Ulrich Siebgeber - ©LG
Ulrich Siebgeber
Vergessen hilft. Aber nicht wirklich.
 
 

von Ulrich Siebgeber

Compassion – leidenschaftliches Mitgefühl – verlangte einst Willy Brandt von der Politik. Manchmal genügt das einfache Mitgefühl, um ihr den Puls zu fühlen. Eine Schweigeminute im Bundestag, auch wenn sie vom neuen Gottseibeiuns AfD durch einen Akt institutioneller Nötigung herbeigeführt wurde, bleibt eine Schweigeminute – ein ritueller Akt, der unmittelbar das Gedenken an das Opfer, Erinnerung an seine Qualen und Solidarität mit den Hinterbliebenen durch Enthaltung vom Wort evoziert – unmittelbar, nicht nach langem Nachdenken darüber, wer hier im Kampf der taktischen Finessierer die Nase vorn hat oder den Anschluss zu verlieren droht.

von Gunter Weißgerber

Der Berliner De Gruyter Verlag überraschte Anfang des Jahres mit dem Reprint eines Buches von 1997. Das Ende der Kritik von Ulrich Schödlbauer, einem klugen Beobachter gesellschaftlicher Ermüdungsprozesse, die er aus seiner Sicht als ›Ende der Kritik‹ beschreibt.

Was bewegt einen Verlag, ein Buch nach über 20 Jahren erneut und zu keinem Massenwarenpreis zu veröffentlichen? Um dem Verfasser einen Gefallen zu tun? Sicher nicht. Zumal der Verfasser vom Reprint erst nach der Veröffentlichung erfuhr. Um Geld zu machen? Das sicherlich ebenfalls nicht. Ist der Titel auch eingängig und appetitanregend, der intellektuell anspruchsvolle wie wuchtige Text macht Arbeit. Der Markt dagegen bedient Schnellleser und füttert mit kurzen Parolen an.

von Christina Breidenbach

Die Theorie, dass die US-Amerikanische Weltmachtstellung kippt, wird mit dem Einfluss Russlands im syrischen Bürgerkrieg und in der von Moskau beeinflussten Meinungsbildung in Südost- und Osteuropa immer deutlicher. Auch China nimmt seine Rolle als dominierender Akteur wahr und nutzt die Wahl Donald Trumps gezielt für seine Zwecke. Die chinesische Regierung sieht die Chance, durch die angekündigte Abschottung bzw. durch die eventuellen Rückläufe der USA international zu profitieren und sich zu profilieren.

 Dass Ehe und Familiengründung durch Zeugung von Nachwuchs nichts, aber auch gar nichts miteinander zu tun haben, erhellt besonders anschaulich § 1307 BGB, der lautet: »Eine Ehe darf nicht geschlossen werden zwischen Verwandten in gerader Linie sowie zwischen vollbürtigen und halbbürtigen Geschwistern. Dies gilt auch, wenn das Verwandtschaftsverhältnis durch Annahme als Kind erloschen ist.« Paragrafen lassen sich ändern, das ist wahr, aus parlamentarischer Inzucht folgt, jedenfalls in ein und derselben Legislaturperiode, weder logisch noch sachlich die biologische.

von Ulrich Schödlbauer

14. Die ›reine‹ Beziehung und der Kinderwunsch

Untersucht man die im Beziehungsmodell sozial realisierte Trennung von Sexualität und Reproduktion, dann kommt man zu dem Ergebnis, dass die rigorose Durchstreichung des zweifellos gegebenen, aber durch den Einsatz mechanischer und chemischer Mittel unbegrenzt manipulierbaren biologischen Zusammenhangs den kulturell zweifellos ebenso gegebenen Zusammenhang überblendet, in dem der Kinderwunsch als Summe aller auf ein individuelles Optimum ausgerichteten Steuerimpulse fungiert. Es ist nicht ganz richtig, zu sagen, der Kinderwunsch habe sich mit dem Abschied vom traditionellen Familienmodell ›reduziert‹ oder sei generell zurückgegangen. Angemessener wäre es wohl zu sagen, er werde durch das Beziehungsmodell dauerhaft aufgeschoben: jedenfalls entspricht dem eine in allen Befragungen...

von Peter Brandt

Am 22. April dieses Jahres verstarb in seinem zweiten Heimatland Dänemark der Historiker, Kultur- und Sportsoziologe mit auch ethnologischer Kompetenz Henning Eichberg, in den letzten Jahren verschiedentlich Globkult-Autor; er wurde 74 Jahre alt. Ich habe ihn um 1980 zum ersten Mal persönlich getroffen und hatte daran gedacht, ihn im jetzigen Sommer auf dem Weg nach Norwegen – nach langen Jahren – zuhause zu besuchen. Wir standen über die Jahrzehnte in Kontakt: Bücher, Sonderdrucke, später in elektronischer Form, gingen hin und her.

von Ulrich Schödlbauer

11. Ein Stück Nachkriegsgeschichte

Wenn die ›Beziehung‹ soziales Kapital verspricht oder ›darstellt‹, dann sollte die Frage nach der deformierenden Gewalt, die dem Begriff als einem gesellschaftlichen Universale innewohnt, nicht nur den Minimalismus als den Mechanismus des Unsichtbarmachens der zentralen Aspekte der Fortpflanzung, der Weitergabe familiärer und kultureller Informationen im als ›eigen‹ wahrgenommenen Nahbereich umfassen, sondern auch den Begriff des sozialen Kapitals, wie er in dieser Anwendung erscheint. Dass der simple Gedanke der Beziehung (Relation) zweier Gesellschaftsglieder ein Erwerbsverhältnis impliziert, gehört nicht von vornherein zur Sache, es reflektiert die dritte Seite im Spiel. Die Annahme, dass einige Beziehungen sozial wertvoller sind als andere, verschiebt das sexuelle Spiel in den Bereich von Einfluss, Karriere und Macht...

