Ulrich Siebgeber - ©LG
Ulrich Siebgeber
Vergessen hilft. Aber nicht wirklich.
 
 

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Auf Faschingsdienstag folgt Aschermittwoch, auf die Inflation mehr oder weniger unqualifizierter Büttenreden die Fastenpredigt, zu der in Bayern der politische Aschermittwoch gehört: Wer das eine aus tiefstem Herzen bejaht, weil ihm ohnehin das Leben eine Art Karneval dünkt, der gelegentlich – durch was wohl? – durch Arbeit unterbrochen wird, dem schlägt das andere schwer aufs Gemüt oder auf den Senkel. Dabei ist die Gaudi, die beides erregt, durchaus miteinander vergleichbar. Ablesen lässt sich das, nicht erst seit heute, an der Zahl der Strafanzeigen, die das eine wie das andere nach sich zieht. Auf die Anzeigen wegen sexueller Belästigung, entferntes Nachspiel zu den Vaterschaftsklagen früherer Jahrhunderte, folgen rituell die Anzeigen wegen Volksverhetzung und ähnlicher hochkrimineller Delikte, hinter denen noch immer die gute alte Majestätsbeleidigung spukt.

von Ulrich Siebgeber

Eingemummelt in ihr Fell
schweigt die Muse Annabell.

Die unterkühlte Annabell,
sie fühlt sich wohl im dicken Fell.

 von Ulrich Siebgeber

In einer kleinen
Volkstyrannei
da dachten wir zwei,
es sei gleich vorbei.

In einer strammen
Abspeckerei
da hausten wir zwei
bei Wasser und Brot. 

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Der lange Abgang einiger bedeutender Persönlichkeiten der deutschen und internationalen Politikszene, zum Teil bereits vollzogen, zum Teil mittelbar oder unmittelbar bevorstehend, bleibt nicht ohne Auswirkungen auf Grammatik und Lexik der deutschen Sprache, was zum Beispiel daran zu erkennen ist, dass der hiesige Genitiv, also die persönliche Zuschreibung, seit einiger Zeit dem Akkusativ zu weichen beginnt: Schuldig, aber nicht verantwortlich!

von Stephan Hilsberg

Dieser Actionfilm, der im extrem kriminellen Milieu von Frankfurt am Main und Offenbach spielt, hat einen sehr religiösen Titel. Das passt eigentlich nicht zusammen, meint man. Andererseits legt sich jeder Verbrecher eine Moral zurecht, mit der er sich und sein Handeln legitimiert. Der Filmtitel scheint hier kriminelles Handeln sogar religiös zu verbrämen. Doch steckt nicht auch eine kleine Ironie dahinter, eine Verstellung? Man braucht eine Weile bis man den furchtbaren Ernst dieses Titels erfasst. Seine Aussage entspricht in der Tat dem Selbstverständnis nicht nur des Haupthelden, Ricky (Moritz Bleibtreu). Er lebt und handelt so, als ob über ihn nur Gott zu Gericht sitzen könne.

von Ulrich Siebgeber

Ecke Friedrichstraße fand man einen Koffer.
Groß, schwarz, glänzend stand er im Verkehr.
Wer ihn sah, der wechselte die Seite.
Keiner wusste, ob er leer

war, ob ihn ein Flüchtling abgestellt
hatte, ob ein Träumer ihn verlor,
ob er Tante Irma dort abhanden
kam, weil er ihr unvermittelt schwer 

von Stephan Hilsberg

(Hilsbergs Text ist die Erwiderung auf einen Beitrag von Klaus-Rüdiger Mai mit dem Titel »Der Tag, an dem ich Ostdeutscher wurde. Sind ehemalige DDR-Bürger Migranten?«, der in der NZZ erschienen ist (hier – Red. –)

1. Ich denke immer, dass man sich die Schuhe, die einem hingehalten werden, nicht anziehen muss. Wenn Dich also andere zu Ostdeutschen machen, bist Du das noch lange nicht. Ich lass mir doch von anderen nicht sagen, was ich bin. Das entscheide ich schon selbst.

Tanz auf dem Guglhupf

Der neunzehnte Deutsche Bundestag verfügt über 709 gewählte Abgeordnete. Bei einer Schwankungsbreite von drei bis sechzehn (und einem Durchschnitt von acht) Familienmitgliedern ergibt das, die damit anstehenden Familienzusammenführungen hochgerechnet, für die nächsten drei bis dreieinhalb Jahre einen Parlamentsaufwuchs von 5672 Personen. Da es sich dabei um eine faktenbereinigte Schätzung, sprich Ansichtssache handelt, steht es jeder Partei frei, diese Zahl ihrem Eigenbedarf entsprechend beliebig zu verringern oder zu erhöhen.

Zum Tode von Paul Mersmann

von Ulrich Schödlbauer

Der Surrealismus, die europäische Sprachschule der Zwischenkriegszeit, ist nicht tot. Er hat die leichtgewichtigen Werke Bretons und Aragons überlebt, das Ende der Ismen und den neuen Verismus, weil er in der Werbung und der Politik mächtige und prinzipiell unabschaffbare Verbündete besaß. Er musste sie nicht erst lang überzeugen. In ihm fanden sie willkommene Werkzeuge ihrer Überzeugungsarbeit. Der elitäre Kommunarismus, der massendemokratische Elan, der jede einzelne Handlung mit einer Zukunft verbindet, die weiß und offen in einem kochenden Weltall schwebt – Blochs Feuertopf (»Die Materie ist ein Feuertopf«) mitsamt dem rituellen Kopfschütteln, das er hervorruft, ist sein Erzeugnis. Der Surrealismus der Tat scheut die Macht, die er sucht. Er sucht nicht ihre Nähe, sondern sie selbst, er will sie, aber im Modus des Nichtbesitzens. Er will nicht als ihr Inhaber gelten, sondern als ihr Zerstäuber. Dazu bedarf es einer Gesellschaft von Gleichgesinnten, die es nicht gibt, die sich von Fall zu Fall erfinden muss, um den, der die Gunst der Stunde nützt, um sich in den Besitz des Zaubermittels zu setzen, wieder zu entzaubern und, wenn möglich, von der Bühne zu vertreiben.

