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von Herbert Ammon

Erik Larson: In the Garden of Beasts. Love, Terror, and an American Family in Hitler´s Berlin, New York (Crown) 2011, 448 Seiten.

Das Buch des Journalisten Erik Larsen ziert die Bestseller-Liste der New York Times. Zu erwarten ist ein Opus, das vor der Kulisse der braunen Masseninszenierungen erneut die alte Geschichte von den Bösen und den Guten erzählt.

Dem Autor könne es um die Vorlage eines Musicals à la Cabaret gehen, und in der Tat dient als Beleg ein paarmal Christopher Isherwood, dessen Berlin Stories (1935) den Kassenrenner mit Liza Minelli inspirierte.

 

Der Titel des Buches evoziert das Bild eines von Raubtieren bevölkerten Bestiariums. Semantisch abgeschwächt wäre er mit »Tiergarten« zu übersetzen – eine Anspielung auf den Tiergarten zu Berlin und auf die Tiergartenstraße 27a, Haus des jüdischen Privatbankiers Alfred Panofsky, wo der amerikanische Botschafter Dodd mit Familie 1933-1937 als früh erwachter Warner vor dem Unheil residierte. Was die zahllosen Affären der Tochter betrifft, so ist eine hollywoodeske Aufbereitung des Themas »Sex und brauner Terror« mit Martha Dodd als Hauptfigur alsbald zu erwarten.

I.
William E. Dodd, Historiker an der University of Chicago, verdankte seine Ernennung zum US-Botschafter in Berlin einem Zufall. Sein Vorgänger hatte den Posten beim Amtsantritt von Präsident Franklin Delano Roosevelt (4. März 1933) geräumt. Nach Absagen mehrerer Kandidaten – einer davon der Bankier und Urheber des Young-Planes Owen D. Young - verfiel der Präsident auf Empfehlung des Handelsministers Daniel Roper auf den loyalen Parteigänger Dodd, gleichsam als zweite Wahl. Zuvor hatte er Dodd, der ihn mit Reformkonzepten zur Konkretisierung des New Deal bedacht hatte, mit kühlem Interesse behandelt. Nach Berlin gab ihm FDR den Auftrag mit, sich um die Bedienung der amerikanischen Anleihen zu kümmern.

Die biographische Skizze des aus dem Süden stammenden Dodd (1869-1940) hätte schärfere Konturen verdient. Welche religiösen – mutmaßlich protestantisch-fundamentalistischen - Prägungen erfuhr der Sohn eines verschuldeten, kinderreichen Baumwollfarmers in North Carolina? Wie stand der junge Dodd zur »Rassenfrage«, wie reagierte er auf den agrarischen Protest des Populismus? Der Autor bezeichnet Dodd – in späteren Jahren verbrachte er möglichst viel Zeit auf seiner Farm in Virginia -, als »Jeffersonian Democrat«, womit das von Thomas Jefferson stilisierte Idealbild einer agrarischen Demokratie gemeint ist. Dahinter tritt das Bild eines vom progressive movement geprägten liberal der Roosevelt-Ära hervor.

Dem Elend seiner Jugend, typisch für den Süden nach dem Bürgerkrieg, entkam der junge Dodd durch das Studium an einem polytechnischen College in Virginia. Ermutigt von einem akademischen Lehrer, ging er 1897 nach Erwerb eines »master´s« nach Deutschland, wo er an der Universität Leipzig mit einer Dissertation über Jefferson promoviert wurde. Über den Doktorvater ist in Larsens Buch nichts zu erfahren. An Deutschland, das er unter anderem bereits mit dem Fahrrad bereiste, missfiel ihm das militärische Gebaren im jungen Reich.  »There was too much war spirit everywhere«, heißt es in einer  Notiz. (S. 12). So waren später für ihn Großindustrie und Adel - »the Junkers« als Gegenstück zur südstaatlichen Herrenschicht – die Urheber der für ihn unzweifelhaften deutschen Schuld am Weltkrieg. Andererseits bewahrte er bis zum Ende seine Botschafterzeit hinein ein positives Bild vom »demokratischen« Deutschland der kleinen Leute.

