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Kategorie: Identitäten

von Ludger Volmer


Die letzten internationalen Klimakonferenzen waren total enttäuschend. Diese Wertung teilen weltweit alle, die sich seit Jahren immer sorgenvoller um die Entwicklung des Weltklimas kümmern. Aber warum werden diese gescheiterten Konferenzen als so bedrückend wahrgenommen, da doch Konferenzen oft mit magerem Ergebnis enden?


Manche tun Klimakonferenzen ab mit der Bemerkung, sie seien nur weitere Beispiele für die Unfähigkeit von Politikern, komplexe Probleme zu lösen. Oder zugespitzt: sie seien der Beweis für die Unfähigkeit von Politik überhaupt. Man solle lieber auf die Wirtschaft setzen statt auf die Politik, wenn es um die Entwicklung der Menschheit geht.

Ich glaube, dies ist eine fatale Fehleinschätzung. Bei der Klimafrage geht es nicht um eine beliebige politische Problematik. Es geht um die grundsätzlichste Frage, die sich die Menschheit stellen kann: Die Frage nach ihrem eigenen Überleben auf dem einzigen Planeten, den zu bewohnen sie in der Lage ist. Sie wurde vor etwa vierzig Jahren aufgeworfen und entwickelte sich zu einem ganzheitlichen Ansatz politisch-ökologischen Denkens. Diese ›Gattungsfrage‹ befasst sich mit den natürlichen Voraussetzungen menschlichen Seins. Sie bezeichnet nicht ein Problem, das einzelne Gruppen, Klassen oder Individuen tangiert. Sie bezeichnet das Problem, das die Menschheit als ganze betrifft. Sie befasst sich mit der natürlichen Umwelt, die notwendig ist für die biologische und soziale Spezies, die sich selbst Homo sapiens nennt. Sapiens – wie: »weise«. Kann dieses Lebewesen, das wir so lieb gewonnen haben, langfristig auf der Erde überleben oder arbeitet es selber mit Nachdruck daran, seine eigenen Existenzbedingungen zu zerstören?

Wenn es überleben will - so müssen wir uns politisch fragen -, was muss es dann tun, um seine eigene Lebensform mit den natürlichen Bedingungen der eigenen Existenz in Übereinstimmung zu bringen und um innere und äußere Natur zu harmonisieren? Wie muss der Mensch produzieren, Handel treiben, konsumieren, kurz: seinen Stoffwechsel mit der Natur organisieren, um in Übereinstimmung mit seiner natürlichen Umwelt zu bleiben und dabei auf alle Zeiten seine Existenzgrundlage zu sichern?

Bis vor kurzer Zeit gab es starke Kräfte, die diese Frage einfach vom Tisch wischen wollten. Der Klimawandel wurde geleugnet, die Katastrophenszenarien wurden lächerlich gemacht. Im besten Falle dachte man darüber nach, mit welchen Ausweichbewegungen die Menschheit reagieren könne, wenn es auf der Erde eng würde - vielleicht Richtung Mond, Mars oder unentdeckte Planeten. Die Zeit der Verdrängungen ist heute vorbei. Dennoch scheint keine energische Lösung des Problems in Reichweite. Aber warum eigentlich nicht?

Der Hauptgrund für die Unfähigkeit, eine angemessene Lösung zu finden, liegt meines Erachtens in den Interessen bestimmter gesellschaftlicher Gruppen und Schichten. Wie aus der sozialpsychologischen Forschung zum Gemeinwohlverhalten von Individuen bekannt ist, schließen sich die allermeisten Leute zwar gern abstrakt und unverbindlich einer ethischen Norm an, die da sagt, jeder müsse einen eigenen Beitrag zur Gestaltung des Gemeinwesens leisten. Jeder aber wartet auch darauf, dass der Andere den größeren und schnelleren Beitrag erbringt und hofft, auf diese Weise selbst mit geringeren Kosten davon zu kommen. Ob dieses Verhalten in der menschlichen Natur liegt oder Ausfluss einer hochstilisierten Konkurrenzideologie ist, das mögen Anthropologen beurteilen. Sicher ist, ein solches Verhalten führt, bezogen auf die ›Gattungsfrage‹, in den Untergang, über Kurz oder Lang.