Jeder kennt sie, die Mitreisenden, deren lautstark geführtem Gespräch niemand im Abteil entrinnen kann. Diese zwei, ich nenne sie Phil & Phob, reisten, wie es aussah, ohne Gepäck. Sie tranken Kaffee aus Pappbechern und scherten sich nicht um die verkniffenen Gesichter in ihrer Umgebung. Niemand holte den Schaffner. Nur eine Mutter musterte sie erschrocken und zog ihr Kind mit sich fort. Es herrschte Meinungsfreiheit.

von Ulrich Schödlbauer

8. Die ›stillschweigende Option‹

Befremdlich wirkt die Ergebenheit, mit der die öffentliche Debatte das Jahr 2050 (in dem die Prognosen aus gutem Grund enden) als Zielmarke einer homogenen Entwicklung hinnimmt – den Zeitpunkt, zu dem die Reste der sogenannten ›geburtenstarken Jahrgänge‹ ihr biblisches Lebensalter erreicht bzw. weitgehend gelebt haben werden (9,1 bzw. 9,9 Mio Achtzigjährige und älter). Das Dreieck aus ›Überalterung‹, ›Übervölkerung‹ und ›Überfremdung‹ tritt so vielleicht überproportional in Erscheinung. Spätere Zielmarken ließen womöglich andere Größen in den Vordergrund treten. Wenn heute über Zuwanderungszahlen, Rentenquoten und Sozialstaatsversprechen, über den schleichenden Kollaps des Schulsystems und die mangelnde Integrationsbereitschaft von Ausländern geredet wird, dann steht die Frage auf der Tagesordnung, welche Bevölkerungsgröße und -zusammensetzung für die Aufrechterhaltung des Prosperitätsversprechens als ›optimal‹ gelten darf...

von Christoph Jünke

Wenn wir hier über die nordrhein-westfälische Bildungspolitik und die Frage nach unseren Bildungszielen diskutieren wollen,* so ist ein kurzer historischer Rückblick auf das, was diesbezüglich die großen Linien der Vergangenheit waren – und darum wurde ich als Historiker von den Organisatoren gebeten –, sicherlich nicht verkehrt.

Umstritten war das deutsche Bildungssystem im 20. Jahrhundert weniger wegen seiner Leistungsfähigkeit. Im internationalen Vergleich war das deutsche Bildungssystem im 20. Jahrhundert eines der sozusagen modernsten, effektivsten und leistungsfähigsten.

leicht fällt es mir zuzugeben, dass ich dich noch niemals geduzt habe, auch nicht gedenke, es ein weiteres Mal zu tun. Aber nun, da du tot bist und es mit aller Siezerei ein Ende hat, soll es einmal so sein. Nein, du hast mir nicht imponiert, damals, als du dein Amt als Kanzler der Bundesrepublik Deutschland das erste Mal antratest, deine ›geistig-moralische Wende‹ schielte allzu sehr auf die geistig und moralisch zu kurz Gekommenen, und deine Sprache… Ich würde gern über deine Sprache sprechen, doch etwas hindert mich daran, es zu tun.

von Ulrich Schödlbauer

5. Publizistisches Intermezzo

Dass überhaupt sich ein Missbehagen breitmachen konnte, das nicht ohne Rückstände vom Tagesgeschäft absorbiert wird, hat sicher auch mit den ›neuen Realitäten‹ zu tun, die in der öffentlichen Wahrnehmung seit den Ereignissen des 11. September 2001 einen so breiten Raum beanspruchen. Nicht ausgeschlossen werden darf, dass der vorhergesagte und ehedem eher belächelte ›clash of civilizations‹ durch den Gang der Dinge in die Position einer unwiderstehlichen Interpretation gerückt ist, der man an seriösen Orten eifrig widerspricht, während sie in praxi die eher reflexartig vorgenommenen Einschätzungen von Personen regiert, die gelernt haben, das eine zu sagen und das andere zu denken...

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von Ulrich Schödlbauer

Ulrich Schödlbauers Essay über Bevölkerungsentwicklung, Alterungs- und Migrationswirkungen, über kulturelle Ursachen der niedrigen Geburtenraten und ihre politisch-sozialen Konsequenzen erschien erstmals 2006 in Iablis unter dem Titel Bevölkerung. Über das generative Verhalten der Deutschen. Seit der Flüchtlingskrise 2015 sind die Probleme sichtbarer – und drängender – geworden, während die öffentliche Diskussion darüber weithin in Sündenbockrituale entgleist. Es erscheint daher, gerade angesichts des Wahljahrs, sinnvoll, die immer noch aktuellen Thesen erneut in die Debatte einzuspeisen. Der Essay erscheint, leicht gekürzt, in Abständen von wenigen Tagen, als eine Folge von Einzelbeiträgen.
– Die Redaktion –

von Herbert Ammon

I.

In einem Artikel für den Berliner Tagesspiegel beklagen Antje Vollmer und Peter Brandt das Fehlen einer linken Alternative zur seit nunmehr zwölf Jahre anhaltenden »Alternativlosigkeit« in der deutschen Politik. Vom angestrebten Ziel ins Kanzleramt seien die Sozialdemokraten derzeit weit entfernt, und es führe auch kein Weg »der politischen Linken zurück zu gesellschaftlichen Mehrheiten«. Ungeachtet dieser ernüchternden Diagnose fordern Vollmer-Brandt: »Raus aus der Gefangenschaft der Merkel-Politik!« (Der Tagesspiegel vom 5. 6. 2017) .

Das Bismarck-Wort vom mangelnden zivilen Mut der Deutschen macht wieder die Runde. Dabei wird es durch den bloßen Augenschein widerlegt. Zu keiner Zeit haben Leserbriefschreiber in Nachkriegsdeutschland – im Netz vornehm ›Kommentatoren‹ genannt – die Artikelschreiber der Mainstream-Medien so couragiert und energisch auf ihre journalistische Sorgfaltspflicht und die eklatanten Mängel ihrer Weltbeschreibung – von anderen Defiziten abgesehen – hingewiesen wie heute.