»Bedienen Sie die Illusionen der Menschen und Sie werden –«
»Reich?«
»Ja vielleicht.«
»Berühmt?«
»Mag sein.«
»Bedeutend?«
»Warum das?«
»Was dann?«
»Unterbrechen Sie mich nicht, dann erfahren Sie alles der Reihe nach. Sie werden...«
»Lassen Sie mich raten! Gebraucht?«
»… der Missverständnisse nicht mehr Herr, die Sie damit auslösen.«
»Das hört sich vernünftig an. Aber das weiß doch jeder.«
»Sie vielleicht. Sind Sie jeder?«
»Ich? Wie kommen Sie darauf? An wen denken Sie?«
»An allerlei. Zum Beispiel hat die Bundesregierung…«

von Siegfried Prokop

Das Heft 1 hat keinen thematischen Schwerpunkt. Es werden verschiedene Untersuchungen zu relevanten Themen vorgestellt.

Christian Dietrich befasst sich mit dem literarischen Profil und dem politischen Programm der Monatszeitschrift Die Linkskurve, Organ des ›Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller‹ (BPRS), die von August 1929 bis Dezember 1932 erschien. Typisch für die Zeitschrift war, dass ihr belletristischer Teil nicht in erster Linie auf die Ausbildung literarischer Spitzenleistungen orientiert war.

Am 29. August 1988 stoßen Friedrich Magirius und Christian Führer die Leipziger Basisgruppen in den öffentlichen Raum – der Nikolaikirchhof wird zur Brennkammer der Friedlichen Revolution

von Gunter Weißgerber

Freiheitsbewegungen bedürfen des öffentlichen Raumes. Bekommen sie diesen nicht, ärgern sie zwar die autoritär Herrschenden und alles Kontrollierenden, werden jenen jedoch nicht wirklich gefährlich. Dies galt besonders für die Epochen der Vormobilfunkzeiten.

Medientheoretikern sollte die Bemerkung, die dem amerikanischen Präsidenten über das Einwanderungsland Schweden entschlüpfte, ein gefundenes Fressen sein – nicht, weil der dahinterstehende Sachverhalt ihnen zu denken gäbe, sondern weil sie so plastisch den Satz illustriert, den man in dieser Sparte so gern als theoretischen Urknall zelebriert: Das Medium ist die Botschaft. Leicht formalisiert und wenig wahlkaumpftauglich aufbereitet, sagte der Präsident: ›Es gibt, als Folge unkontrollierter Masseneinwanderung, mehr Kriminalität auf Europas Straßen, mehr Vergewaltigungen, Diebstahl und Aufruhr, eine Häufung terroristischer Ereignisse und die gestrige Sendung über Schweden, die uns die Augen über das Musterland der nördlichen Hemisphäre öffnete, über das wir uns bisher nur hehre Vorstellungen machen durften.‹

Was ich über Analogie schrieb, bedeutet nicht, dass es dumm sei, in Analogien zu denken oder dass am Ende die Analogie selbst dumm sei – zweifellos gibt es genügend dumme Analogien und richtig ist, dass, wer ihnen aufsitzt, am Ende der Dumme ist. Vielleicht sollte man strikter, als das in der Regel geschieht, zwischen strategischen und taktischen Analogien unterscheiden. Die meisten Analogien, die dem Leser aufgetischt werden, sind taktischer Natur: schnell hingeschrieben, meist zu denunziatorischen Zwecken, und ebenso schnell vergessen: Das ist ja wie ––…

»Es war ein spezifisches Problem der DDR, dass es über die politisch-ideologische Sphäre hinaus keine weiteren Bindungskräfte gegeben hat, die in Zeiten politisch-sozialer Krisen doch Stabilität und Zusammenhalt zwischen den Menschen hätten gewährleisten können. ln den anderen sowjetisch dominierten neuen Staaten nach 1945 gab es die immer vorgeordnete nationale Basislegitimität: man war erst Pole, Ungar oder Albaner und dann erst Sozialist.

von Peter Brandt

Eine terminologische Anmerkung vorweg: Wir sprechen von der ›Februar‹- und der ›Oktoberrevolution‹ als zwei unterschiedlichen Vorgängen, dabei handelt es sich um einen zusammenhängenden revolutionären Prozess. Für sich allein genommen könnte man zu dem Urteil kommen, die generalstabsmäßig vorbereitete und durchgeführte, als solche bemerkenswert unblutige und undramatische bolschewistische Machteroberung sei eine Art Staatsstreich gewesen. Aber man darf dieses Ereignis eben nicht isoliert betrachten. Es war ein Glied in einer längeren Ereigniskette, die nicht zwingend, aber mit einer gewissen Folgerichtigkeit dahin führte.

 von Herbert Ammon

I.

Es geht um die Schuld, um die deutsche Schuld, um die Dresdner Schuld und die korrekte Art des Gedenkens an die Dresdner Bombennacht und den Morgen des 13./14 Februar 1945. Der Verlauf des Gedenkens anno 2017 war abzusehen: Wenn hierzulande getrauert werden soll, kommt es in der Regel zur Inszenierung eines deutschen Trauerspiels, mit einigen – eingeplant – spontanen, ans Groteske reichenden Szenen, die den medial einbezogenen Zuschauer als Bürger, ›der schon länger hier lebt‹ (dixit Angela Merkel) ob ihrer Peinlichkeit mit Trauer, Scham und Bitternis erfüllen. Wie dieser Tage erneut angesichts der Bilder aus in Dresden.

von Ulrich Schödlbauer

Unter Kulturschaffenden gilt, wer die Kultur des eigenen Landes preist, als borniert. Nicht ohne Grund – die Fallhöhe zwischen dem eigenen Anspruch auf Einzigartigkeit und der Misere des Betriebs, von dem er sich er sich abhebt, ist ein Aufmerksamkeits-Garant, auf den zu verzichten sich nur wenige leisten können. Wer preist, will Geld, wer Kultur preist, will Zuwendungen. Da muss man sorgfältig vorgehen, dass nicht am Ende die Falschen vom Segen profitieren.

