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von Christoph Jünke

I. »Man spricht von Dr. Agartz«

Die Mehrdeutigkeit der Überschrift war wahrscheinlich unbeabsichtigt, als die Süddeutsche Zeitung (SZ) im Februar 1955 ein längeres Porträt »aus einer sehr persönlichen Perspektive« veröffentlichte. »Man spricht von Dr. Agartz« titelte sie damals über den Mann, den sie als »Adenauers gefährlichste(n) Gegner« vorstellte und der doch nur der Leiter des Wirtschaftswissenschaftlichen Instituts des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) war.

»Schon in seinem Äußeren« schreibt der SZ-Redakteur, »passt Viktor Agartz nicht in die landläufige Vorstellung von einem alten Gewerkschaftsfunktionär. Der Achtundfünfzigjährige kommt nicht von der Hobelbank oder aus der Werkhalle, sondern von der Höheren Schule und der Universität. Sein ausdrucksvolles Gesicht wird von wasserblauen Augen beherrscht, die den Fremden durchdringend prüfen. Es ist nichts Strenges, Hartes an ihm – er hat nichts von einem Fanatiker. Vielmehr bewegt er sich mit der Lässigkeit eines Wiener Grafen. Dazu passt seine Kleidung – sie ist von unaufdringlicher, konservativer Eleganz. Auffällig an ihm sind außer den blauen Augen die Hände. Sie sind blau geädert, schmal und sensibel – wie die Hände eines Dirigenten. So hat auch die ganze Persönlichkeit etwas Künstlerisches. Die beiden Seiten des lang gestreckten Raumes sind mit Büchern tapeziert. Agartz ist Bibliophile. (…) Was für Adenauer die Rosen, sind für Agartz die Orchideen. Er züchtet sie und andere tropische Gewächse mit großem Sachverstand. In seinem Garten gibt es keine Pflanze zweimal, der Rasen vor dem Wintergarten wird auf englische Manier gepflegt. In diesem privaten Bezirk, in welchem der Grundsatzfragen-Theoretiker der Gewerkschaften mit sensiblem Geschmack seinen Individualismus kultiviert, gesellt sich zu den Büchern und Orchideen eine umfangreiche Sammlung klassischer Schallplatten. Der Akzent liegt auf Beethoven.«

Auch wenn ein solcher Charakter zur damaligen Zeit nicht ganz so ungewöhnlich gewesen sein dürfte, wie es das mediale Bewusstsein des nachfaschistischen Deutschlands sich vorzustellen begann, so konnte Agartz immerhin auf eine fast schon vorbildliche Vergangenheit zurückschauen. Der am 15. November 1897 geborene und in einer alten Remscheider Metallarbeiterfamilie Aufgewachsene hatte sich während seines Studiums in den 1920er Jahren in sozialistischen Studiengruppen in Marburg und Köln und als Dozent in Gewerkschaftskreisen engagiert, sowie als Angestellter in einer Konsumgenossenschaft gearbeitet. Zeitlebens auf dem linken Flügel der sozialdemokratischen Partei stehend, wurde der 1925 promovierte Doktor der Staatswissenschaften und Ehemann einer Kölner Frauenärztin aus reichem Hause zum erfolgreichen kaufmännischen Direktor einer Kölner Konsumgenossenschaft und gleichzeitigen Geschäftsführer einer Stahlwarenfabrik. Gesellschaftlich einflussreich, aber politisch eher von lokaler Bedeutung ließ er sich nach dem faschistischen Berufsverbot zum Wirtschaftsprüfer umschulen, betätigte sich als Mittler im antifaschistischen Widerstand und überlebte den faschistischen Furor zuletzt in der Illegalität.

In den Trümmerlandschaften des niedergekämpften Nachkriegsdeutschlands begann dann der kometenhafte Aufstieg des Viktor Agartz, sein gleichsam zweites Leben. Als Hans Böcklers wirtschaftspolitischer Berater – beide kannten sich aus Weimarer Zeit – und im engen Kontakt mit dem SPD-Vorsitzenden Kurt Schuhmacher wurde der bodenständige Marxist und gleichermaßen praktisch wie theoretisch versierte Ökonom zum wichtigsten Wirtschaftspolitiker von SPD und DGB – zuerst als Generalsekretär des Deutschen Wirtschaftsrates sowie Mitglied diverser ökonomischer wie politischer Beiräte und Unterausschüsse, dann als Generalsekretär des Mindener Zentralamts für Wirtschaft für die britische Besatzungszone und Mitglied des nordrhein-westfälischen Landtags. Agartz stand dabei für ein umfassendes wirtschaftspolitisches Neuordnungskonzept, das gleichermaßen auf Verstaatlichung wie auf demokratische Vergesellschaftung, auf eine neue sozialistische Planwirtschaft mit marktsozialistischen Methoden setzte. Mitte 1947 jedoch musste sich der körperlich vollkommen erschöpfte – materielle Sonderrationen für Funktionsträger lehnte er grundsätzlich ab – und von der US-amerikanischen Militärmacht bereits als Repräsentant des anderen, des gefährlichen, des sozialistischen Deutschlands kritisch beargwöhnte Multifunktionär zurückziehen, gab seine politische Karriere auf und widmete sich nach seiner Genesung, also seit 1948 ganz der Gewerkschaftsbewegung. Im Mai 1949 übernahm er als Direktor jenes Wirtschaftswissenschaftliche Institut (WWI) des DGB, das er schnell zu einem ausgesprochen einflussreichen, öffentlich nachgefragten »Think-Tank« der westdeutschen Arbeiterbewegung ausbaute. Das WWI, erinnerte sich der Zeitzeuge und Historiker der westdeutschen Gewerkschaftsbewegung Theo Pirker später, »war eine Institution per se. Nicht die Vorsitzenden der Gewerkschaften wurden am meisten zitiert, sondern das WWI. Jeden Tag.«

Viktor Agartz blieb jedoch auch als Teil der politischen Elite der jungen Bundesrepublik (er pflegte enge Kontakte zu führenden Vertretern aus Wirtschaft und Politik) ein überzeugter Sozialist, denn, wie ihn der SZ-Redakteur Jörg Elten zitierte: »Ich bin Sozialist, weil ich dem Menschen im Zeitalter der Vermassung zu seiner Individualität verhelfen möchte.«

Dass man gerade zu Beginn des für die Bundesrepublik reichlich turbulenten Jahres 1955 auch medienöffentlich über ihn zu sprechen begann, war jedoch vor allem der politischen Konjunktur geschuldet, wie uns Elten aufklärt: »Seit Böcklers und Schuhmachers Tod gab es für Westdeutschlands organisierte Arbeiter niemanden aus den eigenen Reihen, der klärende Antworten auf jene komplizierten Fragen gab, die in Zusammenhang mit der Wiederaufrüstung, der Mitbestimmung und Lohnpolitik entstanden. Der Mann, der im Wirtschaftswissenschaftlichen Institut der Gewerkschaften die Abteilung Wirtschaftspolitik und Grundsatzfragen leitet, hielt eindeutige Antworten auf diese Fragen in seiner Schublade bereit. Die Gewerkschaftsfunktionäre holten Agartz vom Schreibtisch weg und schickten ihn in die hell beleuchtete Arena des politischen Meinungsstreites – er war der einzige, der eine klare Konzeption hatte. So kommt es, dass er, der seinem Wesen nach in die Rolle des Beraters, des ›second man‹ passt, plötzlich – eher der Not gehorchend als dem eigenen Triebe – als der maßgebende aktive Gewerkschaftspolitiker auftritt. Sein Einfluss wächst in dem Maße, wie die Abneigung der Arbeiterschaft gegen die Wiederbewaffnung zunimmt.«

Damals reichten die andeutenden Anmerkungen zur politischen Arena und der Agartz eigenen, klaren Konzeption, denn der Eindruck, den dessen programmatische Grundsatzrede auf dem Frankfurter DGB-Kongress im Oktober 1954 auf die öffentliche Meinung hinterlassen hatte, war noch ganz frisch. Massiv hatte Agartz dort die nach dem Zusammenbruch erfolgte Restauration der kapitalistischen Produktions- und Verkehrsverhältnisse als Enteignung der Mehrheit der Bevölkerung kritisiert. Massiv hatte er dort die Besatzungsmächte und den Rückgriff auf nazistisch belastete Elemente in Politik und Verwaltung kritisiert. Massiv hatte er schließlich auch das neue autoritäre politische System, den neuen Industriefeudalismus in den Betrieben und die neuen Modelle einer sozialpartnerschaftlichen Mitbestimmung kritisiert, die alte Forderung nach einer grundsätzlichen Neuordnung der Produktionsweise erneuert und betont, »dass auf der Grundlage der bisherigen Eigentumsordnung eine solche von uns angestrebte optimale Lösung nicht möglich ist«. Als Hebel einer solchen neuen Offensive hatte er radikale Arbeitszeitverkürzungen, sprich: die 40-Stunden-Woche, und die expansive Lohnpolitik vorgeschlagen, sowie die radikale Abwendung von jeder Verinnerlichung einer wie auch immer gearteten Markt- und Profitlogik: »Die Gewerkschaften sind kein Apparat von Funktionären, sondern eine Bewegung der um ihre Besserstellung ringenden Menschen. Die Gewerkschaften sind nicht Selbstzweck, sondern Instrumente in diesem Ringen.«

