von Herbert Ammon



In einem Artikel zum 250. Jubiläum der Unabhängigkeitserklärung der USA ( H.A. in: Globkult, 02.07.2026, https://www.globkult.de/geschichte/zeitgeschichte/2495-der-amerikanische-independence-day-warum-geschichtsdaten-wichtig-sind ) schrieb ich bezüglich der amerikanischen Geschichtstradition folgendes: "Ideologie und Praxis der radikalen, ´woken´ Linken stößt [in den USA auch] bei gemäßigten Demokraten auf Unverständnis und Ablehnung. Der Gedanke, dass der an den Universitäten verbreitete decolonialism eine pervertierte Version des ureigenen, in Puritanismus und Aufkärung verwurzelten Universalismus - sein könnte, ist Amerikanern quer durch die Lager fremd."

Ein früherer Kollege bemerkte dazu, er möchte die These "Dekolonialismus als pervertierte Form des Universalismus"  gerne näher erläutert wissen. Ich nehme die Kritik als Anstoß zu Überlegungen, die auf eine Erklärung der maßgeblich von den USA ausstrahlenden Ideologie zielen. Es geht darum, den – unter dem Etikett „wokeism“ firmierenden - jüngeren Linksradikalismus auf seine Wurzeln hin zu untersuchen und ihn aus den dem „westlichen“, aufklärerischen Denken innewohnenden Widersprüchen herzuleiten.

Die Wurzel aller politischen Bewegung – und aller Radikalismen, ob „rechts“ oder „links“ - liegt in der Auflehnung von Individuen, Gruppen oder Kollektiven gegen die jeweils etablierte Ordnung. Somit trägt auch die in den demokratischen Revolutionen etablierte Herrschaftsform den de facto unaufhebbaren Widerspruch von Herrschenden und Beherrschten (oder Regierenden und Regierten) – manifest in Begriff und Funktion der „Eliten“ - in sich. Was wir im Namen von „decolonialism“ bzw. „critical whiteness“ derzeit in den USA und in Westeuropa erleben, ist – in dialektischer Umkehrung – das Produkt des im Westen geborenen Universalismus.

Die Prinzipien der modernen Demokratie

Die "moderne" Demokratie - heute weithin identisch mit dem Begriff "liberale Demokratie" - gründet auf dem Prinzip der "Volkssouveränität", verknüpft mit den Ideen von Freiheit und Gleichheit aller Bürger. Den philosophischen Hintergund bildet das im 17./18. Jahrhundert, dem Zeitalter von Rationalismus und Aufklärung, entwickelte säkulare Naturrecht. Den Kern der – bei Thomas Hobbes, John Locke, Samuel Pufenforf und Jean-Jacques Rousseau unterschiedlich entwickelten - Naturrechtslehren bildet die Idee der unveräußerlichen, unteilbaren Menschenrechte.

Es handelt sich um Ideen, die aus dem europäischen Kulturraum stammen. In den Institutionen der antiken Polis fanden Freiheit und Gleichheit - wenngleich begrenzt auf den Raum der Polis und als Rechtsgut beschränkt auf alle freien Männer (paradigmatisch in der Totengedenkrede des Perikles an die "Männer von Athen") - ihre politische Ausdrucksform. In der politischen Aufklärung diente teils die spannungsreiche Welt der Polis, teils die – imperial ausgreifende - römische Republik (Res Publica Romana) als historischer Bezugrahmen.

So oder so gingen die meisten Aufklärer für ihre Republik freier und gleicher Bürger von der Existenz eines territorial begrenztes Gebietes voraus und eines entsprechenden Staatsvolkes voraus. Nichtsdestoweniger zielte das aufklärerische Denken mit dem Postulat von Freiheit und Gleichheit aller - mit Vernunft begabten - Menschen in der Konsequenz auf die ganze Menschheit. Bei einigen mündete die Denkbewegung in die Idee eines Weltstaates. In abgemilderter Form - in Gestalt des „ewigen Friedens“ zwischen freien Republiken – finden wir sie bei Kant.

Nicht ganz unerheblich für die aktuelle – mit der Spitze gegen den „Westen“ (oder oft synonym gegen den „globalen Norden“) - geführte Debatte erscheint die Frage, inwieweit der - bereits in der Stoa begründete - Begriff der Menschenrechte die säkularisierte Frucht der christlich-religiösen Glaubensvorstellung von der Gleichheit aller Menschen vor Gott darstellt. Der ideelle Knackpunkt liegt im Menschenrecht auf Freiheit, der politische in dessen Institutionalisierung. Während - in der aufklärerischen Formel "von Gott und der Natur aus" - die Idee der Gleichheit universalistisch angelegt ist, trägt der Freiheitsgedanke bereits bei Montesquieu - hinsichtlich der Verbindung von "l´ésprit des lois" mit Geographie und Geschichte - relativen Charakter. Nicht von ungefähr zählt Montesquieu nicht zu den Vertragstheoretikern. Der historische Aspekt von Staatsformen – auch die der „orientalischen Despotie“ entgegengesetzte freiheitliche Republik – verweist auf deren Vergänglichkeit.

In ihrer Stoßrichtung gegen den monarchischen Absolutismus (und dessen Ideologie des Gottesgnadentums) bzw. gegen die feudalständische Gesellschaftsordnung verknüpfte die politische Aufklärung – ausgenommen Voltaire - das Postulat von Freiheit und Gleichheit mit der (Volks-)Souveränität. In der Vertragstheorie von John Locke wird – zugespitzt im Recht auf Revolution - Herrschaft (government) von unten legitimiert, bei Jean-Jacques Rousseau wird die Diskrepanz zwischen oben und unten vermeintlich aufgehoben.

