von Eckard Holler

Der von den Nazis »Rote Kapelle« genannte Widerstandskreis war eine Vereinigung lose miteinander verbundener Freundeskreise von NS-Gegnern in Berlin, die zwischen 1933 und 1942 Widerstandsaktionen unterschiedlicher Art durchführten, und gehörte zu den bedeutendsten und größten deutschen Widerstandsorganisationen überhaupt. Führende Mitglieder waren der Luftwaffenoffizier Harro Schulze-Boysen und der Wirtschaftswissenschaftler Arvid Harnack, nach denen die Gruppe, die sich selbst keinen Namen gegeben hatte, auch »Schulze-Boysen/Harnack-Organisation« genannt wurde. Ihre spektakulärste Aktivität waren die Kontakte nach Moskau, mit denen sie die Sowjetführung 1941/42 über den deutschen Angriff auf die UdSSR informierte. Ihre Tragik war jedoch, dass weder die Westmächte noch Stalin ihre Informationen ernst nahmen und sie durch dechiffrierte Funksprüche der unvorsichtigen sowjetischen Abwehr entdeckt und vernichtet wurde.

 Anne Nelson, Die Rote Kapelle, Die Geschichte der legendären Widerstandsgruppe. Aus dem amerikanischen Englisch von Michael Müller, München (C. Bertelsmann) 2010, 510 Seiten

Der Widerstandskreis agierte relativ offen und vertraute auf Freundschaftsbeziehungen als besten Schutz gegen Verrat. Die Beteiligten, meist Ehepaare, trafen sich am Wochenende auf Segelbooten auf dem Wannsee oder bei privaten geselligen Treffen in ihren Wohnungen, bei denen auch neue Mitglieder gewonnen wurden. Es gab Flugblatt- und Klebezettelaktionen, man half ausländischen Zwangsarbeitern und verfolgten jüdischen Mitbürgern und diskutierte selbstgeschriebene politische Broschüren, die auf den Gesellschaftsaufbau nach dem Nationalsozialismus vorbereiteten. Ab 1941 zirkulierte die eigene Untergrundzeitschrift "Die innere Front" mit 15 Ausgaben in zwei Jahren.

Man kann diese Form von Widerstand als Weiterführung der NS-gegnerischen Jugendbewegung bezeichnen, für die Harro Schulze-Boysen als Jugendlicher und als Student in den Jahren vor 1933 publizistisch tätig war. Um für diese antinationalsozialistische Jugendbewegung arbeiten zu können, hatte er zum Entsetzen seiner Eltern sein Jurastudium aufgegeben und die Zusammenarbeit mit nationalbolschewistischen Kreisen gesucht. Eine Zeitlang hatte er auch engen Kontakt zu der prokommunistischen Berliner dj.1.11-Organisation von Eberhard Koebel-tusk, distanzierte sich aber von ihm als Anhänger eines ›dritten Weges‹ zwischen Kapitalismus und Kommunismus. 1933 wurde sein Redaktionsbüro von einem SA-Sturm verwüstet, er in ein wildes KZ verschleppt und misshandelt. Sein jüdischer Freund wurde vor seinen Augen beim ›Gassenlauf‹ durch die SA-Reihen mit Peitschen, die mit Bleikugeln beschwert waren, erschlagen. Er folgerte für sich: »Ich habe meine Rache auf Eis gelegt« und begann nach 1933 bei seiner beruflichen Tätigkeit im Reichsluftfahrtsministerium mit einer langfristig angelegten Widerstandstätigkeit, die erst 1942 aufgedeckt wurde.