›Inkompetenz­kompensations­kompetenz‹ ist nach einem bekannten Wort des Philosophen Odo Marquard die Kompetenz des Philosophen. Daran gemessen müsste Donald Trump als der Philosoph unter den neueren amerikanischen Präsidenten durchgehen – sofern man davon absieht, dass die meisten von denen, die ihn der laufenden Inkompetenz bezichtigen, gewillt sind, ihm nichts durchgehen zu lassen, was auch nur entfernt den Anschein von Kompetenz erwecken könnte. The medium is the message. Dass, vermutlich aus gutem Grund, ein Vertreter der frisch ins Amt gewählten Regierung einem Gericht vorhält, die Kompetenz des Präsidenten anzuzweifeln, fügt dem Stand der Dinge bloß eine weitere Pointe hinzu. Auch Juristen sind erst einmal Zeitgenossen, deren Urteile, wie immer begründet, auf medial gefütterten Vor-Urteilen aufruhen.

von Gunter Weißgerber

Auf einer Woge der Sympathie

Für die SDP endete das Jahr 1989 einfach nur traumhaft. Die alte Zugkraft der Sozialdemokratie in Verbindung mit ihrer Position als wichtigster Oppositionspartei zur SED sowie ihrem Ja zur Deutschen Frage ließ uns auf hohen Wogen der öffentlichen Zustimmung schwimmen. Mit der kommenden Umbenennung in den gesamtdeutschen Namen SPD am 13. Januar 1990 wollten wir unseren erfolgreich scheinenden Weg in die kommenden Volkskammerwahlen auf dieser Woge konsequent fortsetzen. Das war der feste Plan – auf hohlem Untergrund.

von Ulrich Schödlbauer

Mediale Massenerregungen, durch immer nachgeschobene Demonstrationsbilder sinnreich stimuliert, gleichen sich wie ein Ei dem anderen. Insofern läge der Neuheits- oder Informationseffekt der ersten Tage des US-Präsidenten im Amt nahe Null, handelte es sich diesmal nicht um den traditionellen Sitz des Guten in der westlichen Welt, der täglich seine Schockwellen um den Planeten sendet. Die letzte vergleichbare Erregung entzündete sich an Russlands Putin nach dem Abschuss eines Verkehrsflugzeugs über der Ukraine, der bis zur propagandistischen Außerdienststellung den letztlich ungeklärten Untaten der Geschichte zugerechnet werden muss, während die Nachrichtenblätter, wie sie da noch hießen, gleich Bescheid wussten und den Vorfall kräftig orchestrierten.

von Katharina Kellmann

Martin Schulz ist der Kanzlerkandidat der SPD. In der Bundestagsfraktion der Sozialdemokraten soll die Stimmung bei seinem Besuch euphorisch gewesen sein; aus den Ortsvereinen werden Neueintritte gemeldet. Wie lange dieses Stimmungshoch andauern wird, bleibt abzuwarten. Wahrscheinlich stellt sich schon bald für die Sozialdemokraten wieder der Alltag ein. Immerhin: Im Kanzleramt soll sich Angela Merkel nun auf einen härteren Wahlkampf vorbereiten, folgt man der Zeitung, hinter der sich bekanntlich immer ein kluger Kopf verbirgt.

von Lutz Götze

Seit 2009 arbeitet ein von mehreren Behindertenorganisationen gegründetes ›Netzwerk Leichte Sprache‹ daran, die, vermeintlich, schwierige deutsche Sprache radikal zu vereinfachen, damit weit mehr Menschen als bisher mündliche und, vor allem, schriftlich verfasste Texte verstünden. Das klingt demokratisch und heischt nach uneingeschränkter Zustimmung. Ein Schelm, wer sich dem verschlösse!

Im Himmel der Gutgläubigen sind noch Plätze frei. Das ist keine Aufforderung, sie unzeitig einzunehmen, aber ins Grübeln darf man schon kommen. Ein Land, in dem einundachtzig Prozent der zur Bevölkerung hochgerechneten ›Befragten‹ meinen, die Regierung habe die Situation nicht mehr unter Kontrolle, während ganze vierzig Prozent einen Wechsel an der Spitze wünschen, hätte man gern näher kennengelernt, schon um zu verstehen, was in ihm vorgeht. Einundachtzig Prozent sind, unter den Bedingungen der parlamentarischen Demokratie, keineswegs ›Ausdruck einer gespaltenen Volksmeinung‹, sie sind auch keine ›Anomalie‹, deren Verschwinden man abwarten könnte wie das Ende eines unzeitigen Frosteinbruchs – ehrlich gesagt, sie lassen sich kaum noch politisch verstehen. Gerade das lässt sie eminent politisch erscheinen: einer pointiert unironischen Deutung des ›gemeinen Wesens‹ wären sie Ausdruck eines existenziell zu nennenden Aufbegehrens, auf den es in der Demokratie, gemäß dem ihr eigenen Ethos, nur eine Antwort geben dürfte – den, wie auch immer, parlamentarisch eingefädelten Rücktritt.

