Monika_Estermann_Im_Feuer.jpg

von Katharina Kellmann

 Der Erste Weltkrieg hätte beinahe im Jahr 1911 begonnen. Am 1. Juli 1911 tauchte ein deutsches Kanonenboot, die SMS Panther, vor dem marokkanischen Hafen Agadir auf. Die Entsendung des Kriegsschiffes löste eine internationale Krise aus, deren Verlauf deutlich machte, wie isoliert das Kaiserreich in Europa war. Was als diplomatischer Befreiungsschlag geplant war, endete in außenpolitischem Katzenjammer.

Deutsche Außenpolitik nach Bismarck: Der Übergang zur ›Weltpolitik‹

Das 1871 gegründete Deutsche Reich nahm aufgrund seiner militärischen und wirtschaftlichen Stärke eine halbhegemoniale Stellung auf dem Kontinent ein. Nach Bismarcks Rücktritt bahnte sich in den neunziger Jahren eine Neuorientierung der deutschen Außenpolitik an. Hatte Bismarck das Reich als ›saturiert‹ betrachtet und war darauf bedacht gewesen, das Erreichte zu festigen, strebten die politischen, wirtschaftlichen und militärischen Eliten nach 1890 eine aktivere Rolle Deutschlands an. ›Weltpolitik‹ lautete das Motto. Dahinter stand der Anspruch, auch in Übersee als Großmacht ernst genommen zu werden. Die Nachfolger Bismarcks glaubten, sich diese Politik erlauben zu können. Dass Bündnis zwischen Frankreich und Russland wurde als Realität akzeptiert. Eine Annäherung Englands an diese Mächte hielt man im Auswärtigen Amt für ausgeschlossen. Die aktivere Rolle Deutschlands durch gutes Einvernehmen mit London abzusichern, was bedeutet hätte, die Rolle eines Juniorpartners zu übernehmen, kam den Diplomaten in der Wilhelmstraße nicht in den Sinn. Sie gingen noch einen Schritt weiter: Der Bau einer Schlachtflotte sollte London davon überzeugen, das Kaiserreich als gleichberechtigten Partner ernst zu nehmen. Seit seiner Thronbesteigung wollte der Kaiser die Marine deutlich vergrößern und Deutschland zur Seemacht machen. 1897 berief er zwei Männer in hohe Regierungsämter, denen er zutraute, seine Pläne in die Tat umzusetzen: Bernhard von Bülow übernahm als Staatssekretär das Auswärtige Amt (Minister gab es im Kaiserreich nicht) und Konteradmiral Alfred von Tirpitz trat an die Spitze des Reichsmarineamtes. Im Jahr 1900 wurde Bülow auch Reichskanzler.

Die Neuausrichtung der deutschen Außenpolitik wurde in der Öffentlichkeit teilweise begrüßt. Die Weltpolitik fand im liberalen Bürgertum großen Anklang. Der konservative Landadel schloss sich dieser Haltung zögernd an, so dass die ›Weltpolitik‹ auch eine Möglichkeit bot, hier ein gesellschaftliches Bündnis zur Stabilisierung der herrschenden Ordnung zu schmieden. Als aufstrebende Industrienation mit einem wachsenden Anteil am Welthandel schien es nur natürlich zu sein, eine starke Flotte zu bauen. Aus heutiger Sicht überrascht die mangelnde Sensibilität für die großen Risiken dieser Politik. Mochten die liberalen Imperialisten ebenso wie der Reichskanzler oder der Kaiser immer wieder betonen, es ginge darum, auf friedlichem Wege den Machtanspruch Deutschlands durchzusetzen, so verkannten sie doch, dass England sich durch die maritime Aufrüstung bedroht fühlte. Das Verhältnis zu Frankreich war durch die Annexion von Elsass-Lothringen im Jahr 1871 belastet. Mit Russland gab es keine Probleme, aber jede Krise im Verhältnis Wien-Petersburg wirkte sich auch auf Deutschland aus, denn das Kaiserreich musste seinem wichtigsten Verbündeten, Österreich-Ungarn, gegenüber loyal sein.