Der mit über 40 Prozent erstaunlich hohe Frauenanteil im Widerstandskreis der »Roten Kapelle« und die vielfältigen Bezüge der Beteiligten zu den USA motivierten die amerikanische Publizistin Anne Nelson, mit Greta Kuckhoff (geb. Lorke) erstmals eine Frau in den Mittelpunkt zu stellen. Greta Lorke, aus Arbeiterverhältnissen kommend, hatte von 1927-29 in den USA Soziologie studiert und dort Arvid Harnack und dessen amerikanische Frau Mildred Fish-Harnack kennen gelernt. Nach ihrem Studium war sie eine Zeitlang in Berlin Sekretärin des Soziologen Karl Mannheim, bevor sie den Theater- und Drehbuchautors Adam Kuckhoff heiratete. Wie er wurde sie 1942 zum Tode verurteilt, nach seiner Hinrichtung jedoch zu 10 Jahren Zuchthaus ›begnadigt‹. Dadurch gehörte sie zu den Überlebenden der Gruppe (neben Adolf Grimme, Günther Weisenborn, Werner Krauss u.a.) und stieg nach 1945 in der DDR zur Präsidentin der Staatsbank und zum Mitglied des Friedensrates auf.

Mit ihrer ›weiblichen‹ Sicht gelingt es der Autorin, die handelnden Personen im familiären Umfeld mit ihren persönlichen Eigenheiten und Schwächen darzustellen und ein einfühlsames Bild dieses aus Beamten, Intellektuellen, Künstlern und Arbeitern, Frauen und Männern unterschiedlichen Alters zusammengesetzten Widerstandskreises zu zeichnen. Ein Verdienst besteht darin, dass die patriotischen, humanistischen und zutiefst moralischen Motive des Kreises deutlich gemacht und die von den Nazis in die Welt gesetzte Darstellung der »Roten Kapelle« als landesverräterischer Spionageorganisation als lügenhaft entlarvt werden. Offensichtlich bedurfte es dazu einer US-amerikanischen Publizistin. Auch die Sympathien der Gruppe für den kommunistischen Widerstand und die sozialistische Entwicklung in der UdSSR finden ihr Verständnis, zumal ihr diese aus den USA der 1930er/1940er Jahren vertraut sind.

Nelsons Buch bietet eine von Sympathie getragene Darstellung eines breitgefächerten Netzwerks von Nazi-Gegnern in Berlin aus unterschiedlichen sozialen Schichten und politischen Richtungen, das ab 1937 immer bewusster zum aktiven Widerstand überging. Es gab Kontakte zur US-Botschaft in Berlin, nach Großbritannien und in die Schweiz und kulminierte in dem Versuch, die Kriegsgegner des Deutschen Reichs mit kriegswichtigen Informationen zu versorgen, und zwar nicht aus landesverräterischer Absicht, sondern aus der patriotischen Überzeugung, dass Hitlers Politik ins Verderben führe und nur ein entschiedener Widerstand Deutschland vor dem Untergang retten könne.

Bei allem Lob für die Breite und Dichte der Darstellung ist leider auch ein Mangel zu beklagen. Er besteht im mangelnden Wissen der amerikanischen Autorin von der deutschen Jugendbewegung, aus der Harro Schulze-Boysens Widerstandsmotivation hervorging. Sie nennt zwar seine Mitgliedschaft im »Jungdeutschen Orden« und seine publizistische Tätigkeit für die Zeitschrift »Gegner« vor 1933, kann aber nichts mit dem Utopismus der Jugendbewegung anfangen, der Harro Schulze-Boysen zum Widerstand antrieb und langfristig leitete.