Das war Labsal für die in den Jahren zuvor arg geschundenen und teilweise stark frustrierten Gewerkschafter, die seine fast dreistündige Rede mit stehenden Ovationen und minutenlangem Beifall feierten. Die westdeutsche Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung hatte in den bis 1952 geführten Kämpfen um die Mitbestimmung eine nachhaltige Niederlage einstecken und sich von weitergehenden Sozialisierungsforderungen verabschieden müssen. Die voll auf den Export ausgerichtete Ökonomie boomte unter dem Eindruck des Koreakriegs, die Unternehmerschaft hatte sich ökonomisch erfolgreich rekonstituiert und war auch politisch wieder in die Offensive gegangen. Im Oktober 1952 wurde das Betriebsverfassungsgesetz verabschiedet, im Januar 1953 das Streikrecht durch Beschluss des Bundesarbeitsgerichts deutlich eingeschränkt. Parallel dazu war der Kampf um die Remilitarisierung vorerst verloren gegangen, als die Bundesregierung im Mai 1952 dem (zwei Jahre später von Frankreich wieder zu Fall gebrachten) Vertragswerk der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG) beigetreten war. Mit dem Tod des charismatischen Gewerkschaftsvorsitzenden Hans Böckler im Februar 1951 und des alle überragenden SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher im August 1952 endete symbolisch eine Zeit, »in der alles möglich schien und in der tatsächlich so wenig möglich war«.

Und als die SPD auch noch die Bundestagswahlen im September 1953 verlor, verbreiteten sich Niedergeschlagenheit und Ohnmacht auf der einen und ein – zumal nach der Niederschlagung des ostdeutschen Aufstands im Juni 1953 – verschärfter Antikommunismus auf der anderen Seite. Oberhand hatten nun jene sozialdemokratischen Parteifunktionäre gewonnen, die aus den stalinistischen Formen planwirtschaftlicher Ökonomie und sozialistischer Politik Argumente gegen jede Form der Vergesellschaftung der Produktionsmittel machten und den Sozialismus für unvereinbar mit politischer Freiheit erklärten.

Der damals begonnene lange sozialdemokratische Weg nach Bad Godesberg hatte es jedoch mit starken innerparteilichen Widerständen und Dissidenzbewegungen zu tun, die wiederum ihre Hoffnung auf neue, massive Streikbewegungen wie den bayrischen Metallerstreik 1954 oder auf die Ende 1954 wieder aufbrechende Remilitarisierungsdebatte zu stützen vermochten. Und obwohl Agartz auf diese auch ihn beflügelnden Bewegungen nur am Rande seiner Rede eingegangen war, hatte er doch für alle sichtbar den tiefen Unmut großer Bevölkerungsteile über die herrschenden Verhältnisse offen gelegt. Selbst das dem DGB-Kongress vorsitzende christlich-soziale DGB-Vorstandsmitglied Matthias Föcher konnte und wollte es deswegen nicht unterlassen, im unmittelbaren Anschluss an die Rede und unter erneutem lebhaftem Beifall, »noch einmal dem Kollegen Agartz für diese kristallklare Analyse der gegenwärtigen Situation unseren herzlichen Dank auszusprechen. Ich weiß, meine sehr verehrten Kolleginnen und Kollegen, dass er damit die Sprache der Gewerkschafter gesprochen hat. Ich kann mir denken, dass solche Ausführungen, die den Schleier von manchen Vorgängen hinweg gerissen haben, hier und da Unbehagen auslösen. Wir sind aber froh, dass der Kongress die Möglichkeit hatte, eine solche Überschau zu gewinnen.«

Es war also seine Frankfurter Rede, die Agartz schlagartig zum bekanntesten und damit auch meist gehassten sozialistischen Linken der Bundesrepublik machte – zu einem Mann, von dem »man spricht«. Aber ganz so überraschend war dies natürlich nicht, denn auch die Frankfurter Rede hatte ihre Vorgeschichte. Bereits Ende 1953, im unmittelbaren Anschluss an die für SPD und DGB soeben verloren gegangene zweite Bundestagswahl vom September 1953, war er mit seinem kleinen, aber Aufsehen erregenden Artikel über »Expansive Lohnpolitik« in die gewerkschaftspolitische Offensive gegangen. Agartz hatte aus Lohnfragen Machtfragen gemacht und zu diesem Zwecke eine dynamische und expansive Lohnpolitik nicht nur als Mittel der Konjunkturpolitik propagiert, sondern vor allem, um den Arbeiterinnen und Arbeitern einen steigenden Anteil am gesamtgesellschaftlichen Kuchen zu sichern.

Schon damals soll der Vordenker der christlichen Gewerkschafter, der Jesuitenpater und Professor für katholische Theologie Oswald von Nell-Breuning alarmiert gewesen sein. Den breiten Gewerkschaftskreisen dagegen bot Agartz mit seinen Thesen einen offensiven Ausweg aus der verfahrenen Situation und wurde als Vordenker und Vortragsredner zunehmend gefragter. Im Sommer 1954 hatte er so auch den Auftrag bekommen, das zentrale Referat auf dem bevorstehenden Frankfurter Gewerkschaftskongress zu halten. Und er nutzte diese Gelegenheit, um die wesentlichen Inhalte der Rede offen, auf Dutzenden von Gewerkschaftstreffen im Vorfeld des Kongresses kollektiv abzustimmen und so eine möglichst umfassende Neuausrichtung der westdeutschen Gewerkschaftsbewegung zu gewährleisten. Was jedoch allenfalls eine Handvoll Menschen wusste, war, dass er seine Rede auch dazu benutzte, die sozialistische Linke in und um die Gewerkschaften herum zu organisieren und zu mobilisieren. Im Vorfeld war es deswegen zu einem streng geheim gehaltenen Treffen im Kölner Dom-Hotel gekommen, zu dem Agartz und sein Mitarbeiter Theo Pirker mit Arkadi Gurland, Wolfgang Abendroth, Leo Kofler und Ernest Mandel die »grauen Eminenzen« des marxistischen Linkssozialismus der 1950er Jahre eingeladen hatten, an der Rede mitzuwirken.

II. Die Ausgrenzung

 

Auch wenn seine innergewerkschaftlichen Gegner von dieser fraktionellen Seite nichts gewusst haben, so war ihnen jedoch klar, dass die wesentlich unter dem Eindruck von Agartz’ Rede gefassten Frankfurter Beschlüsse – Ablehnung eines deutschen Wehrbeitrags; aktive/expansive Lohnpolitik; Ablehnung jeder Form von »Miteigentums«-Modellen; Überführung der Montanindustrie in Gemeineigentum; Grundsatzerklärung für ein neues gewerkschaftspolitisches Aktionsprogramm – zu jener Kraftprobe mit Kapital und Kabinett des gerade restaurierten und ökonomisch kräftig durchstartenden Westdeutschland führen würden, die sie zu vermeiden trachteten.

Die christlichen Gewerkschafter jedenfalls gingen unmittelbar nach dem Frankfurter Kongress offen auf Distanz. Bereits im Dezember 1954 kam es zu einer hitzigen Tagung christlicher Gewerkschafter, auf der sich ihr hinzu gerufener spiritus rector, der von einer gleichsam naturgegebenen Partnerschaft zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern ausgehende Oswald von Nell-Breuning noch eher moderat vermittelnd gab. Doch als klar wurde, dass dies den Unmut der konservativen Basis nicht beruhigen konnte ging man in die publizistische Offensive und lud für den 11. Januar 1955 nach München. In einem Aufsehen erregenden und vielfach publizierten Vortrag argumentierte von Nell-Breuning, dass Agartz den DGB »in einen Irrgarten staats-, gesellschafts- und wirtschaftspolitischer Wahnvorstellungen«, »in den politischen und klassenkämpferischen Radikalismus«, »in die Verantwortungslosigkeit« und »in die Spaltung des DGB« führe. Seine am Ende seines Vortrages geäußerte Hoffnung, dass »diese Spaltung nicht zwischen christlich-sozialen und sozialistischen Arbeitnehmern verlaufen, sondern mitten durch die sozialistisch gerichtete deutsche Arbeitnehmerschaft hindurch gehen (würde)«, war dabei nicht nur der fromme Wunsch, als der er sich ausgab, sondern politisches Programm. Es galt, den Ansprüchen des von Agartz repräsentierten gewerkschaftlichen Radikalismus mindestens einen symbolischen Riegel vorzuschieben. Der DGB-Bundesvorstand wiederum, aufgeschreckt durch die massiven Drohungen einer Abspaltung der christlichen Gewerkschafter, gab diesem Druck schnell nach, ließ jede Solidarisierung mit dem eben noch gefeierten Vordenker und nun öffentlich Angegriffenen vermissen und »vergaß« dabei unter anderem, Agartz zu den Bundesvorstandssitzungen einzuladen. Man wollte nicht mehr mit Viktor Agartz sprechen, sondern nur noch von und über ihn.