Nach Jahren am unbedeutenden Randolph-Macon College in Ashland, Virginia, gelang Dodd 1908 der Sprung auf den Lehrstuhl für amerikanische Geschichte in Chicago, einem Zentrum des progressivism. Freundschaftlicher Kontakt entstand zu Jane Adams (1860-1925), der Protagonistin der Sozialreform und des Frauenwahlrechts. Im August 1916 lernte Dodd Präsident Woodrow Wilson kennen. »For Dodd, Wilson became the modern embodiment of Jefferson.« (S. 13). Durch seine Wilson-Biographie erwarb er sich einigen Ruhm. Ein auf mehrere Bände angelegtes Werk über den Alten Süden (Old South) vor dem Bürgerkrieg blieb bis zu seinem Tod Fragment.

II.
Am 5. Juli 1933 schiffte sich Dodd mit Frau Mattie, Sohn Bill (William E. Dodd Jr.) und Tochter Martha in Boston nach Hamburg ein. Mit 64 Jahren auf den wichtigen Posten in Berlin berufen, entsprach Dodd nicht dem Bild eines Karrierediplomaten. Mit seinem bewusst bescheidenen Auftreten – er fuhr im eigens mitgebrachten alten Chevrolet ohne Chauffeur durch die Stadt und beschränkte Empfänge auf das unumgängliche Minimum – stieß der Abstinenzler Dodd bei nachgeordneten Harvard-Absolventen an der Botschaft auf geringe Sympathien. Im State Department behandelte man seine seitenlangen Berichte aus Berlin mit Geringschätzung. Besondere Aversionen hegten der Unterstaatssekretär William Phillips sowie der Roosevelt-Vertraute – und spätere Sonderbeauftragte – Sumner Welles.

Bei Dienstantritt war Dodd noch geneigt, Warnungen vor dem neuen Regime, wie sie der amerikanische Generalkonsul George S. Messersmith vorbrachte, zu übergehen. Von antisemitischen Sentiments nicht gänzlich unbeseelt – wenngleich in weit minderem Maße als manche Beamte im State Department –, maß er den im April 1933 verkündeten Diskriminierungsdekreten gegen Juden noch keine allzu große Bedeutung bei. Obgleich  bereits auf einer ersten Familientour Zeuge von SA-Brutalität und Pöbelszenen in Nürnberg, setzte Dodd anfangs auf Mäßigung der neuen Machthaber. Immerhin schlug er die Einladung zum Nürnberger Parteitag, dem ersten nach der »Machtergreifung«, mit formalem Bedauern aus.

In einer Rede im Hotel Adlon vor der amerikanischen Handelskammer (American Chamber of Commerce) am 12. Oktober 1933 (Columbus Day) erteilte Dodd unter dem Thema »Economic Nationalism« eine Geschichtslektion, um – mit Bezügen von der Krise der Römischen Republik bis zur Französischen Revolution – mehr Rechtlichkeit anzumahnen:      »Half-educated statesmen today swing violently away from the ideal purpose of the first Gracchus and think they find salvation for their troubled fellows in the arbitrary modes of the man who fell an easy victim to the cheap devices of the lewd Cleopatra.« (S. 149) Die Rede provozierte Goebbels zu wütender Reaktion und Publikationsverbot, was indes von drei Zeitungen mit Redeauszügen ignoriert wurde. Befeuert vom stürmischen Beifall der Zuhörer, darunter Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht, schrieb Dodd an Roosevelt: »My interpretation of this is that all liberal Germany is with us. And more than half of Germany is at heart liberal.« (S. 150).