Einfach mal die Fresse halten. Man liest die Aufforderung verschiedentlich in den sozialen Netzen, es mag sein, dass immer derselbe Kopf – oder dieselbe ungehaltene Fresse – dahintersteckt, auszuschließen ist das nicht, genauso wenig, dass viele, durch Anonymität geschützt, wie sie meinen, sich des Ausdrucks als Redefigur bedienen, um ihrer Weltsicht eine Gasse zu bahnen: wichtig wäre weder das eine noch das andere, denn es zählt der Effekt. Und im Effekt – auch wenn das Getuschel in den hinteren Reihen kein Ende nimmt und manches Drohwort aus der Deckung fliegt –, im Effekt wirkt die Aufforderung, gleichgültig, ob gezischt, gezischelt oder hinausposaunt, je nachdem, ob sich ihr Urheber im Konzertsaal, in der Küche oder im Kindergarten wähnt, obwohl er doch in der schriftkulturellen Öffentlichkeit und damit im Archiv agiert, das uns alle überdauert, es sei denn, die atomare Hölle oder ein Asteroid … etc. Sie wirkt – doch damit ist nicht gesagt, wie sie wirkt, schon gar nicht, dass die Wirkung einheitlich und ›stringent‹, also ›schlüssig‹ ausfallen muss. Wie bei jeder Art von sozialer Wirkung kann sie unterschiedliche Formen annehmen, auch aus- oder abfällige, keine Frage, aber der lähmende Biss der Schlange hinterlässt überall seine Signatur.

Die Parole: ›Phantasie an die Macht‹ ist nach einem dialektischen Purzelbaum wieder da! Nur ein Artikel muss ausgetauscht werden: Heute ist die ›Phantasie an der Macht‹. Sie blüht und gedeiht, ob auf Kongressen, in politischen Reden oder den sogenannt ›sozialen‹ Netzwerken. Mit dem Spruch ›Phantasie an die Macht‹ wollten junge Leute vor einem halben Jahrhundert aus der Enge der Nachkriegszeit, aus postfaschistischen oder noch wilhelminischen Regeln ausbrechen.

Die Sache mit dem Erstgeburtsrecht bedarf insofern einer Erklärung, als es mittlerweile öfter in Anspruch genommen wird als in all den Jahren, in denen extremistische Brandstiftung, falls sie nicht von linken Chaoten zu Aufklärungszwecken geübt wurde, praktisch automatisch den  Kreis der notorisch Verdächtigen ins Zentrum der Ermittlungen rückte: Zukurzgekommene vom rechten Rand, die anstelle der Linsensuppe den Topf in ihre Gewalt bringen wollten. Das hat sich geändert. Heute wird es, gelegentlich durch Gebrüll unterbrochen, in öffentlicher Rede unter Berufung auf jenes fast vergessene Buch und die aus ihm hervorgegangene jüdisch-christliche Tradition reklamiert – was nachdenklich stimmen sollte, da letztere in den Jahren nach der Wiedergewinnung der Einheit als ›unverrückbares Fundament unserer Werteordnung‹ in der Sprüche-Sammlung noch des hintersten Provinzpolitikers einen festen Platz beanspruchen durfte.

von Herbert Ammon

I.
Zwei unvermittelte Ereignisse nötigen zu einem Kommentar: Zum einen das Gedenken im Deutschen Bundestag zum 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz durch sowjetische Soldaten am 27. Januar 1945, zum anderen eine Mordtat in einem in Berlin-Adlershof gelegenen Wäldchen.

Der Streit um ein Lied und dessen Bedeutung

von Roland Wehl

Vorbemerkung des Globkult-Herausgebers:

Am 30. März 2014 veröffentlichte Eckard Holler in diesem Magazin einen Artikel zum Erbe der klassischen deutschen Jugendbewegung. Anlass war das im Oktober 2013 von 3500 Angehörigen zahlreicher Jugendbünde durchgeführte Zeltlager zur Erinnerung an das 100. Jubliäum der historischen Zusammenkunft der ›freideutschen‹ Jugend auf dem Hohen Meißner. Mehrere Abschnitte von Hollers Text betreffen die ambivalente Haltung der stets heterogenen bündischen Jugendbewegung zum aufkommenden Nationalsozialismus sowie die aktuelle Auseinandersetzung mit einigen sich selbst als ›nationalkonservativ‹ verortenden Bünden. Diese Diskussion findet auch an anderen Orten statt, so jüngst in der Wochenzeitung Junge Freiheit. Der folgende kritische Beitrag war für den Abdruck dort geschrieben worden. Die JF-Redaktion konnte sich aber nicht entschließen, ihn zu publizieren.

von Felicitas Söhner

Worin liegen die wesentlichen Merkmale der Neuzeit? Die geschichtsphilosophische Deutung der Neuzeit war im »kurzen 20. Jahrhundert« (Eric Hobsbawm) ein inhaltlicher Gegenstand der deutschen Geisteswissenschaften. Dieser Frage widmet sich der Autor des besprochenen Bandes, Hauke Ritz. Der Philosoph und Außenpolitik-Experte analysiert tiefgründig die philosophische Debatte um jene Epochenfrage. Darin bezieht er sich zwar auf bekannte Denker wie Hegel, Nietzsche, Weber, Löwith und Arendt, richtet seinen Fokus jedoch auf eher weniger prominente Vertreter der Nachkriegsphilosophie mit Georg Picht (1913–1982), Jacob Taubes (1923–1987) und Klaus Heinrich (*1927).