Die Neue Weltordnung 100 Jahre nach der Oktoberrevolution

von Gernot Erler

I. Von der »Pax Americana« zur multipolaren Weltordnung

Weltordnungen neigen dazu, länger zu halten. Sie wandeln sich nach dramatischen Ereignissen. Die letzte länger bestehende Weltordnung währte 40 Jahre lang, von 1949 bis 1989, und entstand in Folge des 2. Weltkrieges. Diese vier Jahrzehnte waren geprägt von der Blockkonfrontation, vom Kalten Krieg und von einem atomaren Patt, dessen Abschreckungswirkung funktionierte. Das Spannungsverhältnis zwischen Osten und Westen war nicht ganz neu, es ging eigentlich schon auf die Folgen der Oktoberrevolution von 1917 zurück.

von Ulrich Schödlbauer

Vor bald hundert Jahren postulierte der Soziologe Karl Mannheim: Die Zahl der Ideen ist endlich und im Grundsatz sind alle bekannt. Ihr angemessener Gebrauch besteht folglich darin, sich mit ihrer Hilfe möglichst vorteilhaft in der Öffentlichkeit zu positionieren und sie so für die eigene Klientel nutzbar zu machen.

Seit der Kausalzusammenhang von CO2-Ausstoß und Erderwärmung unter die politischen Ideen aufgerückt ist, trägt er für viele skeptisch eingestellte Mitmenschen den Stempel des Dogmas – verständlicherweise, da wissenschaftliche Hypothesen, vor allem so extremer Art, Widerlegungsgefahren unterliegen, vor denen sich die Politik fürchtet wie der Christenteufel vorm Weihwasser. Man muss schon dran glauben, wenn’s wirken soll – von dieser Art waren alle bisher von Staaten geschlossenen Klimaabkommen und ihre ›Umsetzungen‹ in den Ländern, in denen es etwas daran zu verdienen gab.

Ich bin es leid, mit Trump-Kritikern über Trump zu diskutieren. Warum? Weil sie nicht über Politik reden wollen, sondern über Trump.

Ich sehe keinen Grund, weshalb ich über Trump diskutieren sollte. Ich kenne den Mann nicht, bin ihm nie begegnet. Ich habe keinen Grund, auf ihn sauer zu sein. Er hat mir keinen Gebrauchtwagen verkauft, er hat mir keine Frau ausgespannt, er hat mich nicht betrogen, ich habe seine Universität nicht besucht – und wenn schon, sie wäre nicht schlechter gewesen als andere auch in God’s own country.

Ruckediguh, Blut ist im Schuh. Wieder ein Sommermärchen

»... und, meine Freunde, lasst es euch gesagt sein und sagt es weiter: Lasst euch nicht einreden, dass euch der Schuh drückt! Es ist ein guter Schuh, mit einer Sohle, die weiß, wo es lang geht, mit einem Absatz, auf dem man auf der Stelle kehrt machen kann, wenn einem danach der Sinn steht, mit einem Oberleder, fein wie Feigengrütze, auf dem spiegeln sich alle Wunder der Welt! Freilich auch alle Ungereimtheiten, über die müssen wir reden, auch in Brüssel, auch in Bochum und Gelsenkirchen, selbst in Straßburg, selbst in Frankfurt, wenn’s sein muss, bei den Kollegen in den Vorstandsetagen, das ist doch klar, das ist unser Ziel, das ist unser Auftrag, das ist unsere Zukunft.

von Lutz Götze

Der Rio Uruguay hat – in der Sprache der Guaraní – dem Lande seinen Namen gegeben. Eingezwängt liegt Uruguay zwischen den mächtigen Nachbarn Brasilien im Norden und Argentinien im Westen und Süden, an Fläche etwa halb so groß wie Deutschland. Oft bespöttelt als paisito, ›kleines Land‹ also, wurde der Staat 1825 unabhängig. Vorausgegangen waren jahrhundertelange Kriege zwischen und mit Spaniern, Portugiesen, Briten und Franzosen. General Artigas, der legendäre militärische Führer des Strebens nach Unabhängigkeit, ist, hoch zu Ross, in jeder Stadt als Denkmal zu bewundern. Man sagt, nahezu alle Uruguayer liebten ihn, mehr noch als die zahllosen Rinder und die Fußball- Nationalmannschaft.

von Fritz Schmidt

Der Reichstag brennt noch immer. Gedanken zu einer ›seriösen Darstellung‹

70 Jahre nach dem Ende des sogenannten ›tausendjährigen Reiches‹ soll an einen Paukenschlag zu Beginn der eigentlich zwölf Jahre erinnert werden, an den Reichstagsbrand vom 27. Februar 1933, der noch immer die Geister in Verfechter der Mehr- oder Ein-Täter-Theorie scheidet.

Mein famoser Nachbar… ich hätte mich gleich erkundigen müssen, warum er die Armenien-Resolution des Deutschen Bundestags als ›Deal‹ bezeichnete. »Ein Geschäft? Mit wem? In welcher Sache? Zu welchen Konditionen?« So hätte ich fragen müssen. Warum tat ich es nicht? Wie wenig weiß der einfache Bürger über die Beweggründe derer, die ihn vertreten, wie wenig begehrt er zu wissen! Und wirklich besteht ihre Aufgabe nicht darin, ihn zu belehren. Gerade nicht!

»Der Armeniendeal spaltet die ganze Gesellschaft. Von rechtsaußen bis linksinnen: einig ist sich da keiner. Warum fasst der Bundestag solche Beschlüsse? Aus Trotz? Aus schlechtem Gewissen? Oder aus überbordendem gutem? Wahrscheinlich stimmt nichts von alledem.

von Daniel Nachbaur

Gedanken zum europäischen Utopiebegriff

Schon 1799 träumte Novalis in seinem Essay Die Christenheit oder Europa die Aussöhnung und Vereinigung der europäischen Nationen herbei oder, wenn man lieber will, voraus. Natürlich hatte er dabei keine zweckpolitische Kooperation vor Augen, er wollte unter der Ägide einer sich neu formierenden katholischen Kirche eine supranationale und transkulturelle Idealzivilisation heraufdämmern sehen.

von Lutz Götze

Brasilien bietet im März 2015 ein Bild des Zerfalls, das in vollkommenen Widerspruch zur strahlenden Sonne über den Traumstränden in und um Rio de Janeiro steht: Die Wirtschaft stagniert, der Real – Brasiliens Währung- befindet sich im freien Fall gegenüber dem Dollar, die Kreditwürdigkeit des Landes nähert sich in rasendem Tempo dem Ramschniveau, immer mehr Menschen können die steigenden Lebenshaltungskosten nicht mehr bezahlen und verschulden sich, Gewalt und Raubüberfälle auf den Straßen ebenso wie die dramatische Umweltverschmutzung wachsen weiter an und, als vielleicht größtes der Übel, hat die Korruption im Lande gigantische Ausmaße angenommen: Der Fall des staatlichen Energiekonzerns Petrobras ist lediglich die Spitze des Eisbergs.