Kulturkritik und decolonialist theory

Rousseau sieht und benennt den Widerspruch zwischen angeborener Freiheit und faktischer Unfreiheit und eskamotiert ihn im VI. Kapitel des "Contrat social" durch den Begriff des Vertrags.  ("Zu finden ist eine Gesellschaftsform [une forme d´association],...durch die doch jeder, indem er sich mit allen vereinigt, nur sich selbst gehorcht und genauso frei bleibt wie zuvor.") Die Akzeptanz dieser These – eine klassische petitio principii – erfordert einen Glaubensakt. Nicht von ungefähr mündet Rousseaus Idee einer Republik freier Bürger in die Forderung einer réligion civile zur Festigung des - auf Gesetzen gegründeten – Gemeinwesens. In der politischen Rhetorik der Gegenwart kommt die Rousseausche „Zivilreligion“ in der Beschwörung „unserer Demokratie“, ihrer„Werte“ oder des „Verfassungspatirotismus“ zum Ausdruck. Was in der heutigen Migrationsdebatte (Stichwort „moderne Einwanderungsgesellschaft“) übersehen wird, ist dass Rousseau, der radikale Theoretiker der „Volkssouveräntität“, zugleich die – historisch entstandene– „Nation“ als Träger der Republik zugrundelegt. ( H.A. in: Globkult, 02.07.2026, https://www.globkult.de/geschichte/zeitgeschichte/2495-der-amerikanische-independence-day-warum-geschichtsdaten-wichtig-sind )

Zu den "Paradoxien" Rousseaus gehört dessen Behandlung der Themen Ungleichheit und Besitz. In seinem "Discours sur l´ origine et les fondements de l´inégalité" (1755) erklärt er das Privateigentum - durch Inbesitznahme ("Einzäunung") von Land - sowie die Arbeitsteilung für die Wurzel aller Übel, obenan die "Entfremdung" (aliénisation). Im "Contrat social" (1762) erklärt er das Eigentumsrecht zusammen mit der "bürgerlichen Freiheit" zum "Gewinn" des Menschen im Vertragszustand.

Mit der Forderung nach Überwindung von Ungleichheit kommt die Idee der Gerechtigkeit – und mit dieser ein sozialrevolutionäres Moment - ins Spiel. Radikaler Rousseauismus – mit totalitären Implikationen - kam in den europäischen und außereuropäischen Revolutionsbewegungen zum Tragen. Im Unterschied dazu fehlte in der mit Lockes Naturrechts- und Vertragslehre begründeten Amerikanischen Revolution das sozialrevolutionäre Element, abgesehen von Repressalien gegen englandtreue Loyalisten. (Zu den viel diskutierten Unterschieden zwischen der Amerikanischen und der Französischen Revolution s. Philippe Raynaud, ebda, 961-978.)

Rousseaus Schriften zeitigten epochale Wirkung. Nicht von ungefähr beziehen sich sowohl Revolutionäre als auch eher friedlich gestimmte pädagogische Reformer auf die - mit dem "Gesellschaftsvertrag" verknüpfte - Rousseausche Kulturkritik, verwurzelt im vermeintlichen Naturzustand vor Einbruch historisch begründeter Unfreiheit und Ungleichheit. Vermittelt durch Friedrich Engels und dessen Popularisierung der Marxschen Klassentheorie (in „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“,1884) - kehrte Rousseaus fiktiver Naturzustand im Begriff der klassenlosen "Urgesellschaft" (="Urkommunismus") wieder. Engels verschmolz zudem die vulgärmarxistische Vorstellung des historischen Sündenfalls mit dem von Johann Jakob Bachofen („Das Mutterrecht“, 1841) etablierten Begriff des Patriarchats. Noch in der Bewegung des jüngeren Feminismus und eines marginalen, aber lautstark „woken“ Anarchismus („Kein Gott, kein Staat, kein Patriarchat!“) fungiert das unterdrückerische "Patriarchat" als ideologischer Kampfbegriff.

Dank Ausblendung der realen Gewaltzustände und Machtverhältnisse in außereuropäischen Kulturen vor der europäischen Expansion schwingt die Vorstellung kultureller Unschuld in den ideologischen Anklagen der decolonialist theory bzw. critical whiteness mit. Als Advokaten "kritischer" Geschichtsschreibung datieren "woke" Wortführer der fraglos lange als Sklaven missbrauchten und rassistisch herabgewürdigten Schwarzen die „eigentliche“ Geburt der USA nicht auf 1776, sondern auf 1619, das Jahr, in dem erstmals schwarze Sklaven an englische Kolonisten in Jamestown, Virginia, verkauft wurden.

Theorie und Praxis der Französischen Revolution

Liberté, égalité, fraternité – der Dreiklang im Fanal der Französischen Revolution übertönt die darin enthaltenen Widersprüche und macht sie zugleich bewusst. Die Ungleichheit in - der Theorie nach demokratischen - Machtverhältnissen kommt in der Französischen Revolution, nicht erst in der - demokratisch legitimierten – Jakobiner-Diktatur zum Vorschein. Sie ist bereits evident in der Unterscheidung von Aktiv- und Passivbürgern in der Konstitution von 1791.(Für eine andere Interpretation des Wahlrechts von1791, das selbst für den Sozialisten Jean Jaurès das Versprechen eines unversalen Rechts enthalten habe, siehe Mona Ouzouf, „Brüderlichkeit“, ebda., 1052.)

Gegen die der Verfassung vorangestellte Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte erhob die Frauenrechtlerin Olympe de Gouges - in einer als Brief an die Königin Marie Antoinette deklarierten Schrift - mit ihrer Déclaration des droits de la femme et de la citoyenne Einspruch.  In der radikalen Phase der Revolution gehörte sie zu deren Opfern. Als royalistische Girondistin wurde de Gouges - wenige Wochen nach Marie Antoinette - Anfang November 1793 hingerichtet. Die politische Gleichheit in Form des allgemeinen Wahlrechts für Frauen wurde im Mutterland der Revolution erst 150 Jahre später, nach Ende des Vichy-Regimes 1944 - gegen den Widerstand der antiklerikalen, linksbürgerlichen Radikalsozialisten – eingeführt.