Wie sich Bundeskanzler Willy Brandt um Israel und den Frieden im Nahen Osten bemühte

von Wolfgang Schmidt

Pünktlich zum 40. Jahrestag des ersten Israel-Besuchs eines amtierenden deutschen Kanzlers erschien am 9. Juni 2013 in der Welt am Sonntag ein Artikel von Michael Wolffsohn mit der Überschrift »Wie Willy Brandt die Friedenskarte verspielte«. Darin wird behauptet, der damalige Bundeskanzler hätte den Jom-Kippur-Krieg, der durch den Angriff Ägyptens und Syriens auf Israel am 6. Oktober 1973 ausgelöst wurde, verhindern können. Willy Brandt, heißt es da, treffe »objektiv« eine »Unterlassungsschuld«, weil er einer »Friedensinitiative« der israelischen Ministerpräsidentin Golda Meir die Hilfe versagt habe. Dabei beruft sich Wolffsohn vor allem auf im Jahr 2013 deklassifizierte Akten aus dem Staatsarchiv Israels, die seither im Internet zugänglich sind, sowie auf bereits editierte deutsche Dokumente aus den »Akten zur Auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland (AAPD)«.

von Till Philip Koltermann

Wolfgang Kaufmann: Das Dritte Reich und Tibet. Die Heimat des ›östlichen Hakenkreuzes‹ im Blickfeld der Nationalsozialisten. Zugleich Dissertation FernUniversität Hagen 2008, Ludwigsfelde (Ludwigsfelder Verlagshaus) 2012, dritte überarbeitete Auflage, 966 Seiten.

Die spezifische Faszination für den Himalaya, das höchste Bergmassiv der Welt, ist ein Kontinuum der deutschen Geschichte. Tibet ist wohl bis heute, aller politisch-historischen Entwicklung um den chinesisch-tibetischen Konflikt zum Trotz, weiterhin das Synonym für den Fluchtpunkt aller Zivilisationskritiker und Lebenssinnsuchenden.

von Peter Brandt

Die Geschichtswissenschaft der DDR gehört – eigentlich selbstverständlich – zur Gesamtgeschichte des Fachs in Deutschland. Die für das Verhältnis der beiden deutschen Staaten bis 1989 charakteristische Beziehung wechselseitiger, wenn auch asymmetrischer Ausrichtung – ob konfrontativ oder kooperativ oder sei es in der für die 1970er und 80er Jahre vorherrschenden Kombination beider Aspekte – galt auch für die Historikergemeinden, ihre Organisations- und Äußerungsformen beiderseits der innerdeutschen Grenze.

von Lutz Götze

Der Rücktritt Christian Wulffs vom Amt des Bundespräsidenten hat, jenseits aller hochnotpeinlichen Vorteilsannahmen und -gewährung, vor allem eines deutlich gemacht: Hier ist ein Repräsentant einer ganzen Generation von Politikern dramatisch gescheitert.

von Herbert Ammon

Schadenfreude, sprachlich abgemildert Genugtuung, reicht allein nicht aus, um die Umstände des Auftritts und Abgangs des Christian Wulff zu kommentieren. Doch sei ohne Selbstlob vermerkt, dass am 23. Juni 2010, anlässlich der trick- und erfolgreichen Durchsetzung Wulffs als Bundespräsidenten durch die Bundeskanzlerin Merkel und ihrer damaligen koalitionären Entourage in Globkult ein Aufsatz von Ulrich Schödlbauer erschien, der das politische Getriebe – genauer: das von Volkes Willen ungestörte Gebaren der politischen Klasse – auf den Begriff brachte:

von Katharina Kellmann

Am 11. September 1973 putschte das chilenische Militär gegen den demokratisch gewählten Präsidenten Salvador Allende. Allende nahm sich das Leben, als Soldaten den Präsidentenpalast, die Moneda, stürmten. Chile zählte fortan zu den Militärdiktaturen in Südamerika.

von Nina Schneider

In den meisten lateinamerikanischen Ländern wurden in den 1960er und 1970er Jahren Militärregimes installiert, mit deren Bewältigung der Kontinent bis zum heutigen Tag beschäftigt ist. Unterstützt durch US-amerikanische Regierungen putschte das Militär zunächst in Guatemala (1954), dann in Brasilien (1964), später in Chile (1973) und Argentinien (1976). Wenngleich sich die illegalen Regimes in ihrem Charakter, ihrer Regierungszeit und Brutalität unterschieden, hatten sie eins gemeinsam: Sie richteten unrechtmäßige Repressionsnetzwerke ein, welche Regimegegner verfolgten, ins Exil trieben, einsperrten, folterten oder im schlimmsten Fall ›verschwinden ließen‹.

von Jörg Büsching

Wer in den letzten Wochen die Affäre um unseren Verteidigungsminister und seinen regelwidrig erworbenen Doktorgrad der rechts- und wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Bayreuth verfolgt hat, konnte Zeuge eines merkwürdigen Widerspruchs in der öffentlichen Wahrnehmung werden, der durchaus signifikante Einsichten über die weitere Entwicklung der deutschen Demokratie bereithalten könnte, wurde doch Guttenberg zeitweise bereits als künftiger Kanzler des Landes gehandelt.

von Lutz Götze

Nepal ist - trotz oder gerade wegen seiner geringen geographischen Ausdehnung - ein beispielhaftes Land des 21. Jahrhunderts: Es zwingt, den Blick auf globale Probleme und Entwicklungen zu schärfen. Das Land zu Füßen des Himalaya ist einer der ärmsten Staaten der Welt mit geschätzten 70 Prozent Analphabeten, einer schier unvorstellbaren Umweltverschmutzung vor allem in der Hauptstadt Kathmandu als Folge eines vollkommen unkontrollierten Wachstums der jüngsten Zeit, einem verrotteten Bildungssystem sowie einer unübersehbaren Landflucht.

