von Christoph Jünke

Zu den erfrischenden Momenten in unserer Zeit der politischen und intellektuellen Einöde gehören jene, in denen die Medienindustrie meint, vermeintliche Minderheitenmeinungen zu Wort kommen lassen zu müssen. Ein solcher Moment schlug im Mai des letzten Jahres, als die Polit-Illustrierte Stern einen ihrer bewährten Zeitgeist-Autoren nach London sandte, um den altehrwürdigen Eric Hobsbawm zur Krise des Kapitalismus zu befragen.

Eric Hobsbawm: Globalisierung, Demokratie und Terrorismus, München (dtv) 2009, 176 Seiten

Ders.: Zwischenwelten und Übergangszeiten. Interventionen und Wortmeldungen, Köln (PapyRossa) 2009, 240 Seiten

Der 92-jährige Historiker von Weltformat ließ sich vom zynischen Spott seines deutschen Besuchers nicht irritieren und seine reiche geschichtliche Erfahrung in der Warnung vor einer neuen großen Tragödie gipfeln: »Es wird Blut fließen, mehr als das, viel Blut, das Leid der Menschen wird zunehmen, auch die Zahl der Flüchtlinge. Und noch etwas möchte ich nicht ausschließen: einen Krieg, der dann zum Weltkrieg werden würde – zwischen den USA und China.« Ein neuer Weltkrieg? Und dann auch noch zwischen den USA und China? Der für seine, wie Wikipedia zu berichten weiß, »besonders intensive Art des Interviews« sogar preisgekrönte deutsche Journalist, retournierte mit seinem ganzen Können: »Das ist doch Unsinn« und konnte auf das dann folgende souveräne »Nein« Hobsbawms abermals nur ein »Okay, das ist doch einfach absurd, dieser Gedanke!« hervorbringen. Ach, wenn er doch wenigstens die Arbeiten Hobsbawms zuvor zur Kenntnis genommen hätte... Doch auch diese Hoffnung ist wohl vergebens, schließlich geht es solchen Selbstdarstellern ja nie um die Sache selbst – das ist schon seit längerem verpönt.

Wer es anders mag und wen es interessiert, warum Hobsbawm zu solch erfrischenden Provokationen neigt, obwohl diese nicht gerade sein ureigenstes Metier sind, der kann das nun ausgiebig nachlesen. Bereits Anfang 2009 legte der kleine PapyRossa-Verlag eine feine Sammlung seiner zeithistorischen und politischen Interventionen des letzten Jahrzehnts auf. Zwischenwelten und Übergangszeiten ist eine unvollständige, aber schön aufbereitete Sammlung von Hobsbawms bereits in deutschen Zeitungen und Zeitschriften veröffentlichten Artikeln und Interviews, ergänzt um eine erste umfangreiche Literaturliste seiner bisher auf Deutsch erschienenen Veröffentlichungen, deren erste immerhin auf 1944 datieren. »Texte der Kleinen Form« nennen die Herausgeber die hier versammelten Texte, und sie beschränken sich bei ihrer Auswahl zumeist auf Texte zur zeitgenössischen Weltpolitik und biografische Interviews.

Ende 2009 zog daraufhin Hobsbawms Hausverlag nach, der renommierte dtv-Verlag, brachte die deutsche Fassung seines im Original schon zweieinhalb Jahre früher erschienenen Buches über Globalisation, Democracy and Terrorism heraus. In systematischerer Weise als in den PapyRossa-Gelegenheitsarbeiten führt Hobsbawm in dieser Essay-Sammlung seine historischen Analysen aus dem 1994/95 veröffentlichten Zeitalter der Extreme und dem 2000/2002 erschienenen Werk über Das Gesicht des 21. Jahrhunderts fort. Hier versucht sich ein Historiker mit seinem spezifischen Blick auf die langen Wellen der Geschichte den Problemen der Gegenwart zu widmen. Traditionell kein unproblematisches Unterfangen. Doch es gelingt Hobsbawm, den heute üblichen Blick auf die Gegenwart gleichsam zu verfremden. So dienen seine Interventionen der Entmystifizierung und Versachlichung einer allzu oft hysterisch anmutenden, postmodern-neoliberalen Ideologieproduktion.