In Deutschland überschätzte man auch die Gegensätze zwischen den Großmächten. Frankreich und England verständigten sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts über ihre kolonialen Streitfragen. Petersburg und London konnten sich über ihre unterschiedlichen Interessen in Persien einigen. Das junge Deutsche Reich erschien als Bedrohung. In Berlin wiederum sprach man von 1906 an von ›Einkreisung‹. In der Wilhelmstraße erkannte man endlich, dass der Flottenbau dem Reich schadete. Reichskanzler Bülow wollte 1908 eine Kurskorrektur in der Marinepolitik einleiten, konnte sich aber gegen Admiral Tirpitz und den Kaiser nicht durchsetzen. Als Bülow 1909 schließlich zurücktrat, hinterließ er einen außenpolitischen Scherbenhaufen.

Die zweite Marokkokrise

Der neue Kanzler, Theobald von Bethmann-Holweg, hatte seine Karriere in der preußischen Verwaltung begonnen. Von Außenpolitik verstand er wenig, aber die gefährdete Lage Deutschlands war ihm wohl bewusst. Es gelang ihm 1910, Alfred von Kiderlen-Wächter beim Kaiser als Staatssekretär des Äußeren durchzusetzen.

Der Reichskanzler und sein Staatssekretär vertraten das Konzept einer moderaten Weltpolitik. Zugeständnisse im Flottenbau sollten die Beziehungen zu England verbessern, und die Position des Reiches in Europa stabilisieren. Warum kam es also 1911 zu einer internationalen Krise, die an den Rand eines Krieges führte?

Marokko war - auf dem Papier - seit 1880 ein souveräner Staat. Frankreich versuchte, das Sultanat unter seine Kontrolle zu bewegen. Deutschland wollte dies verhindern, aber im Vertrag von Algeciras konnte Frankreich 1906 mit Hilfe anderer Großmächte seine Position durchsetzen. 1909 legten Berlin und Paris in einem Vertrag ihre Streitfragen bei.

Deutsche Industrielle wollten sich mit diesem Ergebnis nicht zufrieden geben. Im Süden Marokkos gab es reichhaltige Erzvorkommen. Stammesauseinandersetzungen lieferten Frankreich einen Vorwand, sich in die marokkanische Innenpolitik einzumischen. Das Sultanat schien über kurz und lang zu einer neuen französischen Kolonie zu werden. Kiderlen-Wächter beobachtete diese Entwicklung mit Sorge. Die Ausweitung des französischen Einflusses bedeutete in seinen Augen eine Schwächung der internationalen Position Deutschlands. Der Staatssekretär pflegte Kontakte zum Alldeutschen Verband, einer nationalistischen Vereinigung, die für eine expansive Außenpolitik warb und zur Schwerindustrie. Hier kritisierte man die vorsichtige Diplomatie des Reichskanzlers.

Am 21. Mai 1911 besetzte Frankreich die Stadt Fes. Offiziell kam Paris dem Sultan zu Hilfe. Deutschland reagierte mit der Entsendung des Kanonenbootes Panther, das am 1. Juli vor Agadir Flagge zeigte. Am gleichen Tag übergaben in London, Paris und den Hauptstädten des Madrider Abkommens von 1880 die deutschen Botschafter eine Note, in der Berlin erklärte, man schütze auf Wunsch deutscher Industrieller die Interessen der eigenen Bürger. Einen Tag darauf erschien in der Rheinisch-Westfälischen Zeitung (RWZ) ein Artikel, der die Entsendung des deutschen Kriegsschiffes als »befreiende Tat« feierte. Endlich, so der Tenor, sei Deutschland wieder als Großmacht aufgetreten. In den letzten beiden Jahrzehnten hätte das Reich in der Außenpolitik nur Demütigungen hinnehmen müssen. Nun würde das Kaiserreich endlich den Platz einfordern, der ihm zukäme. Die Ehre der Nation stünde auf dem Spiel. Am Schluss hieß es: »Die Verständigung mit uns über die Aufteilung steht ihnen frei. Wollen sie nicht, dann mag der Panther die Wirkung der Emser Depesche haben.« (Die sogenannte Emser Depesche war ein diplomatisches Manöver, mit dem Bismarck 1870 den deutsch-französischen Krieg provoziert hatte.)

Schwerindustrielle Kreise standen hinter der RWZ. Die martialische Wortwahl drückte eine Stimmung aus, die bei Konservativen und Nationalliberalen vorherrschte. Jahrelang habe Deutschland sich zurückgehalten, aber nun sei dieser Abschnitt des ›Sichbescheidens‹ vorbei. Das Reich sei entschlossen, sein Schwert in die Waagschale zu werfen.

