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von Herbert Ammon

Die ideengeschichtlich schillernde Konservative Revolution steht noch immer als Synonym für die Verirrungen des deutschen Geistes, für alles, was einst Kurt Sontheimer als »antidemokatisches Denken in der Weimarer Republik« indizierte. Kenner der Materie, von Armin Mohler bis zu Stefan Breuer und Rolf Peter Sieferle, haben dagegen längst gezeigt, dass die in den zwanziger Jahren in Deutschland eklatierende Bewußtseinskrise, das Unbehagen an positivistischem Fortschrittsglauben, die Kritik an Kapitalismus und industrieller Massengesellschaft, die Ablehnung der parlamentarischen Demokratie, kurz: die ideelle Revolte gegen das liberale System gesamteuropäische Dimensionen hatte.

Hans-Wilhelm Eckert: Konservative Revolution in Frankreich? Die Nonkonformisten der Jeune Droite und des Ordre Nouveau in der Krise der 30er Jahre, München (R. Oldenbourg Verlag) 2000, 267 S.

Im vorliegenden Buch macht Hans-Wilhelm Eckert den Esprit des années 1930 (Jean Touchard) einem breiteren deutschen Publikum zugänglich. Es geht um jene als ›Nonkonformisten‹ bezeichnete Intellektuellenzirkel, die ihre Position außerhalb der bestehenden Lager – des bürgerlichen Liberalismus und des klassenkämpferischen Sozialismus – definierten. Als Protagonisten einer antiliberalen Erneuerung Frankreichs traten drei Gruppierungen hervor: die Jeune Droite, der Ordre Nouveau sowie der Kreis um Esprit, das Organ des von Jacques Maritain inspirierten katholischen Renouveau.

In der Jeune Droite sammelten sich vor allem jüngere Dissidenten der Action francaise, die an der neuheidnischen Ideologie des alten Charles Maurras Anstoß nahmen oder an dessen Taktik revolutionäre Dynamik vermissten. Autoren wie Jean Fabrègues, bis 1929 Privatsekretär von Maurras, und Jean-Pierre Maxence wandten sich dem Neuthomismus Maritains zu, der Nietzsche-Enthusiast Thierry Maulnier schrieb 1932 das Vorwort zur französischen Übersetzung von Moeller van den Brucks Das Dritte Reich. Deutlich tritt die Geistesverwandtschaft mit den antiliberalen Tendenzen in Deutschland bei den Herausgebern von Ordre Nouveau hervor. Hier trifft man neben Denis de Rougemont, dem Schüler Karl Barths, auf Alexandre Marc als integrierende Führungsfigur.
Von Marc, dem jüdischen Großbürgertum Odessas entstammend und nach der Oktoberrevolution mit knapper Not dem Tod entkommen, übernahmen die Nonkonformisten die Doktrin des ›Personalismus‹. Prägungen erfuhr Marc während des Studiums in Freiburg durch Edmund Husserl und aus dem Werk Max Schelers.

Für den ›Personalismus‹, der die in religiöser Wahrheit und in überschaubarer Gemeinschaft lebende Person gegen den bürgerlichen Individualismus und den kommunistischen Kollektivismus stellte, schöpfte er aus den Werken von William Stern, dem Vater des Philosophen Günther Anders, und von Eugen Rosenstock-Huessy, dem Breslauer Soziologen und geistigen Wegbereiter des Kreisauer Kreises. Sahen die Nonkonformisten Europa in Gefahr zwischen Moskauer Materialismus und New Yorker Utilitarismus (Maxence), so erkannten sie, ungeachtet ihrer Ablehnung der Politik Briands, alsbald die französisch-deutsche Verständigung als europäische Kernfrage. Eine »heilige Allianz der Jugend« sollte nationalstaatliche Grenzen, Liberalismus und Kapitalismus überwinden. Dabei waren die Ausgangspositionen der jungen Aktivisten beiderseits des Rheins ursprünglich grundverschieden: in Deutschland das generationenübergreifende Gefühl der Demütigung angesichts der Kriegsniederlage und des ›Diktats von Versailles‹, im ausgebluteten Frankreich das Gefühl der Jüngeren, als ›überflüssige Generation‹ einer dekadenten, zu geistiger Regeneration unfähigen Nation anzugehören. Nicht zufällig war man bei einem Treffen von Nonkonformisten und jugendbewegten Nationalrevolutionären jeglicher Schattierung im Februar 1932 von politischer Eintracht noch weit entfernt.

Auch der »Tatkreis« um Hans Zehrer zeigte sich an Marcs Sympathien desinteressiert. Dennoch hielten die Nonkonformisten am Ziel eines besseren, föderalistischen Europa fest. Auf dem Weg dahin berührten und schieden sich die Geister: die einen landeten über die von Otto Abetz, später Hitlers Botschafter in Paris, gestifteten Kontakte im Lager der Kollaboration, die anderen, darunter Freunde des charismatischen Nationalrevolutionärs Harro Schultze-Boysen (»Rote Kapelle«) gingen in die Résistance.

Wo also sind die Nonkonformisten historisch anzusiedeln? »Wir stehen weder rechts noch links«, schrieb Ende 1932 Robert Aron von Ordre Nouveau, »aber wenn man uns unbedingt in die parlamentarische Begrifflichkeit einordnen will, so betonen wir, daß wir uns in der Mitte zwischen der extremen Rechten und der extremen Linken befinden, hinter dem Präsidenten und mit dem Rücken zur Nationalversammlung«. »Ni droite, ni gauche« - seit Zeev Sternhells Arbeiten über die revolutionäre Rechte in Frankreich gilt diese Parole als Markenzeichen des Faschismus. In seinem auf reichem Quellenmaterial fußenden Buch bringt Eckert einige Korrekturen an diesem Bild an: »Größere Gemeinsamkeiten« zeigten die Nonkonformisten »mit dem Gegner auf der Linken«, von den Faschisten trennte sie ihre geringere Militanz. Mit dem Rassismus der Nationalsozialisten hatten sie nichts zu schaffen. Eckerts Deutung des Phänomens eines intellektuellen Antiliberalismus bewegt sich dann wieder in konventionellen Bahnen, und so bleibt am Ende auch die Frage des Buchtitels offen: Waren die Nonkonformisten das französische Gegenstück zur deutschen konservativen Revolution?

Auch in: Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 113/16.5.2001, S. 10.

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Herbert Ammon ist Historiker und politischer Publizist. Bis 2003 lehrte er als Dozent für Geschichte und Soziologie am Studienkolleg für ausländische Studierende der Freien Universität Berlin. Seine Schwerpunkte liegen in den Bereichen deutsche und amerikanische Geschichte, Ideengeschichte sowie politische Philosophie.

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.