Schattenboxen um ›1968‹ und die Folgen

Das Gedenkjahr 2018 – 50 Jahre ›1968‹ – ist abgefeiert, anno 2019 stehen für Politik und Feuilletons die Themen Revolution 1918/19, Weimar, vielleicht auch Versailles, sodann Kriegsbeginn 1939, Zwei-Staatengründung 1949, auf dem Programm. Vorweg: Für die um Klima- und Weltrettung besorgte grün- und postdeutsche sowie die multi-ethnische Jugend sind derlei Daten und Namen inzwischen ohne Belang. Auch das von längst ergrauten Alt-Achtundsechzigern einst zur moralischen Selbstbestätigung erfundene Diktum, ›1968‹ habe die eigentliche demokratische Zweitgründung der Bundesrepublik stattgefunden, dürfte nur noch bei Lesern der taz oder der Zeit ankommen. Heute geht’s um Klimarettung, um Kulturbereicherung durch ›Zuwanderung‹ sowie um die – in den Augen aller Wohlmeinenden und/oder Naiven nur imaginäre – Furcht vor dem Vordringen des Islam.

Der österreichische Politologe Michael Ley (Jahrgang 1955) hat Bücher über den Antisemitismus, über Eric Voegelin, in dessen Gefolge über Der Nationalsozialismus als politische Religion (1997) sowie ein Buch Der Selbstmord Europas: die Islamisierung Europas (2015) verfasst. Im Vorjahr erschien aus seiner Feder eine Abrechnung mit der Generation, die er für das heutige Versagen vor den Gefahren der Islamisierung verantwortlich macht: Hitlers Kinder. Die Generation der Achtundsechziger. Eine Streitschrift (Marburg 2018). Der Verleger Armin Geus hat dem Altachtundsechziger und Grünen-Mitgründer Rolf Stolz die Gelegenheit zu einer Replik geboten, die soeben – wir schreiben 2019 – erschienen ist.

Eine Streitschrift wider eine Streitschrift: Rolf Stolz widmet seinen Essay »dem Andenken der Freunde aus alten Zeiten«, darunter ein ›Genosse‹ türkischer Herkunft. Zu den Freunden zählte auch der Nationalkommunist Klaus Schaldach mit einer bewegten Vita. Anno 1944 meldete sich seine gesamte Danziger HJ-Gruppe zur SS – wer denkt dabei nicht an Günter Grass? – statt zur Wehrmacht. Die Jungen träumten von einer »zweiten Revolution« gegen die »Goldfasane« und sangen die »Internationale«. Schaldach floh nach Dänemark und schloss sich nach Kriegsende der KPD an. Für Stolz ist dieser Lebensweg »ein Hinweis darauf, wie wenig Statistik und Fliegenbeinzählerei helfen, die Wirklichkeit zu erfassen und abzubilden.« (S. 26)

Mit diesem Hinweis hat er recht. Sein höchst eigenwilliger, gegen Leys Pauschalverdammnis – sowie indirekt gegen die vorherrschende (in der Tat von recht zahlreichen Nazi-Kindern und -Enkeln betriebene) Deutung von ›68‹ – zielender Essay enthält eine Reihe von gegen die political correctness verstoßenden historischen Details. Stolz erinnert beispielsweise an das Faktum, dass anno 1935 Hermann Göring ein Vorwort zu einer deutschen Ausgabe der Memoiren von Jozef Pilsudski schrieb – ein Jahr nach dem von Hitler mit Polen geschlossenen Nichtangriffspakt (26.01.1934). Dass gleichzeitig 1934 die polnische Staatsregierung ein deutsch-polnisches Minderheitenschutzabkommen aufgekündigt habe (21, Fn. 17), bedürfte indes eines Belegs. Und Pol Pots Mordregime mit dem vorangegangenen amerikanischen Flächenbombardement, das allein in Kambodscha 200 000 Menschen den Tod brachte, in Beziehung zu setzen, ist als Argument gegen Ley – oder gegen die Selbstkritik eines Götz Aly (Unser Kampf 1968 – ein irritierter Blick zurück, 2008) – untauglich. Eher gilt es zu erinnern, dass Maoisten wie Joscha Schmierer, späterhin Joschka Fischers Chefplaner im AA, in den 1970ern als KBW-Chef und Revolutionstourist im kommunistischen Horrorstaat der Khmer Rouges, seinerzeit nicht anders dachten.

