Ulrich Siebgeber - ©LG
Ulrich Siebgeber
Vergessen hilft. Aber nicht wirklich.
 
 

von Ulrich Siebgeber

Es gibt sie wieder, die Hüterinnen. Das gute Buch, das sie vor ein paar Jahren zu Tode pflegten, indem sie bedächtig über die Seiten strichen und hauchten, das sei noch Lesen und dieses elektronische Dingsda sei die Pest, – das gute Stück ist ihren Händen entglitten und verdämmert unerhört in den Regalen an ihrem Beruf verzweifelnder Buchhändler. Wer heute an sonnigen Tagen die Parks durchschlendert, eine frisch erworbene Zeitung in der Hand oder eines dieser Hochglanzprodukte, deren Sponsoren gern im Hintergrund...

...

Die fiktiven Tagebücher des Leutnants Forstner (Katharina Kellmann) erinnern an jenen Typus des nassforschen Leutnants, der das zweite Kaiserreich erst zur Karikatur und dann zum warnenden Schreckgespenst avancieren ließ: Sinnbild eines Militarismus, der alle gesellschaftlichen Bereiche unterwandert, sofern ihm nicht rechtzeitig Einhalt geboten wird...

...

von Ulrich Siebgeber

Überlasse den Staat den Narren und hoffe auf pünktliche Pensionsauszahlungen: so scheint die Devise zu lauten, nach der Professoren, einem sinnentleerten ›Rassismus‹-Geschrei vorauseilenden Gehorsam zollend, sich ins Schneckenhaus der politischen Sprachlosigkeit zurückziehen – oder, noch bequemer, entgegen ihren innersten Überzeugungen mit den … nun, nicht mit den Wölfen heulen, sondern mit den Schafen...

...

Netzwerk Grundeinkommen

von Wolfgang Kruse

Warum Andrea Nahles' Vorschlag eines ›Sozialerbes‹ ein Schritt in die richtige Richtung ist, aber nicht weit genug geht.

Die Diskussion über ein bedingungsloses Grundeinkommen kreist neben den Fragen der Finanzierbarkeit grundsätzlich um zwei Problemkomplexe: Was ist das Ziel? Welche Gefahren sind damit verbunden?

Seine Befürworter argumentieren vor allem, dass die moderne Technologie Arbeit tendenziell überflüssig mache und deshalb eine Lebensgrundlage unabhängig von der Erwerbstätigkeit geschaffen werden müsse. Die Gegner dagegen befürchten eine dauerhafte Alimentierung unproduktiver Bevölkerungsteile, die aus dem weiterhin auf Erwerbsarbeit gegründeten gesellschaftlichen Leben ausgegrenzt werden. Beide Denkweisen sind nicht per se abwegig, aber jeweils spekulativ und greifen zu kurz. Im Kern geht um vielmehr um Grundfragen gesellschaftlicher Ordnung, um ihre rechtliche Begründung und Praxis.

Wenn ich, Siebgeber, mich einst dessen brüstete, den letzten nichtkomponierten Udo-Lindenberg-Schlager geschrieben zu haben, der das Zeug zum Welt-Bestseller besaß, so mache ich mich heute anheischig, dem Wahlprogramm einer der im Bundestag vertretenen Parteien (ich verrate nicht, welche, und rechne auf den gesunden Selbsterhaltungsdrang ihrer Spitzenpolitiker) die dringend benötigten Glanzlichter aufzusetzen. Keiner drängt sich zu so einer Arbeit, aber wie der Wattprediger zu heucheln pflegt: Wat mutt, dat mutt.

von Gunter Weißgerber

Der Titel könnte in die Irre führen. Unheimlich leicht war nichts, überhaupt nichts von dem, was Michael, Gesine, Rainer, Christian, Uwe, Frank, Fred, Jochen, Hilli und alle anderen im Buch beschriebenen jungen Leute in der Diktatur der Arbeiterklasse trieben. Was sie mit offenem Visier, den großen Gefahren ins Auge schauend, strategisch durchdacht und geradezu gefahrverachtend taten. Unheimlich mutet es an, mit welch' frappierender Leichtigkeit diese jungen Leute zur Sache gingen. So ganz anders als blutrünstige Revolutionäre vom Schlag eines Robespierre oder Lenin.

Es war auch nicht der kindisch-zerstörende West-68er ›Widerstand‹ in der Demokratie (nicht zu verwechseln mit dem tatsächlichen Widerstand im Osten im Umfeld des 68er ›Prager Frühlings‹) oder dem Pegida/Legida-›Widerstands‹gestammel unter Polizeischutz. Es war tatsächlich ein todesmutiges Anliegen mit einem Terrorsystem kommunistischer Provenienz.

von Ulrich Siebgeber

1

Als er fünfzig war und noch gelenkig
und das Land gab einfach keine Ruh,
nahm er Rat an, sprach: »Das denk ich ganz persönlich
auch und leg noch eins dazu.«
Und er plante seinen Coup.