Dabei sind die ›jugendbewegte‹ Konzeption von Widerstand und der ›jugendbewegte‹ Lebensstil in der Beziehung von Harro und Libertas Schulze-Boysen unverkennbar. Sie führten eine ›offene‹ Ehe, mit Raum für geduldete Seitensprünge, verzichteten auf Kinder, da diese ihrer Meinung nach die politische Arbeit behindert hätten, und ordneten ihr Leben völlig der Widerstandstätigkeit unter. Maßgebend war bei neuen Bekannten nicht die richtige politische Linie, sondern die charakterliche Qualität. Wer zu dem Kreis zugelassen wurde, wurde zuvor charakterlich geprüft und dann, wie es in der Jugendbewegung üblich war, ›gekeilt‹ oder aber fallen gelassen. Das ›offene Haus‹ in Berlin-Charlottenburg, wo Harro und Libertas (genannt »libs«) wohnten, war ein Ort zahlreicher geselliger Treffen, mit Lesungen und Diskussionen, Gesang und Tanz. Libertas sang zusammen mit Harro und den anderen Gästen Fahrtenlieder, die sie bei den Schweizer Pfadfinderinnen gelernt hatte, und begleitete sich dazu mit der Ziehharmonika. Man ging auch Zelten, Kanufahren und Segeln und machte Lagerfeuer, wie es die bündische Jugendbewegung der 1920er Jahre gern getan hatte, bettete die Widerstandstätigkeit zwanglos also in das ›bündische‹ Gemeinschaftsleben ein. Geleitet war Schulze-Boysen von der jugendbewegten Idee der ›Überwindung der Parteien durch die Jugend‹ und warb für eine ›Partei des Lebens‹, die in der jungen Generation ihre Basis haben sollte.

Am 31. August 1942 wurde Harro Schulze-Boysen, den die Gestapo als Kopf der Widerstandsorganisation ansah, als erstes Mitglied der Gruppe verhaftet. In den Wochen danach folgten 125 weitere Verhaftungen, die zu über 50 Todesurteilen (19 davon gegen Frauen) führten. Die Aussagen wurden teilweise durch brutale Verhörmethoden erzwungen, bei denen die Verhafteten misshandelt und gefoltert wurden. Die Vernehmung Harro Schulze-Boysens begann mit 12 Schlägen mit einem Axtstiel, Arvid Harnack und Adam Kuckhoff wurden mit Peitschen und Daumenschrauben drangsaliert.

Erinnernswert ist, dass der Nazi-Richter Manfred Roeder, der die Anklage gegen die »Rote Kapelle« vertreten hatte, nach 1945 im Dienste westlicher Geheimdienste die nationalsozialistische Sichtweise weiterverbreiten konnte und die bundesdeutsche Justiz die Verfahren einstellte, die wegen der Todesurteile gegen ihn angestrengt wurden. Erst 2009 wurden die NS-Militärgerichtsurteile wegen ›Kriegsverrats‹, die u.a. gegen die Mitglieder der »Roten Kapelle« gefällt worden waren, vom Deutschen Bundestag pauschal aufgehoben.

Anne Nelsons Buch hat verschiedene Verdienste: Es ist eine Hommage an den linksbürgerlichen Widerstand gegen den Nationalsozialismus und leistet eine Ehrenrettung für die lange als Landesverräter verleumdete Gruppe bewundernswerter Menschen, die ihr Leben für das ›andere‹ Deutschland gegeben haben. Ihr Buch ist darüber hinaus lesenswert, da es die Aufmerksamkeit auf die eigenständige Rolle der Frauen des Widerstandskreises richtet, die bislang nur im ›Schatten der Männer‹ gesehen wurden. An der Zeit wäre es aber auch, auf die Anstöße und Motive einzugehen, die der Widerstand gegen den Nationalsozialismus der bündischen Jugendbewegung verdankt. Nichts läge näher, als dies am Beispiel Harro Schulze-Boysens zu zeigen, der gewissermaßen als ›jugendbewegter‹ Berufsrevolutionär in den Widerstand eintrat und mit seiner ›Partei des Lebens‹ ein Programm vertrat, das die idealen Ziele der bündischen Jugendbewegung der 1920er Jahre als Widerstandsprogramm formulierte. Anne Nelson hat das Verdienst, davon geschrieben zu haben. Es bleibt jedoch die Aufgabe, Schulze-Boysens Programmentwurf konkret zu entschlüsseln.

 

 

 

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