Ulrich Siebgeber - ©LG
Ulrich Siebgeber
Vergessen hilft. Aber nicht wirklich.
 
 

von Herbert Ammon

Das Gedenken an den 11. November 1918, an dem der Waffenstillstand im Walde von Compiègne das Gemetzel des Großen Krieges beendete und doch nur eine Zwischenkriegsphase einleitete, ist erneut Anlass zum Nachdenken über Europa. Die Nachricht, dass Europa sich wieder in einer Krise befindet, könnte man gelangweilt ad acta legen, wären da nicht so viele Zeichen, die ernstzunehmen sind:

von Herbert Ammon

Zweiter Teil

I

Durch eine Serie von Verträgen (von Maastricht 1992 bis Lissabon 2007) – in summa eine Art Ersatzverfassung – scheinen in Europa die alten, in Krieg und Zerstörung ausufernden Antagonismen zum Nutzen aller in Form eines ›Staatenverbundes‹ – eine Wortschöpfung des deutschen Bundesverfassungsgerichts – endgültig aufgehoben zu sein. Auf der Basis eines Wohlstand generierenden freien Marktes sind gemeinsame Institutionen sowie ein europäisches Rechtssystem – und Machtgeflecht – entstanden, die gegründet auf gemeinsame Werte und getragen vom Willen zu Konsens und Kooperation, dauerhaft Frieden und Freiheit in Europa sichern sollen. Von der ungeklärten Lage auf dem Balkan abgesehen, erscheint dieses Selbstverständnis der Europäischen Union zutreffend.

Im Zeichen der Hündin

Sie habe gelitten wie eine Hündin, erklärte die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Katrin Göring-Eckardt, im Spiegel-Interview (21.11.2017) auf die Suggestiv-›Frage‹, ob sie sich nicht über die Kompromissbereitschaft der Grünen in der Frage der Obergrenze für Flüchtlinge geärgert habe: »Beim ›atmenden Deckel‹ in der Flüchtlingspolitik gab es jetzt aber schon viel Gegenwind von grüner Seite.« Nicht geärgert habe sie sich, nein, gelitten hingegen schon: Ärger schlägt Falten, Leid verschönt.

von Kay Schweigmann-Greve

Allein schon die Wahl des Themas für dieses Heft ist verdienstvoll. Selten werden die sozialistischen Strömungen des Zionismus wahr- und ernst genommen. Hier werden sie zum Schwerpunkt des ganzen Heftes gemacht. Jüdische wie nichtjüdische Sozialisten des 19. Und 20. Jahrhunderts hatten ganz überwiegend ein ambivalentes Verhältnis zum Judentum. Während der Einsatz für jüdische Emanzipation und bürgerliche Gleichberechtigung selbstverständlich war und auch eine Mehrheit den Antisemitismus verabscheute, findet sich Sympathie für Projekte jüdischer Selbstbehauptung fast nirgends.

von Herbert Ammon

Erster Teil

I

Um mit all den Widrigkeiten des Lebens zurechtzukommen, bedienen sich die Menschen des psychologischen Mechanismus der Komplexitätsreduktion. Was für die Psychologie gilt, trifft auf andere Weise auf die Welt der Politik zu. In der simpelsten Form begegnet uns das Muster zur Erklärung schwieriger Kausalitäten oder komplexer Problemlagen in Gestalt von Verschwörungstheorien. Als bekanntes historisches Beispiel gilt die von Parteigängern der französischen Konterrevolution zur Erklärung der Revolution bemühte freimaurerische Verschwörung, die wiederum von einigen Adepten bis in die Gegenwart auf die Illuminaten von Ingolstadt, den von dem Kirchenrechtler und Aufklärer Adam Weishaupt (geb. 1748 in Ingolstadt, gest. 1830 als Hofrat in Gotha) anno 1776 gegründeten Geheimbund zurückgeführt wird.

