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Das vorliegende Buch erzählt davon, »wie bolschewistische Hygienepolitiker und Experten unter Stalin ihren Kampf gegen Malaria und Pest als zivilisatorische Mission führten.« (Klappentext) Es basiert auf der Doktorarbeit des Autoren an der Philosophischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin und lässt sich einreihen in die Forschungliteratur, die von der sog. »archival revolution« profitiert (Raleigh 2002), mit der umfangreiches, bislang kaum zugängliches Quellenmaterial zugänglich wurde.

Thematisch greift Braun ein noch wenig behandeltes Forschungsthema auf. Nicht viele Beiträge befassten sich bislang mit der Bedeutung und Rolle medizinischer Vorsorge im sowjetischen Russland. Zu diesen zählen der von Frances Bernstein, Christopher Burton und Dan Healey herausgegebene Sammelband Soviet Medicine (2010) sowie die Habilitationsschrift von Igor Polianski Das Schweigen der Ärzte. Eine Kulturgeschichte der sowjetischen Medizin und ihrer Ethik (2015). Unter dem Titel Von Menschen und Mikroben entwirft Matthias Braun eine Zeitgeschichte der Vorsorge, die sich mit dem hygienepolitischen Übergang von Praktiken der Intervention und Krisenbewältigung hin zu Praktiken der Prävention interessiert. Daher blickt man gespannt auf das vorliegende Buch, das sich der Thematik aus einer politik- und sozialgeschichtlichen Perspektive nähert.

Basierend auf einer umfangreichen Quellenbasis aus Staats- und Partei-Archiven in der Russischen Föderation und der Republik Aserbaidschan geht der Autor der Frage nach, wie politische Maßnahmen der Prävention entwickelt wurden. Dazu untersucht Braun den Übergang von intervenierenden zu präventiven Praktiken und erarbeitet die Charakteristika der sowjetischen Situation. Auf Basis von neu zugänglichen Archivbeständen ermöglicht die Untersuchung neue Perspektiven auch auf die weniger zentralen Akteure und Ereignisse.

Am Beispiel der Bekämpfung von Malaria und Pest betrachtet der Verfasser die Entwicklungsmöglichkeiten präventiver Praktiken sowie deren Potential, bislang zum allgemeingültigen Wissenskanon zählende Ansätze kritisch zu hinterfragen. Dass sich die historischen Prozesse dabei je nach Sichtweise des Betrachters politisch einordnen und deuten lassen, spricht der Verfasser bereits in der Einleitung direkt an und verweist die Leserschaft auf Standardwerke der jeweiligen Perspektiven. In diesem Zusammenhang macht er deutlich, dass die hier betrachteten Epidemien als mehr als nur als Infektionskrankheiten zu verstehen sind. Vielmehr lässt sich deren Auftreten und Management je nach interpretierendem Blick einordnen als Instrument zur Erkennung sozialer Kategorien wie Bildung, sozialer Herkunft oder Versorgungsstandards.

In vier Hauptkapiteln geht der Autor seinen Forschungsfragen nach. In Diskurse und Diagnosen geht er ein auf die Erkennung von Infektionen, Malaria und Pest in Russland vor und nach 1917. In Abschnitt Menschen und Mikroben rekonstruiert der Autor Praktiken der Malaria- und Pest-Bekämpfung und das damit verbundene wechselvolle Engagement von Medizin und Bürokratie in der Umsetzung von Schutzmaßnahmen gegen beide Seuchen. Das Kapitel Kader und Krankenhäuser analysiert Akteure und Handeln der Hygienepolitik sowie deren institutionelle Expansion. Braun geht dabei insbesondere auf den langdauernden, erfolglosen Einsatz der Experten gegen Malaria und Pest ein. Als Hauptproblematik beschreibt der Autor das durchgängige Einmischen alarmierter Behörden während der Stalinschen Herrschaft. Im Anschluss an dieses Kapitel folgt ein Exkurs, der die Malariapolitiken jener Zeit im transnationalen Vergleich darstellt. Im Epilog stellt Braun die Frage, ob und inwiefern die Hygienepolitik als Teil einer »zivilisatorischen Mission« gelten kann. Nach einem konzisen Resümee findet der Leser in einem umfangreichen bibliografischen Abschnitt weitergehende Informationen zur verwendeten Literatur und zu einbezogenen Quellen aus russischen und aserbaidschanischen Archiven.

Im vorliegenden Band entwirft der Verfasser am Beispiel der Pest- und Malariavorsorge in der Sowjetunion in den 1920er bis 1950er Jahren einen Prozess der Institutionalisierung und Verwissenschaftlichung der Seuchenpolitik. Die von ihm dargestellte Historie der Seuchenbekämpfung in Sowjetrussland lässt sich verstehen als Teil der Geschichte der Institutionalisierung und Professionalisierung, welche mit spontanen Maßnahmen zur Krisenbewältigung begonnen habe und in den Versuch einer Krisenvermeidung gemündet sei. Der Autor zeichnet ein Bild eines allmählichen Übergangs von intervenierenden zu präventiven Praktiken, der ohne eine Professionalisierung nicht möglich gewesen sei. Dazu analysiert Braun nicht nur die Verantwortungsträger sondern auch die Ausführenden politischer Maßnahmen, deren Vernetzung, Handlungsmotive und Deutungsmuster.

Die von Braun betrachteten Phänomene lassen sich einordnen als Teil einer sowjetischen Medizingeschichte, nicht nur weil der Verfasser auch die Kontexte analysiert, in deren Rahmen sich die Strukturen entwickelten. Über den Umgang mit den Epidemien Pest und Malaria werden politische Konjunkturen und Weichenstellungen wie wissenschaftliche Entwicklungsphasen und Zäsuren eng miteinander verwoben betrachtet. Sein Band lässt sich einreihen in die Entwicklung der Historiografie zu einer ›neuen Kulturgeschichte‹, deren Forschungsinteresse sich auf »symbolische Formen der Vergangenheit« (Raphael 2003: 228f.) wie Sinnzuschreibungen, politische Sprachen, diskursive Prozesse und kollektive Repräsentationen richtet. Zusammenfassend ist es dem Autor gelungen, eine konzise Geschichte präventiver Praktiken als Geschichte der internationalen Beziehungen zu entwickeln, die sich mit Fug und Recht in die Reihe der Standardwerke zur Thematik einreihen lässt.

Literatur:

BERNSTEIN, FRANCES L; Burton Christopher; Healey Dan (Hg.) (2010) Soviet Medicine: Culture, Practice, and Science, Northern Illinois University Press: DeKalb.
BRAUN, MATTHIAS (2007) Die Vermessung der Diktatur. Zwischen »archival revolution« und »new cultural history«. Zeitenblicke 6(2007).
BRAUN, MATTHIAS (2013) Schwarzer Tod, rote Hygiene: Praktiken der Intervention und Prävention gegen die Pest in der Sowjetunion, 1920er- bis 1950er Jahre, Zeithistorische Forschungen 3(2013), 390 – 480.
POLIANSKI, IGOR (2014) Das Schweigen der Ärzte. Eine Kulturgeschichte der sowjetischen Medizin und ihrer Ethik; Stuttgart: Steiner.
RALEIGH, DONALD J. (2002) Doing Soviet History, The Russian Review 61(1), 16-24.
RAPHAEL, LUTZ (2003) Geschichtswissenschaft der Extreme, Theorie, Methoden, Tendenzen von 1900 bis zur Gegenwart, München: Beck.

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.