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von Rüdiger Henkel

Nachdem der Pulverdampf des Wahlkampfes verraucht ist, der Staub sich gelegt hat und die endgültigen Ergebnisse der Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg vorliegen, bleibt die Frage offen, warum sich so viele Bürger vom demokratischen deutschen Staat entfernt haben und entweder überhaupt nicht zur Wahl gegangen sind oder AfD bzw. die Linkspartei gewählt haben. Es gehört nicht viel Scharfsinn zu der Feststellung, dass sich viele Deutsche in diesem Land unbehaglich fühlen und ihnen ihre gewohnte Umgebung in vieler Hinsicht fremd geworden ist. Woran liegt das?

Stellen wir uns einen fiktiven Maurermeister Schulze vor, inzwischen Altersrentner, der irgendwo in Deutschland lebt, egal in welchem Bundesland. Materielle Sorgen hat er nicht und mit seinen Wohnverhältnissen ist er zufrieden. Wenn er am Sonntag mit seiner Frau auswärts zum Essen gehen will, hat er zwar die Wahl zwischen italienischen, griechischen, kroatischen, türkischen und verschiedensten asiatischen Restaurants, findet jedoch nur mit Mühe eine gute deutsche Gaststätte, in der er Rheinischen Sauerbraten, Thüringer Klöße, Rindsroulade mit Rotkohl, überhaupt die gewohnten einheimischen Gerichte bekommt.

Hält das Paketauto der Deutschen Post vor Herrn Schulzes Haustür, so stehen an der Seitenwand in großen Buchstaben die Worte: „Excellence. Simply Delivered. DHL“ Was das heißt, weiß er nicht, der Paketbote in der Regel auch nicht.

Seine beachtlichen Ersparnisse hat Herr Schulze einem Sparbuch anvertraut sowie in Festgeldbeträgen angelegt. Am Jahresende ist er erstaunt und empört, dass auf seinen Sparkonten weniger Geld liegt, als er eingezahlt hat. Der Sinn von Minuszinsen erschließt sich ihm nicht.

Eigentlich schaut sich Herr Schulze, der außer der Zeitung und Gebrauchsanweisungen nur selten längere Texte liest, gerne Fernsehsendungen an. Doch langsam registriert er, dass alleine die öffentlich-rechtlichen Sender zum Wochenende durchschnittlich zwanzig Kriminalfilme anbieten, in denen es ausschließlich um Mord und Totschlag geht. Die einschlägigen Darbietungen der Privatsender kommen noch hinzu. Obwohl Morde in der Kriminalstatistik, verglichen mit Diebstählen, Unterschlagungen und Betrügereien, verhältnismäßig selten sind, hat er inzwischen den Eindruck gewonnen, dass brutale und skrupellose Gewalttäter das Leben in Deutschland prägen. Was die zuständigen Programmbeiräte der einzelnen Sendeanstalten unternehmen, um diesen unzutreffenden Eindruck zu widerlegen, weiß niemand genau.

Als Tourist fährt Herr Schulze für vier Tage mit der Deutschen Bahn nach Berlin. Der Zug kommt mit erheblicher Verspätung an. ›Das ist normal‹, sagen ihm andere Fahrgäste. Während seines Aufenthaltes in der Stadt gleichen die Fahrten mit der S-Bahn einem Lotteriespiel, besonders wenn er zu Stationen an der Peripherie der Stadt unterwegs ist. Manchmal fahren bestimmte Züge, manchmal fallen sie aus. Vorauszusehen ist das nicht. In der historischen Innenstadt Unter den Linden fahren jugendliche Touristengruppen einschließlich Reiseleiter mit den neuerdings zugelassenen elektrischen Tretrollern auf den Bürgersteigen. Passanten, die zu Fuß unterwegs sind, fühlen sich verunsichert. Separate Spuren für das neue Fortbewegungsmittel gibt es nicht, klare Regeln, an die sich alle halten können, auch nicht. Folglich kann niemand für Ordnung sorgen.

