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Das Problem Merkel ist gelöst. Es weiß nur noch niemand, wie die Lösung aussieht.

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Am Taktieren der Parteien erstaunt am meisten das Taktieren. Im Grunde könnten die Parlamentarier an jedem beliebigen Tag zusammentreten und beschließen, dass die Ära Merkel vorbei ist.

Europa hat zu lange auf die feinen Unterschiede gestarrt, jetzt überraschen es die groben. Manchmal ist es die Zeit, die sich parodiert, manchmal sind es die Zeiten. Doch doch, da besteht ein Unterschied: Was als Tragödie beginnt und als Farce endet, das nennen manche Geschichte. Was als Farce beginnt, wie wird man es nennen? Wie vieles, das gern gesagt werden möchte und im Herauskommen verdirbt: schwer zu sagen. Bliebe es doch ungesagt! Aber wäre das eine Lösung? Natürlich nicht, denn heraus kommt alles. Bloß wie und wo, das macht fremde Gedanken. Wer die Fassung verliert, hat schon verloren. Wer die Fassung wahrt, der gewinnt Zeit. Vielleicht hat er bereits verloren, dann zählt sie doppelt. Fragt sich: Wer ist der Zähler? Was, wenn gerade er nicht zählt? Solche Fragen überfordern den Menschen leicht und er wünscht sich, es wäre Abend.

Die Schwierigkeiten kämpferischer Atheisten, die sich selbst Humanisten nennen, mit Gott wären noch größer, als sie es ohnehin sind, verstünden sie ein wenig mehr davon, was es heißt zu glauben. Dadurch, dass sie glauben, sie hätten den Glauben hinter sich, befinden sie sich bereits in der ersten Glaubensverirrung, die da heißt: missionieren um jeden Preis. Ein rechter Missionar bekämpft seine Glaubenszweifel, indem er andere zu bekehren versucht. Das Feuer, das in ihm brennt, vertilgt den Scheiterhaufen, in dem neben und mit der fremden Schlacke die eigene verglüht – idealiter wohlgemerkt, idealiter.

Hätte ich einen Leibwächter, ich nähme ihn mit auf die Reise und zeigte ihm die Welt. Wien zum Beispiel wäre mir Welt genug, wenigstens für den Anfang. Wir gingen unverzüglich ins nächste Kaffeehaus und dort säße er schon, den Arm aufgestützt, und läse den Standard. Ich jedenfalls trau’ ihm das zu. Fragte man ihn nach seinem Beruf, so gäbe er vermutlich zur Antwort: Standards setzen. Franz Hörmann (von ihm will ich reden) hat das Standardmodell der Geldtheorie an den Nagel gehängt und verkauft ein anderes, wobei es ihm weniger auf die Theorie als auf die Praxis ankommt. Das geschah vor längerer Zeit und seither ist sein Modell Standard.

In Österreich haben sie das Problem, dass die Nazis sagen, wir sind keine, während die Nicht-Nazis sagen, wir haben damit ein Problem. Das hängt damit zusammen, dass in diesem Land jeder auf einen anderen zeigt, wenn er sich selbst meint. Man könnte demnach herausbekommen, was den österreichischen Nazi ausmacht, indem man jeweils die Richtung, in die einer zeigt, umkehrte. Damit hätte man den Paradefall einer vollkommen selbstbezüglichen Nation, die sich abwechselnd ›Nazi‹ und ›Anti-Nazi‹ schilt. Dass dabei nichts herauskommen kann außer ein wenig Abwechslung, liegt auf der Hand. Die Wiener Art – manche sagen: Abart – der Abwechslung heißt bekanntlich Schmäh. Wer keinen Schmäh führt, der ist auch niemand. Et vice versa.