Welche Interessen und Einstellungen stehen denn eigentlich gegen die Lösung der ›Gattungsfrage‹? Ich sehe vier große Komplexe:
Erstens: das Selbstverwertungsinteresse des Kapitals
Zweitens: die unmittelbaren Lebensängste der kleinen Leute
Drittens: ein unvernünftiges Massen- und Elitenbewusstsein
Viertens: Steuerungsprobleme der Politik.

Kapital

Wo liegt die Verantwortung des Kapitals? Kapital ist per Definitionen sich selbst verwertendes Geld, Geld, dessen Funktion es ist, sich selbst zu vermehren, egal mit welchen Mitteln. Der Selbstverwertungsprozess des Kapitals ist zunächst blind gegenüber der stofflichen Seite des Wirtschaftens. Es interessiert ihn nicht, welche stofflichen, energetischen, finanziellen und menschlichen Ressourcen einbezogen, ob sie überstrapaziert und geschädigt werden; ihn interessiert nur, dass quantitative Vorgaben erfüllt werden, die Zahlen immer besser ausfallen und die Kapitalakkumulation beschleunigt wird. Es wird in der Theorie unterstellt, dass dieser Prozess zugleich immer mehr Wohlstand für immer mehr Menschen brächte. In der Wirtschaftslehre wie der Gesellschaftspolitik hat sich deshalb ein festes strategisches Ziel durchgesetzt: das pauschale und globale Wirtschaftswachstum. Es wird verstanden als unversiegbare Quelle für Fortschritt und Entwicklung. Jedoch, angesichts der heraufziehenden ökologischen Krise ist dieses Paradigma mehr als fragwürdig.

Denn eine globale Strategie des pauschalen Wachstums ist im Prinzip unvereinbar mit dem ökologischen Denken. Eine Wachstumsstrategie will möglichst viel Stoffliches verwerten. Politische Ökologie dagegen will genau das verhindern. Das erste Grundgesetz der ökologischen Politik bzw. der politischen Ökologie lautet: pauschales Wachstum darf kein vorgegebenes Ziel der Volkswirtschaft sein. Die Annahme, pauschales Wirtschaftswachstum würde ein Mehr an Lebensqualität für die Menschen bedeuten, geht in die Irre. Denn in die Wachstumsrechnung gehen nicht nur produktive, wertschöpfende wirtschaftliche Prozesse ein, sondern auch deren Gegenteil: Zerstörung und Wiederaufbau. Die Produktion von Co² z.B. ebenso wie die Reparatur von Schäden, die durch dessen Emissionen entstanden sind. Je mehr Katastrophen, desto höher die Wachstumsrechnung. Eine solche volkswirtschaftliche Gesamtrechnung ist nichts als perverse Mathematik.

Ähnlich liegen die Dinge in der Betriebswirtschaft. Die Konkurrenz zwingt die Unternehmen zu Strategien, die oft ohne Rücksicht auf die Umwelt versuchen, die Zielmarken der eigenen betriebswirtschaftlichen Wachstumskalkulation zu erreichen. Viele Unternehmen versuchen zwar, umweltbewusster und nachhaltiger zu produzieren, stoßen dabei aber regelmäßig an die Grenze, die durch den Zwang zum Vergleich mit Wettbewerbern entsteht.