Fast schon ein Nebenkriegsschauplatz angesichts dieser Entwicklungen ist die Tatsache, dass sich staatliche Schulen und Universitäten in einem beklagenswert schlechten Zustand befinden, weil, wie es das Regierungsprogramm noch unter Altpräsident Lula da Silva vorsah, auf Masse statt auf Qualität gesetzt wird. Dazu werden Zahlen und Statistiken der Examensnoten und Absolventenquoten geschönt. Wer es sich leisten kann, schickt deshalb seine Kinder auf außerordentlich teure Privatschulen – darunter die Deutsche Schule zu Füßen der Christus-Figur - oder gleich in die Vereinigten Staaten oder nach Europa.

Die Medien werden vom Fernsehkonzern Globo beherrscht und liefern rund um die Uhr Seichtes in Telenovelas, Talk-Shows oder Werbung. Schauspieler, die bei Globo unter Vertrag stehen, müssen eine Erklärung unterzeichnen, die sie verpflichtet, sich jeglicher kritischen politischen Äußerung zu enthalten. Wer sich dem nicht beugt, wird gekündigt und findet keine Arbeit, denn Globo ist konkurrenzlos.

Das Land, an Fläche so groß wie Europa und von der Natur verschwenderisch ausgestattet –üppige Vegetation, Wasser, Energieressourcen, Bodenschätze und kostbare Steine – erlebt derzeit einen schier unaufhaltsamen Niedergang und gleicht darin den anderen BRICS- Staaten: Russland, Indien, China und Südafrika. Einstmals angetreten, zur sogenannten Ersten Welt – den kapitalistischen Großmächten – ökonomisch aufzuschließen und diese das Fürchten zu lehren, brechen ihre Wachstumszahlen ein und werden die sozialen und ökologischen Probleme deutlich. Die Ursachen sind hinlänglich bekannt: Korruption und Vetternwirtschaft allenthalben, gigantische Umweltzerstörungen, Aufrüstung von Armee und Polizei, Preisdumping im Export und Währungsverfall, gewaltige Verteuerung des täglichen Lebens-zumal im Immobilien-und Mietbereich, geringe Zukunftschancen der Jugend,die zu wachsender Kriminalität führen, Ausschaltung von Regierungsgegnern, eine dramatisch wachsende Zensur der Medien und Steigerung nationalistischer Tendenzen.

In Brasilien haben ehemalige Hoffnungsträger wie der ehemalige Gewerkschafter und Präsident Lula ihre Amtszeit vor allem genutzt, um sich schamlos zu bereichern. Heute gehört er zu den Reichsten des Landes.

Die aufstrebenden BRICS- Staaten, ehemals ein Modell für die Zukunft des Erdballs, erweisen sich heute als dessen Sargnagel. Prognosen selbsternannter Wirtschaftsexperten haben sich als Luftschlösser erwiesen, Ansätze demokratischer Entwicklungen sind zunichte gemacht und haben einer Diktatur das Feld geräumt. Die Menschen, selbst an Rios Traumstränden Copacabana, Ipanema und Leblon, haben resigniert und reagieren apathisch, wenn sie auf ihre Zukunft angesprochen werden. Weite Teile der Jugend sind arbeitslos, andere flüchten in Tanzorgien und Drogen. Erschreckend ist die große Zahl dicker Menschen: Folge der falschen Ernährung und mangelnder Bewegung. Das Fach Sport ist in den meisten Schulen des Landes abgeschafft. Begründung: langweilig, nicht›cool‹.

Doch am 15. März, Sonntagmittag, zeigen Rios Bewohner, wie überall im Lande, Flagge: Zehntausende demonstrieren auf der Avenida Atlantica gegen Korruption, Inflation, Unfähigkeit, Durchstechereien und für ein demokratisches Brasilien: Lota (Kampf), Fora Dilma (Weg mit Dilma!), Nao a corrupcao (Nein zur Korruption!) oder einfach nur drastisch Saco cheio (Schnauze voll!) steht auf den Transparenten. Friedlich und, trotz allem, voller Lebenslust ziehen landesweit über eine Million Menschen in den Landesfarben grün und gelb über die Straßen. Sie wollen einen Regimewechsel, und zwar sofort. Wenige in der Menge verlangen einen Putsch des Militärs; sie werden an den Rand gedrängt. Der Protest ist friedlich, begleitet von Samba-und Bossanovaklängen. Schließlich sind wir in Brasilien!

Ob es nützt? Die Regierung sitzt fest im Sattel, die mächtige Gewerkschaft PUT stützt sie , Millionen Brasilianer werden finanziell gefördert und leben daher deutlich besser als früher: eine anfangs sinnvolle Sozialpolitik zeigt Früchte, hat jedoch inzwischen zu Verzerrungen der Art geführt, dass häufig die Sozialhilfe höher ist als der Arbeitslohn. Das motiviert nicht zur Arbeitsplatzsuche. Obendrein ist die Opposition zerstritten. Die stärkste Partei darunter, die PSDB, will kein Amtsenthebungsverfahren Dilma Rousseffs, die anderen Parteien schon. Es wird, so vermuten Skeptiker, alles beim alten bleiben. Die Regierung schlägt einen „ Dialog aller Kräfte“ vor und setzt auf Zeitgewinn. So geschah es vor einem Jahr, nach den gewaltsamen Protesten gegen die erhebliche Verteuerung der öffentlichen Verkehrsmittel, doch nichts änderte sich. Warum sollte es 2015 anders sein? Die Staatschefin beschwört am Abend in einer landesweit ausgestrahlten Fernsehansprache Brasiliens einstige Größe, die nur wiedererlangt werden könne, wenn jetzt alle Bürgerinnen und Bürger zusammenstünden. Mehr fällt ihr zu katastrophalen sozialen und wirtschaftlichen Lage des Landes nicht ein.