Maritime Oper in 3 Auszügen

von Ulrich Siebgeber

Anmerkung: Nachstehendes Libretterl wurde für die anstehende Bayreuther Aufführung im copy&paste-Verfahren (und selbstredend ohne fremde Hilfe) aus frei im Netz verfügbaren Textbausteinen zusammengeschustert. Erläuternde Hinweise sollten allein dem Verfasser des Machwerks zugeschrieben werden, der indes die Verantwortung von sich weist und vorsorglich dem Leser eine Art Urheber-Mitschuld anheftet, denn: ohne Lektüre ist der Text... na was wohl. (Anonymus)

Interview mit Ellen Meiksins Wood

Vorbemerkung: Ellen Meiksins Wood gehört zu den wichtigsten in englischer Sprache schreibenden Marxisten der Gegenwart. Sie ist Autorin zahlreicher Bücher zur Geschichte und Theorie bürgerlicher Gesellschaftsformen und lehrte bis zu ihrer Emeritierung Politische Wissenschaften an der York-Universität in Toronto, Kanada. Heute lebt und arbeitet sie in London. Im Kölner Neuer ISP-Verlag erschien vor kurzem die deutsche Fassung ihres Hauptwerkes Demokratie contra Kapitalismus. Beiträge zur Erneuerung des historischen Materialismus. Das folgende Gespräch über einige der politischen Implikationen ihres Buches führte die kanadische Zeitschrift New Socialist (Übersetzung aus dem Englischen von Christoph Jünke) anlässlich der Originalveröffentlichung ihres Buches im Jahre 1995.

von Ellen Meiksins Wood

Die Rede ist hier von Rechten und wie sie in einer globalisierten Ökonomie garantiert werden können. Ich setzte einfach voraus, dass wir alle an die Menschenrechte glauben. Fangen wir deswegen mit der Prämisse an, dass alle Menschen, einfach weil sie Menschen sind, ein Recht auf gewisse Grundbedingungen von Freiheit und Würde haben, die von anderen respektiert werden müssen, nicht nur von anderen Individuen, sondern auch, und besonders, von Menschen mit Macht und von Staaten.

von Michael Müller

Das 21. Jahrhundert wird entweder ein Jahrhundert der Nachhaltigkeit oder ein Jahrhundert der Ausgrenzung, Gewalt und Verteilungskonflikte. Entweder gelingt es, die wirtschaftliche Innovationskraft zu stärken und mit sozialer Gerechtigkeit und ökologischer Verträglichkeit zu verbinden. Oder in Wirtschaft und Gesellschaft verschärfen sich weiter Ungleichgewichte, die reihenweise Krisen und Erschütterungen auslösen.

von Herbert Ammon

Am 8. Januar 2011 starb in Prag Jiri Dienstbier. Die Medien erinnerten an seine historischen Verdienste als Dissident in der Tschechoslowakei vor und nach dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989. Nach Niederwerfung des ›Prager Frühlings‹ am 21. August 1968 als Journalist bei Radio Prag entlassen und mit Berufsverbot belegt, schlug Dienstbier sich als Heizer, Archivar und Nachtwächter durch. Im Freundeskreis um Vaclav Havel gehörte er zu den Unterzeichnern der auf demokratische Freiheit pochenden »Charta '77«. Für das oppositionelle Manifest saß er drei Jahre im Gefängnis.

Raymond Verdaguer: Line up

Macht euch jetzt bitte nicht lächerlich, Jungs.

Raymond Verdaguer / Ulrich Siebgeber

von Christoph Jünke

I.

 Warum sollten sich Historiker, Sozialwissenschaftler und, vor allem, gewerkschaftlich Interessierte mit Leben und Werk von Viktor Agartz (1897-1964) auseinandersetzen? Nicht nur, aber vor allem weil Agartz einer der herausragendsten und umstrittensten Gestalten der deutschen Nachkriegszeit gewesen ist. Der bereits in den 1920ern aktive linke Sozialdemokrat gehört zu den wenigen Deutschen, die während des Nazi-Faschismus eine unbefleckte Weste ihr eigen nennen konnten. Er hat sich, soweit ihm dies möglich war, im antifaschistischen Widerstand innerhalb des Deutschen Reiches engagiert. Unmittelbar nach Krieg und Faschismus war er der neben Kurt Schumacher und Hans Böckler wohl wichtigste Funktionär und Vordenker von SPD, Gewerkschaften und Konsumgenossenschaftsbewegung, führend mitbeteiligt am ökonomischen und politischen Wiederaufbau des zerstörten Landes.

von Suitbert Oberreiter

Es ist schon ein wenig schauderhaft, meine ich, was man da mit der schillernden Bischöfin Kässmann aufführte, bis sie sich durch ihren Rücktritt der allgemeinen Hatz entzog. Die Argumente zu ihrer Entfernung, die dabei vorgebracht worden sind, können nichts weniger als scheinheilig gelten; stichhaltig oder überzeugend sind sie für mich jedenfalls nicht. Der Aufruhr war ja gerade so stark, als wäre die Frau mit der Kirchenkasse unterm Arm davongegangen. Und man hat sich dabei der Kleinbürgerlichkeit der Massen aufs Schamloseste bedient und die Dorfmentalität aus Wilhelm Buschs Max und Moritz für ein paar Tage wieder aufleben lassen. »Kein Kavaliersdelikt!« stand da zu lesen. Offensichtlich haben das irgendwelche Polit-Marionetten und Tintenknechte einer deutschen Abart des Berlusconi-artigen ›Denkgenies‹ inszeniert, was dort abgegangen ist. Und da wir in Deutschland eine jahrhundertealte Erfahrung mit der Leibeigenschaft haben, nimmt sich das so aus, als müsse man kleine Bauernopfer bringen, damit die Syphilis der Neuen Grafen und Degenerationsfürsten sich ungestört ausbreiten könne. Der Fall spielt wohl in die – zugegebenermaßen etwas brisantere Fälle enthaltende, aber doch – Schublade von kleinen Denkwürdigkeiten unseres Zeitalters, wie »Entlasse eine Mitarbeiterin der Firma, die sich ein Lachsbrötchen selbst verabreicht hat, aber lasse den ungeschoren, der sich mit 5 Milliarden Euro aus dem Staub macht – und finde das noch in Ordnung.«

von Herbert Ammon

Kaum ein Erzeugnis der politischen Literatur hat solch immense weltgeschichtliche Folgen gezeitigt wie das im Februar 1848 veröffentlichte Kommunistische Manifest. Und doch: Zum 150. Erscheinungsjahr fiel die Debatte über die berühmteste Schrift der Begründer des ›wissenschaftlichen Sozialismus‹ in Wissenschaft und Publizistik eher bescheiden aus, eine Spätfolge des eklatanten Scheiterns des realen Sozialismus anno 1989. Zu den spektakulären Ausnahmen gehörte ein Aufsatz des amerikanischen Sozialphilosophen Richard Rorty (1931-2007), der aus der sozialreformerischen Tradition der amerikanischen liberals heraus in das Programm der sozialistischen Weltrevolution die Lehre der Bergpredigt hineinlas. Ein Indiz für die alsbaldige Renaissance des Marxismus?