von Gunter Weißgerber

Wie ich den Prozess hin zur Maueröffnung erlebte

Am 21. Januar 1989 verzichteten die ungarischen Kommunisten auf die Führungsrolle ihrer Partei. Am 28. Januar bezeichnete Imre Pozsgay den Aufstand von 1956 als Volksaufstand und am 11. Februar beschlossen die ungarischen Kommunisten die Einführung eines Mehrparteiensystems. Am 3. März unterrichtete Miklós Németh Michail Gorbatschow in Moskau über diese Reformen und teilte ihm endgültig mit, dass Ungarn den Eisernen Vorhang zu Österreich und Jugoslawien abbauen werde. Gorbatschow akzeptierte und ließ damit etwas zu, was Breschnew 21 Jahre vorher mit Panzern niederwalzte.

 von Gunter Weißgerber

Meine Erinnerungen daran

Am 8. Oktober schrieb ich mich in der Michaelis-Kirche am Nordplatz in Leipzig bei Michael Arnold 1989 innerhalb der dortigen Vorstellungsveranstaltung des »Neuen Forums« (NF) ein. Die Stimmung dieser Zusammenkunft war geprägt von den Auseinandersetzungen des Vortages in Ostberlin, Dresden und Leipzig, niemand ahnte den kommenden friedlichen Ausgang der Leipziger Montagsdemonstration des nächsten Tages, dem 9. Oktober 1989.

von Ulrich Schödlbauer

Wer, die Geschichte der Weimarer Republik im Hinterkopf, die heutige Parteienlandschaft, vor allem jedoch die Sitzverteilung im Deutschen Bundestag nach der Wahl vom 24. September 2017 betrachtet, kommt um den bitteren Ausdruck ›Systemparteien‹ nicht herum. Als Parteien des Systems, häufig als ›liberale Ordnung‹ oder ›demokratische Ordnung‹ dieses Landes tituliert, stellen sich im gegenwärtigen Parteienspektrum die vier Parteien der ›alten Bundesrepublik‹ dar, die nach wie vor die Geschicke des Landes bestimmen: CDU/CSU, SPD, Freie Demokraten und Die Grünen. Folgt man ihrer aktuellen Selbstbeschreibung, dann stehen sie seit dem Sommer 2015 in einem heroischen Abwehrkampf ›gegen rechts‹, also gegen die einzige bislang erfolgreiche Neugründung einer Partei auf dem Boden der neuen, um die Länder der ehemaligen DDR erweiterten Bundesrepublik, die AfD.

von Gunter Weißgerber

Der von der Politik gesetzte Rahmen wird immer variabel sein müssen. Denn den Gang der Geschichte können wir nicht voraussehen. Wir können und wollen über die Absichten und Entschlüsse anderer Menschen nicht verfügen, sondern erhalten über sie Aufschluß nur durch Erfahrung und den offenen, unabschließbaren Dialog. Darum bedürfen wir Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten keines fertigen Gesellschaftsmodells. Doch ist es unser Bestreben, soweit als möglich alle entscheidenden Aspekte der gesellschaftlichen Entwicklung in den Blick zu bekommen und angemessen zu berücksichtigen. Deshalb suchen wir die Bedürfnisse und Interessen sowohl der einzelnen als auch der Gesamtheit wahrzunehmen, ihnen zu ihrem Recht zu verhelfen und den Ausgleich zwischen ihnen zu fördern.
(Grundsatzprogramm der SPD in der DDR vom 23. Februar 1990, S. 11)

Siebgeber, sagte ich mir, so geht das nicht, und ich huschte hinaus, die erleuchtete Quadriga über mir und die Pfützen des November unter mir, aufglänzte der Große Stern, der Westen hatte mich wieder… Ein Traum ging mir durch den Kopf, ich hob die Augen empor zur Siegesgöttin, erwartete ihre Flügel zu sehen, die dicken wulstigen Bögen, und da … und da … kein Anblick, keine Erscheinung, eher the real thing: ich sah, zur Säule erstarrt, hoch in den niedrig ziehenden Wolken The Donald aus reinstem Gold, sprühend im Nieselregen, eine Fata Morgana, zweifellos, in meinen Breiten?