Im Ausland verfehlten diese Worte ihre Wirkung nicht. In London bat Außenminister Grey den deutschen Botschafter Graf Wolff-Metternich zu sich und fragte nach den deutschen Absichten, aber Kiderlen hatte keine Weisung erteilt. Metternich konnte nur versichern, dass er nichts wisse – ein Verhalten, das im Foreign Office Kopfschütteln auslöste. Am 9. Juli suchte der französische Botschafter in Berlin, Cambon, den Staatssekretär des Äußeren auf. Kiderlen deutete an, dass Deutschland sich in Zukunft aus Marokko heraushalten werde, wenn es im Gegenzug mit einer Kompensation rechnen könne. Am 15. Juli wurde der Staatssekretär deutlicher: Das Reich forderte von Frankreich die Abtretung der Kongo-Kolonie. Cambon erwiderte, dieser Preis sei zu hoch. Paris und Berlin blieben im Gespräch.

Bethmann-Hollweg telegrafierte dem Kaiser, der sich mit seiner Yacht auf der traditionellen Sommerreise in den norwegischen Gewässern befand. Der Monarch zeigte sich besorgt, er befürchtete ein Eingreifen Englands. Er brach seinen Segeltörn ab und kehrte nach Kiel zurück. Kiderlen-Wächter hingegen befürchtete, die Reichsleitung werde nachgeben und drohte am 17. Juli mit seiner Demission. Für ihn stellte die Krise die letzte Möglichkeit dar, Frankreich aus einer Position der Stärke heraus Zugeständnisse abzupressen. Nicht Marokko interessierte ihn, sondern die Erweiterung und Festigung der deutschen Machtbasis in Zentralafrika.

Der deutschen Außenpolitik fehlte es in diesen Tagen an einem klaren Kurs. Zudem sollte Deutschlands Stellung in der Welt mit einem außenpolitischen Erfolg gestärkt werden. Kiderlen ging davon aus, dass England nicht bereit sei, die Franzosen zu unterstützen. Auf sich gestellt müsse Paris nachgeben und wäre am Ende auch enttäuscht über die Rolle des britischen Verbündeten, was neue Möglichkeiten für eine Verständigung zwischen Berlin und London eröffnen werde. Schon diese Grundannahmen verrieten einen geringen Blick für die Realität: England hatte Frankreichs Position in der Marokkofrage bereits 1905/06 unterstützt. Die Besorgnis des Kaisers vor einer Parteinahme Londons zu Gunsten Frankreichs war daher berechtigt.

Der britische Finanzminister Lloyd George machte am 21. Juli 1911 in einer Rede vor Bankiers in der britischen Hauptstadt deutlich, dass England notfalls zum Krieg bereit sei, um seine Machtposition zu verteidigen. Obwohl die Marokkokrise mit keinem Wort erwähnt worden war, begriff man in Europa schnell, dass London damit die französische Position unterstützte. Kiderlen-Wächter wies den deutschen Botschafter in London an, im Foreign Office scharfen Protest vorzubringen. Als Wolff-Metternich seinen Auftrag am 25. Juli ausgeführt hatte, versetzte die britische Regierung ihre Marine in Alarmbereitschaft.

In Paris fühlte man sich bestärkt. Alleine hätte man Deutschland kaum die Stirn bieten können, denn die Armee war noch nicht kriegsbereit. Auf der anderen Seite des Rheins hatte die Regierung eine Erwartungshaltung geschürt, die Abstriche an den eigenen Forderungen kaum möglich machte. Kiderlen wurde die Geister, die er gerufen hatte, nicht mehr los. Die Tageszeitung Die Post, ein Blatt, das sonst regierungsnahe Positionen vertrat, kritisierte am 4. August in einem Artikel Kaiser und Reichskanzler wegen ihrer angeblich zu nachgiebigen Haltung. In den Außenministerien in Berlin, Paris und London suchten die Diplomaten in den folgenden Wochen nach Kompromisslösungen. Anfang November 1911 wurde schließlich ein Abkommen unterzeichnet, in dem Deutschland die französischen Interessen in Marokko anerkannte und dafür einen Teil des französischen Kongo erhielt, immerhin 275 000 Quadratkilometer. 1912 verlor das Sultanat seine Souveränität und Marokko wurde französisches Protektorat.