Stoßen Sie niemals, ich bitte Sie: niemals ins gleiche Horn. Warum nicht? Es ist mit Sicherheit das falsche. Zum Beispiel war es in den vergangenen Monaten üblich, den dann doch republikanischen Präsidentschaftsbewerber der USA mit wüsten Schmähungen zu überziehen. Natürlich haben Sie mitgemacht. Jetzt kommt er ins Amt und Sie haben den Salat. »Aber die anderen auch!« rufen Sie entsetzt. »Was soll ich machen?« Ja die anderen. Habe ich es Ihnen nicht gesagt? Da schreiben sie sich die Finger wund, dass es eine Wonne ist. Worüber? Oder besser: womit? Mit jenem flauen Gefühl im Magen, das ihnen sagt, es ist vorbei, wenn sie die Kurve nicht kriegen: ein neuer Präsident! Der Führer der freien Welt! Vielleicht will er nicht führen, wer weiß das schon, aber er wird, ganz sicher, führen müssen. Und dann? Was verlangt das Lager der Geführten? Loyalität. Kritische Loyalität, gewiss, doch wer es mit der Kritik zu weit treibt, der ist schneller entsorgt als so ein Morgen graut. Graut Ihnen vor dem Morgen? Dann sind Sie auf dem richtigen Pfad.

Im Grunde ist alles ganz einfach: 80 Mio : 1, da konnte nichts weiter herauskommen als Wer sonst, Wir haben doch keinen, Wer wenn nicht sie? Vor allem, wenn man bedenkt, dass diese 80 Millionen, Kinder und Greise inbegriffen, doch alle irgendwie idealiter Unionswähler sind, sozusagen als Dritt- und Schattenwähler, gleichgültig, was sie sonst alles unterstützen oder am Laufen haben, – sie ist nun mal von Adenauers Zeiten her die Staatspartei und alle anderen sind … psst! Stimmenjäger wollte da jemand sagen, ein mühsames Geschäft übrigens, und: undankbar.

Sorry, Siebgeber, sorry, alles auf Null: Wer so die Maus angeht, sie geradezu als Sündenbock präpariert, sollte Ross und Reiter nennen, bevor sie im Morgengrauen verschwinden. Die Computermaus, im Land der Begriffsstutzigen lange Zeit zwanghaft ›Mouse‹ geschrieben – erinnern Sie sich? –, vermutlich, um die Sache nicht vom Schwanz her anzugehen, ist ein Segen für die Menschheit, das Sich-Verschreiben hingegen ein Fluch. Wer verschreibt sich denn? Nur der, der’s nötig hat.

Die Rede vom Bewusstsein erinnert ein wenig an die eingetrockneten Fliegen vom Vorjahr, die beim Frühjahrsputz unter den Jalousien zum Vorschein kommen, sie ist nicht en vogue, der Herr der Fliegen hat Ausgang und scheint das zu genießen – sei's drum, es kommen andere Zeiten und neue Insektenschwärme, so wie andere Menschen diesen Planeten der Scherben bewohnen werden, unbekümmert um Potenziale und Kontingente. Denn, ehrlich gesagt, es ist Hochmut, naiver, bewusstloser, abschreckend denkfauler Hochmut einer Generation, sich für die Zukunft nichts anderes vorstellen zu können als die Fortschreibung der eigenen Dispositionen und Gegnerschaften, zu denen sich die Albträume ruhig hinzuzählen lassen: jede Generation macht es sich im Albtraum der vorhergehenden bequem und findet insgeheim, jene müsse stolz darauf sein. Ein Irrtum, aber ein lebens-, vielleicht überlebensnotwendiger, den kein überlebendes Ressentiment ausräumen kann.

Wer Bewusstsein sagt, will schon manipulieren: keine kleine Aussage, eher eine bewusstseinsöffnende oder -fördernde Maßnahme. An solchen Manipulationen leidet die Öffentlichkeit keinen Mangel, eher erstickt sie an ihnen. Bevor jemand hingeht und ein Fenster öffnet, muss viel geschehen. Die Gelassenheit muss viele kleine Tode sterben, ehe sie, wie der Geist aus der Flasche, in die Gehirne zurückkehrt, nicht triumphal, schon gar nicht triumphierend, eher mit einem Seufzer der Erleichterung, in die sich ein wenig Wehmut mischt, denn auch Spannung ist schön. Der gespannte Mensch, der Mensch, der jederzeit losgehen kann, setzt sein Glück in die Naherwartung, deren Gegenstand sich langsam entfernt, doch diese Strategie, das könnte ihm sein Verstand sagen, schlägt irgendwann gegen ihn aus.

