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Depressive Dominanz

Ich werfe der zwischen 1950 und 1960 geborenen (westdeutschen) Generation vor, dass sie die deutsche Stimme in der Welt rigoros abgeschaltet hat. In diese Stille hinein ertönen seit Jahren die Worte der Kanzlerin und die zynischen Kommentare ihres gerade entlassenen ›Kassenwarts‹ – mit den bekannten Folgen ... Schriftsteller? Unerheblich. Philosophen? Fehlanzeige. Wissenschaftler? Beschränkt aufs Fachpublikum, mit gelegentlichen Ausreißern in die Medien: anämisch. Politische Köpfe? Statur sieht anders aus.

Die Journalisten

Irgendwann nach 1989 muss es den Journalisten aufgefallen sein, wie leicht es war, die klassische Figur des Nachkriegsintellektuellen vom Sockel zu stoßen. Das geschah selbstredend in der DDR, deren Lebenszeit nur noch kurz bemessen war, aber lang genug, damit sich die gewohnten Wortführer mit Westkontakt noch schnell durch öffentliche Treuebekundungen zu einem geläuterten Sozialismus desavouieren konnten, bevor die Öffnung der Stasi-Akten ihnen für längere Zeit den Mund verschloss. Aber ein Hauptakteur im Westen war sicherlich der frühere Feuilletonchef und spätere Miteigner der FAZ, Frank Schirrmacher, ein Journalist mit der geistigen Physiognomie des verhinderten Intellektuellen, der in seinen Sachbüchern das Gefühl zu verbreiten wusste, das lebenswerte Leben sei just mit ihrem Erscheinen zu Ende gegangen.

US - Wahlgesichter

Allmählich sollten die Sittenwächter der Republik begreifen: So lässt sich dieser Staat nicht regieren. Sie haben sich, sehenden Auges blind, in den Bürgerkrieg der Worte und Gesten gestürzt, als die Flüchtlingskrise schonungslos die Handlungsschwäche der EU offenlegte, sie haben mit dem unerleuchteten Gerede von Hell- und Dunkeldeutschland eine Saat gelegt, deren Aufgang direkt in die Sitzverteilung des kommenden Bundestages führt, sie haben, mit einem Wort, das Land gespalten, sie haben Europa gespalten und wenn es nach ihnen ginge...

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Zu den überragenden Verdiensten Willy Brandts wird man einmal seine drei Söhne zählen müssen, von denen einer als Schauspieler die Nation allabendlich mit den Schrecken ungesetzlicher Handlungen versöhnt, während der andere, als Historiker, die Schrecken der Geschichte, ohne ihnen ein Jota abzunehmen, als lebbare Mitgift der Menschheit behandelt. Denn tatsächlich blieb es dieser Generation vorbehalten, die Lebbarbeit der Geschichte neu zu erproben, insbesondere desjenigen Teils, den ihr die Vorgänger (und Vor-Vorgänger) hinzugefügt hatten.

Haben Sie niemals einen Gegner wie diesen gesehen? Nein? Dann haben Sie niemals Geschäfte gemacht, wirkliche Geschäfte, wir verstehen uns, mit hohem Einsatz und hohem Risiko. Aber vielleicht ist so eine Erscheinung auch in diesen Breiten ein eher seltenes Gegenüber... Du wähnst es in einem der unteren Stockwerke, in denen man sich gegenseitig die Fresse poliert, um nach oben zu kommen, und es steht bereits in der Tür, du schimpfst es hässlich und es weicht aus, du verpasst ihm all diese schlimmen Bezeichnungen, die jeden Gentleman stolpern lassen, und es schlägt einen Haken, du vernichtest es und es finassiert, du schiltst es barbarisch und es spielt mit dir, du nennst es böse und es lullt dich in Sicherheit, du giftest und es gibt dir dieses törichte Überlegenheitsgefühl, um es im nächsten Moment zu zertrümmern, es weiß nichts, dessen bist du sicher, und...

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– er könnte noch einmal wertvoll werden. Nein, ich werde keine Vergleiche tätigen (›Literaturnobelpreis für Bob Dylan, das ist ja wie...‹) … keine Vergleiche! Er bekommt ihn und Udo Lindenberg nicht, darin liegt der Skandal. Wer ist Udo Lindenberg? Ah, diese heiß- und kaltgeliebte hundertjährige Nuschelmaschine, an deren grenzdebilen Texten sich die Pickelträger und Staatsratsvorsitzenden eines verflossenen Jahrhunderts labten – did you ever know him? Oh yes, I know him. Udo Lindenberg for president! Ach, er hat keine amerikanische Geburtsurkunde? Sorry, das wusste ich nicht. Muss man das verstehen?

Niemand bestreitet (im Prinzip), dass im syrischen Bürgerkrieg Verbrechen schrecklichen Ausmaßes begangen werden. Niemand bestreitet (im Prinzip), dass alle Seiten an diesem Verbrechensaufkommen beteiligt sind. Niemand bestreitet (im Prinzip), dass der fortgesetzte Bürgerkrieg, wie immer man seine Ursachen und Anfänge beurteilt, ein Verbrechen darstellt, begangen am syrischen Volk, also an den Bewohnern dieses unglücklichen Landes, denen das Leben (und Lebenlassen) wichtiger ist als die Durchsetzung einer abstrakten und bluttriefenden Doktrin. Niemand bestreitet (im Prinzip) die Namen der direkt und indirekt beteiligten Parteien. Niemand bestreitet (im Prinzip), dass dieser Krieg seine Terror-Ableger in die Zentren der westlichen (und östlichen) Welt trägt.

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.