Werfen wir beispielsweise einen Blick auf die Automobilindustrie. - Lange hat sie sich gegen jegliche Einsicht in die Notwendigkeit gesperrt, umweltgerechte Autos bauen zu müssen. Sie war – im Bunde mit der Ölindustrie – die Speerspitze im Kampf gegen den Klimaschutz. Je mehr Ressourcen verbraucht wurden, desto höher die Rendite. Seit kurzem nun findet, von Politik und Verbrauchern erzwungen, eine Konkurrenz statt, die auf den ersten Blick positiv erscheint, die um eine Reduzierung des Benzinverbrauchs und der Co² Emission. Und in der Tat: ein grünes Auto ist alle Male besser als eine Dreckschleuder. Aber es gilt auch: weniger grüne Autos wären besser als mehr grüne Autos. Dieser Punkt zeigt das Dilemma der Unternehmen: sie müssen zwar umweltpolitische Überlegungen aufnehmen. Was sie hier an Verbesserungen der Qualität schaffen, machen sie wieder zunichte durch Ausweitung der Quantität. Um in der Konkurrenz zu bestehen, müssen sie möglichst viele ihrer Autos auf den Markt bringen. Oder aber: wenn der Markt fast gesättigt ist, versucht man, jeder Person statt einem anderthalb Autos zu verkaufen, SUVs für die Großstadt. Ein SUV mag noch so optimiert sein, was den Co² Ausstoß und den Spritverbrauch angeht, die größere Masse verbraucht mehr Betriebsenergie, Herstellungsenergie, Recyclingenergie als eine kleinere es täte. Die ökologischen Kosten der Raumnutzung in verstopften Städten und des Fahrstils auf den Straßen nicht eingerechnet. Und was soll man von einem Unternehmen halten, das sich plakativ und PR-trächtig Nachhaltigkeit auf die Fahnen geschrieben hat, seinen Mitarbeitern aber freistellt, sich ihren Firmenwagen selbst auszusuchen? Mit der Folge, dass man rudelweise scheinbar schicke Dinosaurier auf der Straße findet.

Arbeit und Armut

Kommen wir vom Kapital zur Arbeit und zu den ärmeren Menschen. Wer morgens beim Aufstehen nicht weiß, wie er den Tag lang seine Kinder durchfüttern soll, wer nicht weiß, wie er die Miete aufbringen soll und die Heizkosten, wer Angst hat um seine Erwerbsperspektive, wer vielleicht aus Bildungsmangel, vielleicht aus Engstirnigkeit nicht gelernt hat, sich mit komplexen Problemlagen rational auseinander zu setzen, der denkt den ganzen Tag über an alles Mögliche, aber nicht daran, wie er die Umwelt entlasten kann. Ärmere Schichten beteiligen sich nur dann an der Lösung der gesellschaftlichen Probleme, wenn ihre unmittelbaren eigenen Schwierigkeiten mit gelöst werden. Das gilt national wie international.

Jahrelang haben die Industrieländer ihr eigenes Wirtschafts- und Konsummodell anderen Ländern als Archetypen für nachholende Industrialisierung vorgehalten. Heute wissen wir, wenn alle Länder dem westlichen Produktions- und Konsummodell folgen würden, dann wäre der Globus bald ökologisch total überlastet. Wir haben bei Klimaverhandlungen erlebt, wie die Entwicklungsländer von den Industrieländern finanzielle Kompensation dafür verlangt haben, dass sie bei der Armutsbekämpfung nicht den gleichen Raubbau an den Ressourcen betreiben, wie die Industrieländer es ihnen bei ihrer Wohlstandsentwicklung vorgemacht haben.

