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von Ulrich Siebgeber

Compassion – leidenschaftliches Mitgefühl – verlangte einst Willy Brandt von der Politik. Manchmal genügt das einfache Mitgefühl, um ihr den Puls zu fühlen. Eine Schweigeminute im Bundestag, auch wenn sie vom neuen Gottseibeiuns AfD durch einen Akt institutioneller Nötigung herbeigeführt wurde, bleibt eine Schweigeminute – ein ritueller Akt, der unmittelbar das Gedenken an das Opfer, Erinnerung an seine Qualen und Solidarität mit den Hinterbliebenen durch Enthaltung vom Wort evoziert – unmittelbar, nicht nach langem Nachdenken darüber, wer hier im Kampf der taktischen Finessierer die Nase vorn hat oder den Anschluss zu verlieren droht.

 Dass Ehe und Familiengründung durch Zeugung von Nachwuchs nichts, aber auch gar nichts miteinander zu tun haben, erhellt besonders anschaulich § 1307 BGB, der lautet: »Eine Ehe darf nicht geschlossen werden zwischen Verwandten in gerader Linie sowie zwischen vollbürtigen und halbbürtigen Geschwistern. Dies gilt auch, wenn das Verwandtschaftsverhältnis durch Annahme als Kind erloschen ist.« Paragrafen lassen sich ändern, das ist wahr, aus parlamentarischer Inzucht folgt, jedenfalls in ein und derselben Legislaturperiode, weder logisch noch sachlich die biologische.

Jeder kennt sie, die Mitreisenden, deren lautstark geführtem Gespräch niemand im Abteil entrinnen kann. Diese zwei, ich nenne sie Phil & Phob, reisten, wie es aussah, ohne Gepäck. Sie tranken Kaffee aus Pappbechern und scherten sich nicht um die verkniffenen Gesichter in ihrer Umgebung. Niemand holte den Schaffner. Nur eine Mutter musterte sie erschrocken und zog ihr Kind mit sich fort. Es herrschte Meinungsfreiheit.

leicht fällt es mir zuzugeben, dass ich dich noch niemals geduzt habe, auch nicht gedenke, es ein weiteres Mal zu tun. Aber nun, da du tot bist und es mit aller Siezerei ein Ende hat, soll es einmal so sein. Nein, du hast mir nicht imponiert, damals, als du dein Amt als Kanzler der Bundesrepublik Deutschland das erste Mal antratest, deine ›geistig-moralische Wende‹ schielte allzu sehr auf die geistig und moralisch zu kurz Gekommenen, und deine Sprache… Ich würde gern über deine Sprache sprechen, doch etwas hindert mich daran, es zu tun.

Das Bismarck-Wort vom mangelnden zivilen Mut der Deutschen macht wieder die Runde. Dabei wird es durch den bloßen Augenschein widerlegt. Zu keiner Zeit haben Leserbriefschreiber in Nachkriegsdeutschland – im Netz vornehm ›Kommentatoren‹ genannt – die Artikelschreiber der Mainstream-Medien so couragiert und energisch auf ihre journalistische Sorgfaltspflicht und die eklatanten Mängel ihrer Weltbeschreibung – von anderen Defiziten abgesehen – hingewiesen wie heute.

Ich bin es leid, mit Trump-Kritikern über Trump zu diskutieren. Warum? Weil sie nicht über Politik reden wollen, sondern über Trump.

Ich sehe keinen Grund, weshalb ich über Trump diskutieren sollte. Ich kenne den Mann nicht, bin ihm nie begegnet. Ich habe keinen Grund, auf ihn sauer zu sein. Er hat mir keinen Gebrauchtwagen verkauft, er hat mir keine Frau ausgespannt, er hat mich nicht betrogen, ich habe seine Universität nicht besucht – und wenn schon, sie wäre nicht schlechter gewesen als andere auch in God’s own country.

Ruckediguh, Blut ist im Schuh. Wieder ein Sommermärchen

»... und, meine Freunde, lasst es euch gesagt sein und sagt es weiter: Lasst euch nicht einreden, dass euch der Schuh drückt! Es ist ein guter Schuh, mit einer Sohle, die weiß, wo es lang geht, mit einem Absatz, auf dem man auf der Stelle kehrt machen kann, wenn einem danach der Sinn steht, mit einem Oberleder, fein wie Feigengrütze, auf dem spiegeln sich alle Wunder der Welt! Freilich auch alle Ungereimtheiten, über die müssen wir reden, auch in Brüssel, auch in Bochum und Gelsenkirchen, selbst in Straßburg, selbst in Frankfurt, wenn’s sein muss, bei den Kollegen in den Vorstandsetagen, das ist doch klar, das ist unser Ziel, das ist unser Auftrag, das ist unsere Zukunft.

Mein famoser Nachbar… ich hätte mich gleich erkundigen müssen, warum er die Armenien-Resolution des Deutschen Bundestags als ›Deal‹ bezeichnete. »Ein Geschäft? Mit wem? In welcher Sache? Zu welchen Konditionen?« So hätte ich fragen müssen. Warum tat ich es nicht? Wie wenig weiß der einfache Bürger über die Beweggründe derer, die ihn vertreten, wie wenig begehrt er zu wissen! Und wirklich besteht ihre Aufgabe nicht darin, ihn zu belehren. Gerade nicht!

»Der Armeniendeal spaltet die ganze Gesellschaft. Von rechtsaußen bis linksinnen: einig ist sich da keiner. Warum fasst der Bundestag solche Beschlüsse? Aus Trotz? Aus schlechtem Gewissen? Oder aus überbordendem gutem? Wahrscheinlich stimmt nichts von alledem.

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.