn und Wert ihres Daseins fragten«, doch: »Je mehr Kultur, Religion und Sexualität gezwungen waren, als Ersatz für den Schwund der Werte im öffentlichen Bereich zu fungieren, desto weniger waren sie in der Lage dazu.«

Dass es ausgerechnet »dieser schreckliche Eagleton« – wie ihn niemand geringeres als Prinz Charles einstmals beschimpfte –, dieses enfant terrible der britischen Kultur- und Literaturwissenschaften ist, der sich der großen Frage gerade heute stellt, auch dies hat natürlich seine immanente Logik. Denn der einstige Vordenker der britischen Neuen Linken – schon immer ein radikales Leuchtfeuer im universitären Elfenbeinturm des Oxforder Establishments – hat sich auf seine alten Tage und unter dem offensichtlichen Einfluss der weltpolitischen Wendungen postmodern-neoliberaler Zeit jenen »metaphysischen« Fragen zugewandt, die auf der Linken gerne links oder rechts liegen gelassen werden. Es sind die großen Themen von Tod und Teufel, Tragik und Gewalt, Wahrheit und Moral, Ethik, Religion und Terror, denen sich Eagleton in seinen letzten Büchern bevorzugt zugewandt hat. Mit einer Leichtigkeit des Schreibens, die man nur beneiden kann, und ohne jeden Abstrich an seinen radikal-sozialistischen Überzeugungen veröffentlicht er jedes Jahr mindestens eines seiner in der angelsächsischen Welt viel beachteten Bücher. Zeitgleich mit der deutschen Übersetzung vom Sinn des Lebens ist auf Englisch eine umfangreiche Studie zur Ethik erschienen und für den Sommer 2009 bereits eine Studie über Religion und Revolution angekündigt. Und was er zu sagen hat – sei es in den anderen Büchern, sei es im Sinn des Lebens –, ist nicht nur im besten Sinne gelehrt, sondern mehr noch mit einem intellektuellen und sprachlichen Genussgewinn verbunden, der seinesgleichen sucht.

Es ist kein l’art pour l’art, wenn sich Eagleton den größten Teil seines gar nicht so umfangreichen Büchleins auf eine mit bester britisch-irischer Ironie gespickte besinnliche Reise durch Philosophie und Populärkultur begibt. Ist die Frage nach dem Sinn des Lebens überhaupt eine ernste Frage? Kann es so etwas wie einen Sinn oder eine Bedeutung überhaupt geben? Und selbst wenn es eine Antwort gibt, können wir sie denn erkennen? So lustig wie ernst räumt er einen Modeeinwand nach dem anderen aus dem Felde und verteilt dabei – ganz er selbst – glänzende Watschen vor allem gegen Liberale und Postmodernisten.

Ja, so sein Fazit: Es gibt einen Sinn des Lebens. Und der gilt für alle Menschen, weil er gleichsam anthropologisch vorherbestimmt ist. Die Welt erhält ihren Sinn nicht wie die landläufige Entgegenstellung behauptet entweder von Gott oder ist gänzlich zufallsbestimmt: »Der Kosmos ist vielleicht nicht bewusst entworfen worden und will uns höchstwahrscheinlich nichts Bestimmtes sagen, aber er ist auch nicht nur chaotisch. Im Gegenteil, die Gesetze, die ihm innewohnen, zeigen eine Schönheit, eine Symmetrie und eine Ökonomie, die Wissenschaftler zu Tränen rühren können.« »Sinn und Bedeutung kommen sicherlich vom Menschen, aber sie entstehen im Dialog mit einer Welt, deren Gesetze nicht der Mensch erfunden hat, und wenn Bedeutungen Geltung haben sollen, müssen sie die Körnung und Textur dieser Welt beachten. Aus dieser Erkenntnis erwächst eine gewisse Demut, die nicht zu dem konstruktivistischen Axiom passt, wonach wir der alles entscheidende Faktor für Sinn und Bedeutung sind.« Eagleton verwirft die Vorstellung als Illusion, der vereinzelte Einzelne könnte den Sinn seines Lebens selbst bestimmen, denn wir Menschen sind »immer schon tief in Sinn und Bedeutung getaucht. Wir sind durchwebt von den Sinnvorstellungen und Bedeutungen anderer Menschen – Bedeutungen, die wir niemals selbst gewählt haben und die dennoch den Rahmen bilden für unser Verständnis von uns selbst und der Welt.«

Weder zufällig noch vorherbestimmt, mehr kollektiv als individuell – was also ist der Sinn des Lebens? Sind es Macht und Begehren, Ehre und Wahrheit, Lust, Freiheit oder Vernunft, Staat oder Nation und was dergleichen mehr hier zu nennen wären? Nein, all dies sind vor allem eins – Mittel zum Zweck. Doch der Sinn des Lebens ist eine Zielvorstellung. Und selbst Liebe und Glück gehören in die Kategorie der Mittel – obwohl sie dem Sinn des Lebens am nächsten kommen (insofern sie ihren Mittelcharakter abstreifen). Der Sinn des Lebens liegt aber nicht in der Verselbstständigung der Mittel, er liegt »im gemeinsamen Ziel der Menschen«. Und trotzdem ist er keine esoterische Weisheit, sondern eine Lebensweise, keine Metaphysik, sondern eine Ethik.

Es verbietet sich dem Rezensenten, die Lösung des Problems zu verraten, denn auch für dieses Buch gilt, was für das Leben als solches gilt. Es kommt zwar auf das an, was unten, bzw. am Ende herauskommt. Nichts desto trotz erweist sich der Weg als ein Teil dieses Zieles. Soviel immerhin lässt sich verraten: Ist bei dem famosen Douglas Adams (Per Anhalter durch die Galaxis) die berühmt-berüchtigte Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens die »42«, ist es bei Terry Eagleton die »139«, die Seite 139 – plus minus eins.

Eagletons Buch ist ein unbedingtes Muss nicht nur für alle, die immer schon mal wissen wollten, was der Sinn des Lebens ist, sondern auch für jene, die wissen wollen, was marxistisches Philosophieren auf der Höhe seiner Zeit ist.

 

 

 

Jünke Christoph

Christoph Jünke ist Historiker und politischer Publizist. Seine Arbeitsgebiete liegen in der Geschichte des 20. Jahrhunderts, der Zeitgeschichte, der Geschichte sozialer Bewegungen und der politischen Ideengeschichte.

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