2

Um den Wahnsinn endlich voll zu machen,
denn auch er, so hieß es, wurde langsam dreist,
hisst die Schöne Gute einen Drachen,
der Erfolg dem Wendigen verheißt,
falls er wendig um sich selber kreist.

3

Denn das Land war völlig aus dem Häuschen,
gute Freunde gingen sich ans Hemd.
Altgediente Pfeifer spielten Mäuschen.
Erichs Katze, feist und fremd,
mustert den gelehrten Kämpfer, dem die Büchse klemmt.

Schulden sie? Schulden sie der Welt irgendetwas? Nun ja, es gibt Gläubigerstaaten, die darüber genaue Bilanzen führen. Aber eine Regierung? ›America first‹ hieß die Wahlparole des amtierenden Präsidenten und alle Welt, allen voran die jetzige Opposition, schüttete sich darüber aus. »Amerika steht in der Verantwortung« tönte es von diesseits des Atlantik, bevor man seine Aufwartung machte, manches Statement klang hässlicher, weit hässlicher, aber das scheint, wie üblich, bereits halb vergessen. Mancher nicht ganz Gedächtnislose hat noch die Stimme Obamas im Ohr, der sein Amerika auf den american exceptionalism einschwor, das gott-, natur-, macht-, ideen-, präsidentengegebene Recht, überall auf dem Planeten einzugreifen, ohne sich darin durch bestehende Verträge, Völkerrecht und gute Sitten lange aufhalten zu lassen, wenn … was es erforderlich macht? Amerikas vital interest, wie der Kongress, allen voran natürlich die Partei des heutigen Präsidenten, ihm zu gegebener Zeit einzuschärfen wusste.

von Christian Wipperfürth

Moskau besaß seit den 1960er Jahren eine nukleare Parität mit Washington. Die tiefgreifenden Abrüstungsmaßnahmen, die die beiden Supermächte seit Ende der 1980er Jahre vereinbart hatten, zementierten diesen Gleichstand, woran auch die Implosion der UdSSR nichts änderte. Die Reduktion des russischen Nuklearpotenzials veränderte die Stärkeverhältnisse Russlands zu den anderen Kernwaffenmächten auch nur graduell, aber keineswegs grundsätzlich: Russland verfügte zu jedem Zeitpunkt über deutlich mehr einsatzfähige Nuklearsprengköpfe als China, Frankreich und Großbritannien zusammen genommen.

von Christian Wipperfürth

Der Ostdeutsche Edelbert Richter hat bereits eine ganze Reihe von Büchern vorgelegt (siehe z.B. die Rezension Richters Die Linke im Epochenumbruch – www.globkult.de/politik/besprechungen/). Er ist Philosoph, Theologe und Politiker (Volkskammer, Europäisches Parlament bzw. Bundestag zwischen 1990 und 2002). Richter gehörte seit 1990 der SPD an. 2007 wechselte er zur Linkspartei. Er war lange Jahre Mitglied der ›Grundwertekommission‹ beim SPD-Parteivorstand und gehört dem ›Willy-Brandt-Kreis‹ an, dem namhafte Persönlichkeiten angehören. Richter steht also politisch links und zugleich unverkennbar in deutscher Denktradition, die er bejaht und für fruchtbar hält, eine ungewöhnliche Kombination.

von Lutz Götze

Peru wirbt engagiert um Touristen und sie kommen in Scharen. Auch die sintflutartigen Regenfälle der vergangenen Wochen haben sie nicht abschrecken können. Einfallstor ist im Regelfall der internationale Flughafen Jorge Chávez in Lima, der freilich, obwohl erst vor wenigen Jahren fertiggestellt, bereits aus allen Nähten platzt.

Die EU stirbt nicht an einem Tag, aber sie stirbt täglich. Unvergessen die achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, als die Eurosklerose in aller Munde lag: schon damals gut gebettet auf den üblichen Übertreibungen, auch wenn der Ton inzwischen schärfer geworden ist. Inzwischen? Dazwischen liegen die Jahre der EU-phorie, der Erweiterungs-, Vertiefungs- und Verschuldungsorgien, die in ebenso viele Sackgassen führten. »Vorwärts immer, rückwärts nimmer!« Vibriert da nicht ein Ton aus der Vergangenheit in der Luft?

von Herbert Ammon

Vorbemerkung

Den nachfolgenden Text – die Besprechung eines Buches, das auf englisch bereits vor fast vier Jahrzehnten erschienen ist, schrieb ich auf Bitten meines deutsch-kanadischen Freundes Hans Sinn im vergangenen Jahr, als der im April 1915 ausgelöste Genozid an den Armeniern im Osmanischen Reich im Gedenkkalender stand. Nicht allein um der historischen Genauigkeit willen sollte künftighin auch der jeweils Hunderttausende zählenden Todesopfer unter den im Ersten Weltkrieg und danach verfolgten Aramäern, pontischen und kleinasiatischen Griechen – gewöhnlich subsumiert unter ›andere christliche Minderheiten‹  gedacht werden.