Und so wie Agartz’ Einfluss mit der Abneigung der Arbeiterschaft gegen die Wiederbewaffnung gewachsen war, sank er auch wieder, nachdem ein wesentlicher Teil ihrer Funktionäre diesen Kampf nicht mitgehen wollte. Hatten SPD und Gewerkschaften für den Januar 1955 in die Frankfurter Paulskirche geladen, um den außerparlamentarischen Protest gegen die Remilitarisierung zu beflügeln, strich die SPD die Segel, als die im Oktober 1954 beschlossenen Pariser Verträge (die den Beitritt der BRD zur Westeuropäischen Union und zur NATO vorsahen) vom Bundestag im Februar 1955 ratifiziert wurden, und überließ die Paulskirchenbewegung fortan ihrem eigenen Schicksal. In und um das WWI begann zur gleichen Zeit eine politische Kriminalgeschichte ersten Ranges, ein internes Spiel von Auseinandersetzungen und Intrigen.

Im Zentrum der Auseinandersetzungen standen zuerst und vor allem die beiden jungen Agartz-Mitarbeiter Walter Horn und Theo Pirker. Pirker war schon damals ein namhafter Journalist und Soziologe mit politischem Talent, ein sozialistischer Gewerkschaftsaktivist aus linkskatholischem Milieu, der vor allem gegen die Wiederbewaffnung und für eine politisch intervenierende Gewerkschaftsbewegung eintrat und dabei auch nicht davor zurückschreckte, zum offenen Aufstand der Mitgliedschaft gegen den Anpassungskurs der Gewerkschaften und die Passivität des DGB-Bundesvorstandes aufzurufen. Horn dagegen hatte es übernommen, eine umfangreiche Antwort auf Nell-Breuning zu schreiben, in dem er dessen Widersprüche und die Grundlagen der katholischen Soziallehre scharf angriff. Deren Veröffentlichung im Maiheft der Gewerkschaftlichen Monatshefte fand zwar die Zustimmung von Agartz, doch als Oswald von Nell-Breuning daraufhin Druck auf den DGB-Bundesvorstand ausübte, sich eindeutig gegen Horns Broschüre und ihre weitere Verbreitung auszusprechen, um nicht die Einheit der Gewerkschaftsbewegung zu riskieren, distanzierte sich dieser im Juni öffentlich von der Broschüre und verstärkte den Druck auch gegen Pirker und Agartz. Letzterer wehrte sich allerdings gegen die vom DGB-Vorstand und von seinem WWI-Mitdirektoren Bruno Gleitze geforderte Entlassung seiner beiden Mitarbeiter. Und als er sich im Juli dabei zweier ihm anonym zugespielter Briefdokumente bediente (von denen sich mindestens eines, das brisantere, später als gefälscht herausstellte), die eine Abhängigkeit Gleitzes von Ost-Berlin nahe legen, drehte der DGB-Vorsitzende Walter Freitag dies gegen Agartz und griff bei der gewerkschaftsinternen Aufklärung auch auf die aktive Hilfe der konservativen Adenauer-Regierung und des Verfassungsschutzes zurück. Im Herbst wurden Agartz und Gleitze vorläufig beurlaubt. Erst nachdem beide eine gegenseitige Ehrenerklärung abgegeben hatten, wurden sie Anfang Dezember wieder rehabilitiert – Pirker und Horn war gekündigt worden –, Agartz jedoch kurz darauf in den offiziellen Vorruhestand entlassen.

Die genauen Zusammenhänge dieser bemerkenswerten Affäre sind auch heute noch nicht wirklich aufgeklärt – nicht zuletzt deswegen, weil der DGB-Bundesvorstand beschlossen hatte, den ganzen Vorgang als eine lediglich persönliche Fehde darzustellen und zum Fall Agartz/Gleitze darüber hinaus öffentlich zu schweigen. Je mehr jedoch durch partielle Öffnung, bzw. Veröffentlichung der betreffenden Archivunterlagen in den letzten Jahren bekannt wird, desto mehr werden die damaligen Spekulationen der linken Linken bestätigt. Die treibende Kraft bei der Ausgrenzung der Agartz-Gruppe aus dem DGB spielten die CDU-nahen christlichen Gewerkschafter, die sich später sogar rühmen sollten, Agartz ›abgeschossen‹ zu haben. Die Einheitsgewerkschaft sei nur ohne Agartz zu machen, das war ihre so offene wie aggressive Botschaft. Doch hätten sie sich aller Wahrscheinlichkeit nach nicht durchsetzen können, wenn nicht andere, einflussreichere Kräfte die Situation ausgenutzt hätten. Es war dabei vor allem die SPD-Gewerkschaftspolitik, die »die christlich-soziale Drohpolitik als willkommenes Mittel gegen eine Politisierung der Gewerkschaften betrachtet« hat.

Es waren vor allem der DGB-Vorsitzende Walter Freitag, der als Mann der SPD-Parteiführung galt, und der in SPD und Gewerkschaften konspirativ arbeitende »Zehnerkreis« um den einflussreichen SPD-Führungsfunktionär Siegfried (Siggi) Neumann und andere (u.a. Kuno Brandel, Edu Wald, Werner Hansen, Otto Brenner), der auch als wesentliche Hausmacht Freitags gilt, die die Auseinandersetzung hinter den Kulissen wesentlich zuspitzten. Während bspw. Kuno Brandel Agartz im Oktoberheft 1955 der IG Metall-Zeitschrift Metall offen angriff, weil sich dieser nicht genügend von Pirker und anderen vermeintlichen Kommunisten distanziere, formulierte Siggi Neumann im Oktober 1955 in einem seiner politischen Privatbriefe unmissverständlich: »Der Sumpf um Agartz, Horn und Pirker stank zum Himmel, und es war die höchste Zeit, radikal Schluss zu machen, damit die Linke eben nicht mit deren gemeingefährlichen Treibereien belastet wird.« Die zur gesellschaftspolitischen Offensive übergehende Agartz-Gruppe war für den auf eine nur gewerkschaftliche Offensive, ansonsten auf gesellschaftspolitische Defensive und rabiaten Antikommunismus setzenden Zehner-Kreis um Neumann und Brenner »nicht mehr bündnisfähig« (Wolfgang Schroeder). Im neuen antikommunistischen Klima des endgültig geteilten Deutschlands bekam nun Agartz’ mangelnde Berührungsangst zu führenden West- und Ostkommunisten eine neue Konnotation. Er machte sich mit ihr zum scheinbaren Fellow Traveller der Kommunisten – was diese mit kräftigen Umarmungsversuchen ihrerseits zu forcieren versuchten. Waren für Agartz die Kommunisten Teil einer heterogenen Familie, waren sie für die offizielle Politik und nennenswerte Teile auch der Linken (v.a. natürlich für den Zehner-Kreis) gar keine selbstständigen politischen Kräfte, sondern allenfalls Stellvertreteragenturen fremder Machtinteressen, von denen man sich prinzipiell fernhalten müsse, wenn man sich bei der Mehrheit der Arbeiterklasse nicht unbeliebt machen wolle.