Bereits am Tag danach, am 16. März, herrscht wieder Ruhe im Land. Rio de Janeiro kehrt zur Normalität zurück: Favelas oben an den Hängen, darunter die Viertel der Reichen, ganz unten die

Der Flug nach Fortaleza dauert drei Stunden. Die Hauptstadt des Bundesstaates Ceara platzt aus allen Nähten: Lula da Silva hat während seiner Amtszeit dem Nordosten, seiner Heimat, erhebliche Mittel zukommen lassen; vieles davon landete freilich in seinen eigenen Taschen. Innerhalb weniger Jahre hat sich die Einwohnerzahl nahezu verdoppelt und beträgt, offiziellen Angaben zufolge, derzeit 2.5 Millionen. Hochhäuserfluchten bestimmen das Stadtzentrum; aus früherer Zeit ist, bis auf das Theatro José de Alencar und wenige Privathäuser, nichts übrig geblieben. Der Fortschritt à la Brazil mit schicken Boutiquen und Restaurants marschiert unaufhaltsam. Seine Schattenseiten freilich sind, zwei Kilometer entfernt, mit Händen zu greifen: Favelas, Unweltverschmutzung, gigantische Müllhalden, bröckelnde Häuserfassaden und Löcher in Straßen und Gehsteigen.

Passend dazu, gleicht das Verhalten der Autofahrer der Raserei der Formel Eins. Fußgänger sind Freiwild. Leider geschieht das obendrein auf Pisten, die allenfalls Langsamverkehr dulden, um der Vielzahl großer und kleiner Schlaglöcher auszuweichen. Entsprechend hoch ist die Zahl der Verkehrsunfälle, häufig mit tödlichem Ausgang. Die offizielle Bilanz behauptet das Gegenteil, freilich dürfte sie, wie alle Statistiken im Lande, mehr Dichtung als Wahrheit sein.

Die Stadt hat enorme Probleme mit dem organisierten Drogenhandel und gilt als brasilianisches Zentrum der Päderastie. Beidem hat die engagierte Bürgermeisterin den Kampf angesagt. Bisherige Bilanz: geringer Erfolg.

Doch die wirkliche Enttäuschung steht erst noch bevor: Die vielgerühmten und unendlich langen Sandstrände an Brasiliens Atlantikküste – von uns über Jahrzehnte erkundet und bewundert – entpuppen sich als einzige Kloake. Abfall und Dreck des Meeres – Folge gesetzwidrigen Abklappens der Supertanker und Fangschiffe – werden an das Ufer gespült und vermischen sich dort mit dem Zivilisationsmüll: Plastik, Bauschutt, Metallteile, ungereinigte Kanalabsonderungen und manches mehr. Da Einheimische und Besitzer von Privathäusern am Strand nur, im wörtlichen Sinne, vor ihrer eigenen Tür kehren und also den Dreck lediglich einige Meter weiterschieben, bleibt allerorten ein unansehnlicher und, bedingt durch die Hitze, stinkender Müll, der den Marsch zum Bade im Ozean zur Qual werden lässt und obendrein die Gefahr birgt, auf im Sand verborgene Glas-oder Metallsplitter zu treten. Leider geschieht genau dies: Die Folge sind eine Entzündung und Schmerzen im Fuß. Paradiesische Strände? Vergangenheit! Gelegentlich , in Luxusclubs, gibt es sie noch. Ansonsten grassiert der Verfall.

Man könnte natürlich etwas dagegen tun, vor allem durch Umwelterziehung. Doch ein solches allgemeines Unterrichtsfach gibt es in Brasilien nicht. Bescheidene Ansätze sind von fortschrittswütigen Präsidenten wie Collar de Melho verhindert worden; der Umweltaktivist Chico Mendes wurde ermordet. Der Umgang mit dem Computer, mit Laptops und anderen Neuerungen war in den Schulen wichtiger als der Schutz der Natur. Von Bildung ist landauf landab nichts zu spüren: Kenntnisse der Geographie und Geschichte des eigenen oder anderer Länder sind Mangelware, von Literatur oder den Künsten insgesamt schweigt des Sängers Höflichkeit. Damit sinkt auch das Interesse daran. Nur ein Beispiel: An einem Freitag, zu angemessener Stunde am frühen Abend und bei freiem Eintritt, bietet eine brasilianische Musikgruppe Jazz mit Volksliedklängen im Vorhof des Alencar- Thaters. Vor dem Haus tummeln sich Tausende auf einem mäßig interessanten Markt, auf der Rückseite des Theaters gibt es eine Musik-und Schauspielschule für junge angehende Künstler, die freilich stundenlang mit ihren Telefonen hantieren und Computerspiele herunterladen. Das Konzert interessiert sie mitnichten, die Menschen auf der Straßen entscheiden ebenso. So sitzen den fünf engagierten und beeindruckenden Musikern zehn Zuhörer gegenüber, davon sechs Ausländer. Die Organisatorin, von deutscher Abstammung, gesteht ein, sie kämpfe seit Jahren gegen Desinteresse und Lethargie der Bürger an, mit bescheidenem Erfolg. Im Lande des uneingeschränkten Technik-und Erfolgswahns sei eben wenig Platz für die Künste, für Innehalten und Nachdenken noch weniger. Sao Paulo und Rio seien Ausnahmen.