Sagen wir, ein Land hat, neben Kriminalitätsrate, Obdachlosenrate, Alkoholismus, Verkehrstoten, Drogenabhängigkeit, Altersarmut, Kinderarmut, Fettsucht und so fort, ein Bevölkerungsproblem, das heißt, es werden dort soundsoviel Prozent weniger Kinder geboren, als nötig wären, um die Einwohnerzahl zu erhalten. Was fürs erste wenig besagt, da die Zahl der, sagen wir, während eines Jahres in einem Landstrich geborenen Kinder eine komplexe, aus Lust und Laune, Bedürfnis und Vermögen, Gelegenheit und Zufall sowie einer weiteren, nur schwer zu ermittelnden Zahl mehr oder minder unbekannter Faktoren gebildete, naturgemäß schwankende Größe darstellt, auf die sogleich eine Reihe exogener Größen wie Zahl der Fehlgeburten, Kindersterblichkeit, Kinderhandel einstürzt, bevor das Zahlenmaterial sich für eine relativ kurze Zeitspanne einigermaßen stabilisiert. Unter den mehr oder minder unbekannten Faktoren, die bereits vor der Empfängnis wirksam werden, sei der Faktor ›Bewusstsein‹ besonders erwähnt, weil er, jedenfalls bei einer funktionierenden Praxis der Empfängnisverhütung und Empfängnisfolgenkorrektur, das Zünglein an der Waage zu bilden scheint.

Menschen gibt es, denen wurde die Trompete in die Wiege gelegt – teils, um sie nicht in die Hände der Geschwister geraten zu lassen, teils mit dem Hintergedanken, die Welt teilhaben zu lassen an dem, was da unausweichlich heranwächst: ein starkes Stück, ein ganzer Mensch. Derlei passiert und wir, der müßige, über den Planeten verteilte Pöbel, wüssten nicht, ob uns die überbordende Kunde vom ganzen Menschen jemals erreicht hätte, gäbe es nicht die Trompete, jenes Instrument, mit deren Hilfe ein einzelner Mensch die so wunderbar von allen geteilte Luft unversehens in einen scharfen Gegenstand zu verwandeln vermag. In Wahlkämpfen, besonders der USA, ist so ein Instrument ungemein nützlich, da es den gemeinen, wenngleich gutsituierten Erdenbürger im Handumdrehen zur globalen Leit- oder Hass- oder Witzfigur befördert – am besten alles gleichzeitig. Polarisierung bedeutet alles, wenn nicht im Leben, so gewiss im Leben nach der Entscheidung, ein wahrhaftiger Präsident werden zu wollen.

Es ist schon ein ziemlich verzweifelter Griff in die Mottenkiste der Nation, die religiöse Herkunft eines Landes oder einer Kultur zu Staats-Zwecken zu mobilisieren. In neoliberal verfassten Gemeinwesen verhalten sich auch die religiös empfänglichen Bevölkerungsteile angebotsorientiert. Wer Religion will, muss sich der Konkurrenz stellen oder er sät vor allem eins – Unfrieden. Die großen Religionsgemeinschaften haben das, mehr schlecht als recht, irgendwann begriffen. Herkunft, Geburt, Überzeugungs- und Missionierungsarbeit, dazu die polarisierende Wirkung von Gewalt und Unfrieden, soweit sie religiös bemäntelt werden, sind längst (oder wieder) stärkere Akteure auf der kollektiven Bühne als der homogenisierende Nationalstaat alter Schule. Auch die Mehrzahl der Ländern, die ihn erst als Importartikel kennengelernt haben, falls er ihnen nicht einfach von den sich verabschiedenden Kolonialmächten übergestülpt wurde, hat das verstanden.

