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von Ulrich Schödlbauer

Zum ersten Mal, soweit ich zurückdenke, bin ich aus einem Levitationstraum erwacht. Offenbar befand ich mich auf einer Gerüst-Plattform von der Art, wie sie Maurer benützen (undeutlich glaube ich mich zu erinnern, dass es an der Berliner Mauer eine Besucherplattform gab, von der aus man als West-Tourist, ebenso gleichgültig wie misstrauisch von einem DDR-Grenzposten aus nächster Nähe beäugt, in den Ostteil der Stadt blicken konnte), und plötzlich war die Plattform weg. Ich stand dort noch eine Weile in der Luft herum, unschlüssig, wie die Situation zu Ende gebracht werden könne. Irgendwann hatte ich wieder Boden unter den Füßen und bemerkte ein gewisses journalistisches Interesse an meinem Fall. »Sieh an«, dachte ich, »es gibt sie also noch, die Westpresse.« Und zweifelnd kehrte ich in die andere Wirklichkeit aus Reichstagstreppensturm und Reichsbürgerflaggenparade zurück.

Sieh einer an, es gibt sie noch, die westdeutsche Provinz – so mein (und nicht nur mein) Empfinden angesichts der Berliner ›Querdenken‹-Demonstrationen vom ersten und neunundzwanzigsten August. Auch diejenigen, die gern Nichtwissen vorschützen, wissen ganz gut, dass draußen im Lande, West wie Ost, kein Mangel an großen und kleinen Demonstrationen gegen das herrscht, was als ›Corona-Regeln‹ gegenwärtig den Stand der Regierungskunst dokumentiert, mit einer kleinen Extra-Grillwurst in Bayern, wo offenbar Vorschriften und Versammlungsverbote fabriziert werden, als habe sich, nach Jahrzehnten seligen Schlummers, der kantige Geist des Franz Josef Strauß persönlich in der Staatskanzlei zurückgemeldet: Ich sage nur: Corona, Corona, Corona. So jedenfalls scheint es der FDP-Abgeordnete im Bayerischen Landtag, Helmut Markwort, wahrzunehmen, mit 83 Jahren rein altersmäßig ein Vertreter der alten Bundesrepublik par excellence, der dieser Tage den Machtanspruch des bayerischen Ministerpräsidenten im Bund mit ähnlichen Worten zurückwies wie einst, in der Frühzeit der Republik, Rudolf Augstein denjenigen des großen Vorsitzenden: »Ich bin nicht für Söder als Kanzlerkandidat. Weil ich seine autoritäre Art nicht mag. Der schreibt ja seinen Abgeordneten bei uns im Landtag sogar vor, mit wem sie Kaffee trinken dürfen und mit wem nicht. Das ist zutiefst illiberal.« (https://www.reitschuster.de/post/focus-gruender-markwort-stoppt-soeder/)

Die Sache mit dem Kaffee hat mich überzeugt. Gern hätte ich gewusst, ob sich das Verdikt aus der Staatskanzlei auch auf kalten Kaffee erstreckt. In diesem Fall… Allerdings: Wer kann einem Land schon gefährlich werden, dessen politische Institutionen mauern, sobald die Rede auf jene Bewegung kommt, die, was man der Bevölkerung tunlichst verschweigt, in der Sache – der Hauptsache, um genau zu sein – von abspenstigen Medizinern getragen wird, sich also gerade aus dem Teil der Bevölkerung speist, der rein beruflich daran gewöhnt ist, Tabellen und Hinweise auf infektiöses Geschehen aus offizieller Quelle, etwa der des Robert-Koch-Instituts, zweckdienlich auszuwerten, mit deren Anblick die führenden Medien noch immer einen Gutteil der Bevölkerung in Schreckstarre halten, während die Politik wenig Zweifel daran lässt, dass sie gewillt ist, den rationalen Diskurs mit dem aufmüpfigen oder auch nur bohrende Fragen stellenden Teil der Bürgerschaft auf Biegen und Brechen zu verhindern (ein Modell des Umgangs mit dem Souverän, das inzwischen eine umfangreiche kritische Literatur hervorgetrieben hat, mit einem phantastischen Zweig als Anhang, das mag wahr sein, aber auch das argwöhnische Gemüt will in diesen Tagen auf seine Kosten kommen)? Die Vielen, die längst auf Plattformen wie der des informellen Corona-Ausschusses (https://corona-ausschuss.de/) zu Hause sind und hellhörig den Interview-Sprachtänzen der Experten folgen, begreifen, welch umfassendes Wissenskapital hier fahrlässig in den Wind geschlagen wird – vom Diskussionsangebot ganz zu schweigen –, und ziehen daraus ihre Schlüsse.

Der hitzige Kampf um Deutungshoheit ist, wie ebenfalls alle seit Jahren wissen, nicht zuletzt ein Kampf der Mediensparten – der hergebrachten Printmedien und generell der angestellten Profi-Schreiber auf der einen, der ›alternativen‹YouTuber in diesem Fall und einer sie ergänzenden Social-Media-Szene auf der anderen Seite. Die ›schöne‹, einst der Erhellung der Gemüter dienende Literatur kommt, wie jedes Mal, wenn das Land der Dichter und Denker in Schockstarre versinkt, in diesem Mix nicht mehr vor. Ganz selbstverständlich bedienen sich die Kritiker des Corona-Kurses der ›alternativen‹ Werkzeuge (und erhalten Unterstützung aus der entsprechenden Szene, deren gesellschaftliches – und spezifisch mediales – Gewicht dadurch ›exponentiell‹ wächst). Das lässt vergleichbar tief blicken wie die anhaltende ökonomische Abwärtsspirale der ›Leitmedien‹. Sie sind Nichtleiter geworden, die Leitmedien, allenfalls verleiten sie ihre Abnehmer zu falschen Annahmen darüber, wie die Gesellschaft tickt. Die Überzeugung, sie seien zu Gehorsams-Instrumenten des Staates beziehungsweise seiner temporären Machtinhaber abgesunken, ist mittlerweile in den Köpfen der ›breiten Masse‹ fest verankert und hat ihnen eine neue Aufgabe eingetragen: Sie vermitteln den aktuellen Stand des Doublespeak, des ›Zwiesprechs‹, an alle, die, am Arbeitsplatz und überhaupt, um Reputation, Fortkommen oder Kundschaft fürchten müssten, verfügten sie bloß über das eigene Mundwerk und müssten reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Das ist, Gott und der Panikbranche sei Dank, nicht der Fall. Wobei den Ängstlichen der Zwiesprech ohnehin vom Herzen zu kommen scheint, diesem ausgezeichneten Durchhalte-Organ, das sich dem Mitmenschen ebenso gern als Helfer andient, wie es ihn denunziert.

Rubrik: Gesellschaft
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