von Gunter Weißgerber

1989 gewannen die Ostdeutschen unter historisch einmaligen außenpolitischen Rahmenbedingungen ihre Freiheit. Gorbatschow ließ, anders als im Baltikum, in der DDR die Panzer in den Hangars, und die ostdeutschen Kommunisten fühlten sich plötzlich ganz allein zu Haus. Der Weg vom Ruf ›Wir sind das Volk‹, welcher die Mauer zum Einsturz brachte, zu ›Wir sind ein Volk‹ war geradlinig, ja zwangsläufig. Und er war richtig! An dieser Stelle verweise ich auf meinen Aufsatz Dritter Weg vs. Deutsche Einheit.

von Gunter Weißgerber

1989 gewannen die Ostdeutschen unter historisch einmaligen außenpolitischen Rahmenbedingungen ihre Freiheit. Gorbatschow ließ, anders als im Baltikum, in der DDR die Panzer in den Hangars, und die ostdeutschen Kommunisten fühlten sich plötzlich ganz allein zu Haus. Der Weg vom Ruf ›Wir sind das Volk‹, welcher die Mauer zum Einsturz brachte, zu ›Wir sind ein Volk‹ war geradlinig, ja zwangsläufig. Und er war richtig! An dieser Stelle verweise ich auf meinen Aufsatz Dritter Weg vs. Deutsche Einheit.

Bevor die tobsüchtige Rede vom Intellektuellen-Idioten weiter um sich greift, wie sie ein ›Philosoph und Finanzmathematiker‹ mit popular-publizistischem Drang jüngst in der NZZ skizzierte, sei hier ein kleiner Einspruch gestattet. Besagter Intellektuellen-Idiot, liest man in jenem Artikel, habe vorzugsweise an einer der Universitäten der Ivy League (oder einer ähnlich renommierten Elite-Einrichtung) studiert und den dort gelehrten Halbunsinn für sein weiteres Leben in Think-Tanks, Medien, Universitäten wie ein Löschblatt aufgesogen: Grund genug für den Verfasser, ihm auf immerdar das Vertrauen zu entziehen und auf Leute zu übertragen, die, wie offenbar er selbst, auf einer risikogesättigteren Basis ihr Leben verbringen, umgeben von wirklichen Menschen mit wirklichen Bedürfnissen und wirklichen Problemen in einer wirklichen Welt.

von Ulrich Schödlbauer

Der Ausdruck dishonest – ›unehrlich‹ – hat im US-Wahlkampf, weitgehend unbeachtet vom deutschen Publikum, eine gewisse Rolle gespielt: »These are dishonest people« – so die stehende Wendung, mit der Donald Trump seine speziellen Gegner – die Hillary Clintons Team zuarbeitenden Medienleute samt ihren verborgenen Auftraggebern – bei den eigenen Anhängern markierte. Mit einigem Erfolg, wie man bei der Stimmenauszählung erfuhr.

Einer der hellsichtigsten und verblendetsten Menschen, die je gelebt haben, Friedrich Nietzsche, sah die kommenden deutschen Niederlagen voraus und wollte dabei sein – was ihm mehr oder weniger gelang, als Stachel im Fleisch der Unterlegenen, die doch auch Gewinner sein wollten, und als Stichwortgeber der Wahnsinnigen, die das Land samt seinen und ihren Opfern in den Untergang peitschten. Nietzsches Andenken zerstören wollte die DDR, in einer dialektischen Volte gelang es ihr, sein Werk, durch die Bemühungen der italienischen Herausgeber Colli und Montinari von den Schlacken früherer Vereinnahmungen gereinigt, den interessierten Zeitgenossen mustergültig zu überantworten. So kann es gehen, wenn Denken verfügt wird. Die letzten irregeleiteten Schmuddel-Ururenkel des Philosophen sind womöglich jene Figuren der Nacht und der Internet-Anonymität, die ihren verunglückten Hass auf deutsche Autoritäten in Parolen und Handlungen ausmünzen, auf die der Ausdruck ›ehrlos‹ wahrscheinlich ebenso passt wie das Werkeln des Hufschmieds zum manipulierten Abgasmanagement eines modernen Mittelklasse-Autos.