von Herbert Ammon

Der Pädagoge Micha Brumlik zielt mit seinem Essay auf um das von Erika Steinbach (CDU) und dem 2005 verstorbenen Peter Glotz (SPD) initiierte Zentrum gegen Vertreibungen. Anfangs gehörte er neben Persönlichkeiten wie György Konrad, Ralph Giordano und Alfred de Zayas zu den Befürwortern des Projekts. Er habe sich davon distanziert, als ihm »klar wurde, dass die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen nicht wirklich willens und in der Lage war, sich von ihrem nationalkonservativen und völkischen Umfeld zu lösen« (135). Ungeachtet des von den Initiatoren bekundeten Konzeptes vermutet Brumlik als »das heimliche Motiv vieler vielen (nicht aller) Betreiber der Zentrumsidee« eine »Konkurrenz mit dem Gedenken an die Opfer der Shoah« (117) und meint, jüdische Intellektuelle wie Ralph Giordano, Julius H. Schoeps und Michael Wolffsohn seien »von Steinbach letztlich düpiert worden« (125).

von Herbert Ammon

Die Dynamik der Ereignisse des Jahres 1989, die zum Mauerfall führten, traf die classe politica der alten Bundesrepublik, kaum anders als die SED-Führung in der DDR, wie ein Naturereignis. Von Differenzen in der politischen Rhetorik zur ›Offenheit‹ der Deutschen Frage sowie in der geschichtspolitischen Ausdeutung der deutschen Katastrophe 1933-45 abgesehen, hatten sich alle Parteien mit dem Status quo der deutschen Teilung abgefunden.

von Herbert Ammon

Die ideengeschichtlich schillernde Konservative Revolution steht noch immer als Synonym für die Verirrungen des deutschen Geistes, für alles, was einst Kurt Sontheimer als »antidemokatisches Denken in der Weimarer Republik« indizierte. Kenner der Materie, von Armin Mohler bis zu Stefan Breuer und Rolf Peter Sieferle, haben dagegen längst gezeigt, dass die in den zwanziger Jahren in Deutschland eklatierende Bewußtseinskrise, das Unbehagen an positivistischem Fortschrittsglauben, die Kritik an Kapitalismus und industrieller Massengesellschaft, die Ablehnung der parlamentarischen Demokratie, kurz: die ideelle Revolte gegen das liberale System gesamteuropäische Dimensionen hatte.

von Herbert Ammon

Es lebe die Freiheit!
(Hans Scholl vor seinem Tod am 22. Februar 1943)

Freut Euch mit mir! Ich darf für mein Vaterland, für ein gerechtes und schöneres Vaterland, das bestimmt aus diesem Krieg hervorgehen wird, sterben.
(Kurt Huber an seine Familie vor seinem Tod am 13. Juli 1943).

von Daniel Bensaïd*

Brav, alter Maulwurf! Wühlst so hurtig fort? O, trefflicher Minierer!
William Shakespeare: Hamlet

 

Unser alter Freund ist kurzsichtig. Er ist auch hämophil. Doppelt geschwächt und doppelt zerbrechlich. Und doch setzt er frohen Mutes, geduldig und hartnäckig, von Tunnel zu Stollen, seinen Weg bis zum nächsten Ausbruch fort.

Das 19. Jahrhundert erlebte Geschichte als einen Pfeil, der in Richtung Fortschritt zeigte. Das Schicksal der Antike sowie die göttliche Vorsehung verloren an Bedeutung angesichts der nüchternen Aktivität einer modernen menschlichen Art, die die Bedingungen ihrer eigenen unwahrscheinlichen Existenz produzierte und reproduzierte.

von Wolf Biermann

Das Lied Melancholie widmete ich vor gut 20 Jahren dem Philosophen Emile Cioran, den ich durch Manés Sperber in Paris kennen lernte. Wir stritten uns rum über den Begriff Hoffnung. Er hasste die Hoffnung. Ich verteidigte tapfer als deutscher Linker und Blochverehrer die Theorie meines verehrten Freundes in Tübingen, das ›Prinzip Hoffnung‹. Kam aber nicht gegen diesen Cioran an. Der hielt das Geschwafel über Hoffnung für einen intellektuellen Selbstbetrug, für eine Illusion, mit der sich die ›Tellektuelinns‹ selber in die Tasche lügen. Ich meine die systemimmanenten Intellektuellen, die gekauften Zuarbeiter der Mächtigen, die affirmativen ›TUIs‹, wie der TUI Brecht sie in seinem Buch der Wendungen schimpfte. Dieser zynische Skeptiker Cioran hielt die ›Hoffnung‹ für eine Tranquilizer-Tablette, frei nach Heine: » ... womit man einlullt, wenn es greint, das Volk, den großen Lümmel.«

von Peter Brandt

Jan Myrdal hat in den 80er Jahren zu recht auf die doppelte Traditionslinie der nordeuropäischen Linksintellektuellen in Gestalt des urban–kosmopolitischen (dabei übrigens durchaus dänisch–nationalen) Geistes von Georg Brandes und der des Grundtvigianismus verwiesen. Ihm selbst sei in der Zusammenarbeit mit der dortigen Linken erst in West–Berlin die eigene Prägung durch Grundtvig bewusst geworden, als einer seiner Artikel übersetzt werden sollte. »Allmählich wurde aus ›folk‹ ... ›die Volksmassen‹, ›folklig‹ verschwand in Umschreibungen und aus ›folkets kultur‹ wurde etwas, was mit den Kulturbestrebungen der Volksmassen zu tun hatte« (Myrdal 1988, S. 53 f.).