Der neuen Ideologie von Frieden und Humanität hält er die Realität einer zunehmenden Gewaltförmigkeit, zunehmender sozialer Verwerfungen und moralischer Auflösungserscheinungen entgegen. Ja, das 20. Jahrhundert sei das mörderischste in der Geschichte der Menschheit gewesen, doch das Morden und die Gewalt hätten am Beginn des neuen nicht aufgehört, sondern lediglich ihre Formen und Struktur verändert. Nach außen hin, im Verhältnis zwischen den Staaten, sei es friedlicher geworden, doch die Gewalt sei nach innen gewandert. 125 Millionen vagabundierende Kalaschnikows seien Symbol dafür. Die Anzahl der Polizisten nehme weltweit und stetig zu, die Folter sei zurückgekehrt und die Wohngebiete der Bessergestellten schotteten sich paramilitärisch ab. Mit dem Verlust von sozialen Regeln und Konventionen gehe eine Verrohung der Alltagssprache einher und im Zuge der partiellen Entstaatlichung würden Krieg und Gewalt zunehmend privatisiert und demokratischer Kontrolle entzogen. So wie die Unterscheidung zwischen Zivilisten und Kriegern zunehmend schwinde, schwinde auch die Unterscheidung zwischen Krieg und Frieden und der Krieg ohne Grenzen erweise sich als neuer universeller Bürgerkrieg.

Die Ideologie eines humanitären Interventionismus entlarvt Hobsbawm mit schlüssigen Argumentationen als Menschenrechtsimperialismus und den ›Krieg gegen den Terror‹ als das Mittel einer imperialen Hegemonialmacht, die sich nicht wirklich um Demokratie und Menschenrechte kümmere, sondern um Geopolitik. »Demokratie und westliche Werte sowie Menschenrechte« so Hobsbawm, »sind keine Importtechnologien« und die liberal-demokratische Regierungsform schon lange nicht mehr das, was sie einstmals gewesen: »Partizipation am Markt ersetzt die Partizipation an der Politik; an die Stelle des Bürgers tritt der Konsument.«

Mit dem Ende der Blockkonfrontation des Kalten Krieges habe sich das internationale Machtgleichgewicht aufgelöst, ohne dass eine neue stabile internationale Ordnung in Sicht sei. Die ökonomische Globalisierung bedinge einen Strukturwandel des Nationalstaates in Richtung einer partiellen Entstaatlichung, einer zunehmenden Macht transnationaler Unternehmen, die alles tun, um sich nationalstaatlichen Grenzen und Gesetzen zu entziehen. Dies zehre nicht nur an den politischen Machtmitteln des souveränen Nationalstaates, sondern auch an der Legitimität des Staates schlechthin, denn das staatliche Gewalt- und Zwangsmonopol franse zunehmend aus, der Krieg privatisiere und individualisiere sich, und das Arsenal politischer Mechanismen befinde sich in tendenzieller Auflösung. »Wir stehen am Beginn des dritten Jahrtausends wie der legendäre Ire, der nach dem Weg nach Ballynahinch gefragt wird und nach kurzem Überlegen antwortet: ›Ich an Ihrer Stelle würde nicht von hier losgehen.‹ Aber wir können nur von hier losgehen.«

Da das Zeitalter der Imperien »ein für allemal vorbei« sei und wir »einen anderen Weg (werden) finden müssen, wie sich die globalisierte Welt des 21. Jahrhunderts organisieren lässt«, kann Hobsbawm dem Versuch Washingtons, seine welthegemoniale Rolle politisch und militärisch zu festigen, nichts Positives abgewinnen. Er hält die US-Außen- und Weltpolitik für »größenwahnsinnig« und kann für dieselbe keine vernünftige Erklärung erkennen, spricht immer wieder gar von Irrationalismus und rücksichtslosem Egoismus. Dass es der US-Politik jedoch ganz rational darum geht, die weltweite Expansion des neoliberalen Kapitalismus politisch wie militärisch abzusichern und politisch wie ökonomisch zu fördern, und dass es dieses klassenpolitische Ziel ist, das sie zur ebenso gefürchteten wie umfassend unterstützten Hegemonialmacht der Welt macht, das scheint er nicht wirklich wahrhaben zu wollen. Immer wieder finden sich hier neben kühlen Analysen staatspolitischer Interessen auch Passagen, in denen er an die Hegemonialmacht appelliert, als wäre er deren wohlwollender Politikberater. Politische Ethik ersetzt hier die kalte Analyse politisch-ökonomischer Interessen.