Der Norden Brasiliens stellt sich von daher als ein Modell aller BRICS- Staaten dar. Generell betrachtet, ist er ein Modell für die Welt im Ganzen:

- Bildung wird auf kurzfristige Ausbildung und Einfügen in eine maschinendominierte  Produktion verkürzt. Solidität und Disziplin als Grundlage von Qualität genießen Seltenheitswert; Oberflächlichkeit und Konzenztrationsverlust als Folge massiven Medienkonsums nehmen stattdessen zu. Wachsende Unhöflichkeit und schlechte Manieren, zumal bei Tisch, sind Folgeerscheinungen der „Selfie-Generation“.
- Wichtiger noch: Gesellschaftliche Grundwerte werden auf ihren technischen und finanziellen Nutzen reduziert, nationale und internationale Konzerne beuten hemmungslos Natur und Umwelt aus. Dabei haben jetzt und in Zukunft in Brasilien Fracking und Ausbau der Atomenergie Vorrang. Hinzukommt, in allen BRICS-Staaten, mit Russland und China als Vorreiter, ein Anstieg nationalistischen Denkens samt immenser Aufrüstung, die Annexionen – Beispiel: Krim – und Kriege: Beispiel: Ukraine – zur Folge haben.
- Eine grassierende Bürokratisierung des öffentlichen Lebens auf der einen Seite sowie die Überwachung und Bespitzelung der Menschen durch den Obrigkeitsstaat – ein Leviathan des 21. Jahrhunderts – bestimmen die Gesellschaft.
- Die Korruption hat in den fünf Ländern – in China und Brasilien möglicherweise am stärksten – alle Sphären des privaten und öffentlichen Lebens erfasst und determiniert sie. Wer sich zur Wehr setzt, wird marginalisiert oder beseitigt.

Warum spielen die fünf Staaten in diesem Prozess eine besondere Rolle? Weil sie nicht mehr dem Kreis der über Jahrhunderte hinweg von fremden Eroberern und eigenen Potentaten hemmungslos ausgebeuteten Ländern angehören, sondern danach streben, binnen kurzem zu den ökonomisch und finanziell führenden westlichen Industriestaaten aufzuschließen. Dazu sind ihnen im Grunde alle Mittel recht, zumal die Zerstörung der Grundlagen menschlichen, tierischen und pflanzlichen Überlebens. Das Janusköpfige des Fortschrittsgedankens, wie es vor Jahrzehnten Theodor W. Adorno und Max Horkheimer analysiert haben, wird evident. Vor allem gilt: Die Erkenntnis, dass die Entwicklung neuer Technologien einen gesellschaftlichen Aufklärungs- und Demokratisierungsprozess voraussetzt, der unter Umständen Jahrhunderte benötigt, wird negiert und als westliche Demagogie diskriminiert. Entsprechend sind alle fünf Staaten Zentren gesellschaftlicher Unterdrückung, in denen Kritiker und Intellektuelle verfolgt und ermordet werden. Sand im Getriebe stört bekanntlich die Mächtigen.

Was von den entwickelten Zivilisationsstaaten Europas und Nordamerikas bislang übernommen oder – vor allem im Falle Chinas - plagiiert wurde, waren technische Neuerungen, die auf eine völlig unvorbereitete Gesellschaft trafen, die dadurch häufig in ihren traditionellen Grundlagen erschüttert wurde. Gesellschaftliches Mittelalter und Technologien des 21. Jahrhunderts begegneten einander und entfalteten eine erhebliche Sprengkraft. Die Folgen sind bereits genannt: Spaltung der Gesellschaft, militantes Agieren vermeintlich religiöser Gruppen, Nationalismus, Kriege.

Ein Zurückdrehen dieser Entwicklung scheint unmöglich, es sei denn, es gäbe eine globale Bewegung, die diese ökonomistische Tendenz radikal in Frage stellte: ATTAC und OCCUPY waren hoffnungsvolle Ansätze, doch sie endeten in Resignation oder Gewalt. Anderes ist derzeit nicht zu erkennen.

 

 

 

 

Sozialwissenschaften als das Zurechtrücken der öffentlichen Lügen

von Kay Schweigmann-Greve

Arno Klönne war ein kritischer Intellektueller, der aus der Jugendbewegung kam und sich viele Jahrzehnte lang bis zuletzt politisch engagierte. Seine Arbeit als Sozial- und Politikwissenschaftler war nie losgelöst von den je aktuellen gesellschaftlichen Konflikten, ein wesentlicher Teil seiner Arbeit richtete sich gegen die restaurativen Tendenzen der alten Bundesrepublik und aktuell den Rechtsradikalismus.

von Kay Schweigmann-Greve

Schultz, Helga: Europäischer Sozialismus - immer anders, Berlin: BWV Verlag 2014, 566 Seiten

Was haben Karl Kautsky, Bernard Shaw, Jean Jaures, Jozef Pilsudski, Alexander Stambolijski, Wladimir Medem, Leo Trotzki, Otto Bauer, Andreu Nin, Josip Broz Tito, Herbert Marcuse und Gunnar und Alva Myrdal gemeinsam? Sie bilden für die Autorin ein repräsentatives Ensemble wichtiger europäischer Sozialisten des ausgehenden 19. und des 20. Jahrhunderts.

von Herbert Ammon

I.
Ungeachtet des durch den Mauerfall eingeleiteten welthistorischen Umbruchs von 1989/1991, der die Existenz der Generationen des heutigen Deutschland in nahezu allen Facetten – EU-Integration, Globalisierung, Immigration, (post-)nationale, monokulturelle Zivilreligion im Zeichen evidenter Multikultur, europäische Mittellage, Hegemonialverdacht, Wiederkehr geopolitischer Krisen und Konflikte – bestimmt, beansprucht  die Chiffre »1968« als historische Zäsur im Bewusstsein vieler (west-)deutscher Linker noch immer mythischen Glanz.

von Herbert Ammon

Seit vor einigen Wochen aus Israel zu vernehmen war, Assads Truppen hätten im Kampf gegen die Aufständischen chemische Waffen eingesetzt, bahnte sich eine neue Entwicklung in der Haltung des ›Westens‹ gegenüber dem bösen Tyrannen in Damaskus an. Schon François Hollande, der bereits früher den Aufständischen Waffen liefern wollte, hatte seine Unterstützung der Rebellen mit Assads Giftgas begründet.

von Herbert Ammon

Vom Schmerz der Erinnerung

Mit Edelbert Richter teile ich das Geburtsjahr 1943 sowie eine darin begründete Lebensgeschichte in einem »schwierigen Vaterland« – ein heute, anno 2013, seltsam obsolet, ja peinlich anmutender Begriff des Bundespräsidenten Gustav Heinemann (1899-1976).

von Katharina Kellmann

In den späten Nachmittagsstunden des 31. Mai 1916 trafen im Skagerrak, einem Seegebiet zwischen der Nordküste Dänemarks, der Südküste Norwegens und der Südwestküste Schwedens, die englische ›Grand Fleet‹ und die deutsche Hochseeflotte aufeinander. In Deutschland spricht man von der Schlacht im Skagerrak; in England von der »Battle of Jutland«.