Das klassische Beispiel für den Widerspruch von Theorie und Praxis ist auch im Land der Revolution der Umgang mit der Sklaverei in den Kolonien. Für die meisten Söhne der Aufklärung war die Abschaffung der Sklaverei ein Gebot der Vernunft und der Humanität. Anfang April 1792 beschloss die gesetzgebende Nationalversammlung die bürgerliche Gleichberechtigung aller Bewohner der Kolonien. Der Anstoß kam von außen, maßgeblich von Saint-Domingue, der - im spanischen Ostteil Santo Domingo benannten - Zucker- und Kaffeeinsel. Im französischen Saint-Domingue hatten Aufstände unter Führung des Freigelassenen (affranchi) Francois Dominique Toussaint Louverture 1791 das Sklavensystem auf den Plantagen beseitigt.

Im revolutionären Frankreich erfolgte das Verbot der Sklaverei Anfang Februar 1794 durch den (radikal-)jakobinischen Nationalkonvent. Es blieb - nach dem Sturz Robespierres - unter dem Direktorat bestehen. Als Erster Konsul führte Napoleon Bonaparte die Sklaverei 1802 wieder ein. Endgültig verboten wurden Sklaverei und Sklavenhandel im französischen Kolonialbereich erst nach der Februarrevolution 1848 durch die Loi Schoelcher. Unbeachtet blieb dabei der Code noir, das unter Ludwig XIV. anno 1685 erlassene Reglement zum Umgang mit den versklavten Schwarzen. Erst am 28. Februar 2026 beschloss die Nationalversammlung – auf Antrag eines aus Guadeloupe stammenden Abgeordneten - in symbolischer Abstimmung einstimmig die Aufhebung des formell noch bestehenden Statuts. (https://www.lemonde.fr/societe/article/2026/05/28/esclavage-l-assemblee-nationale-approuve-a-l-unanimite-l-abrogation-du-code-noir_6694459_3224.html)

Lehrbeispiel I: Haiti

Exemplarisch für heutige Debatten um das Erbe des Kolonialismus ist die weitere Geschichte der - einst von Kolumbus Hispaniola getauften - Insel. Im Mai 1802 landete ein napoleonisches Expeditionsheer auf Saint-Domingue, verhaftete und deportierte Toussaint Louverture nach Frankreich, wo er 1803 unter elenden Haftbedingungen im Fort de Joux in der Bourgogne starb. Die Rückeroberung der Kolonie scheiterte am Gelbfieber sowie am Wechsel einer polnischen Truppe auf die Seite des siegreichen Jean-Jacques Dessaline, des Mitstreiters und Stellvertreters von Toussaint Louverture. Dessaline proklamierte 1804 die Unabhängigkeit der Republik Haiti und schuf damit– nach den USA - die zweite freie Republik in der westlichen Hemisphäre. Auf der Insel bis heute als „zweiter Befreier“ geehrt, errichtete er alsbald – mit Napoleon als Vorbild - als Empereur Jacques I. ein grausames Regime. 1806 wurde er von dem Rivalen Henri Christophe ermordet.

Bereits in der Phase der Befreiungskämpfe war es zu Rivalitäten zwischen gens de couleur (Farbige mit europäischen Vorfahren) und Schwarzen gekommen. Nach dem Tod Dessalines brachen zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen bzw. deren Führungsfiguren offene Konflikte aus, was zu einer Teilung der Halbinsel - Schwarze im Norden, Mulatten im Süden - führte. Im Jahre 1820 vereinte der südliche Präsident General Jean-Pierre Boyer wieder die beiden Teile. Danach konnte die Republik Haiti französische Machtansprüche nur abwehren, indem sie einer hohen Entschädigungssumme für die enteigneten Plantagenbesitzer zustimmte, was Jahrzehnte langer Verschuldung nach sich zog. (Die 1825 aufgenötigte Summe von 150 Millionen Francs wurde in einem Handelsvertrag mit dem Julikönigtum 1838 auf 60 Millionen gemindert. Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Haitis; Andrian Kreye, Napoleons Schmach, in: Süddeutsche Zeitung v. 19. Januar 2010, https://www.sueddeutsche.de/politik/geschichte-von-haiti-napoleons-schmach-1.67062)

Geprägt von einer unendlichen Geschichte von Gewalt und Fremdherrschaft – auch unter einem amerikanischen Militärregime 1915-1934 - erscheint Haiti als negativ herausragendes Beispiel eines failed state. Das dort herrschende, abgrundtiefe Elend ist Stoff für lange Debatten über die kolonialen Ursachen und die historische „Schuld“ der Weißen am Unglück der „Verdammten dieser Erde“ (Frantz Fanon). (Siehe etwa Oliver Gliech: Haiti - Die "erste schwarze Republik" und ihr koloniales Erbe, in: bpb 05.07.2010 https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/32627/haiti-die-erste-schwarze-republik-und-ihr-koloniales-erbe/; siehe auch Kate Huntington, The U.S.'s Responsibility in the Destruction of Haiti, 04.01.2025, https://www.colorado.edu/polisci/2025/04/01/uss-responsibility-destruction-haiti).

Lehrbeispiel II: Algerien

Universalismus und Nationalismus – vermeintliche Antithesen - verschmolzen bereits in dem von der französischen Nationalversammlung im April 1791 proklamierten Krieg gegen die alten Feudalmächte. Ihre radikale Ausprägung fand das ideologische Amalgam in der linksnationalen Tradition des Jakobinismus, heute vertreten von Politikern wie dem in Marokko geborenen Jean-Luc Mélenchon und dessen Partei LFI („La France Insoumise“). In abgeschwächter Form prägt die Synthese von menschenrechtlichem Universalismus und - auf bürgerlicher Gleichheit der Franzosen beruhendem – Nationalstolz das Selbstverständnis der Französischen Republik.