In dem Blick auf die langen historischen Trends dagegen gewinnen Hobsbawms Analysen ihre ganze Stärke. Wie er den Prozess globaler Vernetzung und die Verschiebung des weltwirtschaftlichen Schwerpunktes nach Asien aufbereitet, wie er darstellt, wie die Welt immer urbaner wird und die urbanen Zentren zunehmend kosmopolitischer und ethnisch vielfältiger werden, die Bauernschaft zunehmend verschwindet und die traditionelle Arbeiterschaft fragmentiert, wie er den Funktionswandel des Nationalismus verfolgt und die innere Aushöhlung demokratischer Traditionen – all dies ist beeindruckend genug. Doch wenn er diesen langen historischen Blick schließlich mit eigenen Erfahrungen mischt und beispielsweise in kleinen Episoden aufzeigt, wie sich Länder wie Norwegen oder Sri Lanka unter den Bedingungen neoliberaler Globalisierung und des ›Kriegs gegen den Terror‹ von Horten der Zivilisation in eine Alltagskultur von Angst und Blut verwandeln, lässt sich die Ergriffenheit kaum vermeiden.

Die meisten der Hobsbawmschen Analysen kommen zwar nicht ohne einen Schuss konservativer Kulturkritik aus. Doch speist sich diese eher aus den Traditionen der klassischen, radikalen Arbeiterbewegung, die er in seiner Jugend im ›Roten Wien‹ der Zwischenkriegszeit gleichsam mit der Muttermilch aufgesogen, und im roten Berlin Anfang der dreißiger Jahre entfaltet hat. Der Kulturhunger der nachdrängenden Schichten und Klassen, die Kultur »als Summe aus Wissen und Schule, als erstrebter Weg zur persönlichen und kollektiven Befreiung, als Symbol des Eintritts in eine Welt der Gleichberechtigung, als Licht, das in die Finsternis schien: das war einmal existenziell wichtig für viele«. Doch »(w)enn es Brechts lesenden Arbeiter nicht mehr geben sollte, wer fragt dann, außer einigen Altphilologen, wer das siebentorige Theben baute? Eine Frage, die ihre Berechtigung noch nicht verloren hat.«

Aus dieser klassischen Tradition zieht Hobsbawm einen Gutteil seiner politisch-wissenschaftlichen Vorstellungen, im Guten wie im Schlechten. Wenn er aufzeigt, wie sich die Konturen des klassischen Bürgertums und der traditionellen bürgerlichen Kultur im 20.Jahrhundert auflösen, und dies als Produkt nicht zuletzt der gesellschaftlichen Demokratisierung und der Auflösung der patriarchalen Familienstruktur infolge des Drucks der nachdrängenden Klassen und Schichten wie der zunehmenden Emanzipation der Frauen identifiziert, spinnt er den alten (in der österreichischen Sozialdemokratie, namentlich bei Otto Bauer und vor allem Max Adler, besonders ausgeprägten, austro-marxistischen) Faden vom radikal-demokratischen Streben der klassischen sozialistischen Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung fort und reklamiert selbstbewusst das Erbe des bürgerlichen Liberalismus für dieselbe. Wenn er dabei die Dialektik von Kontinuität und Bruch ›vergisst‹ und aus politischer Leidenschaft die ebenso marxistische Erkenntnis verdrängt, dass der historische und ideengeschichtliche Zusammenhang von Liberalismus und Demokratie, von Bourgeois und Citoyen, alles andere als widerspruchsfrei und organisch, in gewissem Sinne sogar antagonistisch ist, schreibt er die Schattenseite dieser sozialistischen Klassik, den schleichenden Übergang von der sozialen Demokratie zum sozialen Liberalismus, weiter. In der marxistischen Tradition, aus der heraus auch Hobsbawm schreibt, ist der Liberalismus der Republik des Marktes nicht die Alternative zur bürgerlich-kapitalistischen Despotie von Fabrik und Büro, sondern ihre immanente andere Seite. Im heutigen gesellschaftspolitischen Denken Hobsbawms ist dagegen, wie er freimütig formuliert, »das Ideal der Marktsouveränität keine Ergänzung der liberalen Demokratie, sondern eine Alternative dazu«.