von Perry Anderson

 Unter den heutigen US-amerikanischen Journalisten ist Christopher Caldwell, um einen russischen Ausdruck zu gebrauchen, eine weiße Krähe. Nicht nur seine kulturelle Reichweite ist wahrscheinlich ohne Gleichen – mehr als nur flüssig in den großen europäischen Sprachen ist er auch mit dem vertraut, was in ihnen geschrieben wird. Aber auch in Bezug auf seine Intelligenz unterscheidet er sich von den meisten Reportern und Kommentatoren. Auch wenn sein Hintergrund literarisch ist, ist es ein philosophischer Zug seines Geistes, der seine Arbeiten von denen seines Gleichen unterscheidet. Was sein Interesse normalerweise findet, sind Dilemmata – begriffliche, moralische, soziale –, die in Standarddiskursen dominierender oder marginaler Tagesfragen entweder verdunkelt oder übergangen werden. Seine diesbezüglichen Schlussfolgerungen sind fast immer, so oder so, beunruhigend und verstörend. Die Kolumnen dieses leitenden Redakteurs des Weekly Standard, dem Flaggschiff des US-amerikanischen Neokonservatismus, und seine Kolumnen in der Financial Times lassen einen Großteil der liberalen Meinungsmache als jenen eintönigen Einheitsbrei erkennen, der er auch zu häufig ist.

von Christoph Jünke

Rudi Dutschke, der am 7. März diesen Jahres gerade mal 70 Jahre alt geworden wäre und doch schon seit 30 Jahren tot ist, gilt als Aktivist, als Praktiker der Revolte, seine Theorie dagegen als wenig systematisch, als eklektizistisch gar. Entsprechend beschäftigt man sich zumeist mit der Person und hält dessen Ideen für vernachlässigbar. Doch ob als existentialistisch beeinflusster Student im Berlin der beginnenden 1960er Jahre oder als antiautoritärer, revolutionär-sozialistischer Agitator des SDS und der APO, ob als aufrechter Einzelkämpfer im dänischen Exil Mitte oder als grün-alternativer Stratege am Ende der 1970er Jahre, immer ging es Dutschke mit der Erneuerung radikal-sozialistischer Politik auch um die Erneuerung ihrer theoretischen Grundlagen, denn eine »tiefe Auseinandersetzung mit der geschichtlich-gesellschaftlichen Wirklichkeit der Gegenwart kann und darf«, wie er 1968 schrieb, »nicht von den bisherigen Resultaten der revolutionären Theorie abstrahieren«.

von Ulrich Schödlbauer

Lieber Herr Oberreiter,

unter den Linien, welche die schöne Leidenschaft in die menschliche Seele zeichnet, besitzt für mich eine seit jeher einen bedingungslos anderen Reiz – die der literarischen Emphase. Die intelligente Emotion, die durch ihr Ausdrucksmittel darauf festgelegt ist, Mimesis und Moral, die Vernunft und den Verrat an ihr zu artikulieren, zu inszenieren, in jenes Tauschverhältnis zu setzen, in dem sich beides aneinander bereichert und steigert, richtet sich von Haus aus weniger an die Intelligenten, die Klugen, die Bescheidwisser, vielmehr an diejenigen, die nicht ganz zu Hause sind ›in der gedeuteten Welt‹, wie das ein Lyriker einmal ausgedrückt hat, sie ist insofern auch, jedenfalls für mich, wesentlich lyrisch, wobei mir bewusst ist, dass ich mit dem Wort ›wesentlich‹ bereits etliche Abwehrreflexe mobilisiere.

von Christoph Jünke

Spricht man mit einem politischen Linken oder einem Streiter für eine andere Globalisierung – es soll sie ja hie und da noch (oder wieder) geben –, erscheint der Neoliberalismus gleichsam als die Inkarnation jenes einen Ringes – »sie zu knechten, sie alle zu finden, ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden«. Spricht man dagegen mit einem seiner überzeugten Anhänger, so hört man nicht selten das Argument, dass man von einer Vorherrschaft des Neoliberalismus in unseren wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Gefilden doch nicht wirklich sprechen könne. Allzu viel sei noch korporatistisch verregelt und bürokratisch-populistisch blockiert, und allzu viel müsse erst noch in Gang gebracht werden von einem wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Denken und Handeln, das doch vermeintlich nicht nur den Problemen angemessen sei, die unsere Gesellschaftsordnung seit langem zunehmend aufweise, sondern auch einem Menschen- und Geschichtsbild, das sich als Krönung der Schöpfung vermutet.

von Ulrich Schödlbauer

 In dem Buch von Aleida Assmann, dessen Untertitel »Erinnerungskultur« und »Geschichtspolitik« im Kontext der einen deutschen Vergangenheit miteinander verbindet, umgibt die Rede vom Tätervolk eine Aura des Selbstverständlichen, die wohl mehr über eine gegenwärtige Sprachpraxis in den Kulturwissenschaften aussagt als über den zur Prägnanz drängenden Sachverhalt. Merkwürdig mutet das insofern an, als Assmann gewissenhaft Gesichtspunkte registriert, die zur Kritik gerade dieses Begriffs einladen. Eine unterschwellige Tendenz des Buches scheint zu sagen: Seht her, da ist eine offene Frage, die zu formulieren schwer, vielleicht unmöglich ist, und die dennoch, in unser aller Namen, formuliert werden muss. In unser aller Namen oder in dem eines Dritten, der ungenannt bleibt. Vielleicht auch nicht: Wenn die Widmung den Historiker Reinhart Koselleck als »impliziten Adressaten« des Buches nennt, dann liegt darin mehr als eine höfliche Geste.

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.