Bis zum Schluss, d.h. bis zum Dezember 1955, gab es zwar noch zaghafte Versuche anderer führender Gewerkschafter, Agartz zu verteidigen und zu halten – der bayrische DGB-Vorsitzende Max Wönner bspw. stellte sich offen hinter ihn und legte dem DGB-Bundesvorstand sogar nahe, ihren Vorsitzenden Freitag zu beurlauben – doch auch diese schreckten endgültig zurück, als Agartz deutlich machte, dass er mit seinem Oppositionskurs auch öffentlich weiter machen wollte. Ende November 1955 veröffentlichte die linksoppositionelle Andere Zeitung (AZ) »Briefe für Agartz – Briefe an Agartz«, die sie von diesem zur Verfügung gestellt bekommen hatte, unter denen sich auch der Brief eines hohen Diplomaten befand, der ausgesprochen scharf mit dem Zustand der Gewerkschaftsbewegung ins Gericht ging. Und am 12. Dezember 1955 formulierte Agartz in einem Brief an Walter Freitag seine ganze Enttäuschung über die Entwicklung der Gewerkschaftsbewegung zu einem rein verwaltungsmäßigen Funktionärsapparat, der »die sich aus einer klassenmäßigen Bewegung ergebende unabdingbare und verpflichtende politische Berufung« missachte, und zu einer »geistige(n) Leere und Öde« führe, die »eines Tages von außen aufgefüllt (wird), ein Prozess, dessen Zeuge wir schon einmal gewesen sind«. Die nun getroffene Entscheidung, so Agartz in Anspielung auf die Vorruhestandsregelung, »gibt mir die persönliche politische Freiheit, sie enthebt mich der Verantwortung gegenüber einem Apparat. Sie bindet mich aus den erkennbaren Gefahren innerlich stärker an die Gewerkschaftsbewegung, für die ich über ein Menschenalter tätig sein konnte.«

Solcherart alarmiert, verhandelte der DGB-Bundesvorstand nach und verlangte von Agartz eine Loyalitätserklärung innerhalb der Vorruhestandsregelung, die er dann auch prompt verletzt sah, als dieser der AZ im Februar 1956 ein Interview gewährte, in der er den besorgniserregenden Zustand der Gewerkschaften offen, aber nicht undiplomatisch, ansprach und die Herausgabe einer neuen Zeitschrift für Gewerkschaftsfragen ankündigte. Der DGB hatte bereits im September 1955 allen seinen Funktionären eine Mitarbeit an der Zeitschrift verboten, da er auch diese für eine Tarnorganisation der Kommunisten hielt.

Mit dem Ausscheiden von Agartz, Horn und Pirker aus dem WWI war der gleichsam erste Anlauf der »Gruppe Agartz« gescheitert und die Rolle einer hoch politisierten und auf die Neuordnung der Gesellschaftsstrukturen ausgerichteten, kämpferischen Gewerkschaftsbewegung ausgespielt. Die westdeutschen Klassenkämpfe veränderten ihr politisches und ökonomisches Gesicht, der gewerkschaftliche Radikalismus machte einem gewerkschaftlichen Aktivismus Platz. Trotz der zweifellos zu verzeichnenden sozialökonomischen Erfolge dieses neuen, sich in Otto Brenner und der IG Metall symbolisierenden gewerkschaftlichen Aktivismus – die Löhne stiegen merklich und die Arbeitsbedingungen verbesserten sich spürbar –, bleibt jedoch offensichtlich, dass diese Erfolge vor dem Hintergrund einer »Entpolitisierung« der gewerkschaftlichen Klassenkämpfe und einem parallel dazu verlaufenden, verschärften Anpassungsprozess der sozialdemokratischen Partei zu sehen sind.

III. Das (etwas andere) Netzwerk

Was jedoch wie das unrühmliche Ende einer steilen Karriere aussah, wurde zum politischen Neubeginn, zum gleichsam dritten Leben des Viktor Agartz, denn zur gleichen Zeit war Bewegung in die internationale politische Szene gekommen. Der Prozess der antikolonialen Revolutionen hatte durch die Konferenz von Bandung im April 1955 Auftrieb bekommen, auf der der dissidente Kommunist Tito (Jugoslawien) und die antikolonialen Befreiungsnationalisten Nasser (Ägypten) und Nehru (Indien) die Organisation der blockfreien Staaten begründeten und einen »dritten Weg« jenseits der beiden Machtblöcke in Ost und West beschreiten wollten. In der so genannten zweiten Welt, den sich auf den Sozialismus berufenden Ostblockstaaten, setzte sich nach Stalins Tod 1953 zudem, langsam aber sicher, eine Periode des »Tauwetters« durch, eine Ära der Entstalinisierung, die alte linke Hoffnungen auf eine Selbstreformation des bürokratischen Herrschaftssystems nicht nur im Osten, sondern ebenso im Westen Europas und Deutschlands weckte und sich mit dem ganzen aufgestauten Unmut westdeutscher Radikal- und Sozialdemokraten und heimatloser Linkssozialisten verband. Dieser Unmut fand nun neue Ausdrucksmöglichkeiten – nicht in Form neuer Organisationen, sondern in Form neuer Zeitschriftenprojekte, um deren Zusammenhänge herum sich eine neue Linke herauszukristallisieren begann.

Unter der federführenden Leitung von Viktor Agartz erschien seit März 1956 in Köln die WISO, die Korrespondenz für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, in der fortan alle zwei Wochen Beiträge vor allem zur politischen Ökonomie des westdeutschen und europäischen Nachkriegskapitalismus, zur Gewerkschaftspolitik, dem sozialökonomischen Alltagsleben und zu Fragen der marxistischen Theorie, veröffentlicht wurden. Es gelte, so das Editorial der ersten Ausgabe, »das wirtschaftliche und soziale Zeitgeschehen kritisch zu beleuchten«, denn »(a)lle Anzeichen deuten daraufhin, dass die europäische Gesellschaft an den kritischen Punkten ihrer Nachkriegsentwicklung angelangt ist«. Mit an Redaktionsbord waren die beiden ebenfalls aus dem WWI entlassenen Walter Horn und Theo Pirker, die Linkssozialisten Wolfgang Abendroth und Leo Kofler, sowie der junge, erst später bekannt gewordene Werner Hofmann. Das Renommee des Herausgebers und die Qualität der in der WISO veröffentlichten Beiträge machten das Blatt schnell zu einem intellektuellen Zentrum der damaligen linkssozialistischen Gewerkschaftsopposition – obwohl die Gewerkschaftsführungen das Ihnen mögliche taten, um die Verbreitung der WISO zu behindern.

Bereits anderthalb Jahre zuvor hatte sich Ende 1954, zur Zeit des Frankfurter DGB-Kongresses, die Sozialistische Politik (SoPo) gegründet, in der die sozialdemokratische Linke um Peter von Oertzen, Erich Gerlach und Wolfgang Abendroth mit den deutschen Trotzkisten um Willy Boepple und Georg Jungclas zusammenarbeitete. Richtete sich die WISO vor allem an die gewerkschaftliche Linke, die SoPo stärker an die sozialdemokratische Partei-Linke, so erreichte die erstmals im Mai 1955 in Hamburg erscheinende neue 16-seitige Wochenzeitung Die Andere Zeitung (AZ) ein breites Massenpublikum und wurde damit zum Zentralorgan des neuen Unmuts. Es gelang den beiden Herausgebern und Chefredakteuren Gerhard Gleissberg und Rudolf Gottschalk – beide bis dahin langjährig leitende Redakteure des sozialdemokratischen Zentralorgans Vorwärts, die wegen der zunehmenden Anpassungspolitik der SPD zurücktraten – nicht nur, mit Viktor Agartz, Wolfgang Abendroth, Theo Pirker, Fritz Baade, Kurt Hiller, Fritz Kief, Leo Kofler, Rudolf Küstermeier, Walter Möller u.a. die damals namhaftesten Linksintellektuellen Stück für Stück um das Blatt zu sammeln. Sie schafften es auch, diese bunte Mischung zu einem exponierten Blatt der politischen Opposition zu machen, das in hoher Auflage zu einem wirklichen Massenblatt wurde. Startete die erste Ausgabe der neuen Zeitung mit einer Auflage von 18.000 Stück, wurde die Auflage bereits bei der zweiten Ausgabe auf 21.000 herauf gesetzt. Tendenz steigend. Es gibt durchaus glaubwürdige Hinweise – wenn auch keinerlei gesicherte Zahlen –, dass die Auflage zeitweise bei 50.000-80.000 Stück gelegen hat.

Der publizistische Erfolg der AZ war gerade auch innerhalb der sozialdemokratischen Parteimitgliedschaft so beträchtlich, dass die SPD-Parteiführung über ihre Publizistik und andere Kanäle von Beginn an eine umfassende Kampagne startete, in der sie die AZ der Finanzierung durch Ostberlin bezichtigte und als kommunistische Tarnorganisation denunzierte. Die AZ sah sich dagegen als »dritte Kraft«, um die im Kalten Krieg erstarrten Fronten aufzulösen, sprach sogar explizit von einer »Neuen Linken«.