Sie sind nicht xenophob? Das ist gut, Sie sind ein zivilisierter Mensch, mit Ihnen kann man sich unterhalten. Wie sagten Sie? Sie haben etwas gegen Fremdenhass? Ja sicher, das sagten Sie schon. Es ist Ihnen ein Anliegen? Wem ginge das nicht so angesichts all dessen, was dort draußen abgeht! Sie hassen Fremdenhasser? Nun, Sie müssen sie ja nicht lieben wie sich selbst … das ist gar nicht nötig ... es sei denn, Sie sprechen aus christlicher Nächstenliebe. Dann allerdings…

»Steinmeier außer Rand und Band« (Cicero): – Um es deutlich zu sagen: der Außenminister eines Landes, der den mittlerweile gewählten Präsidenten des Staates, von dem der eigene in allen wesentlichen Lebensbelangen – politisch, militärisch, ökonomisch, kulturell – abhängt, im Wahlkampf öffentlich als Hassprediger attackiert, ihm anschließend die Gratulation zur Wahl verweigert und schließlich im Spiegel-Interview verkündet: »… je eher wir wissen, wer in der neuen amerikanischen Administration außenpolitisch Verantwortung tragen wird, desto eher sind wir - hoffentlich - in der Lage, Anlass zur Sorge zu nehmen«, – ein solcher Außenminister ist angezählt und als Bundespräsident in spe nicht länger vermittelbar.

 von Ulrich Siebgeber

Der amerikanische Wahlkampf ist vorbei, der Karneval ist zu Ende gegangen, nur ein paar Trunkenbolde, die nicht so leicht vom billigen Wahlkampffusel lassen können, ziehen nächtens über Amerikas Straßen und zelebrieren den Hass, gegen den ihre Gehirne so gerne ankämpfen möchten. Doch halt, da gibt es eine europäische Elite, professionelle Leute, wenn das Publikum sie richtig versteht, angeführt von einem unglaublichen deutschen Außenminister, den sein Parteichef angesichts der allgemeinen Renten-Unsicherheit noch schnell ins Präsidentenamt hieven möchte – Leute, die ihr Handwerk von Grund auf verstehen sollten, und sie grölen in der ihnen eigenen Sprache der Distinktion mit: Was passiert da gerade? Rausch? Rendite? Routine? Wenn darin eine Steigerung liegt, dann muss es wohl letztere sein.

Es gibt Formulierungen, die geeignet sind, das Tor zur Erkenntnis zu öffnen. Kürzlich, als nach langem Ringen neue Kredite für Griechenland bewilligt wurden, war von den besonders schwierigen Verhandlungen im Zusammenhang mit Wohnungen und Häusern die Rede, deren Besitzer ›ihre Kredite nicht bedienen‹ können. Man sieht förmlich, wie die Betroffenen vor der Bank ihren Diener machen, sich um Dienstleistungsjobs bemühen oder katzbuckelnd um Senkung der Zinsen bitten, die sie für ihren Kredit zahlen müssen (und für Ersparnisse nicht bekommen würden).

von Peter Brandt

Der Zweite Weltkrieg endete nicht am 8./9. Mai 1945, sondern am 15. August bzw. am 2. September jenes Jahres, als Japan die Waffen streckte. Ob erst der – in jedem Fall mehr als problematische – Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki die Kapitulation des fernöstlichen Kaiserreichs bewirkt (und so auch die erwarteten hohen Verluste einer Invasion Japans sowie eine stärkere Einmischung der Sowjetunion vermieden) hat, oder ob der Tenno bereits vorher gewillt war aufzugeben und es nur noch um die Form ging, ist bis heute strittig.