Im republikanischen Selbstbewusstsein bleiben – ungeachtet aller Selbstkritik - markante Fakten der französischen Geschichte unterbelichtet. Die koloniale Expansion stand zwar im Zeichen der säkular-humanistisch – in gewisser Weise auch christlich – fundierten mission civilisatrice, ging aber vielfach – wie der Kolonialismus anderswo - mit brutaler Gewalt und Unterdrückung einher.

Das Lehrbeispiel finden wir in Vorgeschichte, Geschichte und Folgen des Algerienkrieges. Seit Landung eines Expeditionskorps an der - formal zum Osmanischen Reich gehörenden - Barbareskenküste anno 1830 bildete Algerien den Grundstein für das zweite französische Kolonialreich (vgl. Heinz-Otto Sieburg, Geschichte Frankreichs, 5. Aufl. Stuttgart-Berlin-Köln 1995, 269f.). Über das gesamte 19. Jahrhundert hin kam es zu Aufständen, die mit brutaler Gewalt niedergeschlagen wurden. Die Zweite Republik von 1848 erklärte die Küstengebiete, unterteilt in drei Departements, zu integralen Teilen Frankreichs und öffnete sie für Siedler aus Südeuropa und Frankreich, darunter - nach Angliederung an das Deutsche Reich 1871 – vermehrt Siedler aus dem Elsaß. Einen historisch bedeutsamen Punkt markiert das von der Dritten Republik verkündete Décret Crémieux, das den jüdischen Bewohnern des Gebietes die volle Statsangehörigkeit brachte, nicht jedoch der Bevölkerungsmehrheit von Arabern und Berbern, die dem – erst 1944 aufgehobenen - Code de l´Indigénat und überkommener islamischer Rechtspraxis unterstanden. Nur unter äußerst restriktiven Bedingungen war es muslimischen Algeriern möglich, französische Bildung sowie die Staatsbürgerschaft zu erwerben.

Befördert durch Wehrpflicht und Teilnahme in den Weltkriegen, entzündete sich die algerische Nationalbewegung im 20. Jahrhundert an der Forderung nach Gleichberechtigung. Die Bewegung selbst war – abgesehen von Methoden des Widerstands - gespalten in Befürworter einer lockeren Verbindung mit Frankreich und in Kämpfer für die nationale Unabhängigkeit. Als Ausgangspunkt des algerischen Unabhängigkeitskrieges wird vielfach der 8. Mai 1945 genannt. Als bei Siegesfeiern in verschiedenen Städten algerische Fahnen – mit einiger Gewissheit stammte der Entwurf von der französischen Anarcho-Syndikalistin Émilie Busquant, Ehefrau des Nationalistenführers Messali Hadj (https://fr.wikipedia.org/wiki/%C3%89milie_Busquant) – gezeigt wurden, eröffneten französische Militärs und Milizen das Feuer und töteten Tausende von Demonstranten.

Nach Ausbruch des Algerienkrieges am 1. November 1954 zeigte sich die französische Linke, Bannerträgerin des menschenrechtlichen Universalismus, gespalten. Nach kurzem Zögern unterstützten die Kommunisten die Nationale Befreiungsfront (FLN), die ihren Führungsanspruch gegen Messali Hadj und dessen MNA (Mouvement National Algèrien) durchsetzte. Währenddessen versuchten wechselnde Regierungen, Algerien mit – unter dem sozialistischen Ministerpräsidenten Guy Mollet beschlossenen - Sondergesetzen und massivem Truppeneinsatz (einschließlich Folter) zu „befrieden“. Während Albert Camus sich einer vorbehaltlosen Unterstützung der Befreiungsbewegung verweigerte, feierten linke Intellektuelle wie Jean-Paul Sartre den schwarzen Psychiater und Schriftsteller Frantz Fanon, der Gewalt - oder Gegengewalt – als befreiende Therapie für die rassistisch deformierten Seelen der „Kolonisierten“ begriff, als Propheten des Antikolonialismus. Es war General de Gaulle, der – nicht zuletzt im Blick auf die Bevölkerungsentwicklung im Falle anhaltender islamischer Einwanderung – in Verhandlungen mit dem FLN den Weg in die Unabhängigkeit Algeriens eröffnete.

Für unsere Thematik relevant ist die Episode der terroristischen OAS. Zu deren Gründern gehörten nicht nur verbitterte Offiziere, Rechtsradikale und Führer der enttäuschten pieds noirs - ehedem die Wählerbasis von linksbürgerlichen Radikalsozialisten in der Nationalversammlung zu Paris -, sondern auch George Bidault, Führungsfigur der Résistance und Mitgründer der katholischen MRP, sowie Jacques Soustelle, während der Résistance und Nachkriegszeit ein liberaler Parteigänger de Gaulles. Ihn hatte 1954 der linksbürgerliche (radic-soc) Premier Pierre Mendes-France zum Generalgouverneur in Algerien ernannt. Als angesehener Anthropologe und weltbürgerlicher Humanist (protestantischer Herkunft) hielt Soustelle in der Endphase des Kolonialismus an der Vision eines französischen Algeriens – und sei es mit terroristischer Gewalt – fest.

Die im Verhältnis der beiden Länder schmerzhaft nachwirkende Geschichte regt zu gewissen Fragen an: Ist es Zufall, dass die French theory, d.h. der Rationalismus, Aufklärung und Universalismus in Frage stellende Dekonstruktivismus vor dem Hintergrund des Algerienkrieges entwickelt wurde? Denker der Postmoderne - wie der aus Algerien stammende Jacques Derrida - „destruieren“ das „westliche“ Konzept universaler Vernunft. Indem sie – von der Phänomenologie herkommend - den Blick für die Relativität kultureller Wertesysteme öffnen und implizit deren Gleichrangigkeit postulieren, weiten sie den Begriff des Universalismus ins Beliebige aus. Man mag in derlei Verzicht auf den Vorrang westlicher Kulturtradition eine höhere Form von Universalismus sehen. Nichtsdestoweniger wird bei der – de facto kulturrelativistischen - Proklamation von „Vielfalt“ die Konflikthaltigkeit divergierender Kulturen ausgeklammert.