War die alte Nachkriegs-SPD durch die programmatischen Adjektive antifaschistisch, antimilitaristisch, antikapitalistisch und antikommunistisch gekennzeichnet, so blieb die AZ nach dem programmatischen Rollback der SPD den ersten dreien konsequent treu, während sie sich von jenem Antikommunismus deutlich zu distanzieren begann, der immer offensichtlicher nicht nur zur Abwehr einer deutschen Wiedervereinigung, sondern mehr noch zur Abwehr jedweder sozialistischer Bestrebungen instrumentalisiert wurde. Dass dabei mangelnder Antikommunismus kein Indiz für mangelnden Antistalinismus sein muss, zeigten in der AZ der ersten Jahre vor allem die vielen namhaften Autoren, in erster Linie Kurt Hiller, Fritz Kief und Leo Kofler, die mit ihren regelmäßigen Artikeln teilweise heftige und umfangreiche Debatten auslösten. Der jedes Stalinismus unverdächtige Fritz Lamm jedenfalls feierte in der linkssozialistischen Monatszeitschrift Funken die Gründung der AZ euphorisch: Es sei »Wirklichkeit geworden, was uns seit Jahren ein Wunschtraum war. Noch vor wenigen Wochen hatten wir eine so lebendige, wirklichkeitsnahe, sachlich pointierte, spritzig glossierte Wochenzeitung nicht für möglich gehalten. Endlich gibt es eine Zeitung für die Opposition.«

Dass diese neue Opposition nicht ohne schwerwiegende politische Differenzen war, machte bspw. die SoPo-Redaktion deutlich, als sie die AZ 1956 wegen fehlender glaubwürdiger politischer Grundlagen und Perspektiven kritisierte: »Jeder Sozialist, der die bürgerliche Gesellschaft mit aller Kraft angreift, muss die Frage beantworten können: Wenn Du ein revolutionärer Kritiker des Kapitalismus sein willst, warum gehst Du dann nicht zur KPD, die doch – anscheinend – in ihrer Kritik dasselbe Ziel anvisiert? Die Antwort auf diese entscheidende Frage ist die AZ ihren Lesern und der Partei schuldig geblieben.« Einmal mehr war es die Frage der Haltung zur Sowjetunion (und zu Ost-Berlin) und zu den mit dieser politisch, sozial und psychologisch aufs engste verbundenen Westkommunisten, der einen Keil zwischen die verschiedenen Strömungen der sozialistischen Linken trieb. Trotzdem kam es unter den Bedingungen der Entstalinisierung zu einem nennenswerten Aufbrechen nicht nur in sozialdemokratischen, sondern auch in kommunistischen Kreisen, der zum Aufstieg eines stärker »Einheitsfront«-orientierten Milieus führte und eine Neuformierung der sozialistischen Linken unmittelbar möglich erscheinen ließ.

Eine Parteigründung wurde in diesem Zusammenhang im Allgemeinen abgelehnt, ein neuer organisatorischer Kern schälte sich aber nichts desto trotz heraus. Im März 1956, im selben Monat, indem die erste Ausgabe der WISO erschien, hatte sich in Paris die britisch-französische »Internationale Gesellschaft für sozialistische Studien« (IGSS) gegründet. Als Präsident verantwortlich zeichnete der damals weithin bekannte britische Historiker G.D.H. Cole, der in der heutigen Literatur zur Neuen Linken als einer der Brückenbauer zwischen »alter« und »neuer« Linker betrachtet wird. Man verstand sich in der Tradition der britischen Fabier explizit nicht als Parteiorganisation, sondern als Intellektuellenzusammenschluss für Gedankenaustausch und internationalen Kontakt. Erklärtes Ziel war die Neubelebung des sozialistischen Denkens und die Überwindung der allgemeinen opportunistischen Verflachung. Diesem Ziel sollten die Produktion und der Vertrieb von Flugschriften zur gemeinsamen Diskussion und die Erarbeitung eines zeitgenössischen sozialistischen Grundsatzprogramms dienen. Sozialismus begriff man dabei wesentlich als internationale Bewegung, die die rassistische und nationale Diskriminierung, Kolonialismus und Imperialismus »in jedem Teil der Welt« ablehnte. Sozialismus sei mehr als Wohlfahrtsstaat und ziele auf die völlige Beseitigung der Klassenunterschiede, die Zusammenarbeit der Völker und die Errichtung einer klassenlosen Gesellschaft. Und Sozialisten seien »Gegner des Krieges und aller Machtblöcke, die durch ihr Vorhandensein die Welt in bewaffnete feindliche Lager spalten und den Reichtum der Völker für Kriegsvorbereitungen verschwenden«.

Ein halbes Jahr später, am 21. Oktober 1956, wurde in Hamburg die deutsche Sektion dieser Internationalen Gesellschaft gegründet. Und ihr erster deutscher Sektionsvertreter wurde niemand geringeres als Viktor Agartz. Vorstandsmitglieder neben Agartz waren Gerhard Gleissberg, Fritz Kief und andere einflussreiche Aktivisten der sozialdemokratischen und sozialistischen Linken, die parallel auch in der AZ schrieben. Als erstes veröffentlichte die deutsche IGSS-Sektion die Broschüre Ein neues Bekenntnis zum Weltsozialismus ihres Präsidenten G.D.H. Cole. Dann folgten Broschüren von Leo Kofler und Viktor Agartz.

Was sich hier seit 1955 entwickelte und auch den gesellschaftspolitischen Hintergrund der »Agartz-Affäre« bildete, war ein neues Netzwerk von Gruppen und Personen, das zusammen mit älteren, »etablierten«, Zeitschriften wie Funken und Arbeiterpolitik ein besonderes Milieu von enttäuschten und radikalisierten Sozialdemokraten, von Radikaldemokraten, selbstkritischen Kommunisten und heimatlosen Linkssozialisten aus der Tradition der Zwischenkriegsgruppen bildete. Deren Exponenten kann und muss man die erste, von der Geschichtsschreibung weitgehend verdrängte Generation jener Neuen Linken nennen, die erst zu Beginn der 60er Jahre, dann unter Federführung einer neuen, zweiten Generation, zu einem stehenden Begriff werden sollte. Viktor Agartz, der bekannte Gewerkschaftstheoretiker und -aktivist; Wolfgang Abendroth, der versierte Jurist, politische Journalist und erfahrene sozialdemokratische Parteiaktivist; Leo Kofler, der marxistische Theoretiker und Wanderprediger; Theo Pirker, der unorthodoxe Gewerkschaftsaktivist mit ebenso historischem Sinn wie organisatorisch-politischem Gespür; Fritz Lamm, der mit strategischem Sinn und persönlichem Gespür eine Zeitschriftenorganisation zu leiten verstand; Gerhard Gleissberg, der sozialdemokratische Zeitungsprofi und Chefkommentator – sie alle sind zwar nur die gleichsam erste Reihe der westdeutschen sozialistischen Linken marxistischer Prägung. Doch schon sie zeigen, dass es dieser »Neuen Linken« nicht an fähigen Aktivisten mangelte.

Es fehlte ihnen auch nicht – mindestens zunächst nicht – an der nötigen politischen Konjunktur. Chruschtschows im Februar 1956 auf dem 20. Parteitag der KPdSU gehaltene Geheimrede öffnete, einem Dosenöffner gleich, Millionen von Kommunisten weltweit für die Erschütterungen über die Verbrechen des Stalinismus und die Suche nach einem emanzipativen Reformsozialismus – sei es im ungarischen Petöfi-Kreis um Georg Lukács u.a. oder in der DDR um Wolfgang Harich, Walter Janka, Ernst Bloch, Gerhard Zwerenz u.a., sei es in der britischen Kommunistischen Partei um Edward P. Thompson, John Saville u.a. oder, in der französischen, Henri Lefebvre u.a. Heimatlos gewordene Sozialisten, Intellektuelle und radikale Demokraten machten sich auf den so genannten »Dritten Weg« – »Zurück zu Marx!«, wie es hieß, und vorwärts in die neue Zeit des sozialstaatlichen Konsenskapitalismus.

Ihnen entgegen standen dagegen das restaurativ-repressive Klima der Hochzeit des Kalten Krieges und die weltökonomische Konjunktur. Gerade in Westdeutschland verdichteten sich diese gesellschaftlichen Tendenzen auf besondere Weise. Das für den Nachkriegskapitalismus so zentrale fordistische Akkumulationsmodell hatte in den erneuerten Produktionsgrundlagen der nachfaschistischen BRD, seiner ökonomischen und politischen Stabilität, seinem hohen Qualifikationsniveau, seiner Arbeitsdisziplin und seinem kooperativen Politiktypus günstige Voraussetzungen gefunden und wurde durch Exportorientierung und die damit verbundene Integration in die boomende Weltwirtschaft erfolgreich abgestützt. Mitte der 1950er Jahre war die strukturelle Arbeitslosigkeit beseitigt und die Ökonomie brummte. Westdeutschland war nicht nur Teil jenes »goldenen Zeitalters«, das »die dramatischste, schnellste und tiefgreifendste Revolution in den menschlichen Beziehungen und im Verhalten des Menschen begonnen und weitgehend auch vollzogen (hat), von der die Geschichte weiß« (Eric Hobsbawm). Es war sogar ein treibendes Element desselben. Die Mehrheit der Bevölkerung begrüßte die neue Zeit des Konsums und hatte sich mit dem Adenauerregime arrangiert. Und dort, wo dieser epochale Umbruch und der durch ihn beflügelte sozialdemokratische Integrations- und Anpassungskurs Unmut auslöste, wurde er nachhaltig ausgegrenzt und kriminalisiert.