Zur Überwindung von Sentimentalität beim Betrachten meines Bücherschranks

Das Wetter ist grauslich, also bin ich nicht in die Ausstellung gegangen, habe aufgeräumt und weggeworfen – ein paar alte Programme, Fizzelkram, der auf jeder freien Fläche liegt, Papier, Papier, Papier. Bücher wollte ich auch wegtun, aber das schaffe ich nicht. In die Werke von Bourdieu und all dieser Theoretiker aus Zeiten, in denen noch Weltbilder entworfen wurden, voraussichtlich auch in die von Kant und Hegel werde ich nie mehr hineinschauen … und wie viel Platz diese Wörterbücher, der Grimm, und das Kindler-Literaturlexikon okkupieren!

von Ulrich Siebgeber

... es kommen ja nicht nur Menschen, also Arme, Beine, Köpfe, Bedürfnisse, Arbeitsbegehrende, Konsumbegehrende, Versorgungsbegehrende, es kommen Gedanken, Träume, Überzeugungen, Orientierungen, Absichten, es kommen Sozialstrukturen, Abhängigkeiten, Dispositionen, es kommen Vorder- und Hintergedanken, Vorder- und Hintermänner, liebenswerte, verletzte, hilfsbedürftige Menschen, Vertrauenswürdige, Vertrauensunwürdige, Opfer, Täter, Drangsalierte und Drangsalierer, gegenwärtige, vergangene und zukünftige: das alles will öffentlich bedacht, es will besprochen sein. Wenn Willkommenskultur heißt: Keine Auffälligkeiten, denkt, was ihr wollt, solange ihr euch sorgsam verstellt, dann will das nicht viel heißen, dann rühren sich viele Arme und Beine umsonst, auch das will bedacht sein. Die Sprengsätze, die in Paris gezündet wurden, lassen sich nicht im Feuilleton entschärfen, sie lassen sich auch nicht durch beruhigende Statements wegreden, sie sind mitten in den Köpfen der angespannten Bevölkerung gezündet worden und dort explodiert. Auch das muss bedacht und beredet werden.

von Kay Schweigmann-Greve

Kritidis, Gregor: Wolfgang Abendroth oder »Rote Blüte im kapitalistischen Sumpf«, Karl Dietz Verlag Berlin, 2015, 159 Seiten.

von Herbert  Ammon

I.
Als Willy Brandt im Jahre 1984 unter dem Titel Die Chancen der Geschichte suchen in den Münchner Kammerspielen eine »Rede über das eigene Land« hielt und von der »Wiedervereinigung« als der »Lebenslüge« der Bundesrepublik sprach, rief das in Kreisen der CDU/CSU Entrüstung hervor. Dass seinerzeit auch für den seit 1982 regierenden Bundeskanzler Helmut Kohl die deutsche Frage »nicht auf der Tagesordnung« stand, erregte hingegen kaum Widerspruch. Allgemein war ›Patriotismus‹ – ohne das Habermas-Präfix »Verfassungs-« – in den 1980er Jahren in der Bundesrepublik – nach einem während der »Nachrüstungsdebatte« im Magazin Stern kurzzeitig bejubelten »linken Patriotismus« – zu einem von der classe discutante gemiedenen, geradezu peinlichen Begriff geworden. Allenfalls für parteipolitische Zwecke wurde der Begriff gegen die der ›Kumpanei‹ mit der SED bezichtigten Sozialdemokraten mobilisiert.

von Peter Brandt

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde!

Erlauben Sie, dass ich mich bezüglich der protokollarisch vollendeten Anrede meinem Kollegen Contiades anschließe und nur unseren verehrten Preisträger, den Präsidenten des Europäischen Gerichtshofs, Herrn Professor Vassilios Skouris, direkt anspreche. Auch sonst will ich nicht mehr als unbedingt nötig wiederholen, denn mein Vorredner hat das an dieser Stelle für beide Institute Wesentliche gesagt.