Zum »liberalen Deutschland« rechnete Dodd  nicht nur – den mit Vornamen nach dem Liberalen Horace Greeley benannten – Schacht, häufiger Gast in der Tiergartenstraße. Ein unerwartet freundschaftliches Verhältnis entstand auch zu Hitlers Vizekanzler Franz von Papen, und dies ungeachtet alter Vorbehalte – als Militärattaché in Washington 1913-1915 baute Papen einen Spionagering auf – und eines Affronts auf dem Presseball der US-Korrespondenten. Die Chicagoer Journalistin Sigrid Schulz, neben Mildred Harnack-Fish die erste unter amerikanischen Freunden der Dodds in Berlin, verleitete Papen kundzutun, es habe vor 1917 nie einen Friedensvorschlag Präsident Wilsons gegeben. »Oh yes there was«, replizierte Dodd und nannte das exakte Datum (S. 188). Mehr noch, er führte den Kriegseintritt der USA auf »die reine, vollkommene Dummheit deutscher Diplomaten« zurück (S. 190).

Am 17. Oktober, einen Tag nachdem Hitler den Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund angekündigt hatte, machte ihm Dodd seine Aufwartung. Hitler empörte sich über den Versailler Vertrag. Dodd stimmte ihm hinsichtlich der Haltung der Franzosen zu, erklärte sodann unter Verweis auf die »schreckliche« Behandlung des Südens nach dem Bürgerkrieg, auf eine Niederlage im Krieg folge stets Ungerechtigkeit. Er schied mit dem Eindruck, Hitler sei es mit der bekundeten Friedensliebe ernst.
Noch am 7. März, vor einem zweimonatigen Aufenthalt in Washington, als Dodd über den Reichspressechef Ernst »Putzi« Hanfstaengl ein privates Gespräch mit Hitler gesucht und ihn ungeachtet der »unfortunate propaganda« in den USA zu einer milderen Gangart in der »Judenfrage« (»the Jewish problem«) bewegen wollte, nahm er guten Glaubens Friedensbeteuerungen aus der Unterredung mit. Tatsächlich gelang es ihm – auch auf Anweisung Roosevelt – in Chicago, zwei jüdische Führer zur Zurückhaltung gegenüber Deutschland unter Hitler zu verpflichten. Auf der Rückreise erfuhr er auf dem Schiff von der Rede, in der Goebbels die Juden als »Syphilis der Nationen Europas« attackiert hatte. »Dodd felt betrayed«, schreibt Larsen. (S. 259)

III.
Anders als ihr Vater, dem die uniformierten Massen Unbehagen bereiteten, ließ sich die 24jährige Tochter Martha von der »nationalen Revolution« zunächst vorbehaltlos begeistern.  Aufmärsche, Empfänge, Partyklatsch mit Journalisten wie Louis Lochner, Henry Knickerbocker (»Nick«) und William Shirer, das Getriebe der Hauptstadt des Dritten Reiches, kamen einem exaltierten Temperament entgegen. In einem Brief an Thornton Wilder schilderte sie die Atmosphäre im Salon der Harnacks, wo sie den Auftritt des am Rathenau-Mord beteiligten Ernst von Salomon und seiner jüdischen Lebensgefährtin –  nicht »wife«  - erlebte und wo man der Verachtung für Hitler und Himmler freien Lauf ließ. (S. 143)

Bei ihrer Ankunft hatte die schriftstellerisch dilettierende Martha bereits Romanzen mit Dodds Freund Carl Sandburg, mit Thornton Wilder und eine noch nicht geschiedene Ehe hinter sich. In Berlin akquirierte sie in kürzester Zeit so unterschiedliche Liebhaber wie den Fliegerhelden Ernst Udet, »Putzi« Hanfstaengl, den Gestapo-Chef Rudolf Diels, den französischen Botschaftsrat Armand Berard, den Biophysiker Max Delbrück (den späteren US-Nobelpreisträger von 1969), schließlich als ihre ›wahre Liebe‹ den sowjetischen Botschaftssekretär – und NKWD-Agenten – Boris Winogradow. Der Schriftsteller Thomas Wolfe erzählte von seinem letzten Aufenthalt in Berlin im Frühjahr 1935, sie sei ihm vorgekommen »like a butterfly hovering around my penis«. (S. 115) Schwärmerische Bewunderung erregte sie auch bei Prinz Louis Ferdinand von Preußen.