IV. Die Kriminalisierung

Im August 1956, ein halbes Jahr nach dem 20. Parteitag, während die Entstalinisierung in Polen und Ungarn in Volkserhebungen gegen die kommunistischen Regime umkippte, erklärte das Bundesverfassungsgericht, dass die KPD verfassungsfeindliche Ziele verfolge und deswegen verboten werde. Die in dieser Form neue innenpolitische Grenzziehung leitete die umfassende Kriminalisierung des kommunistischen Milieus ein, vertiefte den Graben zwischen kommunistischen und linkssozialistischen Strömungen, und erleichterte auf diesem Wege die nach der gewaltsamen Niederschlagung der osteuropäischen Aufstände um sich greifende Restalinisierung. Hierauf schließlich konnte im Jahre 1957 der in seiner gesellschaftspolitischen Bedeutung zumeist vollkommen unterschätzte Landesverratsprozess gegen Viktor Agartz aufbauen.

Im März 1957, während der Bundestagswahlkampf (CDU: »Keine Experimente«) in seine heiße Phase ging, und genau ein Jahr nach dem erfolgreichen Start der WISO, wurde ihr Hirn und Organisator verhaftet. Der Haftbefehl bezichtigte Agartz des Verstoßes gegen das KPD-Verbot und der Rädelsführerschaft in einer verfassungsfeindlichen Organisation sowie der verfassungsverräterischen Verbindung zum ostdeutschen Gewerkschaftsbund FDGB. Grundlage der Anklage waren die Aussagen eines KPD-Mitgliedes, der als Geldkurier am 20. März 1957 an der deutsch-deutschen Zonengrenze in Helmstedt festgenommen worden war, weil er 22.000 DM im Kofferraum mit sich führte, und kurz darauf ausgesagt hatte, dass dieses Geld für Viktor Agartz und dessen WISO bestimmt seien.

In Untersuchungshaft sitzend, gab Agartz zwar umgehend zu, als Gegenwert für ein umfangreiches Pauschalabonnement der WISO monatlich ca. 10.000 DM erhalten zu haben, bis dahin insgesamt immerhin 130.000 DM. Er bestritt jedoch jede persönliche oder politische Abhängigkeit und verwahrte sich gegen den Vorwurf, er sei damit ein Fellow Traveller der Kommunisten. Das sahen bürgerliche und sozialdemokratische Medien jedoch anders und berichteten monatelang ganz im Sinne der Staatsanwaltschaft über den vermeintlich kommunistisch gewendeten Ex-Sozialdemokraten. Der kommunistische Sumpf, so der mediale Tenor in der vom Wahlkampf aufgeheizten deutschen Öffentlichkeit, müsse endlich auch in den Gewerkschaften und der Sozialdemokratie trocken gelegt werden.

In der 69-seitigen Anklageschrift bei der am 25. November 1957 beginnenden Hauptverhandlung vor dem Bundesgerichtshof in Karlsruhe – Adenauer hatte die Bundestagswahlen im September mit deutlicher Mehrheit gewonnen – war jedoch von der Rädelsführerschaft in einer verfassungsfeindlichen Organisation und dem Verstoß gegen das KPD-Verbot schon keine Rede mehr. Einzig der Vorwurf des Landesverrates, der verfassungsverräterischen Verbindung zum FDGB, wurde noch aufrechterhalten. Agartz’ Verteidiger, niemand geringeres als der ehemalige Bundesminister und spätere Bundespräsident Gustav Heinemann und sein junger Kollege Diether Posser, hatten vergleichsweise leichtes juristisches Spiel, denn es galt nur noch nachzuweisen, dass Viktor Agartz trotz seines faktischen Vergehens ein wirklich unabhängiger, nicht zu korrumpierender Geist war, der seine finanzielle Verbindung nicht mit einer verfassungsverräterischen Absicht aufgenommen hatte. Die Ausführungen der Verteidiger und die umfangreichen Zeugenaussagen von gestandenen Antistalinisten wie Theo Pirker oder Wolfgang Abendroth konnten die richterliche Skepsis über solcherart Gesinnungsprozess nur bestärken. Aufgrund ernsthafter Zweifel, dass er sich in die politischen Bestrebungen des FDGB habe eingliedern lassen, wurden Agartz und seine mitangeklagte Sekretärin Ruth Ludwig am 13. Dezember 1957 aus Mangel an Beweisen frei gesprochen.

Es blieb jedoch ein Pyrrhussieg, denn, wie die Welt am Tage nach der Urteilsverkündung treffend schrieb: »Agartz verlässt Karlsruhe als freier, aber politisch toter Mann«. Die Medien-Kampagne war auf fruchtbaren Boden gefallen: Eine Solidarisierung aus dem nicht-kommunistischen Bereich, von bürgerlichen Medien, SPD und Gewerkschaften fand nicht nur nicht statt, SPD und Gewerkschaften distanzierten sich sogar öffentlich von ihrem vermeintlich gefallenen Sohn und unterstützten die Kampagne nach Kräften.
Agartz selbst war nun weitgehend kompromittiert, die »Gruppe Agartz« zerfallen und der Versuch einer gemeinsamen Plattformbildung der Linken innerhalb der Gewerkschaften und SPD gescheitert. Die deutsche Sektion der Internationalen Gesellschaft für sozialistische Studien zerfiel ebenso wie die den linken Aufschwung tragenden Zeitschriftenprojekte. Nach erneuten Versuchen, aus der politischen Defensive und der eigenen desolaten Situation herauszukommen, gingen die Funken und die Arbeiterpolitik 1959 ein. Auch die SoPo veränderte sich personell und konzeptionell. Die AZ schließlich verlor mit der Redogmatisierung der kommunistischen Bewegung und der zunehmend aggressiveren Anfeindung antistalinistischer Nonkonformisten wie Hiller, Kief und Kofler ihre Brückenfunktion zwischen den Strömungen und geriet 1957/58 immer spürbarer ins politische und finanzielle Fahrwasser Ostberlins. Insgesamt verloren die Zeitschriften der linken Linken große Teile ihrer Leserschaft, ihre Organisationen große Teile ihrer Mitgliedschaft.

V. Die letzten Jahre

Mit dem weitgehenden Zerfall dieses linken Netzwerkes fand der politisch-organisatorische Zyklus eines um die SPD zentrierten und aus den Vorkriegs- und unmittelbaren Nachkriegstraditionen der radikalen Arbeiterbewegung sich speisenden Linkssozialismus der 1950er Jahre seinen Abschluss. Erst dieser linkssozialistische Zusammenbruch der Jahre 1957/58 machte den Weg frei für die geschichtsträchtige Transformation der SPD in eine bürgerliche Reformpartei, symbolisiert durch ihren Bad Godesberger Parteitag 1959, und die anschließende Umsetzung dieser neuen Linie auch in der Gewerkschaftsbewegung. Das Verhältnis von Theorie und Praxis in der Arbeiterbewegung war, wie es Agartz Anfang 1959 ausdrückte, »vorerst … zerfallen«.

Doch wie reagieren Linke auf einen solch tief greifenden politischen Zusammenbruch? Viele ziehen sich, wie Peter Cardorff in seinen Studien über Rationalismus und Irrationalismus in der sozialistischen Bewegung aufgezeigt hat, nach der Erschütterung ihres linken Geschichtsoptimismus aus der Politik zurück und »privatisieren«: Theo Pirker war hierfür in damaliger Zeit ein prominentes Beispiel. Viele ordnen sich jedoch auch den vermeintlichen Sachzwängen der kapitalistischen Verhältnisse unter, verlieren ihr emanzipatives Ziel aus den Augen und werden zu Propagandisten sanfter Reformen – wofür damals niemand geringeres als Herbert Wehner ein prominentes Beispiel war. Manche suchen am Rande der großen linken Organisationen einen bescheidenen Platz für sich, um, wie es heißt, zu »überwintern«: Wolfgang Abendroth, Fritz Lamm und die deutschen Trotzkisten sind Ende der 1950er Jahre prominente Beispiele hierfür. Und manche trösten sich, indem sie ihren politischen Bezugsrahmen von den nationalen zu den internationalen Klassenkämpfen verschieben. Nicht nur die radikalen Studenten der 1960er Jahre, die sich an die Kämpfe der so genannten Dritten Welt anlehnende eigentliche »Neue Linke«, sind dafür ein Beispiel. Auch für Viktor Agartz und den AZ-Macher Gerhard Gleissberg gilt dies. Nur standen die beiden mehr für eine Bezugsrahmenverschiebung zur kommunistischen Weltbewegung im Osten, für eine Anlehnung, wie es Agartz selbst ausgedrückt hat, an die revolutionären Prozesse »von der Elbe bis Peking«.