Amerikanischer Missionarismus im 20. Jahrhundert

Im Unterschied zu den Staaten Europas kann man die USA – hervorgegangen aus Einwanderung, politisch vereint durch den revolutionären Akt der Unabhängigkeitserklärung 1776, sodann durch die einzelstaatlich gebilligte Verfassung 1787-1789 - im weitesten Sinne als Vertragsgesellschaft bezeichnen. Was die Vereinigten Staaten von den Ländern und Staaten Europas unterscheidet, ist – bis ins 20. Jahrhundert begünstigt von der Geographie - die Kontinuität ihrer Geschichte. Die Amerikanische Revolution mündete – anders als die Französische - nicht in eine Spirale von Krieg, Terror, wechselnden Verfassungen und Regimen. Selbst der Bürgerkrieg, der nach dem Sieg der Nordstaaten in eine neu befestigte Union führte, fügt sich – von dem in den unterlegenen Südstaaten gepflegten Selbstbild abgesehen - in das Bild einer erfolgreichen, von epochalen Niederlagen und Katastrophen verschonten Geschichte.

Der in Deutschland geborene, philosophische Gewissheiten relativierende Historismus liegt dem amerikanischen Bewusstsein - nicht zuletzt der amerikanischen Geschichtsscheibung - fern. (Vgl. Friedrich Georg Friedmann, Amerika und das Problem der Geschichtlichkeit, in: ders., Politik und Kultur, München 1969, 57-72). Ähnlich konnte das dialektische Geschichtsdenken von Hegel und Marx an amerikanischen Universitäten - mit marxistischen Ausnahmen in der Ära des Vietnamkrieges abgesehen - kaum Fuß fassen.

Die von den „Gründervätern“ geschaffene Verfassung in Frage zu stellen, kommt auch heute – 250 Jahre nach Gründung der USA – kaum einem Amerikaner in den Sinn. Stattdessen bezieht sich – die bereits vor Trump aufgebrochene Spaltung der Gesellschaft - mit der Lagerbezeichnung von „rechts und „links“ - auf die „richtige“ Interpretation der in der Verfassung verewigten Prinzipien der als Demokratie („We, the poeple of the Uniteted States“) begründeten Republik. Ihrem vielfach - emphatisch in ihrer Nationalhymne - bekundeten Selbstverständnis nach sind die USA "das Land der Freien" ("the land of the free and the home of the brave"). Verwurzelt im neuenglischen Puritanismus - von John Winthrop, zweiter Gouverneur von Massachusettts, stammt das biblische Bild von der "City Upon the Hill" - verschmilzt im amerikanischen Selbstbewusstsein die Idee der Erwählung mit einem universalistischen Missionsgedanken. George Washington, der erste Präsident warnte zwar in seiner Abschiedsbotschaft an den Kongress (1796) vor „entangling alliances“ , welche das auf Bruch mit europäischer Machtpolitik gegründete Geschichtsprojekt in der Neuen Welt gefährden könnten. Die Warnung liegt der – zuletzt in der Wahlkampfpropaganda eines Donald Trump mobilisierten - Tradition des amerikanischen Isolationismus zugrunde, die jedoch keineswegs eine Absage an die Vorstellung eines universal ausstrahlenden Vorbildes beinhaltet.

Im 19. Jahrhundert bezog sich die Sendungsideologie des "Manifest Destiny", die 1845 der Journalist John L. O´Sullivan proklamierte, noch auf den amerikanischen Kontinent. Die Botschaft fiel in die Vorphase des Krieges gegen Mexiko (1846-1848). Immerhin ließ sich die von Kriegsschiffen unter Befehl des Commodore Matthew C. Perry anno 1853 erzwungenen „Öffnung“ Japans noch im Sinne des wirtschaftlichen Liberalismus und des friedlichen Welthandels rechtfertigen. Doch nicht erst im Krieg gegen Spanien 1898, den eine angeheizte „öffentliche Meiung“ auch moralisch mit der auf Kuba fortbestehenden Sklaverei begründete, nahm der amerikanische Missionarismus unverblümt imperialistische Züge an. Als Präsident Theodore Roosevelt anno 1905 den Frieden von Portsmouth zwischen Russland und Japan vermittelte, erschienen die USA als Friedensmacht. Ein Jahr später verkündete „Teddy“ Roosevelt im Korrelar (corollary) zur Monroe-Doktrin das amerikanische Interventionsrecht in der eigenen Hemisphäre.

Den Kriegseintritt der USA in den I. Weltkrieg begründete Präsident Woodrow Wilson vor dem Kongress mit dem Ziel "to make the world safe for democracy". Bei den Verhandlungen in Versailles verfolgte er mit Nachdruck die Idee des friedenserhaltenden Völkerbundes. Zudem verhalf er – als Historiker offenbar ohne Gespür für die kommenden Konflikte - in Versailles dem Selbstbestimmungsrecht der Nationen – vor 1914 ein kontroverses Thema der II. Sozialistischen Internationale - zum völkerrechtlichen Durchbruch. Als südstaatlicher Demokrat bestand Wilson in seinem Amtsbereich zu Washington auf der strikten Einhaltung der Rassentrennung, weshalb hundert Jahre später, anno 2020, die Universitätsleitung von Princeton die Umbenennung der ehedem (1948) nach ihm benannten Woodrow Wilson School of Public and International Affairs zu seiner Ehrung benannten Instituts veranlasste.