Es ist deshalb nur recht und billig, wenn Entwicklungsländer verlangen, dass ihr Verzicht auf einen ähnlichen Lebensstil und eine vergleichbare Produktionsweise von den Industrieländern vergolten wird. Dies ist nicht nur ein ethischer Imperativ, eine Frage der Gerechtigkeit, sondern auch ein Kalkül der Vernunft. Denn ein Land, dessen Bevölkerung ums Überleben kämpft, hat so unmittelbare Sorgen, dass Zukunftsprobleme nicht richtig wahrgenommen, geschweige denn effektiv angegangen werden können. Wenn es zu einer globalen ökologischen Verantwortungsgemeinschaft kommen soll, ist ein verhandelter Interessenausgleich zwischen Nord und Süd, der die Handels-, Finanz- und Investitionspolitik umfasst, unausweichlich. Richtig ist aber auch, dass all den Eliten in den Dritte-Welt- und Schwellenländern, die finanzielle Unterstützung aus dem Norden fordern, auferlegt werden muss, dass sie über gute Regierungsführung und Transparenz der internationalen Gemeinschaft nachweisen müssen, dass die zugewendeten Mittel ökologisch verantwortlich verwendet werden.

Auch in unseren westlich-industriellen Gesellschaften ist die eigene prekäre Lage für viele Menschen drängender als die Rettung des Globus. Dies kann zu zynischen Haltungen führen: ›Wenn ich schon nichts zu beißen haben, dann sollen alle anderen auch untergehen.‹ Daraus kann man nur einen einzigen Schluss ziehen: Die ökologische Frage, die ›Gattungsfrage‹, ist nicht zu beantworten ohne Lösung der sozialen Frage. Nur wenn die ärmeren Schichten von ihrer unmittelbaren Lebensnot befreit werden, haben sie die Handlungsfreiheit, sich für eine gemeinsame ökologische Politik einzusetzen. Dafür nämlich braucht man nicht nur kluge Intellektuelle und aufgeklärte Wissenschaftlicher, sondern eine gesellschaftliche Mehrheit, ein Massenbewusstsein, das auf entsprechende politische Entscheidungen drängt.

Massenbewusstsein

Zu Beginn der Ökologiebewegung wurden die Aktivisten verhöhnt und verächtlich gemacht. Die Grünen galten als zottelige Müslifresser, als kleine, spinnerte Subkultur von Waldschraten. Und in der Tat, viele isolierten sich von der Gesellschaft. Wer alle ökologischen Standards 100-prozentig persönlich umsetzen wollte, lief Gefahr, bald zu einer Art von mittelalterlichem Kleinbauern zu werden. Zudem wollten die meisten Mainstream-Menschen nicht dauernd konfrontiert werden mit selbsternannten Heiligen, die ihnen die eigene ökologische Unzulänglichkeit vor Augen führten. Ob diese Einschätzung berechtigt war, sei dahingestellt. Aber die Burleske einiger weniger Ökos darf nicht als Alibi herhalten für den Mainstream, seinen Lebensstil nicht ändern zu müssen. Mir scheint, wenn die Mehrheit der Leute ihr Umweltverhalten um 50 Prozent verbessert, hat dies positivere Auswirkungen, als wenn einige Wenige alles 150prozentig tun. Und siehe da, vieles vom einst verlachten alternativen Leben gehört bereits zum ›Lifestyle‹ des Mainstreams! Gesundes Essen zum Beispiel als Alternative zu pampigen fleischüberladenen Cheeseburgern mit Chips.

Das individuelle Verhalten muss sich ändern. Aber die Frage ist, ob als Voraussetzung oder als Folge ökologischer Politik. Es nutzt beispielsweise nichts, wenn ich persönlich – um Energie zu sparen - in meiner Wohnung sommertags die Klimaanlage nur auf 23 Grad herunter reguliere, nebenan im Büroturm aber die 18 Grad erreicht werden müssen, damit die Geschäftswelt sich in Anzug und Krawatte darstellen kann. Wenn sie den Vorwand dafür bilden, Energie verschwenden zu dürfen, wandeln sich Anzug und Kostüm, die Symbole für Seriosität und Professionalität, zum Ausweis von Verantwortungslosigkeit.