Was unterscheidet Geschichte vom Groschenroman? Die Frage stellt sich, wenn »Putzi« Hanfstaengl, als Harvard-Absolvent Studienfreund F.D. Roosevelts, späterhin Paladin des Führers aus Münchner Putschtagen, im Herbst 1933 gedachte, das Schicksal Europas zu wenden, indem er ein Rendezvous  mit Hitler im Hotel »Kaiserhof« arrangierte. Gemäß ihren Erinnerungen (Through Embassy´s Eyes, 1939) empfand Martha den Diktator als »excessively gentle« und  keineswegs uncharmant. (S. 161)
Über einen Handkuss kam die auch von Martha mit dezentem Chic betriebene Annäherung an Hitler nicht hinaus. Nachdem ihre Begeisterung für die braune Revolution geschwunden schien, war sie dank ihrer Beziehung zu Boris für den NKWD attraktiv geworden. Im April 1934 erhielt Winogradow den Auftrag, sie für den Dienst zu rekrutieren. Gegen die Einwände ihres Vaters begab sie sich im Juli 1934 auf eine mehrwöchige Reise in die Sowjetunion.

IV.
Zu genaueren Einsichten in den Charakter des neuen Regimes gelangte Dodd durch Gestapo-Chef Rudolf Diels, den Göring als Preußischer Ministerpräsident und Innenminister aus dem Polizeiapparat übernommen hatte und eine Zeitlang protegierte. Diels war bestrebt, die Gewaltexzesse einzudämmen, und war die treibende Kraft hinter der zu Weihnachten 1933 verkündeten Teilamnestie. Im Hause Dodd verkehrte er als einer von Marthas Liebhabern. Am 1. April 1934 eröffnete Diels seiner Geliebten, dass Himmler ihm nach dem Leben trachte. Martha eilte zu Generalkonsul Messersmith – der sie ob ihres Lebensstils als Zumutung empfand – und bat ihn um Intervention bei Göring. Messersmith traf ihn im konservativen Herrenclub, wohin – zum ersten Mal – die tonangebenden Generäle mit Göring einen der Regimechargen eingeladen hatten. Am späten Nachmittag erfuhr Messersmith, dass Diels zum Regierungspräsidenten von Köln ernannt worden sei. An der Spitze der Gestapo werde Himmler stehen. Der ernannte am 22. April Reinhard Heydrich  zum Gestapo-Chef.

»Everywhere I go men talk of resistance, of possible putsches in big cities«, schrieb Dodd am 16. Juni an Außenminister Cordell Hull. (S. 283) Nach Papens aufsehenerregenden Marburger Rede (am 17. Juni) notierte er in seinem Tagebuch: »All old and intellectual Germans are highly pleased.« (S. 287). Die historische Wirklichkeit des 30. Juni 1934 tritt daran hervor, dass selbst ein Mann wie Dodd in den ersten Stunden an die Niederwerfung eines Putsches glaubte. Erst nach und nach trafen Nachrichten von dem realen Mordgeschehen ein. Da er zu Recht um das Leben Papens fürchtete, fuhr Dodd zweimal zu dessen von SS-Leuten bewachter Wohnung. Beim zweiten Mal drückte er dem SS-Mann eine an Papen adressierte Besuchsanmeldung in die Hand. Die Familie Papens wussten die schützende Geste zu schätzen, wenngleich der Vizekanzler seine Rettung Hindenburg zu verdanken hatte. Der Reichspräsident selbst dankte von Gut Neudeck aus Hitler telegraphisch für die »entschlossene Aktion« zur Rettung der »deutschen Nation aus höchster Gefahr«. (S. 328)