Agartz war auch nach dem Prozess noch ein gefragter Redner. Und er gab weiterhin die WISO als Zweiwochenzeitschrift heraus, nun mit neuem Mitarbeiterstamm, verbesserter Gestaltung und ohne weitere Skrupel, was die indirekte Finanzierung mittels Ost-Berliner Pauschal-Abonnements anbelangt, denn er versuchte, wie er 1963 in einem Brief schrieb, »ein wissenschaftliches, (…) sozialistisches Institut aufzubauen, weil ich den unpolitischen Arbeiter gesellschaftlich als eine Gefahr sehe. Ein solches Unterfangen ist nur mit Hilfe östlicher Länder, materialmäßig, durch Mitarbeit der Universitäten und auch geldlich möglich.«

Doch die strategische Überlegung seiner Annäherung an die Kommunisten – genauer: an die Politik der ostdeutschen Kommunisten, denn für die westdeutsche KPD hatte er an sich nur Spott übrig – ging durchaus weiter, wie er Mitte 1959 deutlich machte: »Die politische und gewerkschaftliche Arbeiterbewegung ist heute ohne Führung im sozialistischen Sinne. Die Mitgliedschaft gleicht einem statischen Körper, der der Führung, dem Apparat, als ökonomische und gesellschaftliche Basis dient. Jede Diskussion, die der klassenpolitischen Aufklärung dient, wird unnachsichtlich geahndet, um die organisatorische Basis, die eigene Erwerbsposition, nicht zu gefährden. Trotzdem befinden sich Teile der Arbeiterschaft in Unruhe und Bewegung. Zwischen Führung und Masse besteht ein Bruch des Vertrauens, der sich zum Beispiel in der Frage der Atombewaffnung oder der innerdeutschen Verständigung bemerkbar macht. In diesem Stadium der Stagnation, aber einer glimmenden Glut unter der Asche, fällt den sozialistischen Staaten eine Aufgabe zu, auf die internationale Arbeiterbewegung durch die Art und den Inhalt ihres sozialistischen Aufbaus auszustrahlen.«

Mit analytischer Schärfe, aber auch einer ingrimmigen, gelegentlich ins verschwörungstheoretische kippenden Wut, vertiefte und radikalisierte Agartz in den Jahren 1958ff. seine WISO-Analysen zur politischen Ökonomie des Nachkriegskapitalismus und prangerte die Integration der Arbeiterorganisationen in den spätbürgerlichen Staat (SPD) und die spätbürgerliche Gesellschaft (DGB) an. Als einer der ersten, gründlichsten und originellsten hat er dabei nicht nur das so genannte deutsche Wirtschaftswunder analysiert, sondern auch die Formen der Verflechtung von Staat und Gesellschaft im aufkommenden Sozialstaat untersucht. Mit den Kommunisten teilte er dabei die intellektuelle Tradition einer Theorie des staatsmonopolistischen Kapitalismus, hatte aber mehr den sozialdemokratischen Vordenker Rudolf Hilferding im Kopf als die neuen sowjetischen Theoretiker. Und er kombinierte seine in den damaligen Aufsätzen so machtvoll entfaltete Sicht auf diesen neuen staatsmonopolistischen Kapitalismus mit einem gewissen Linksradikalismus, der nicht wie die Kommunisten auf ein »Volksfront«-Bündnis mit dem Kleinbürgertum setzte, sondern auf die Rekonstruktion einer autonomen, antibürgerlichen und klassenkämpferischen Arbeiterbewegung. Das gibt ihm seine für Anhänger der sozialen Marktwirtschaft und Vertreter der Konsensdemokratie noch heute so schwer verdauliche Note, ist aber gerade deswegen seit den 70er Jahren immer wieder zum Referenzpunkt linker Opposition innerhalb der Gewerkschaftsbewegung geworden.

Dem damals aufkommenden Mythos von der nivellierten Mittelstandsgesellschaft ist Agartz jedenfalls nicht aufgesessen. Seine Kritiken des aufkommenden Konsenskapitalismus sind auch heute noch eine erfrischende Herausforderung scheinbarer ideologischer Selbstverständlichkeiten. Entsprechend gibt es Formulierungen, an die heute zu erinnern von besonderer Aktualität wären, beispielsweise seine Sicht auf den Begriff der sozialen Gerechtigkeit: »Es ist aber seit Thomas von Aquin, der sie verwendete, ohne sie inhaltlich zu erläutern, noch niemandem geglückt, zu erklären, was unter sozialer Gerechtigkeit verstanden werden soll. Der Sozialist kann nur sagen, dass soziale Ungerechtigkeiten dann beseitigt sind, wenn es keine Klassen mehr gibt.« Die Emanzipation der Klasse der Lohnarbeitenden, so Agartz, ist immer auch die Emanzipation vom ökonomischen Zwang zur Lohnarbeit, Gewerkschaftspolitik deswegen immer auch und nicht zuletzt ein politisches Mandat.

Viktor Agartz mag sich manchen Illusionen hingegeben und in Manchem fehl gegangen sein – eine ausführliche Darstellung und Analyse seines nicht mehr greifbaren und zerstreuten Werkes steht noch immer aus –, ein »Kommunist« jedoch, gar ein Stalinist, ist er nie gewesen. Immer wieder würdigte er die realsozialistische Aufhebung des Privateigentums an gesellschaftlichen Produktionsmitteln, betonte jedoch im gleichen Atemzug, dass Sozialisten »niemals darauf verzichten können, diesen gewaltigen Entwicklungsprozess positiv, aber auch kritisch zu verfolgen. Die Kritik des Sozialisten kann aber nur den alleinigen Sinn haben, Fehler und Mängel aufzuzeigen, um den Aufbau einer sozialistischen Ordnung zu unterstützen, niemals aber, diesen Prozess zu zerstören.« Dass die Tücken einer solch reformkommunistischen Kritik mindestens im Nachhinein offensichtlich sind – die vermeintlich sozialistische Ordnung war ihrer Arbeiterschaft keine kämpferische Verteidigung wert, die bürokratische Herrschaftsform war im Sinne eines emanzipativen Sozialismus nicht reformierbar –, ändert wenig daran, dass auch er so manches Mal eine Zumutung war für die östlichen Machthaber. So berichtete die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) in einer Glosse Ende 1958 von einer wissenschaftlichen Konferenz in Ost-Berlin, auf der Agartz »– sicher unbeabsichtigt – vor dem wachsamen Studentenpublikum der Humboldt-Universität eine Menge propagandistischen Porzellans zerschlagen« hat. »Unruhe« und »Zurückhaltung« habe sich auf dem Podium breit gemacht, als er vom unveränderten Anteil der Nettolöhne der Arbeiter und Angestellten am westdeutschen Sozialprodukt, von ihren Reallohnsteigerungen und der völligen Entschuldung des BRD-Staates infolge der Währungsreform sprach. Und er wurde daraufhin, wie die FAZ mit konservativ-souveränem Feingefühl registrierte, nicht mehr als Marxist, sondern nur noch als westlicher Sozialist bezeichnet, sein Beitrag als lediglich »interessant« dargestellt.