Die Frage der persönlichen Lebensstile stellt sich anders: wenn Politik einen neuen, ökologischen Rahmen für das Wirtschaften setzt, wenn Abschied genommen werden muss vom quantitativen Wachstumsdenken auch was die eigenen materiellen Güter angeht, von der Konsummaximierung, dann wird dies in der Konsequenz Auswirkungen auf die Lebensstile haben. Auf die privaten, wie auf die öffentlich zur Schau gestellten. Die gesellschaftliche Akzeptanz wird sich wandeln. Statussymbole, die heute immer noch als Ausweis für Erfolg, Position und Renommee gelten, Statussymbole, die aus dem materialistischen Denken stammen, gälten als lächerlich, geradezu als asozial.

Die Konsequenz für das eigene Leben hieße zu akzeptieren, dass Abstriche von einem bis ins Wahnhafte gesteigerten Konsumismus und der vergleichenden Protzerei gemacht werden müssen. Hier soll keine Armutsethik vertreten werden, genauso wenig wie der plumpe Spruch: ›Reichtum für alle‹ haltbar ist. Wohlstand und eigenes Wohlempfinden werden nicht allzu sehr sinken, wenn man dem alten ökologischen Grundsatz folgt: small is beautiful, auf neudeutsch: ›downsizing‹. Das Auto eine Nummer kleiner, die Heizung ein Grad herunter drehen, statt der Standby- die Austaste bedienen, öfter mit Zug oder Bus statt mit Flugzeug oder Auto reisen, das Handy alle zwei statt jedes Jahr auswechseln – solche Manöver werden uns nicht umbringen. Wir werden Abschied nehmen müssen von Statussymbolen, nicht als Konsequenz einer Verzichtsethik, sondern als notwendige Folge einer ökologisch ausgerichteten Wirtschaft. Postmaterielle Werte werden materielle Werte ersetzen.

Auch die Leitbilder und Idole müssen sich ändern. Das materialistische Denken des Neoliberalismus hat das »Nutzen maximierende Wirtschaftssubjekt« zur Leitfigur erhoben, an nichts anderem interessiert als an persönlichem materiellem Gewinn. ›Geld machen, Konsum maximieren‹ lautet dessen Devise. Auf Menschen, die nicht-materielle Güter bevorzugen, wird süffisant und arrogant hinabgeschaut als solche, die – wie es verächtlich heißt - »an ihrer menschlichen Vervollkommnung arbeiten«. Aber die Kaste, die sich als Elite sieht, die die Standards der Businesswelt als allgemeine Standards setzen will, ist dieselbe, die mit ihrer Selbstsucht und Unvernunft die Weltwirtschaft an den Rand des Abgrundes getrieben hat. Wann endlich werden stattdessen diejenigen Personen als Elite und Leitfiguren anerkannt, die Gesellschaft als Verantwortungsgemeinschaft sehen? Es wird Zeit, den Begriff der Elite neu zu definieren!    

Politik

Die Politik hat Steuerungsprobleme. Ob die Parteien, ob die Führungsstrukturen, ob die Institutionen, die zu einer Zeit des allgemeinen industriellen Aufschwungs und des pauschalen Wachstumsdenkens entstanden sind, in der Lage sind, eine andere Wirtschaftsform zu organisieren, das ist die große Frage. Wer da aber meint, es müsse weiter dereguliert werden, die Politik müsse sich raushalten, weil die Ökonomie die Menschheitsprobleme löst, dem muss bescheinigt werden, dass er sich höchstens mit den Problemen von gestern befasst. Die Zukunftsprobleme der ökologischen Dimension sind nur lösbar durch die Intensivierung eines Prozesses, den man Politik nennt, durch mehr Regulierung und mehr internationale Regimes.

Um eine Situation zu vermeiden, in denen die Politik plötzlich mit Notstandsgesetzen reagieren muss, weil ökologische Krisen Katastrophen nach sich ziehen, Migrationsströme, bewaffnete Konflikte – gerade deshalb ist es nötig, dass sich die unterschiedlichen Interessengruppen und gesellschaftlichen Schichten auf einen gemeinsamen normativen Rahmen und ein Set von Instrumenten verständigen. Das ist nicht nur eine Frage von Umwelt-, sondern auch von Sicherheitspolitik. 