Fazit

Die zweite Marokkokrise zeigte, wie konzeptionslos und ungeschickt die deutsche Diplomatie vorging. Man entsandte ein Kanonenboot, das militärisch kaum etwas bewirken konnte, aber den Eindruck erweckte, das Reich rüste für einen Krieg. Dann ignorierte die Wilhelmstraße tagelang das britische Außenministerium und ließ London im Unklaren über die deutschen Ziele. Nach der Rede von Lloyd George folgte eine Reaktion aus Berlin, die dazu führte, dass britische Kriegsschiffe Kohle und Munition bunkerten. In Deutschland versuchte derweil der Staatssekretär des Äußeren die Wogen zu glätten, während im preußischen Generalstab eine friedliche Lösung ausgeschlossen wurde. Der Kaiser, der im Juni noch die Entsendung des Kanonenbootes gebilligt hatte, wollte keinen Krieg. Die deutschen Diplomaten folgten einer zu Beginn des 20. Jahrhunderts weit verbreiteten Denkschule. Außenpolitik war Machtpolitik im System der fünf Großmächte England, Russland, Deutschland, Frankreich und Österreich-Ungarn. Wenn Frankreich mehr Einfluss gewann, dann bedeutete das für die Wilhelmstraße automatisch eine Schwächung Deutschlands. Diese kalkulierte Machtpolitik setzte auf Drohungen, scheute aber einen offenen Krieg.

Der ›Panthersprung‹ zeigte aber auch, dass die Opposition gegen die ›Weltpolitik‹ in der deutschen Gesellschaft wuchs. Im Reichstag unterstützten Nationalliberale und Konservative das fordernde deutsche Auftreten. Die Führung der SPD sah das Wirken der Wilhelmstraße mit kritischen Augen, machte aber erst auf Drängen Rosa Luxemburgs entschieden Front gegen die deutsche Außenpolitik. Am 3. September 1911 kam es im Treptower Park zu einer Antikriegsdemonstration, an der 200 000 Menschen teilnahmen.

Bethmann-Hollweg, der noch zu Beginn seiner Kanzlerschaft die deutsche Diplomatie in ruhigere Bahnen lenken wollte, trug Verantwortung für eine Krise, die beinahe in einen Krieg geführt hätte. Sein Staatssekretär entpuppte sich als Spieler, der seine Gegner unterschätzt hatte und sich nur mit Tricks und Glück über die Runden retten konnte.

Frankreich war 1911 nicht kriegsbereit, Russland sah in der Marokkokrise keinen Bündnisfall und auch London war an einer friedlichen Lösung interessiert. Aber die Zusammenarbeit zwischen London, Paris und Petersburg wurde als Konsequenz des ›Panthersprungs‹ weiter intensiviert. In Deutschland hingegen setzte Admiral Tirpitz die Weiterführung des Flottenbaus durch, während Bethmann-Hollweg in den letzten Jahren vor dem Krieg an dem Ziel festhielt, das Verhältnis zu England durch Absprachen in kolonialpolitischen Fragen zu verbessern.

Der deutschen Außenpolitik fehlte bis 1914 eine einheitliche Linie. Doch gerade ein klarer, auf Verständigung ausgerichteter Kurs wäre die einzig richtige Konsequenz aus der Marokkokrise von 1911 gewesen. Zwei Machtblöcke standen einander gegenüber: eine Koalition zwischen Frankreich, England und Russland auf der einen Seite und das deutsche Kaiserreich und die Habsburger Doppelmonarchie auf der anderen Seite. In beiden Lagern hatten sich die Kräfte der Vernunft 1911 noch einmal durchsetzen können. Drei Jahre später, im Sommer 1914, war dies nicht mehr möglich.

Kellmann Katharina Google Plus

Katharina Kellmann ist Historikerin und Publizistin. Das Spek­trum ihrer The­men umfasst die deut­sche und euro­päi­sche Geschichte seit 1648, mit Beiträgen zur Revo­lu­tion von 1918/19, zur Geschichte des Libe­ra­lis­mus und der See­fahrt bis zum Bereich Mode und Kul­tur. – Homepage

Katharina Kellmann: Rubikon

0
0
0
s2smodern
powered by social2s
POLITIK GESELLSCHAFT KULTUR GESCHICHTE
Deutschland Modelle Fluchten Zeitgeschichte
Europa Identitäten L-iteratur Personen
Welt Projektionen Medien Entwicklungen
Besprechungen Besprechungen Ausstellungen Besprechungen
    Besprechungen  

Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.