von Dmitrij Belkin

 Dieser Essay ist ein Appell an die jüdische Gemeinschaft Deutschlands und ihre politischen Repräsentanten, mehr Verantwortung für das Land und für die nichtjüdischen Deutschen (sowie für die hier lebenden Nichtdeutschen) zu übernehmen. Dies ist des Weiteren ein Appell, eine gewisse Selbstfixiertheit aufzugeben, welche aus meiner Sicht die heutige Judenheit in Deutschland, sofern man von einer solchen generell sprechen darf, kennzeichnet.

von Katharina Kellmann

Anton Erkelenz (1878 bis 1945) war ein liberaler Gewerkschafter und Parteipolitiker. Nachdem er lange Jahre im organisierten Liberalismus aktiv gewesen war, trat er 1930 zur SPD über. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten zog er sich aus der Öffentlichkeit zurück. Als sozialer Demokrat war er davon überzeugt, dass eine Demokratie nur dann bestehen kann, wenn Freiheit und Gleichheit in einem ausgewogenen Verhältnis stehen.

von Christoph Jünke

Victor Serge: Die große Ernüchterung. Der Fall Tulajew, Frankfurt/M. (Edition Büchergilde) 2012, 448 Seiten.

Die US-amerikanische Schriftstellerin Susan Sontag nannte ihn »einen der faszinierendsten moralischen und literarischen Helden des 20. Jahrhunderts«, ihr Landsmann und Kollege Adam Hochschild »einen der unbesungenen Heroen eines korrupten Jahrhunderts: eine Gestalt von großer politischer Courage und Menschlichkeit«.

– ein unabhängiger Linkssozialismus im geteilten Deutschland

von Peter Brandt

 

Der Ost-West-Konflikt während der viereinhalb Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, insbesondere in der Phase des offenen Kalten Krieges zwischen den späten 40er und den frühen 60er Jahren, hatte die Tendenz, sich alle politischen und sozialen Konflikte unter- bzw. zuzuordnen, auch wenn sie eigentlich gar nicht in das Schema der Blockkonfrontation passten.

von Frank Piegeler

 Ein einzelnes Gedicht kann eine Geste sein, vom Appell bis zur Sezierung der Wirklichkeit – eine Zusammenführung, ein Zyklus von Gedichten zeigt solche Gesten gleichsam am lebendigen Leib, klärt im Gang der Lektüre über das lyrisch-medizinische Werkzeug ebenso auf wie über die Hand, in der es liegt und geführt wird. Die lyrische Geste schält sich heraus, nimmt Gestalt an im Wechselspiel der Töne und des Vokabulars, in ihren Konfrontationen, die – das ist die Chuzpe, die im Schreiben liegt – in ihrer üblichen sprachlichen Ausstattung angekratzt, zweifelhaft erscheinen oder sogar verschwinden können.

von Katharina Kellmann

Diese rhetorische Frage stellte 1971 der damalige Generalsekretär der FDP, Karl-Hermann Flach. Die Streitschrift – so der Untertitel – beschäftigte sich mit Lage der FDP und des organisierten Liberalismus. In dem »grünen Buch« (so die etwas spöttische Bezeichnung der Broschüre, deren Einband ganz in grüner Farbe gehalten war) stellte er Thesen auf, die noch Jahre vorher in der FDP undenkbar gewesen wären.

von Milutin Michael Nickl

Zur Erinnerung an die russische Chemiearbeiterin Schura Lomakina, die 1942 als sogenannte ›Angeworbene‹ ins nordöstliche Oberfranken nach Hof/Saale geholt worden war und deren Spur sich im Spätherbst 1944 abrupt verlor.

von Lutz Götze

Mit der Eroberung Saigons durch nordvietnamesische Truppen und die südvietnamesische Befreiungsarmee am 30. April 1975 endet die auf der Genfer Konferenz 1954 beschlossene Spaltung Vietnams in einen sozialistischen Norden und einen kapitalistischen Süden. Der zweite mörderische Krieg, den das Land im 20. Jahrhundert erleiden musste, war beendet.

