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Aus den Köpfen, das ist der entscheidende Punkt. Dieser unerträgliche Zwang, konform zu denken, wie kam er auf, wo kam er auf, in wem kam er auf? Viele empfinden ihn gar nicht, sie halten ihn für einen bösen Trick, eine Strategie des Bösen, die darauf zielt, sie aus dem Paradies zu vertreiben: »Ihr werdet sein wie Gott.« Wieso Gott? Welches Paradies? Wichtigste aller Fragen: Welche Schlange? Um sie zu beantworten...

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Marabou stork (Leptoptilos crumenifer) head

Gehörte ich zu dem einen Prozent – dem berühmten einen Prozent der Menschheit – und pochte mein Herz für den Fortschritt (so etwas soll vorkommen, es kommt vor, da in diesen Regionen die Angst nistet, von den Fortschritten der anderen überholt und abgehängt zu werden), so fühlte ich zweifellos links: nicht in jenem altbackenen Sinn, in dem Gewerkschaften den Ton angeben und Menschen die Tricks der Mächtigen fürchten. Wie dann? Nun, so einfach ist das nicht… Ich würde all diejenigen fördern, die sich benachteiligt fühlen

Familienbild – die vier Kinder des Kurfürsten Maximilian von Pfalz-Bayern. Biermann, Georg (1914): Silhouettes

Wir leben im Grokoko. Wussten Sie das? GroKo ist groß, aber von gestern. GroKo kann nicht gehen, doch zum Bleiben schwindet die Kraft. Die Lösung heißt: Grokoko. Im Grokoko lösen sich die strengen Parteilinien des GroKo auf und werden spielerisch. Die Losung heißt: Unbeschwert. Stirb, aber beschwere dich nicht. Vor allem nicht über das, was danach kommt. Vielleicht kommt nichts danach, dann wäre ohnehin jede Beschwerde umsonst. Umsonst ist auch das Regieren, man betreibt es mit Schattenkabinetten, die nur per Wandzeitung existieren. An welcher Wand? Gegenfrage: an welcher nicht? In der Republik ist jede Wand gut genug, um eine Regierung anzuzeigen, natürlich als Projektion. Im Grokoko ist das Volk nicht länger gefragt. Das war im GroKo nicht anders, aber man behandelte es pompös, als sei einem damit ernst. Jetzt geht es ans Schäfchenbekränzen und alle Welt guckt dumm aus der Wolle.

In »LTI – Notizbuch eines Philologen« erwähnt der Dresdner Romanist Victor Klemperer, der 1945 nur knapp der Deportation ins Todeslager entrann, eine Bemerkung des Germanisten Wilhelm Scherer (1841-1886), die ihn während der Nazijahre »frappierte und in gewissem Sinn erlöste«. Klemperer zitiert: »Maßlosigkeit scheint der Fluch unserer geistigen Entwicklung. Wir fliegen hoch und sinken um so tiefer. Wir gleichen jenem Germanen, der im Würfelspiel all sein Besitztum verloren hat und auf den letzten Wurf seine eigene Freiheit setzt und auch die verliert und sich willig als Sklave verkaufen lässt. So groß – fügt Tacitus, der es erzählt, hinzu, ist selbst in schlechter Sache die germanische Hartnäckigkeit; sie selbst nennen es Treue.«

Es fällt schwer, gut zu sein, wenn die anderen böse sind. Andererseits fällt es leicht, böse zu sein, wenn die anderen böse sind. Fällt es leicht, gut zu sein, wenn die anderen gut sind? Man sollte meinen, es sei das Leichteste, aber kompliziert, wie der Mensch nun einmal ist, gerät er just an dieser Stelle ins Grübeln. Wäre es nicht möglich, denkt er, dass wir uns alle täuschen? Dass unser Gutsein nichts weiter ist als ein Handtuch, das wir uns vorhalten, um nicht zu sehen, was ist? Wir alle waschen gern unsere Hände in Unschuld.

von Nathan Warszawski

In Deutschland ist nicht das Volk, sondern die Regierung als Inhaberin der Staatsgewalt der Souverän. Der Gesetzgeber (kein Witz: Er nennt sich wirklich so!) betrachtet sich als Gott, der für die Folgen seines Tuns nicht verantwortlich ist.
Niemand kann heute nachvollziehen, warum die deutsche Bundesregierung einst den eingewanderten Deutschtürken die Doppelstaatsbürgerschaft aufgedrängt hat. Die wahrscheinlichen Gründe sind, dass den Deutschtürken die Integrationsfähigkeit abgesprochen worden ist oder die Integration erschwert werden sollte.