In seiner Neigung zu polemischer Zuspitzung – etwa in einer Passage über Helmut Kohl, den er verantwortlich macht für das »neo-sowjetische Klein-Europa mit der bald schon mehrheitlich muslimischen Zentralstaatshauptstadt Brüssel« (S. 36) – schießt Stolz selbst oft übers Ziel hinaus. Einleitend würdigt er immerhin – selbst Verfasser zweier Bücher über Die Mullahs am Rhein (1994; 1996) und die drohende Islamisierung – seinen Kontrahenten Ley und dessen Warnungen vor dem Scharia-Islam. Gegen Leys These, die ›Achtundsechziger‹ seien hauptsächlich Nazi-Kinder sowie verwöhnte, bourgeoise »Wiedertäufer der Wohlstandsgesellschaft« (so anno 1968 der Kölner Soziologe Erwin K. Scheuch) zieht er hingegen – auch mit Verweis auf seine eigene, von bescheidenen Umständen geprägte Kindheit – mit Vehemenz zu Felde. Er empört sich über die Suggestion »die Eltern« hätten »Juda verrecke« gegrölt, ihre Kinder, die Achtundsechziger, seien die geistigen Urheber der Antifa-Parole ›Deutschland verrecke‹.

Nach Stolz wäre eine solche Parole bis Ende der 1980er Jahre niemandem, selbst nicht den »DKPisten« in den Sinn gekommen. Für »internationalistische Patrioten wie Rudi Dutschke, Bernd Rabehl oder Hans-Jürgen Krahl« sei das Ziel einer »Beseitigung Deutschlands und seines Volkes« völlig undenkbar gewesen. (S. 37) Aus seiner unangefochten ›nationalen‹ Perspektive unterschätzt Stolz indes die vor allem in der ›linken‹ Frankfurter Szene vorherrschende Abwehr der ›nationalen Frage‹. Allerdings kamen die anfangs noch nicht dominierenden »nationalen Selbsthasser und Deutschland-Vernichter« (S. 40), unter ihnen etwa die von Stolz nicht erwähnte Jutta Dithfurt, erst später zum Zuge.

Zu Stolz´ Verdiensten gehört sein Insistieren auf der ›deutschen Frage‹ in der Friedensbewegung der 1980er Jahre, nicht zuletzt mit seiner ›Linken Deutschland-Diskussion‹. Bei den Grünen hatten sich indes mehr und mehr – und nicht allein wegen des Stasi-U-Boots Dirk Schneider im Bundestag – die Gegner einer gesamtdeutschen Friedenspolitik durchgesetzt. Zu Stolz´ Intimfeinden zählt Joschka Fischer, der in den achtziger Jahren die deutsche Teilung als historisch-politische Vorkehrung »gegen eine Wiederkehr des Nazismus« pries (S. 46f.)

Die Rede vom ›politischen Wahn der 68er‹ weist Stolz in aller Schärfe zurück. Er persönlich habe anno 1967 mit der Aufschrift ›Helft Israel!‹ auf seiner Lederjacke demonstriert. Damit sind die Wahnideen all jener anderen, die alsbald in Palästinenser-Lagern die terroristischen Techniken für den antiimperalistischen Befreiungskampf erlernen wollten, allerdings keineswegs aus der Welt.

Anno 2019 muten die Auseinandersetzungen um ›1968‹ wie Schattenboxen an. Sie enthalten keine Antworten auf die zentralen, durch Islamismus und Masseneinwanderung in den letzten Jahrzehnten aufgeworfenen Fragen. Die ›rechte‹ Empörung über die ›Kulturrevolution‹ von 1968 ist im Blick auf die Krisenszenerie Europas so unfruchtbar wie die ›linke‹ Verklärung der großen Revolte samt der Apotheose des 1979 verstorbenen Rudi Dutschke. Dessen Träume eines national eingefärbten revolutionären ›Internationalismus‹ hatten gewiss nichts mit heutiger ›Weltoffenheit‹ und ›Willkommenskultur‹ zu tun.

Ammon Herbert Google Plus

Herbert Ammon ist Historiker und politischer Publizist. Bis 2003 lehrte er als Dozent für Geschichte und Soziologie am Studienkolleg für ausländische Studierende der Freien Universität Berlin. Seine Schwerpunkte liegen in den Bereichen deutsche und amerikanische Geschichte, Ideengeschichte sowie politische Philosophie.

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