In Krisensituationen gewinnt, wer zuzuspitzen versteht. Ein Land oder ein Verband gleichgerichteter Staaten, in dem nur noch ein Thema die Gemüter beherrscht und Unfrieden zwischen zwei Fraktionen sät, die sich wenig oder nichts mehr zu sagen haben und sich stattdessen in Schuldzuweisungen, Beschimpfungen und Drohungen ergehen, – ein solches Land, eine solches System befindet sich in der Krise. Das heißt fürs erste nicht viel. Es gibt sowohl künstliche Krisen als auch, am anderen Ende der Skala, Krisen, in denen es nach Torheit schmeckt, gewinnen zu wollen, weil sie auch dann nicht weggingen – vielleicht gerade dann nicht weggingen, da man selbst, als kritischer Teil der Gesellschaft, Teil der Krise, womöglich ihr Hauptverursacher ist. Die beiden Extreme berühren einander: einer nicht lösbar erscheinenden Dauerkrise fehlt das entscheidende Merkmal der Krise, die ›Wende‹ zum Guten oder zum Schlechten, sie tendiert dazu, als Normalzustand fortzubestehen und gleichzeitig als ›künstliche‹, als Hirngespinst oder leere Drohung abgefertigt zu werden. Daher begnügt sich die Partei der Krise, ihr vermeintlicher oder wirklicher Nutznießer, damit, in der Krise – soll heißen: durch sie – stärker zu werden, bis irgendwann, in kritischeren oder sonnigeren Zeiten, ihr die Macht von alleine zufällt... Aus welchem Grund?

Man möchte ihn, als Gedanken, nie­man­dem zumuten, aber der Pop­ulis­mus ist nicht eigentlich der Wun­sch, pop­ulär zu sein, also der beständige Antrieb, dem Volk nach dem Mund zu reden, während man es von Herzen ver­achtet, son­dern ein The­men­park, dessen Bear­beitung anson­sten der Polizei und den Gerichten über­lassen bleibt – also das Verächtlich­machen Ander­s­denk­ender, die Beschimp­fung des Nach­barn, mit dem man an einem Tisch sitzt, sobald es etwas zu holen gibt, das dauernde Streben, für die eigene Klien­tel mehr her­auszu­holen, als bei nüchterner Betra­ch­tung ›drin‹ ist, die Selb­st­be­di­enung bei vollen (oder auch leeren) Kassen, also das ganz nor­male Handw­erk des – nein, nicht des poli­tis­chen, dem Gemein­wohl verpflichteten Men­schen, son­dern des Men­schen, der sich gehen lässt, nur eben in der Poli­tik oder ›im Poli­tischen‹, falls der kleine Unter­schied auf­fällt. Aus diesem Grunde han­delt es sich um eine klas­sis­che Fremdzuschrei­bung, man kann auch sagen, um eine Belei­di­gung Ander­s­denk­ender, jeden­falls um eine Denun­zi­a­tion, dik­tiert durch allzu große Nähe: man kennt sich, man hasst sich, man reibt sich, man hat einan­der intus, man möchte einan­der loswer­den: so geschehen (und gese­hen) im Fall des Linkspop­ulis­mus, der klas­sis­chen Abwe­ichung von der dog­menges­teuerten Linie nach dem Motto: Wir wollen die Zukunft jetzt.

Tagaus tagein bere­ichert das Fernse­hen unser Leben. Davon lässt sich doch eine Scheibe abschnei­den, oder nicht? Nehmen Sie das ruhig wörtlich – es kön­nte sein, dass Sie diese Scheibe, dieses ... Scheibchen vielle­icht noch ein­mal benöti­gen wer­den. Respond or die. Nie gehört? Auf welchem seli­gen Plan­eten leben Sie denn? Sie fluchen? Nein, nicht diese Töne, das ver­bitte ich mir. Ich bin Human­ist. Was habe ich gesagt? Ups, das habe ich gesagt. Oder, richtiger: »Oooops!« – Comic-Sprache, ja gewiss, was ist daran auszuset­zen?

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.