Heute gibt es etwa 4.000.000 bis 5.000.000 Deutschtürken, wovon die Hälfte über die deutsche und die türkische Staatsbürgerschaft verfügen. Die Doppelstaatsbürgerschaft bedeutet, dass der Deutschtürke in Deutschland Deutscher und in der Türkei Türke ist. Derzeit kann dieser Umstand für doppelstaatsbürgerliche Deutschtürken, die sich in der Türkei aufhalten, zum Nachteil gereichen. Der Journalist und doppelstaatsbürgerliche Deutschtürke Deniz Yücel hält sich derzeit in der Türkei auf, genauer: 13 Tage in einem Polizeigefängnis in Polizeigewahrsam, anschließend für bis zu fünf Jahren in einem Untersuchungsgefängnis.
Es wird ihm vorgeworfen, seiner bezahlten Arbeit als Journalist nachzugehen. Als Türke kann er nicht gegen seinen Willen aus der Türkei entfernt werden, als Türke kann ihm die deutsche Botschaft in der Türkei nicht helfen. Bald wird er die Türkei auf eigenen Wunsch verlassen wollen.

Weltweit wird in den nächsten Wochen das türkische Volk befragt werden, ob es zugunsten des Despoten Erdogan auf bürgerliche Freiheiten in der Türkei verzichten will, also mit einer auf Erdogan maßgeschneiderte Diktatur einverstanden ist. Nach der Türkei leben die meisten stimmberechtigten Türken in Deutschland. Aus bisherigen Erfahrungen ist damit zu rechnen, dass über 60% der stimmberechtigten Deutschtürken für die Abschaffung der Demokratie in ihrer Heimat Türkei stimmen werden. Würde man dieselben Deutschtürken fragen, ob in ihrer Heimat Deutschland eine islamistische Diktatur eingeführt werden sollte, wäre erwartungsgemäß mit einem ähnlichen Ergebnis zu rechnen. Glücklicherweise darf in Deutschland als ein demokratisches Land über eine solche Frage im Gegensatz zur Türkei nicht abgestimmt werden.
Es ist für vernünftige Menschen, wozu auch die Deutschtürken zählen, schier unmöglich, sich gleichzeitig für eine Demokratie und für eine Diktatur einzusetzen. Die Deutschtürken, die für die Abschaffung der Demokratie in ihrer Heimat Türkei stimmen werden, sind in ihrer Heimat Deutschland demnach eine Fünfte Kolonne, deren Ziel der Umsturz der bestehenden Ordnung in Deutschland im Interesse einer fremden und aggressiven türkisch-erdoganischen Macht ist. Die deutschen Behörden werden nichts gegen den Umsturz der bestehenden Ordnung unternehmen, denn sie sind nicht einmal imstande, antidemokratische, ausländische, politische Veranstaltungen auf deutschem Boden zu unterbinden.

Daraus ist ersichtlich, dass eine Doppelstaatsbürgerschaft nur zuträglich ist, wenn beide Staaten demokratisch sind. Das Extrem wäre ein Krieg zwischen Deutschland und der Türkei, der sofort dazu führen würde, Deutschtürken zu inhaftieren. Es gibt nur eine Sicherheit, dass sich zwei Staaten nicht bekriegen: Beide Staaten müssen Demokratien sein. Kriege zwischen Demokratien sind (bisher) nicht vorstellbar.

Derzeit plagen Deutschland und die EU schlimmere Sorgen als die Abschaffung der Demokratie in der Türkei. Die bürgerlichen Parteien fürchten zu Recht um den Verlust ihrer politischen und wirtschaftlichen Macht. Sie sind deshalb bereit, auf die Wünsche und Vorstellungen in ihrer Mehrheit kleinbürgerlichen Wähler einzugehen, die bis vor kurzem als inakzeptabel, unmenschlich, faschistisch und unmoralisch gegolten haben. Um die Zahl der Flüchtlinge, die in die EU gelangen, zu drücken, paktieren die demokratischen Regierungen Europas mit bestialischen Despoten rund um das Mittelmeer, die jeden unterdrücken und töten lassen, der ihnen gefährlich werden kann. Die Europäer locken diese Despoten mit Geld und anderen Privilegien. Leider kennen die Despoten die Vorgehensweise der Europäer zu Genüge, sie bei erstbester Gelegenheit zu opfern, auch wenn dies den Europäern gravierende Nachteile beschert. Deshalb ist nicht davon auszugehen, dass der Strom der Flüchtenden von Pakistan bis Zentralafrika in die EU versiegen wird. Umgekehrt. Es werden noch mehr verarmte, hungernde und leidende Flüchtende in die Staaten der EU aufgenommen werden wollen. In Deutschland werden jährlich nur 4% der abgelehnten Asylanten erfolgreich deportiert. Die Zahl der Bedürftigen wird in der EU somit steil ansteigen.

Seit die Herrschenden der EU auf die inakzeptablen, unmenschlichen, faschistischen und unmoralischen Wünsche und Vorstellungen ihrer kleinbürgerlichen Wähler eingehen, ist nicht mehr davon auszugehen, dass freie Wahlen zu einer Änderung der Politik der Staaten der EU führen werden. Aufgrund der bekannten Bevölkerungszusammensetzungen in Deutschland und anderen Staaten der EU werden die Populisten nicht ausreichend Stimmen erhalten, um die bürgerlichen Regierungen zu stürzen. Der Visionär Houellebecq hat die wahrscheinliche Zukunft Frankreichs aufgezeichnet. Doch es kann noch schlimmer kommen.