Die Ratifizierung des Versailler Vertrags wurde – nicht zuletzt wegen der für Wilson zentralen Bestimmungen des Völkerbundes – von der isolationistisch gestimmten republikanischen Mehrheit im Senat abgelehnt. Nach dem Scheitern des Völkerbunds erneuerte Franklin D. Roosevelt in Kooperation mit Winston Churchill die Friedensidee in der Atlantic Charta vom 14. August 1941. Gestalt nahm das im Krieg gegen die Achsenmächte entwickelte Konzept - mit Zustimmung und Teilnahme der Sowjetunion - 1944/45 in der Gründung der UNO an. Im Hinblick auf die globale Nachkriegsordnung agierten die USA als Protagonisten der Dekolonialisierung und des "nation-building". Ihre ideelle Vertiefung fand die UNO in der - maßgeblich von Eleanor Roosevelt beförderten - Menschenrechtserklärung von 1948. An deren Formulierung hatte – heute wenig bekannt - auch der katholische Theologe Jacques Maritain mitgewirkt.

Im Ost-West-Konflikt, im Koreakrieg, sodann in den nationalrevolutionärenen Befreiungskriegen,  stieß das idealistische Konzept einer friedlichen Weltordnung an seine Grenzen. Vielmehr avancierten die USA im Vietnamkrieg in den Augen der "Neuen Linken" zum Hort des Imperialismus.  Dessen ungeachtet übernahm die westliche Führungsmacht nach dem Mauerfall und dem als Sieg der westlichen Freiheit gedeuteten Zusammenbruch der Sowjetunion für kurze Zeit - im ersten Irakkrieg sowie in den Balkankriegen der 1990er Jahre - als "einzige Weltmacht" (Zbigniew Brezinski) die Rolle als Weltpolizist. 

Zwar erweckte bereits der Vietnamkrieg bei Nachdenklichen Zweifel an der amerikanischen Weltmission. Doch anscheinend haben weder die damaligen noch spätere Erfahrungen des Scheiterns - wie im zweiten Irakkrieg oder in Afghanistan - und selbst nicht das Schockerlebnis von nine-eleven das im Grunde ahistorische Selbstbewusstsein der Amerikaner nachhaltig erschüttert, sondern allenfalls isolationistische Tendenzen befördert.

Der in Puritanismus, Naturrecht und dem Glauben an excellence verwurzelte amerikanische Universalismus trifft in Europa und anderswo weithin auf Unverständnis. Nicht zufällig haftet der amerikanischen Außenpolitik der Geschmack von Doppelmoral an. Der Vorwurf liegt stets dann nahe, wenn ihre ethisch hochgesteckten Ziele an der Wirklichkeit scheitern - wie in Vietnam oder Afghanistan – oder wenn - wie im Ukrainekrieg – die Rolle als global player nicht als gänzlich uneigennützig erscheint. Es mag befremdlich – für Trumps liberale und „woke“ Gegner provokativ oder absurd - klingen: In seiner Person, mit seinem von isolationistischer Rhetorik durchzogenem ideologischen Appell des MAGA, nicht zuletzt in seiner aberwitzig anmutenden Außenpolitik verkörpert auch eine Figur wie Donald Trump den amerikanischen Missionsgedanken.

Wurzeln des Abolitionismus in Aufklärung und Christentum

Die Diskrepanz zwischen naturrechtlich begründeten Überzeugungen, oft vorgetragen in religiösem Ton - und defizitärer oder konträrer Praxis durchzieht die Geschichte der USA. Mit der von - einem deistisch gedacht gütigen - Gott verliehenen - oder von Natur aus bestehenden - Gleichheit sowie den Menschenrechten auf Leben, Freiheit und dem Streben nach Glück (!) begründeten die Autoren der Unabhängkeitserklärung vom 4. Juli 1776 das Recht auf Revolution gegen den "Tyrannen" König Georg III. In den Zusatzartikeln zur Verfassung, der "Bill of Rights" spezifizierten die "Founding Fathers" den Katalog der Rechte.  

In den Südstaaten, war der Widerspruch zwischen dem proklamierten Ideal einer Republik "freier und gleicher Bürger" und der politischen Praxis von Anbeginn evident. Immerhin waren sich Thomas Jefferson und seine Mitstreiter (die Plantagen besitzenden "gentlemen of Virginia") als Söhne der Aufklärung des Widerspruchs bewusst. Dem Prinzip der Emanzipation verpflichtet, verhielt sich Jefferson selbst hinsichtlich seiner eigenen Sklaven höchst zwiespältig, indem er nur sehr wenige in die Freiheit entließ. Nach dem Tod des „Weisen von Monticello“ wurden zur Begleichung seiner Schulden 130 Sklaven verkauft.

Was die Antisklaverei-Bewegung, den Abolitionismus, betrifft, handelte es sich um zwei komplementäre geistige Strömungen. Die eine war - puritanisch eingefärbt - getragen vom Geist der Aufklärung, die andere entstammte dem Sündenbewusstsein der christlich-pietistischen Erweckungsbewegungen. Als Protagonisten unterschiedlicher Provenienz sind der unitarisch-desitische Aufklärer Thomas Paine und der christlich-methodistisch erweckte William Wilberforce zu nennen. In Leben und Werk von Persönlichkeiten des neuenglischen Abolitionismus wie William Lloyd Garrison ("The Liberator"), John Brown, Harriet Beecher-Stowe, Autorin von Uncle Tom´s Cabin, oder Julia Ward-Howe, Verfasserin der - den Song "John Brown´s Body" dichterisch überhöhenden - "Battle Hymn of the Republic" - verschmolzen die ideellen Grundlagen des Abolitionismus. 

Die Namen führender Abolitionisten, von Frauen wie von einigen Männern, stehen zudem für den Kampf um Frauenrechte im 19. und 20. Jahrhundert. Das uneingeschränkte Wahlrecht für Frauen wurde erstmals 1869 im Territory von Wyoming eingeführt. Auf Bundesebene wurde das Frauenwahlrecht - nach langen Auseinandersetzungen in den Einzelstaaten - jedoch erst nach dem Ersten Weltkrieg 1920 im XIX. Amendment in die amerikanische Verfassung eingefügt. 