Klaus Hänsch, Präsident des Europ. Parlaments a.D.

von Klaus Hänsch

 Die aktuelle Schuldenkrise bindet die Aufmerksamkeit von Politik und Medien. Dahinter bleibt die latente Krise der Außen- und Sicherheitspolitik der Union fast unbemerkt.

Astrid Bötticher / Miroslav Mareš: Extremismus: Theorien - Konzepte - Formen, (Oldenbourg Wissenschaftsverlag) 2012, 460 S. von Felicitas Söhner

 

Der Begriff ›Extremismus‹ erscheint auf den ersten Blick recht unproblematisch . Beinahe täglich verwenden Medien und Öffentlichkeit dieses Wort. Doch so eindeutig und problemfrei, wie der Begriff zu sein scheint, ist er ganz und gar nicht. Dieses gängige Bild weist erhebliche Schwächen auf und ist gleichzeitig politisch folgenschwer.

- Über Sinn und Unsinn des Streits um eine historische Tatsache

von Horst Helas

Immer wieder erlebe ich, dass sich Wissenschaftler, Publizisten und Politiker, die sich als ›Linke‹ verstehen, im Streit um Geschichtliches genauso verhalten wie es ihre Gegner erwarten. Sie begeben sich - oft freiwillig und aus Gewohnheit - in den Schützengraben des Kalten Krieges und  gehen zur Rundum-Verteidigung über. Das geschichtliche Thema, ob es in der DDR Antisemitismus gegeben hat, woran das gelegen haben könnte und wie man dies heute von ›Links‹ kritisch und selbstkritisch bewerten sollte, ist dabei nur ein Thema von so vielen. Allerdings ein besonders sensibles.

von Christoph Jünke und Daniel Kreutz

I. Die ungebrochene Hegemonie des Neoliberalismus

Die andauernde ökologische Krise, der seit 2001 seine unerbittlich mörderische Logik entfaltende ›Krieg gegen den Terror‹ wie auch die 2008 mit Wucht offen ausbrechende Wirtschafts- und Finanzkrise haben wenig geändert an jenem grundsätzlichen Befund, den Boris Kagarlitzki (1999, S.4) bereits vor zwölf Jahren in die Lenin paraphrasierenden Wort fasste, dass »trotz der offensichtlichen Krise die da oben keine Veränderung wollen und die darunter keine durchzusetzen vermögen«.

Zur seelischen Selbsterkundung niedergeschrieben am 28. Juni 2010, dem serbisch-deutsch-österreichischen Schicksalstag

von Herbert Ammon

Von der von DFB-Gewaltigen um ihr Interview mit Horst Eckel, Sieger der Schlacht von Bern 1954, gebrachten rechtskonservativen Junge[n] Freiheit war nichts anderes zu erwarten. Das Blatt nährt seine Hoffnung auf nationale Wiedergeburt aus dem Geist der Glotze und der fahnenschwingenden Massen auf der Fanmeile vor dem Brandenburger Tor. Aber wie steht es mit all den anderen geistesbildenden Organen im ungeliebten Lande?Angesichts des triumphalen Vormarsches der deutschen Helden am Kap, lebt die deutsche Medienseele mit sich selbst im Widerspruch. Darf sie, soll sie, wie weit muss sie in des Volkes Jubel einstimmen und Richtung Endsieg steuern?

von Eckard Holler

Der von den Nazis »Rote Kapelle« genannte Widerstandskreis war eine Vereinigung lose miteinander verbundener Freundeskreise von NS-Gegnern in Berlin, die zwischen 1933 und 1942 Widerstandsaktionen unterschiedlicher Art durchführten, und gehörte zu den bedeutendsten und größten deutschen Widerstandsorganisationen überhaupt. Führende Mitglieder waren der Luftwaffenoffizier Harro Schulze-Boysen und der Wirtschaftswissenschaftler Arvid Harnack, nach denen die Gruppe, die sich selbst keinen Namen gegeben hatte, auch »Schulze-Boysen/Harnack-Organisation« genannt wurde. Ihre spektakulärste Aktivität waren die Kontakte nach Moskau, mit denen sie die Sowjetführung 1941/42 über den deutschen Angriff auf die UdSSR informierte. Ihre Tragik war jedoch, dass weder die Westmächte noch Stalin ihre Informationen ernst nahmen und sie durch dechiffrierte Funksprüche der unvorsichtigen sowjetischen Abwehr entdeckt und vernichtet wurde.

von Arno Klönne

Ich möchte mit zwei Vorbemerkungen beginnen: Zum ersten will ich hier nur einige Beobachtungen zum Thema, auch einige persönliche Erfahrungen und Einschätzungen vortragen und ein paar Fragen auf den Weg in diese Konferenz bringen – als Anregungen zur Diskussion.* Zum anderen erlaube ich mir eine Korrektur des Titels bei meinem Beitrag (»Zur Geschichte und Aktualität des deutschen Linkssozialismus«). Über ›den Linkssozialismus‹ will ich nämlich nicht reden – es gab und gibt ihn nicht, meine ich. Ich rede stattdessen über Ideen und Interventionen von Linkssozialisten, historisch und auch ein bisschen aktuell.

von Ulrich Schödlbauer

Die Situation ist also endlich einmal eingetreten: das Volk will einen Präsidenten und die Regierung will einen anderen. Daran wird sich so rasch nichts ändern, nicht bis zum Wahltag und nicht darüber hinaus. Der Präsident aller Deutschen wird in Zukunft ein Präsident gegen das Volk sein, ein vom Volk ausdrücklich nicht gewünschter oberster Volksschauspieler. Für die Regierung mögen das peanuts sein, für Verfassungsrechtler kein Problem. Für die Medien steht die Regierung auf dem Prüfstand: Hält sie? Bricht sie? Wenn sie hält, dann haben auch die Medien kein Problem und alle sehen weiter. Die Regierung ist dabei, das Volk aufzulösen und sich ein anderes zu wählen, und es ist: kein Problem.