Ab einem bestimmten Moment können die materiellen Bedürfnisse der Zuwanderer und der Einheimischen nicht mehr befriedigt werden, da die notwendigen Ressourcen hierfür nicht vorhanden sind. Die Sozialsysteme des Staates brechen zusammen und in der Folge der Staat selbst. Die bisher staatstragenden Streitkräfte lösen sich auf. Es kommt zu Aufständen und Kämpfen zwischen den Bevölkerungsgruppen. Wer wird siegen? Wird uns Trump retten oder wird uns Putin befreien?

Er hat es getan. Und er wird es wieder tun – darauf ist Verlass. Von Erdogan und seinen Ministern mit Nazi-Vergleichen belegt zu werden, verwundert die Deutschen mehr als dass es sie kränkte: »Wie? Das kommt von dem? Selber Fascho!« Mehr fällt ihnen dazu nicht ein und das ist der Grund, aus dem er es wieder tun wird. Immerhin ist es ihr liebstes Spiel und Erdogan will, was er immer schon wollte – mitspielen. »Platz dem Spieler! Keine Exklusion! Null Toleranz! Weg mit den Faschisten!« Selbst Franco hätte das verstanden. Auf dem Weg an die Macht stören die Schreier, aber sie stören nicht allzu sehr, vorausgesetzt, man versteht ihr eigenes Geschrei gegen sie einzusetzen.

Der Gedanke, einen Großteil der sogenannten Meinungsäußerungen in den sozialen Netzen Geheimdiensten und ihren Subunternehmen zu verdanken, die einander die Bälle respektive Beleidigungen zuschleudern, an denen der brave Bürger sich labt, während er sie von Herzen verabscheut, besitzt, neben allem Ärgerlichen, auch etwas Erheiterndes: Man hätte in den Anfängen der Technik nicht erwartet, den Bereich zwischenstaatlicher Fürsorge so bald über Bereiche ausgedehnt zu sehen, in denen neben Katzenliebhabern und Morgenlicht-Fotografierern vor allem jener Typus von Zeitgenossen unterwegs ist, der in vergangenen Zeiten mit dem Ruf »Extrablatt! Extrablatt!« den innerstädtischen Bummel in den Rang eines Informationserlebnisses erhob.

»Ehrlich gesagt, ich möchte nicht von Rauschgiftsüchtigen regiert werden...« – man hat den Unbekannten am Nollendorfplatz nicht ausreden lassen, Vokabeln wie »Nazi«, »Denunziant«, »Schweinehund« prasselten auf ihn nieder und als die Polizei ihn anschließend wieder auf die Beine stellte, um, vermutlich wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses, seine Personalien festzustellen, nützte eine junge Dame die Gelegenheit und spuckte ihm kräftig ins Gesicht.

Die Neigung meines Onkels zur Geschichtsklitterei hatte verschiedene Gründe, darunter historische: Im Sommer ʼ45, als es galt, dem Heimwärts­drang der Füße zu folgen, erlaubte sie ihm, falls man seinen Reden Glauben schenken darf, mehreren alliierten Militärposten ein Schnippchen zu schlagen und so zu verhindern, dass er im nächstgelegenen Kriegs­gefangenen­lager landete. Ja, man sagte ›landen‹, um anzudeuten, dass der Irrflug des aufgescheuchten Subjekts doch einmal zu Ende gehen musste. Das Radebrechen ging meinem Onkel noch zu meiner Zeit glatt von der Zunge, er konnte Identitäten nach Belieben auffahren, sobald ihm danach war oder die Umstände es verlangten. Milieu-Angst lag ihm fern, er stürzte sich auf fremde Milieus, etwa das meiner studentischen Freunde, und achtete der Peinlichkeit nicht: ein Zug, den ich gelegentlich an unseren Medien bewundere, gerade jetzt z.B. aus Anlass des amerikanischen Wahlkampfs, doch der Gelegenheiten sind viele. Vielleicht war – und bin – ich durch ihn gewarnt: sobald ich eine Zeitung aufschlage, halte ich unwillkürlich nach dem nächsten Kontrollposten Ausschau – es könnte sein…

All meine Tanten und Onkel sind tot, gefallen in jenem ungeheuren Bürgerkrieg, der Altern heißt. Zeit also, hinter ihnen herzuspionieren. Was sie getan haben, es sei ihnen geschenkt. Was sie mir angetan haben, ich weiß es nicht. Natürlich weiß ich es, aber ich weiß es nicht wirklich, so, wie es sich für ein ordentliches Wissen gehört, beidseitig, mit einer soliden Portion Verständnis für ihre Denkweise und, wichtiger vielleicht noch, für die Gründe, aus denen sie dies oder jenes getan haben, aus denen sie mir dies oder jenes angetan haben. Denn, unter uns, es waren schlimme Finger darunter, die keine Gelegenheit passieren ließen, mir eins auszuwischen. Was habe ich gelitten! Nun ja, es wird sich in Grenzen gehalten haben, Kindertränen trocknen schnell.

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.