Auf das Röhm-Massaker reagierte Dodd mit Entsetzen. Für ihn hatte Hitler endgültig seinen wahren Charakter offenbart. Auf einem konspirativen Spaziergang im Tiergarten mit dem französischen Botschafter André Francois-Poncet und dem englischen Gesandten Sir Eric Phipps verabredete er, die Rede im Reichstag, in der sich Hitler als »oberster Gerichtsherr des deutschen Volkes« präsentierte, zu boykottieren. Am 14. Juli, einen Tag nach der Rede, sandte er ein verschlüsseltes Kabel an Hull: »NOTHING MORE REPULSIVE THAN TO WATCH THE COUNTRY OF GOETHE AND BEETHOVEN REVERT TO THE BARBARISM OF STUART ENGLAND AND BOURBON FRANCE.« (S. 332f.)
Fortan tat Dodd  alles, um vor deutscher Aufrüstung und Hitlers Aggressionspolitik zu warnen. Im Oktober 1937, nach einem Treffen mit Roosevelt, schwebte ihm die »Kooperation« der vier Mächte – USA, England Frankreich und Russland – vor. Im State Department längst unbeliebt geworden, erhielt er am 23. November das Telegramm mit seiner Entlassung. Dodds Nachfolger Hugh Wilson, der bis 1940 den Posten in Berlin besetzte, hegte gewisse Sympathien für das NS-Regime und setzte auf Ausgleich.

V.
William Dodd, die »Kassandra der amerikanischen Diplomaten«, erscheint in mancherlei Charakterzügen als der Prototyp eines liberal in der Ära des New Deal. Nach der Rückkehr in die USA gründete er das »American Council Against Nazi-Propaganda« und trat dem »American Council of Spanish Democracy« bei. Bestätigte der Kriegsausbruch 1939 Dodd in seinen Prognosen, so erlebte er die Rolle der USA unter FDR im II. Weltkrieg nicht mehr. Zwei Jahre nach dem Tod seiner Frau starb er am 9. Februar 1940 auf seiner Farm.

Inwieweit Tochter Martha die zeittypische Figur einer fellow-traveller repräsentiert, ist eine Geschmacksfrage. Aus der von ihrer Seite angestrebten Heirat mit Boris wurde nichts, obwohl sie einen Brief an Stalin höchstselbst schrieb. Nach ihrer Rückkehr in die USA verliebte sie sich in Alfred Stern, einen wohlhabenden New Yorker »of left-leaning sensibility«. (S. 347) Die Heirat folgte auf dem Fuße. Die Verehelichung teilte sie am 9. Juli 1938 in einem mit Liebesbeteuerungen erfüllten Brief an Boris mit. Zu diesem Zeitpunkt war Winogradow, idealistischer Kommunist und NKWD-Mann, bereits tot, Opfer der Stalinschen Säuberungen.

Martha und ihr Ehegatte wirkten alsbald als Agentenpaar für die Sowjetunion zusammen. »Sie betrachtet sich als Kommunistin und behauptet, das Parteiprogramm zu akzeptieren«, heißt es in einem Führungsbericht. »In Wirklichkeit ist ›Liza‹ eine typische Vertreterin der amerikanischen Bohème, eine sexuell verkommene Frau, die bereit ist mit jedem gutaussehenden Mann zu schlafen.« (S. 360f.)
In New York etablierte Martha einen Salon, in dem ›progressive‹ Intellektuelle wie die Schriftstellerin Lillian Hellman, der Bildhauer Isamu Noguchi und der Sänger Paul Robeson verkehrten. 1945 konnte sie den Roman Sowing the Wind veröffentlichen, der um die Figur ihres einstigen Liebhabers Ernst Udet herum konstruiert war.

1953 gerieten Martha und Alfred Stern (Deckname »Louis«) ins Visier des House Committee on Un-American Activities. Einer Vorladung entzogen sie sich durch die Flucht nach Mexiko. Von dort ging die Reise nach Prag, wo sie jahrelang, ausgestattet mit einem schwarzen Mercedes, hochherrschaftlich residierten. Der Rest war Langeweile, ungeachtet neu aufwallender ›progressiver‹ Sympathien für den Prager Frühling. Stern starb in Prag 1986, Martha im Jahr 1990.