Die 1863 von Präsident Lincoln in seiner Gettysburg Address angekündigte Emanzipation der Schwarzen wurde nach dem Bürgerkrieg durch die  Zusatzartikel XIII-XV in der Verfassung verankert. Doch nach Ende der reconstruction (1877) (siehe H.A.: https://www.globkult.de/geschichte/zeitgeschichte/2065-von-der-gestohlenen-wahl-1876-zum-kompromiss-von-1877) setzten die Stüdstaaten die Bürgerrechte der Afroamerikaner schrittweise außer Kraft und schrieben die Unterdrückung in den rassistischen Jim-Crow-Gesetzen fest. Anno 1896 sanktionierte der Oberste Gerichtshof die Diskriminierung mit dem Urteil „separate but equal“.

Von der Bürgerrechtsbewegung zu DEI

In der Bürgerrechtsbewegung seit den 1950er Jahren - dank Martin Luther King getragen von christlich-prophetischer Kraft - wurde das in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung sowie in der Verfassung proklamierte Versprechen und Gleichheit zu Bewusstsein der "weißen" Gesellschaft gebracht. Im civil rights movement flossen unterschiedliche Strömungen zusammen. Eine Wurzel liegt in dem im späten 19. Jahrhundert entstandenen Social Justice Movement samt dem Social Gospel des liberalen Theologen Walter Rauschenbusch(1861–1918), eine andere in den Schriften des neo-orthodoxen Theologen Reinhold Niebuhr. Träger der Bewegung waren – außer den um Martin Luther King in der Southern Christian Leadership Conference (SCLC) versammelten schwarzen Pastoren - Protagonisten aus der Tradition des im New Deal politisch wirksamen amerikanischen liberalism, christliche Pazifisten und studentische Aktivisten.

In 1960er Jahren taten sich Risse zwischen gemäßigten Führern wie Martin Luther King, der bis zu seiner Ermordung (1968) die Vision ("I have a dream") einer "farbenblinden" Gesellschaft verfolgte, und militanten Radikalen auf. Unter diesen erregten zeitweilig die Black Muslims (in der Eigenbezeichnung Nation of Islam) - mit Malcolm X als charismatischer Führungsfigur – Aufsehen, die im Namen eines schwarzen Islam-Nationalismus auf vollständige Trennung von der weißen Gesellschaft zielten. Vor dem Hintergrund von Morden - nicht zuletzt der Mord an Martin Luther King Anfang April 1968 -, von riots in den Großstädten sowie der Proteste gegen den Vietnamkrieg verkehrten Wortführer von SNCC (Student Nonviolent Coordinating Committee), darunter der aus Trinidad stammende Stokely Carmichael, das Konzept gewaltlosen Widerstands in die Befürwortung von Gewalt. Carmichael gehörte zu den Mitgründern der Black Panther Party, bevor er – verehelicht mit der südafrikanischen Freiheitssängerin Miriam Makeba - 1969 die USA verließ und nach Guinea ging, wo er - unter dem nom de guerre Kwame Ture - als Vorkämpfer des Panafrikanismus agierte. (Anm: Das demagogische Talent Carmichaels erlebte ich als junger Deutsch-Dozent an der - von neuenglischen Philanthropen gegründeten – afroamerikanischen Dillard University in New Orleans, wo nach dessen Auftritt die Kirche auf dem abgeschirmten Campus ausbrannte.)

Im Zeichen von Black Power absorbierte der schwarze Radikalismus Elemente der Ideologie der Neuen Linken, die von Universitäten wie Berkeley und Columbia ausstrahlte. Der wie andere Black Panthers straffällig gewordene Huey P. Newton – den Vornamen verdankte er dem (weißen) Populisten Huey Long in seinem Geburtsstaat Louisiana – verstand sich als Maoist. Seine Militanz speiste sich – wie bei anderen - aus der Lektüre von „Die Verdammten dieser Erde“ von Frantz Fanon. (https://de.wikipedia.org/wiki/Huey_Newton https://www.biography.com/activists/huey-p-newton). Als Wortführerin mit kommunistischem Parteibuch trat Angela Davis, eine Schülerin Herbert Marcuses, hervor. (https://www.britannica.com/list/black-panther-party-7-notable-figureshttps://en.wikipedia.org/wiki/Angela_Davis). (Anm.: Vervollständigt wird das Bild des radikalen schwarzen Protests durch die bizarre Karriere des Black Panthers Eldridge Cleaver, der nach Jahren des Exils - mit Stationen in Kuba, Algerien und Frankreich – bekundete, dass “the American political system is the freest and most democratic in the world.” Anno 1984 unterstützte er Ronald Reagans Wiederwahl. Er starb 1988 an den Folgen von Drogenmissbrauch. (https://www.britannica.com/list/black-panther-party-7-notable-figures)

Hinsichtlich des amerikanischen – in Aufklärung und Christentum verwurzelten - Universalismus ist zu bemerken, dass die Bürgerrechtsgesetze - ferner die Liberalisierung der restriktiven, Europäer bevorzugenden Einwanderungsgesetze - vom Kongress in den 1960er Jahren, d.h. in der Phase des Vietnamkriegs, beschlossen wurden. Mit der Begründung staatlicher Initiativen zur Gleichstellung ("affirmative action") der benachteiligen Bevölkerungsgruppen enthielten sie eine Komponente, in der die gesetzliche bürgerliche Gleichheit ("equality") mit dem Begriff "equity" (Gleichheit im Sinne von Gerechtigkeit) aufgeladen wurde. Als politisch bedeutsame Seitenzweige sprossen aus dem civil rights movement der jüngere Feminismus sowie die Homosexuellen-Bewegung hervor, die Diskriminierungen beendete und in die „Ehe für alle“ („same-sex marriage“) mündete.