Praktisch virulent wurden diese Differenzen Ende 1960, Anfang 1961. Nach seinem Parteiausschluss aus der SPD im Dezember 1958 (»wegen fortgesetzten parteischädigenden Verhaltens«, so Herbert Wehner in seinem offiziellen Brief an Agartz) und seinem Ausschluss aus der IG Druck & Papier im Januar 1960 (es werde »geltend gemacht«, schrieben die Gewerkschafter, »dass Sie sich in ihrer Publizistik gewerkschaftszersetzend und damit gewerkschaftsschädigend verhalten«, auf dass »ein Keil zwischen die Mitgliedschaft und die Gewerkschaftsführung getrieben wird«) war er, erneut zusammen mit Gerhard Gleissberg, zum führenden Vertreter der Vereinigung unabhängiger Sozialisten (VUS) geworden, einem Zusammenschluss von aus der SPD Ausgeschlossenen und Ausgetretenen. Als sich diese jedoch schon kurz nach ihrer Gründung Ende 1960 auf die gerade entstehende, kommunistisch beeinflusste Deutsche Friedens-Union (DFU) zu orientieren begann, tritt Agartz im April 1961 aus. Er vermisste die sozialistische Programmatik und die Ausrichtung auf die klassenkämpferische Arbeiterbewegung. »Wenn man dem Gemauschele dieser Union glauben soll, hätte Marx besser den Kommunistenbund nicht gegründet, sondern wäre sofort in einer Volksfront eingestiegen.« So formulierte er es jedenfalls in privaten Briefen, in denen er kaum ein Blatt vor den Mund nahm. Er berichtet dort von Auseinandersetzungen innerhalb der VUS und davon, dass er gezielt von Sitzungen ferngehalten und seine Unterschriften unter den veröffentlichten VUS-Erklärungen sogar gefälscht seien.

Verantwortlich für all dies machte er »Störmanöver berufsmäßig tätiger Revolutions-Gangster«, bei denen es darum ginge, eine unabhängige sozialistische Linke nicht aufkommen zu lassen und ihn und die WISO – die es sich erlaubt hatte, die DFU ob ihrer politischen Strategie massiv zu kritisieren – zu isolieren und »auffliegen zu lassen«. Hierin sah er auch den Anlass für die im April 1961 vollkommen überraschend erfolgte Kündigung der ostdeutschen WISO-Pauschalabos durch die Ost-Berliner Interzonen-Handels-Firma Petermann, sowie die parallel verlaufenden Kündigungen einschlägig bekannter Westadressen – in einem Moment, als er offensichtlich gerade dabei war, die WISO mit einer speziellen Gewerkschaftsbeilage abermals zu erweitern. Die die WISO verlegende Fuldaer Verlagsgesellschaft kündigte ihm daraufhin zum Ende des Jahres 1961 – auch dies für Agartz ein Akt direkten Druckes aus Ost-Berlin. Im Vorfeld des Mauerbaus war es dort zur nachhaltigen Neuausrichtung der Westarbeit gekommen.

Ein westdeutscher Kleinverlag, der die WISO auch nach 1961 weiter hätte herausbringen wollen, fand sich zwar bald, doch Agartz’ Hoffnung auf den Mailänder Links-Mäzen Giangiacomo Feltrinelli – nur so konnten die für den Redaktionsbetrieb notwendigen Mitarbeiterstellen weiter finanziert werden – zerschlug sich im Januar 1962. Wolfgang Abendroths an Agartz unmittelbar nach seinem Landesverratsprozess ausgesprochene Warnung, dass er hätte »wissen müssen, dass SED und FDGB ihm eines Tages die Rechnung präsentieren würden«, hatte sich spätestens jetzt bewahrheitet.

Und auch wenn er sich am Ende dieses Weges noch immer zweckoptimistisch gab, neue Expansionspläne machte und in einem Brief an seinen geplanten Verleger schrieb, dass er es nützlich fände, »dass in immer stärkerem Maße die WISO vermisst und entbehrt« werde, weil sich aus dieser Lage »zweifelsfrei Kräfte entwickeln (werden), die zu einer Aktivität drängen werden, zumal in einer Situation, die nie günstiger war als bisher«, so waren seine politische wie seine persönliche Enttäuschung bereits unübersehbar. Ganz offiziell gesprochen, las sich dies in einem Gespräch mit der Welt so: »Die sozialdemokratischen Parteien sind von Personen usurpiert worden, die zur Arbeiterbewegung keine Beziehung haben. Aus der SPD wird eine christlich-sozialdemokratische Union. Andererseits sind in der kommunistischen Theorie des Ostens Entartungserscheinungen festzustellen. Die Kommunisten können revolutionäre Entwicklungen nicht mehr ertragen, wie ihre Unsicherheit gegenüber den Vorgängen in Algerien und Kuba zeigt. Beide Prozesse, die Entideologisierung der Sozialdemokraten und die Erstarrung bei den Kommunisten, haben ein Vakuum geschaffen.«

Doch so scharf er dieses gesellschaftspolitische Vakuum verspürt und benannt hat (»Die neue Partei ist objektiv notwendig, aber subjektiv noch nicht möglich«), so wenig vermochte er es noch, sich gegen die neue, depressive Welle im politischen Klassenkampfzyklus zu stemmen und neue Perspektiven zu eröffnen. Mit offensichtlicher Sympathie registrierte er zwar noch die Organisationsversuche einer Neuen Linken außerhalb Deutschlands – vor allem in Italien und Norwegen. Doch an ihren westdeutschen Vertretern, ob es linke »Sektierer« wie die Brandleristen oder Trotzkisten seien oder junge SDS’ler und die in ihrer Fördergesellschaft um Abendroth und andere versammelten alten Linkssozialisten, konnte er kein gutes Haar mehr lassen, wie er in einem Brief vom August 1963 offenherzig schrieb: »Die heutigen Linken, die es in Wahrheit nicht gibt, singen ein Potpourri musikalischer Dissonanzen. Mit der Radikalität des Wortes treiben sie geistige Onanie. Diese Linken sind deshalb gefährlich, weil sie der Arbeiterschaft Hoffnung machen, sie warten lässt und die Arbeiter von jeder Aktivität abhält. Was soll ich mit diesen Gruppen anfangen? Meine Zurückhaltung wird dann als Verbitterung angesehen oder ich werde (…) als Primadonna bezeichnet.«

Mit der WISO hatte Viktor Agartz nun auch seinen Bezug zur politischen Welt fast vollständig verloren – einzig durch gelegentliche Vortragsveranstaltungen kam er auch noch nach 1961 in Kontakt mit der sich in jenen Jahren tief greifend verändernden politischen Szene. Doch noch immer war er jemand, über den man gelegentlich gerne sprach. Davon zeugen die Personalia-Spalten des damaligen Spiegel und andere Zeitungsberichte. Die Süddeutsche Zeitung bspw. schickte im Sommer 1962 abermals einen ihrer Redakteure, diesmal den jungen Günter Gaus, zu Agartz nach Bensberg. Gaus Beitrag porträtierte Agartz ein letztes Mal mit privatem Kolorit und setzte gleichsam den Schlussstrich unter ein herausragendes Leben: »Kein zweiter Außenseiter der bundesrepublikanischen Gesellschaft ist so folgerichtig an den Rand gedrängt worden wie Agartz: Die Stationen seines Niederganges vom Theoretiker der mitgliederstärksten Organisation Westdeutschlands zum Privatier, der unter den Studenten in Warschau bekannter ist als unter denen in Bonn oder Frankfurt, entsprachen der zunehmenden Unlust der westdeutschen Parteien, Verbände und Bürger an grundsätzlichen Konzeptionen.«

Schließlich ließ ihn auch noch sein Körper im Stich. Bereits im März 1961 hatte er einen vorübergehenden körperlichen Zusammenbruch erlitten und sich davon nicht mehr wirklich erholt. Als im Juli 1964 auch noch seine jahrzehntelange Haushälterin starb – seine Frau hatte er bereits 1954 verloren –, war er allein und ohne jede Hilfe. »Was soll ich nun machen?«, fragte er die letzten seiner Bekannten verzweifelt um Rat: »Mit jedem Loch im Strumpf beginnt allmählich der Verfall. Mittags gehe ich aus zum Essen, Frühstück und Abendessen fällt flach.« Und kurz darauf: »Meinen ›Verfall‹ spüre ich selbst am deutlichsten, da schon die Essensfrage einen großen Kummer verursacht. Jeder abgerissene Knopf zeigt den Prozess der Devastierung.« Die langjährige Arbeit an zwei Buchmanuskripten zur Geschichte und Soziologie der deutschen Gewerkschaftsbewegung – der Vertrag mit dem Luchterhand-Verlag war bereits unterschrieben – konnte er nicht mehr fertig stellen. Am 9. Dezember 1964 starb der bedeutendste sozialistische Linke vor »1968« in einer Kölner Klinik.

Anmerkung der Redaktion:
Die Erstveröffentlichung dieses Beitrages erschien im Bochumer Mitteilungsheft des Instituts für soziale Bewegungen, Heft 40/2008, S. 39-60. Dort findet sich auch der umfangreiche wissenschaftliche Anmerkungsapparat.

Jünke Christoph

Christoph Jünke ist Historiker und politischer Publizist. Seine Arbeitsgebiete liegen in der Geschichte des 20. Jahrhunderts, der Zeitgeschichte, der Geschichte sozialer Bewegungen und der politischen Ideengeschichte.

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.