von Herbert Ammon

Den 31.Oktober 2011 gilt es als Geschichtsdatum im planetarischen Zeitalter festzuhalten. An jenem Tage, um 23.59 Uhr libyscher Zeit (22.59 Uhr MEZ) endete das  am 17. März d. J. beschlossene UN-Mandat zum Schutz der Zivilbevölkerung in Libyen.

von Lutz Götze

I. Tanz um das Goldene Kalb

Der Goldman-Sachs-Manager Jim O`Neill prägte vor Jahren den Begriff der BRIC-Staaten. Seither werden Brasilien, Russland, Indien und China unter dieser Gruppe zusammengefasst: als neuer Machtfaktor einer multipolaren Welt. Brasilien versteht sich seitdem als neues Schwergewicht nicht nur innerhalb der G20-Nationen. Die Wirtschaft des Riesenlandes hat sich, zumal unter Präsident Lula, rasant entwickelt; die Wachstumsraten sind beeindruckend. Die Finanzeliten verdienen daran immens; allgemein ist eine, wenngleich schwache, Zunahme der Einkommen im Land zu erkennen: Viele Brasilianer reisen, nicht ohne Häme, zum Konkurrenten Argentinien, um dort preiswert einzukaufen. Freilich ist ein Großteil der Bevölkerung, zumal im Norden, vom Wohlstand abgeschieden: In Belem und Iquitos herrschen unverändert Armut, Wassernot und Stromausfall, gibt es schlechte Schulen und heruntergekommene Krankenhäuser.

von Ulrich Siebgeber

Entschuldigen Sie
ist das die Schreiblizenz für Emma
Ich muss mal eben da rein
mal eben zu Emma rein
Ich muss da was klären
mit eurer Oberkatarina
Ich bin ein Schreibpraktikant, ich hab da was in der Hand.

Ein Mail-Wechsel

Jörg Büsching: Die Rückkehr der Brandstifter

Herbert Ammon: Sarrazin und die Zukunft der Deutschen: Die Abwicklung eines ›Falles‹ als Abkehr von der Wirklichkeit

Jörg Büsching an Herbert Ammon am 8. 10. 2010

Sie stellen mich in eine Ecke, in die ich ganz gewiss nicht gehöre. Meine Bedenken gegen die Richtung, in die sich ein, meiner Ansicht nach erheblicher, Teil der deutschen Funktionseliten entwickelt, haben nichts mit der angestrengten Haltung der Political-Correctness-Bewegung linker und grüner Provenienz zu tun. Abgesehen davon jedoch halte ich die Stigmatisierung und Ausgrenzung einer, wie Sie es nennen »moral minority« (für mich nichts anderes als das in den diversen Publikumsforen der großen deutschen Massenmedien grassierende Schimpfwort »Gutmensch«, mit dem mittlerweile nahezu jeder Verweis auf Toleranz und Menschenwürde niedergeschrien wird) für höchst problematisch.

Notizen anlässlich einer Tagung in der Münchner Siemens-Stiftung im November 2007

von Dietrich Harth

Eine alte Mär erzählt, die Vorfahren der mittelamerikanischen Völker aus vorkolonialer Zeit – Olmeken, Maya, Azteken, Mixteken – stammten aus China. Auch wenn es dafür keinerlei Beweise gibt, Narren lassen sich immer finden, die solche gegen gutes Geld aus dem Nichts hervorzaubern. In einem mit Kuriositäten gespickten schelmischen Vortrag ging Gordon Whittaker von der Universität Göttingen diesen angeblich wissenschaftlich seriösen Beweisgängen nach – und kam doch nur zur Erkenntnis, dass Winde und Wellen zwar den altchinesischen Seefahrern hätten nützen können, dass aber außer der einen oder andern Ähnlichkeit im Allgemeinmenschlichen von Evidenzen für die Stichhaltigkeit der alten Mär nicht die Rede sein kann.