Hobsbawm hat sich seine identitäre Zuneigung zu den Traditionen der radikalen Arbeiterbewegung und den Werten der sowjetrussischen Oktoberrevolution zwar stolz bewahrt: »Soweit ich weiß, gibt es keine Gesellschaft ohne den Begriff der Ungerechtigkeit. Und daher soll es auch keine geben, in der man sich nicht gegen sie auflehnt.« Sobald es jedoch um die konkrete zeitgenössische Politik geht, kommt der humanistisch gesinnte Welt-Gelehrte kaum über einen sozialen Linksliberalismus hinaus. Seine Haltung zum Kapitalismus ist ambivalent (er würde sich zwar über dessen Ende freuen, aber irgendwie glaubt er nicht wirklich, dass man ohne Marktwirtschaft auskommt), sein Verhältnis zum Marxismus gebrochen (dessen historiografische Methode hält er, als historisierende Soziologie, weiterhin aufrecht, lehnt jedoch die Marxsche Mehrwerttheorie als politisch-ökonomischen Kern ab). Ein Propagieren des unmittelbaren Kampfes der subalternen Klassen findet man deswegen bei dem traditionellen Anhänger einer kommunistischen Volksfrontpolitik nirgends. Noch immer ist er hin und hergerissen zwischen seinen zwei politischen Seelen, wie sie Perry Anderson vor einigen Jahren treffend herausgearbeitet hat: »Die erste ist voll nostalgischer Gefühle zur Volksfront und deren Hoffnung, dass Lamm und Löwe friedlich beisammen liegen können. Die zweite Seele ist der Oktoberrevolution in Treue verbunden, deren Schwert die Welt entzweite. (...) Wie er selbst sagt, werden seine politischen Instinkte von der Volksfront gespeist. Aber in der internationalen Arena ist es der andere Teil seiner Denkstruktur, der gewöhnlich zum Tragen kommt.« (vgl. Perry Anderson: Das Zeitalter des Eric Hobsbawm)

Dem deutschen Blick allerdings geht solch wohlwollende Differenziertheit ab. Auf dem Buchcover des dtv-Bandes findet sich deswegen ein Zitat ausgerechnet von Hans Magnus Enzensberger, der vollmundig verkündet, dass »von allen Kommunisten, die das zwanzigste Jahrhundert überlebt haben, Eric Hobsbawm der eigensinnigste, souveränste, gelehrteste – und, wenn ich mich nicht irre, auch bei weitem der klügste« sei. Dass man selbst einen so nüchtern aufgeklärten sozialen Linksliberalismus wie den von Hobsbawm nicht ohne die Warnung eines Sam Hawkens des deutschen Liberalismus auf das Publikum meint loslassen zu dürfen, sagt mehr über seinen deutschen Verleger aus, als diesem lieb sein dürfte. Vielleicht lag einfach nur das Stern-Interview noch quer… Der normale deutsche antikommunistische Wahnsinn also. Wer ihm ein Stück weit entfliehen möchte, lese einfach Hobsbawm – es ist immer wieder ein Genuss.

 

Jünke Christoph

Christoph Jünke ist Historiker und politischer Publizist. Seine Arbeitsgebiete liegen in der Geschichte des 20. Jahrhunderts, der Zeitgeschichte, der Geschichte sozialer Bewegungen und der politischen Ideengeschichte.

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