von Lutz Götze

 Neuerliche Auseinandersetzungen in den klassischen Einwanderungsländern Kanada und Vereinigte Staaten von Nordamerika, aber auch in europäischen Staaten, haben die Diskussion um das Mit- und Gegeneinander von Kulturen neu belebt, zugleich aber die Auseinandersetzung um den Kulturbegriff erneut entfacht. Wir setzen damit unsere Argumentation aus dem Jahre 2005 fort (Götze 2005).

von Herbert Ammon

Gegenüber dem vorherrschenden Geschichtsbild, in dem Winston Churchill als entschlossener Widerpart Hitlers, als unerschütterlicher Kriegsheros, als illusionsloser Gegenspieler Stalins sowie als Wegbereiter Europas hervortritt, hat sich John Charmley, Historiker an der University of East Anglia, mit seiner Biographie Churchill: The End of Glory (1993) einen – nicht unangefochtenen – Namen als Mythenzertrümmerer gemacht. Churchill habe die Chancen eines Friedens mit Hitler 1940/1941 ungenutzt gelassen, die englische Position als Schiedsrichter des europäischen Gleichgewichts verspielt, damit das Ende des britischen Weltreichs herbeigeführt und zu gleich dem Sozialismus der Labour Party den Weg bereitet. Für derlei Thesen ist er von Kollegen als verspäteter Hofhistoriker der von 1979 bis 1990 regierenden Margaret Thatcher charakterisiert und gescholten worden.

von Peter Brandt

Eine Bemerkung vorweg: Der Begriff der Identität suggeriert von der eigentlichen Wortbedeutung her eine Eindeutigkeit, ja Hermetik, die sich leicht ad absurdum führen lässt. Jeder Mensch, und allemal der moderne Mensch, besitzt mehr oder weniger bewusst unterschiedliche Identitäten: geschlechtliche, berufliche, weltanschaulich-religiöse, soziale, politische und eben auch ethnisch-kulturelle sowie nationale.

von Lutz Götze

 Offiziell dauerte das Schreckensregime des Pol Pot und seiner Kumpane der Roten Khmer nicht einmal vier Jahre, genauer: vom 18. April 1975 bis zum 7. Januar 1979. Doch in Wahrheit brachte sich der Großteil der politischen Führung und des Militärs vor den anstürmenden vietnamesischen Truppen in westlicher Richtung in Sicherheit: Im Regenwald, nahe der thailändischen Grenze mit dem Hauptquartier in Anlong Veng, tobte der Terror weiter. 1998 starb dort Bruder Nr. 1, wie sich Pol Pot nennen ließ, friedlich. Das Morden freilich wurde fortgesetzt bis zum Jahre 2002; dann tauchten die noch lebenden Verbrecher in der kambodschanischen Gesellschaft unter. Die meisten leben 2010 immer noch, unbehelligt von Verfolgung oder Bestrafung. Fünf führende Repräsentanten des Democratic Kampuchea (DK) stehen derzeit vor Gericht, darunter Deuch, der Kommandant des Schreckensgefängnisses Tuol Sleng (S 21), in Phnom Penh, der als Einziger teilweise seine Schuld vor Gericht eingestand, freilich im gleichen Atemzug erklärte: »I´m only interested in my children, my stomach and God. There is no future of the Khmer Rouge, they´re finished.« (Kiernan 2002: X).

von Ulrich Schödlbauer

Die Dichter und Denker lässt man jetzt wohl ein wenig warten.
Oberreiter

Lieber Herr Oberreiter,

beim Wiederlesen der Schriften Ciorans, nachdenkend über das Wunder, dass es sie gibt, dass es sie in dieser Vollständigkeit gibt, dass sie entstanden sind und man sie gegen ein kleines Entgelt kaufen und lesen kann, stellt sich, unvermutet, diese Empfindung ein: was wäre, wenn dieser Autor heute schriebe, wenn er hierzulande schriebe, von alledem lesbar? Was davon käme jemals an den Tag? (Damit meine ich nicht jene frühe Verstrickung, gegen die, nach Adornos einschlägigem Wort, ein Lebenswerk einsteht.) Schon die lausige Übersetzung weckt Argwohn, doch sie entstammt einer anderen Zeit, einer anderen Gestimmtheit, man sollte sie ruhen lassen. Stattdessen sollte man das literarische Verfahren ins Auge fassen, die Art, wie der Autor sich freistellt, die Art von Thesen, mit denen er sich herumschlägt, überhaupt die Weisen, auf die er sich herumschlägt, das leicht Nachzumachende und das Unnachahmliche daran, die Unart, wörtlich und sogar persönlich zu nehmen, was für die Azubis des akademischen Systems nur kulturelles Gewäsch darstellt: Worte, Worte, nichts als Worte, nicht wahr? Eine kleine Schreib-Enthemmung, nicht wahr, ein Sich-Gehenlassen in Worten, vermutlich der transkulturellen Situation geschuldet, man müsste über Sozialisationen nachdenken, falls man dazu aufgefordert würde, ansonsten... besser schweigen. Einmal nachdenklich geworden, könnte man andere Namen aufführen, ganz andere, ich bleibe bei diesem, in dessen Wohnung ich einmal ein- und ausging, und bin mir ganz sicher, dass ihn diese Mauer aus Schweigen umstünde, aus Verlegenheit, wenn man so will, einer Verlegenheit, die rasch weg will, die bereits auf die Uhr schielt, die ihre Termine hat. Die kanonischen Texte unserer Kultur wären, würden sie heute geschrieben, nicht vorhanden. Die sie zu Gesicht bekämen, würden ungerührt darüber hinwegsehen, und die anderen würden ohnehin nichts mitbekommen. Das ist die Wahrheit, nichts als die Wahrheit, und jeder, den es angeht, ist darüber verständigt.

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.