VI.
Autor Larsen lässt an seiner Sympathie für Dodd keinen Zweifel: »In the end, Dodd proved to be exactly what Roosevelt had wanted, a lone beacon of American freedom in a land of gathering darkness.« (S. 356). In seinem Urteil über Martha neigt er weniger zu Ironie als zum Positiven, wenn er sie als »not precisely a hero but certainly a woman of principle« und als »queer bird in exile« bezeichnet. (S. 364)

Fachhistorische Skepsis gegenüber dem Buch ist gleichwohl nicht angebracht. Eine tiefere Durchdringung des »Zeitalters der Extreme« ist beim Genre der narrative nonfiction nicht zu erwarten. Gravierende Fehler sind nicht aufzufinden, auch wenn der einst weltberühmte KPD-Chef nur als »a German communist named Ernst Thälmann« erscheint (S. 118). Über Dodds Haltung zum »Kirchenkampf« in der evangelischen Kirche ist leider nichts zu erfahren.

Das Buch basiert auf breiter Sekundärliteratur, wenngleich neben Historikern wie John T. Wheeler-Bennett, Detlef J.K. Peukert, Gerhard L. Weinberg und Ian Kershaw als Quellenbeleg mehrfach der zweifelhafte Bernd Gisevius erscheint und im Literaturverzeichnis Bernt Engelmann auftaucht. Larsen hat umfangreiches Archivmaterial ausgewertet. Dass er aufgrund einschlägiger Lektüre das von Martha Dodd und ihrem Bruder herausgegebene Tagebuch (Ambassador Dodd´s Diary, New York 1941) für authentisch hält, kann als wissenschaftliches Ergebnis gelten.

Zu den Vorzügen des Buches gehören die gute Lesbarkeit und das journalistisch geschulte Gespür für Dramatik, beispielsweise für ein an sich unbedeutendes Ereignis am 23. Februar 1934. An diesem Abend, so geht aus einer von Martha Dodd aufbewahrten Gästekarte hervor, folgten die Dodds einer Einladung von SA-Chef Ernst Röhm, ihrem unmittelbaren Nachbarn in der Tiergartenstraße. Dodd saß als Ehrengast rechts neben Röhm, ihm gegenüber, am äußersten Ende der hufeisenförmigenTafel, war Himmler plaziert. Für den 6. Juli hatte Dodd eine Gegeneinladung vorgesehen. Die Absage traf erst nach Röhms Ermordung ein.

Zum Stoff der Tragödie gehört das Komische, etwa auf »Karinhall« am 10. Juni 1934 – drei Wochen vor dem großen Massaker, bei dem Göring selbst reihenweise Exekutionen gemäß vorbereiteter Listen  anordnete. In phantastischem Jägergewand auftretend, lud Göring das Diplomatenkorps zur Besichtigung des Mausoleums für seine verstorbene schwedische Gattin sowie  zu einer Demonstration der Rückzucht seiner Wisentherde. Der auserlesene Prachtbulle verweigerte sich der angekündigten Darbietung seines Könnens.

Unter den genannten Vorbehalten ist das Buch – auch im Hinblick auf eine deutsche Übersetzung – zu empfehlen. Es enthält wissenswerte Details über Gesellschaft und Politik der USA zur Zeit des New Deal, und es ist mehr als eine spannend aufgemachte amerikanische Moralfibel. Selbst für denjenigen, der angesichts der nicht endenwollenden Buchproduktion über die Nazizeit einigen Überdruss empfindet, bietet Larsens Buch über die Dodds in Berlin Erhellendes aus den finsteren Jahren.

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Herbert Ammon ist Historiker und politischer Publizist. Bis 2003 lehrte er als Dozent für Geschichte und Soziologie am Studienkolleg für ausländische Studierende der Freien Universität Berlin. Seine Schwerpunkte liegen in den Bereichen deutsche und amerikanische Geschichte, Ideengeschichte sowie politische Philosophie.

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.