Ich selber gehöre zu einer Gruppe, die in den späten 1980er Jahren vorgeschlagen hat, einen neuen Gesellschaftsvertrag über ökologische und soziale Solidarität zu verabreden, seit einiger Zeit neu diskutiert unter dem Begriff ›Grüner New Deal‹. Es geht um einen bewussten Interessenausgleich zwischen den wohlhabenden und den ärmeren Schichten unserer Gesellschaft. Einerseits muss die soziale Frage gelöst werden. Weil diese Aufgabe nicht durch pauschales Wachstum und die Verteilung von Wachstumsgewinnen finanziert werden kann – aus ökologischen Gründen ist dies nicht wünschenswert –, kann sie nur durch Umverteilung des existierenden Reichtums bezahlt werden. Das bedeutet höhere Belastungen für die wohlhabenden Leute beispielsweise durch höhere Einkommens- und Luxussteuern. Über die Besteuerung von Umweltgütern können öffentliche Mittel für arbeitsplatzschaffende Investitionen in eine ökologische Infrastruktur gewonnen werden und für die Subventionierung der Rentenkassen zur Entlastung der Arbeitskosten. Billiger ist die Lösung der Ökologie- und damit der ›Gattungsfrage‹ nicht zu haben.

Andererseits wollen die Mittelschichten und reicheren Leute Garantien für  ihre Lebensqualität haben, für frische Luft, klares Wasser, unverseuchte Böden, Freiheit und Frieden – Werte, die im Prinzip auch von den ärmeren Gruppen geteilt werden. Wenn deren Existenzprobleme durch die beschriebene soziale Umverteilung reduziert werden, dann erst sind sie frei, die bürgerlichen Schichten bei der Rettung des Planeten und der Bewahrung der natürlichen Lebensgrundlagen zu unterstützen. Auf diese Weise werden auch die großen Hoffnungen der Wohlhabenderen erfüllt. Das ist deren Vorteil aus dem Deal. Es gibt wohl keinen billigeren Weg, eine Lösung für die Existenzfrage der menschlichen Gattung zu finden.

Wir erleben seit Jahren einen Boom an Umwelttechniken. Saubere und erneuerbare Energien zu erzeugen statt fossile und atomare Brennstoffe zu nutzen, ist ein herausragendes politisches Ziel. Längst hat sich hier ein Wachstumsmarkt entwickelt. Deutschland gehört zu den führenden Kräften. Aber eine Umwelttechnik, die der Wachstumsideologie nur hinzuaddiert wird, ist letztlich nicht die Lösung. Wachstum darf nicht als vorgegebene Zielmarke des Wirtschaftens definiert werden, es kann nur Konsequenz einer richtigen Politik sein, die versucht, die ökologische und soziale Balance zu halten. Wirtschaftsstrategien, die Ausbeutung von Mensch und Natur vorantreiben, um ihre Zahlen und Daten zu verbessern, sind das Problem, nicht die Lösung. Wenn wir einerseits erneuerbare Energien entwickeln, muss der Markt für fossile Energieträger schrumpfen. Wachsen und Schrumpfen – wir brauchen politische Zielvorgaben als Rahmen auch für private Wirtschaftsstrategien. wie der »Club of Rome« bereits vor fast 40 Jahren forderte, als er die »Grenzen des Wachstums« entdeckte.