Auf den in den 1960er Jahren aufgebrochenen Radikalismus, der – teilweise unter marxistischen Vorzeichen – die Einlösung des alten amerikanischen Versprechens von Freiheit und Gleichheit forderte, bezieht sich sechzig Jahre später die Polemik Donald Trumps gegen die zerstörerischen Kulturmarxisten („cultural Marxists“). Im 21. Jahrhundert steht die global wirksame - amerikanische Gleichheitsidee unter der Formel DEI (Diversity, Equity, Inclusion). Angereichert mit French Theory impliziert diversity (Vielfalt) –in der Ausweitung des Begriffs „Gleichheit“ auf kulturelle Gleichwertigkeit - die Vorstellung eines Werterelativismus und gefährdet das auf Einzigartikeit (excellence) gegründete Wertefundament der USA (und im weiteren Sinne des Westens). DEI - für Kritiker ein Synonym für wokeism - stößt auf Ablehnung nicht nur bei Trumpianern, sondern bei jenen Amerikanern, die als „Konservative“ an der älteren, individualistisch geprägten Vorstellung von Freiheit und Gleichheit festhalten.

Umgekehrt ist vielen linken („woken“) Radikalen, gerade auch den Protagonisten der decolonialist theory kaum bewusst, dass ihre Ideologie auf westlichem Boden, nicht zuletzt des amerikanischen Universalismus gewachsen ist. Ohne die europäische Aufklärung gäbe es keine radikale Kritik, ohne das christliche Bewusstsein von Sünde – in protestantisch säkularisierter Gestalt als Bewusstsein von Schuld – liefen die Anklagen gegen das weiße Amerika und die europäischen Kolonialmächte ins Leere. (S. auch Douglas Murray, The Strange Death of Europe, 2017 sowie meine Besprechung in: Globkult 06.03.2018 https://globkult.iablis.de/politik/besprechungen/1300-douglas-murray-the-strange-death-of-europe-immigration,-identity,-islam,-london-%E2%80%93-new-york-%E2%80%93-bloomsbury-2017,-343-seiten?highlight=WzIwMTdd)

Der westliche Universalismus in der Krise

Ohne Frage sind die Zustände in vielen Ländern der „DrittenWelt“ mit Spätfolgen von Kolonialismus, Sklaverei, Entwurzelung und Ausbeutung verwoben. Aber derlei Ursachenforschung erklärt nicht alles. Im Hinblick auf den Aufstieg des im 19. und 20. Jahrhundert von imperialistischen Mächten – nicht zuletzt im Frieden von Versailles 1919 - gedemütigten Chinas erweist sich das dekolonalistische Konzept als untauglich. Mit historischen Schuldzuweisungen sind die vielfältigen Probleme in den betreffenden Weltregionen - namentlich Bevölkerungswachstum, Polygamie, Korruption, ethnische Konflkte, de facto-Sklaverei innerhalb Afrikas weder zu erklären noch zu lösen. (S. Egon Flaig, Warum es historische Gerechtigkeit nicht geben kann, in: Sebastian Kleinschmidt / Friedemann Richert / Thomas A. Seidel (Hgg.), Bild der Welt und Geist der Zeit, Leipzig 2024, 237-278). Selbst wenn Protagonisten der „dekolonialistischen“ Narrative davon nichts wissen wollen, bedienen sie sich eines der europäisch-christlichen Kultur entstammenden Wertesystems. Nicht allein hinsichtlich der universalgeschichtlich nur im Westen vorzufindenden – durchaus nicht gradlinig verlaufenen - Geschichte menschlicher Emanzipation ignoriert der „Dekolonialismus“ die historische Wirklichkeit, insbesondere die in jeder Ideologie verborgenen Machtansprüche.

Was den Islamismus (oder politischen Islam) als heutige Hauptgefahr für Europa – in Gestalt der Moslem-Bruderschaft auch für gemäßigt islamische Länder - betrifft, so entsprang er zwar dem vom westlichen Kolonialismus ausgelösten cultural clash, seine Gewaltsamkeit steckt jedoch – wenngleich fundamentalistisch aufgeladen –in der eigenen Kulturtradition. Zur Ironie des im mörderischen Anschlag von 9/11 gipfelnden Terrors gehört die Feststellung, dass darin ein dem aufgeklärt westlichen – mit der Toleranzidee verknüpften - Universalismus radikal entgegengesetzter religiöser Universalismus eklatierte.

In der geschichtlichen Realität erweist sich der in Humanismus und Aufklärung geborene westliche Universalismus als politisch – und politisch-ethisch – fragwürdiges Konzept. Es trägt seine Widersprüche in sich, auch wenn dies unserem westlich-liberalen Credo widerspricht. In der Gegenwart zerbricht der – im Zeichen der Menschenrechte verkündete - säkular-christliche Universalismus vor unseren Augen an mehreren Fronten: im Ansturm von Migranten auf die „Festung Europa“, in der Ukraine, im Nahen Osten. Im Inneren der westlichen Gesellschaften stößt er mit der missglückenden „Integration“ von ethnisch-kulturell resistenten Einwanderergruppen an seine Grenzen. In den USA steht er innergesellschaftlich und – in der multipolaren Realität - außenpolitisch auf dem Prüfstein.

Der Widerspruch zwischen widerstreitenden Interessen, zwischen Wertesystemen (oder Ideologien) und zwischen mit ungleichen Machtpotentialen ausgestatteten Staatsgebilden und der Idee eines universalen Friedens - identisch mit der Idee vom "Ende der Geschichte" - war und ist nicht aufzulösen. Er lässt sich jeweils nur in verantwortungsvollem, humanem Sinne „neutralisieren“. Selbstkritische Fragen würden „Bewegungen“ wie dem konfrontativen „decolonalism“ in ihrem akademischen Impetus nur schwächen. Folglich findet eine tiefergehende Debatte über die hier skizzierten Widersprüche des mit „ moderner Demokratie“ assoziierten Universalismus – außer in der Abwehr der rechtspopulistischen Kräfte - in Europa kaum statt, am wenigsten in der Bundesrepublik Deutschland.

 

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RENATE SOLBACH †

JOBST LANDGREBE 
ULRICH SCHÖDLBAUER


Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Front: ©2024 Lucius Garganelli, Serie G

 

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