von Ralf Willms

Silke Scheuermanns Gedichte in Über Nacht ist es Winter sind zusammenhängend (und zugleich unzusammenhängend) genug, dass sie sich wie ein Text lesen lassen: begünstigt vom Verzicht auf Interpunktion, wenngleich jedes Gedicht übertitelt ist. Die Texte sind gezielt heterogen angelegt und, so mein Eindruck, weisen immer wieder Elemente auf, die ihnen (und dem Leser) wenig Gutes tun. Gedichte und generell gute Kunst, das ist bekannt, beinhalten immer auch einen gewissen Unschärfegrad; die Grenzen etwa zu einer schlechten Positionierung eines ›Gegenstands‹ sind – bei genauerer Betrachtung – nicht unbedingt fließend, sondern können deutlich, sichtbar werden.

von Ralf Willms

Zur Kunst des André Schinkel gehört es, die groben Ströme des Lebens in feingliedrige Wortfolgen zu verlegen, so dass diese im eigenen Ton zusammenspielen. Der kurze Prosatext Quartiere am Stadtrand beginnt: »Oh, es ist gut, sich in den Nächten zu betrinken... gemeinsam mit den nervösen und verschwitzten Kollegen sich betrinken nach der Arbeit und in den von Westen aufkommenden Regen zu starren. An diesen Abenden [...] werden wir beginnen, von den Verheißungen zu träumen, die sich uns tags auf den Steigen und Wegen boten – Schenkel und Brüste und Augen waren da in der leuchtenden Luft. In den Nächten, heißt es, schlagen die Herzen von den Erinnerungen lauter. Nachts sind die Gefängnisse für die gebändigten Glieder geöffnet [...].«

von Peter Brandt

 Die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Diktatur gehört heute, wenig bestritten, zum Kernbestand der nationalen Identität Deutschlands. Zweifellos stellte der Nationalsozialismus für beide deutsche Staaten bis zur Wende von 1989/90 den wichtigsten negativen historischen Bezugspunkt dar. Mit unterschiedlichen Akzentuierungen und Interpretationen war die Zeit zwischen 1933 und 1945 stets präsent, Politik und Gesellschaft definierten sich geradezu mit Bezug auf die Negativfolie des Dritten Reiches. Auch im wiedervereinigten Deutschland ist von einem Ende dieser permanenten Konfrontation nichts zu spüren, im Gegenteil, der vor zwei Jahren begangene 60. Jahrestag des Kriegsendes hat in der politischen und medialen Öffentlichkeit eine Fülle von Gedenkveranstaltungen, Buchveröffentlichungen und Filmdokumentationen mit sich gebracht, die sich mit der Zeit des Nationalsozialismus beschäftigen.

von Ulrich Schödlbauer

Meinungsführerschaft

Begriffe der Kultur sind am Erleben geformt. Die lange Dauer ist die Zeitform der unmerklichen Prozesse, die sich an signifikanten Lebenspunkten als 'Stich' oder 'Schock' bemerkbar machen. Die Empfindung des Alten, das einen - entgegen dem, was das 'Bewusstsein' sagt - nie verlassen hat, findet darin ebenso Platz wie die Unwiderrufbarkeit des Neuen: So bin ich und so bin ich geworden. Entsprechend lautet die Formel für Kultur: So sind wir und so sind wir geworden. An diesem 'Wir' entzündet sich der Streit - wer sind wir und wer sind die anderen? Das sieht jeder anders. Kultur ist ein Pluriversum. Gruppen oder Cliquen, die einen langen Weg zusammen gegangen sind, bevorzugen daher die Formeln Wir haben das gemacht oder, noch giftiger: Das haben wir gelernt. Kultur ist aber keine Gemeinschaft von Lernern. Sie ist nicht beherrschbar. Daher treten Generationen ab, nicht Lernstände. Der Versuch, durch Rekrutierung Willfähriger 'Meinungsführerschaft' über den eigenen Abgang hinaus zu sichern, ist Barbarei. Dabei ist er immer noch redlicher als das zynisch-kopflose Unterfangen, durch Komplettübergabe einer Sache, die niemandem gehört, an die Haifischwelt die eigenen Pensionen zu sichern.

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.