Am Wochenende erhält Herr Schulze Besuch von seinem ältesten Enkel. Der junge Mann will im kommenden Jahr sein Abitur machen und wird es wohl auch bestehen. Was er aus dem Schulalltag erzählt, irritiert Herrn Schulze, um es gelinde auszudrücken. Geschichte wird nicht als selbstständiges Fach, sondern im Rahmen von Unterrichtsprojekten gelehrt. Und so kommt es, dass etliche Mitschüler des Enkels meinen, Adolf Hitler habe einst die Berliner Mauer bauen lassen.

Natürlich beteiligt sich der Enkel freitags an Schulstreiks, um mehr Klimaschutz zu erreichen. Herr Schulze, lebenslang auf Großbaustellen als Polier tätig und langjähriges Gewerkschaftsmitglied, hört interessiert zu. Dann versucht er, seinem jugendlichen Gesprächspartner einige Probleme zu verdeutlichen und fängt mit den einfachsten Dingen an.

Wer übernimmt eigentlich die Haftpflicht, wenn Kinder und minderjährige Jugendliche bei diesen Demonstrationen zu Schaden kommen, anstatt sich in der Schule aufzuhalten? Wie wirken sich unentschuldigte Fehlzeiten und die Nichtteilnahme an Klassenarbeiten auf Zeugnisse und Versetzungen aus? Ein Streik kann im Berufsleben als letztes Mittel erforderlich sein, um die Arbeits- und Wirtschaftsbedingungen zu verbessern oder zu stabilisieren. Übrigens beteiligen die Gewerkschaften Auszubildende aus vielen Gründen nicht an Arbeitskampfmaßnahmen. Politische Streiks sind im demokratischen Rechtsstaat sogar ausdrücklich verboten.

Die entscheidende Frage ist jedoch: Wer kann durch den Streik von Schülern überhaupt wirkungsvoll veranlasst werden, bestimmte Gesetze zu erlassen und praktische Maßnahmen zum Klimaschutz zu ergreifen? Fazit: Schüler, die streiken, um politische Forderungen durchzusetzen, nützen niemandem und schaden ausschließlich sich selbst.

Herr Schulze bleibt nach diesem Besuch nachdenklich zurück. Was er bei seinem Enkel bewirkt hat, weiß er nicht. Dass er sich selbst engagieren muss, um diesen Staat mitzugestalten, ahnt er jedoch.

Henkel Rüdiger

Geboren 1935 in Berlin, 1954 bis 1958 in Museen der DDR tätig, danach Studium (Geschichte, Politik, Pädagogik), 1961 bis 1969 Lehrer in Frankfurt am Main, danach bis 1998 Bundesbeamter in Bonn (im Ministerium für innerdeutsche Beziehungen und im Innenministerium, zuletzt Ministerialrat). Lebt als Pensionär in Meckenheim. Interessengebiete: Geschichte ab 1750, Militärwesen, Sicherheitspolitik, Spionage, Biographien, Kunstgeschichte, Belletristik.

Publikationen (Auswahl): Möglichkeiten zur Verbesserung der Ausbildung an den Internatsschulen der IG Metall. Gutachten im Auftrag des Vorstandes der IG Metall für die Bundesrepublik Deutschland. Als Manuskript der IG Metall im November 1966 gedruckt; Rückzug ins Private. Individuelle Antworten auf den »realen Sozialismus« (1980); Die sich lossagten. Stichworte zu Leben und Werk von 461 Exkommunisten und Dissidenten (1983 unter dem Pseudonym Peter Boris); Das gebremste Lachen. Satire in der DDR (1985, Pseudonym: Peter Boris); Im Dienste der Staatspartei. Über Parteien und Organisationen der DDR. Herausgegeben von der Unabhängigen Kommission zur Überprüfung des Vermögens der Parteien und Massenorganisationen der DDR (1994); Was treibt den Spion? Spektakuläre Fälle von der »Schönen Sphinx« bis zum »Bonner Dreigestirn« (2001); Im Sog der absoluten Wahrheit. Lebenswege unter dem Einfluss diktatorischer Ideen (2003)

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.