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von Felicitas Söhner

 Gedenkbuch für die Kaufbeurer Opfer der nationalsozialistischen ›Euthanasie‹-Verbrechen

»Erst die Einzelschicksale der Gequälten und Ermordeten lassen uns wirklich erkennen, was unschuldigen Menschen angetan wurde« konstatierte Norbert Lammert, ehem. Bundestagspräsident, 2017 in seiner Rede zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Von 1939 bis 1945 wurden im Rahmen des nationalsozialistischen ›Euthanasie‹-Programms etwa 300.000 Menschen mit psychischen Erkrankungen und Behinderungen ermordet. Die Heil- und Pflegeanstalt in Kaufbeuren mit ihrer Zweigstelle in Irsee war einer der Schauplätze im Allgäu, an dem diese Verbrechen stattfanden. Angeregt von der Sonderausstellung »Kaufbeuren unterm Hakenkreuz. Eine Stadt geht auf Spurensuche« im Stadtmuseum hat eine Arbeitsgruppe es sich zur Aufgabe gemacht, die Schicksale und Leidenswege von Kaufbeurer PatientInnen wissenschaftlich zu erforschen und zu publizieren.

Das vorliegende vom Bezirk Schwaben, den Bezirkskliniken Schwaben und der Stadt Kaufbeuren herausgegebene Gedenkbuch möchte die Namen und Lebensgeschichten der 21 Kaufbeurer Opfer würdigen und in das kollektive Gedächtnis der Stadt Kaufbeuren zurückholen. Neben der Darstellung der individuellen Lebensgeschichten enthält das Gedenkbuch eine Einführung, in der die historischen Zusammenhänge und die Geschichte der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren während der NS-Zeit beschrieben werden. Als Quellengrundlage dienten den Autoren vor allem Unterlagen aus dem Historischen Archiv des Bezirkskrankenhauses. Michael von Cranach (Direktor des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren von 1980 bis 2006), Petra Schweizer-Martinschek (Leitung des Historischen Archivs des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren) und Petra Weber (Leiterin des Stadtmuseums Kaufbeuren) nähern sich in vier Kapiteln den betrachteten Schicksalen Die Hintergründe des Kaufbeurer Gedenkbuchs, Die Krankenmorde in der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren 1940 bis 1945, ‚Die Ermittlung der Opfer der nationalsozialistischen ›Euthanasie‹-Morde und Die Kaufbeurer Opfer der NS-›Euthanasie‹.

Ausgehend vom Buchtitel, der sich auf das meist jahrzehntelange Verschweigen psychisch kranker Familienmitglieder bezieht, verweisen die Autoren im ersten Kapitel auf ihren Anspruch, die Menschen, die Opfer der Verbrechen der NS-Medizin in das kollektive Gedächtnis der Stadt und der umliegenden Region zu bringen und diese zu veranlassen, ihrer würdig zu gedenken. Die Verfasser verstehen den Band eingereiht in zahlreiche erinnerungskulturelle Formate, das Thema in die Öffentlichkeit zu bringen. So stehen die Kurzbiografien der Opfer im Mittelpunkt dieses Bandes. Mit der Nennung der Namen sowie der Lebens- und Leidensgeschichte der Opfer in diesem Gedenkbuch sei ein doppeltes Anliegen verbunden: Aus einer historischen Betrachtung soll der jahrzehntelangen Stigmatisierung der damals z.T. nur vermeintlich psychisch Erkrankten eine zeitgemäße Betrachtungsweise entgegengestellt werden. Die Recherchen schildern sie als schwierig. In den hier dargestellten Fällen gelang es den Autoren, die noch lebenden Angehörigen zu kontaktieren, persönliche Gespräche zu führen und teilweise in Zusammenarbeit eine entsprechende Biografie zu formulieren.

Der historische Teil zu den Krankenmorden in der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren 1940 bis 1945 konzentriert sich auf die Entwicklungen der psychiatrischen Versorgung um 1900, den seinerzeitigen Direktor Valentin Faltlhauser (1876-1961) in Kaufbeuren und die konkreten Auswirkungen der NS-Gesundheitspolitik in Stadt und Region. Die Leser*innen erfahren vom ›Euthanasie‹-Erlass im September 1939 und dessen Folgen sowie den Rahmenbedingungen und Prozessen um die Krankenmorde in der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren. So werden die Verlegungen in Tötungsanstalten, die Ermordung körperlich und psychisch kranker Kinder, die Tötung durch Mangelernährung und durch überdosierte Medikamentengaben wie auch die Frage von Menschenversuchen und Zwangsarbeiter in der Anstalt beleuchtet. Das Kapitel endet mit einer Betrachtung der Vorgänge nach dem Kriegsende 1945 und einer grafischen und informativen Darstellung von Orten der Erinnerungskultur in Kaufbeuren und Irsee.

Im Folgenden wird das Vorgehen bei der Ermittlung der Opfer der nationalsozialistischen ›Euthanasie‹-Morde in Kaufbeuren methodisch beschrieben und diskutiert. Folgende Kriterien wurden zur Feststellung des Opferstatus berücksichtigt: 1. Die fehlende Arbeitsfähigkeit, 2. Entwertende Beurteilungen, 3. Fehlende Behandlung und plötzlicher Tod, 4. Auffällige Gewichtsveränderungen, 5. Zeichen der Vernachlässigung.

Im Zentrum des Buches stehen die einundzwanzig in alphabetischer Reihenfolge betrachteten Biografien der Kaufbeurer Opfer der NS-›Euthanasie‹. Die Leser erfahren neben Namen und Lebensdaten, die Hintergründe der Einweisung, des Leidens und Sterbens. In einzelnen Fällen sind die Darstellungen aus medizinischer und pflegerischer Perspektive durch biografische Berichte, private Fotografien und Erinnerungen von Angehörigen erweitert. Über die Biografien werden die Opfer aus der Anonymität hervorgeholt und als Menschen mit einer Geschichte gezeigt. Wertvoll wie interessant ist im Anhang die Nennung verwendeter Quellen, angefragter Archive und weiterführender Literatur.

Herausgeber wie Autoren verstehen die historische Bearbeitung und Abgrenzung »von den schändlichsten Verbrechen deutscher Geschichte« als Aufgabe des kulturellen und gesellschaftlichen Diskurses. Mit dem vorliegenden Gedenkbuch gelingt es ihnen, diesen Diskurs historisch sachlich, fundiert und faktentreu zu führen und ihn trotzdem mit Empathie und Verantwortung für die Opfer zu gestalten. Ein besonderes Verdienst dieser Arbeit liegt in der Beschreibung und Erläuterung der Vorgänge eingebettet in den lokalen und regionalen Bezug. Damit ist des den Autoren gelungen, die Opfer der NS-›Euthanasie‹-Aktionen zu würdigen und in das kollektive Gedächtnis zurückzubringen.

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.