Aus all dem ergibt sich für mich, dass die Begriffe Fortschritt und Reichtum neu definiert werden müssen. Wirtschaftsindikatoren wie das Bruttoinlandsprodukt oder die Exportquote, die die Ideologie quantitativen Wachstums als vorgegebenes Ziel ausdrücken, sind historisch überholt. Andere Indikatoren, wie der von der UNO favorisierte Indikator zur menschlichen Entwicklung, scheinen sinnvoller zu sein. Auch hier liegen die reichen Industrieländer des Nordens vorn. Aber die Zahlen korrelieren nicht völlig mit der Wirtschaftskraft. Die USA etwa, das Land mit dem bei weitem höchsten Energieverbrauch pro Kopf, rangiert nur auf Platz 13 bei der menschlichen Entwicklung. Energieverbrauch scheint also nicht der Schlüssel zum Glück zu sein. Der UNO-Index, so fortschrittlich er ist, bildet jedoch nicht ab, inwieweit die Armut der einen mit dem Reichtum der andere sowie Lebensqualität mit Umweltqualität zusammen hängen.

Werfen wir einen Blick zurück: Im »Stabilitäts- und Wachstumsgesetz«  der 1970er Jahre in West-Deutschland wurde ein Gleichgewicht von Wachstum, Beschäftigung, Haushaltsstabilität und Zinsniveau verlangt. Die natürliche Umwelt spielte gar keine Rolle. Dies war einer der Hauptgründe für das Emporkommen einer grünen Partei. Ähnlich war es in der neoklassischen Produktionsfaktorentheorie. Neben Kapital und Arbeit galt die natürliche Umwelt lediglich als beliebig und billig auszubeutende Ressource. Seitdem ist die Erkenntnis gewachsen, dass auch die Natur ihren Preis haben muss. Das Kyoto-Protokoll versuchte den Handel mit Co² -Zertifikaten zu initiieren. Ökosteuern in europäischen Staaten versuchen etwas Ähnliches. Es gibt also ein paar Anfänge der In-Wertsetzung von Natur. Aber wo ist die Wirtschaftstheorie, die Natur und Umwelt wirklich integriert, eine ganzheitliche Theorie, die auf die Qualität menschlichen Lebens reflektiert statt auf quantitative Rechnungsgrößen. Einem Vorschlag und dem Druck von Grünen und Umweltaktivisten folgend, hat der Deutsche Bundestag vor einigen Wochen eine Enquetekommission eingerichtet, die versuchen soll, qualitative Indikatoren zu entwickeln, die in der Lage sind, die BIP-Rechnung zu ersetzen – ein bedeutender Schritt nach vorn.

Meine Schlussfolgerung aus all dem lautet:
Wir müssen die Begriffe Wachstum und Entwicklung streng unterscheiden. Sie bedeuten nicht dasselbe. Nehmen wir Abschied vom Begriff des quantitativen Wachstums und diskutieren wir über einen neuen Begriff qualitativer Entwicklung.

Dies ist mein Vorschlag. Die generelle Formel könnte lauten:

Wir wollen
gemeinsam
daran arbeiten,
Lebenschancen und Lebensqualität
aller Menschen und Völker
unter Beachtung der ökologischen Belastbarkeit unseres Globus
auf möglichst hohem Niveau
anzugleichen.


In diesem qualitativen Entwicklungsbegriff spiegelt sich das Projekt eines ökologischen Humanismus, des »Grünen New Deals«. Es nimmt die Erkenntnis von den Grenzen des Wachstum auf und die Idee des ökologisch-solidarischen Gesellschaftsvertrags, zudem die nationale wie die internationale Dimension. Auch wenn er abstrakt klingt, er enthält regulative Ideen, die unmittelbar politisch-praktisch werden können. Und auch wenn seine Ansprüche sehr hoch klingen: ich fürchte, wenn wir uns nicht in eine solche Richtung bewegen, wird die ›Gattungsfrage‹, die Frage des Überlebens der Menschen auf der Erde, nicht zu lösen sein. Das wäre schade; denn wir Menschen sind eigentlich erstaunliche und liebenswürdige Geschöpfe.

 

Rede an der Harvard Universität, 19. Februar 2011
(aus dem Englischen zurück übersetzt)

Volmer Ludger

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