von Herbert Ammon

Vergessene Opfer des Krieges. Leidenserinnerungen von Deutschen aus Ostpreußen

I.
Geschichtliche Erinnerung ist alles andere als die gemeinsam geteilte Vergegenwärtigung der Vergangenheit. Vielmehr findet sie auf unterschiedlichen, ja separaten Ebenen statt: in den Werken der Historiker, in der historischen Selbstwahrnehmung einer Nation oder einer Volksgruppe sowie, sehr viel weniger sichtbar, im Bewusstsein - und Unterbewusstsein – von Individuen. Für Millionen Menschen ist die Geschichte des 20. Jahrhunderts erfüllt von Erinnerungen an Krieg, Tod, Zerstörung und Vernichtung.

von Lutz Götze

Wir übernachten im Claridge, Tucumán 535. Das Hotel, im Herzen der Stadt zwischen der Florida und San Martin gelegen, verrät die Pracht früherer Jahre, in denen wir häufig davorstanden und den Glanz des alten England bewunderten, der die Fassade prägte. Leisten konnten wir uns damals eine Übernachtung freilich nicht. Jetzt können wir es, auch dank des schwachen Peso. Dafür ist, beginnend in der Lobby und endend im bescheiden ausgestatteten Zimmer, der Zauber entschwunden. Brüchigkeit und Verfall allenthalben statt einst prachtvoller Lüster, strahlender Weingläser und lärmschluckender Teppiche!

Hommage an mein Idol Siegfried Kracauer mit geschlechtsbedingter Widerrede

Er ist einer meiner Liebsten, ich habe ihn oft verschenkt und noch öfter zitiert. Heute nehme ich ihn wieder zur Hand: den Aufsatz über Freundschaft von Siegfried Kracauer, mein Vorbild für eine Annäherung an amorphe, sich ständig verändernde Begriffe. Seine Methode hilft mir beim Ein- und Umkreisen von Themen, die mir wichtig sind – wie zum Beispiel Freundschaft – im Allgemeinen und für mich im Besonderen.

von Henning Eichberg

Wandlungen der neuen Rechten. Die neue nationale Frage, und wie man sich rechts den linken Feind erdichtet

Was ist rechts, und was ist links? Was ist die Neue Rechte im Vergleich zur alten, und was ist die Neue Linke im Vergleich zur alten? Das Neue an der Neuen Rechten – um diesen Fall herauszugreifen – wandelt sich im gesellschaftlichen Prozess. Und damit wandelt sich auch, wozu ein Wissen über die gestrige Neue Rechte, wie Sebastian Maaß (2014) es in dem hier zu besprechenden Buch gesammelt hat, eigentlich heute nützlich sei.

Es ist noch immer ein bestechender Gedanke – vielleicht der Bestechendste von allen –, dass ein jeder seinen Richter findet, der eine vor, der andere nach seinem Tode, der eine vor, der andere nach Erreichung der Pensionsgrenze, der eine vor, der andere nach vollbrachter Tat. Denn wo gerichtet wird, ist des Richtens kein Ende. Da strebt ein Immobilienunternehmer ins Präsidentenamt und wird bereits für sämtliche Torheiten und Verbrechen verantwortlich gemacht, die er nach seiner Wahl begehen könnte, falls er darauf Lust haben sollte, während die realiter begangenen Torheiten und Verbrechen frei herumlaufen und mit Fingern auf ihn zeigen, als wollten sie sagen: Überlegt es euch gut! Reicht euch unser Anblick nicht? Habt ihr wirklich Lust auf Neues? Nehmt uns, da habt ihr, was ihr wollt. – Am anderen Ende der Bedeutungsskala flattert Spaßvogel Böhmermann zwischen den Gitterstäben des Käfigs, den Justitia mit luzider Beihilfe einer echten Kanzlerin um ihn legt, und wispert aufgeregt: War ich gut? Bin ich ein guter Despotenschänder? Säßen die Mächtigen sicherer, wenn sie mir keine Scherereien bereiten müssten? Und wie geht’s jetzt weiter?

von Herbert Ammon

1.

Realgeschichte, id est die komplexe historische Wirklichkeit, und Geschichtsschreibung sind von der Natur der Sache her nicht deckungsgleich. Erst recht klaffen die historische Realität und die geschichtspolitische Vermittlung – der von politischen Vorgaben und Wertigkeiten geprägte Umgang mit der Vergangenheit – oft weit auseinander. Augenscheinlich greifbar wird derlei Diskrepanz beim Passieren jener Gedenktafeln an diversen Autobahnen, etwa südwestlich von Berlin kurz hinter der Stadtgrenze, welche an die »Deutsche Teilung 1945-1990« erinnern sollen.

von Daniela Gretz

Ernst Heinrich Bottenbergs siebter Gedichtband kehlungen.ent-kehlungen fügt sich nahtlos in das bisherige literarische Œuvre des emeritierten Sozialpsychologen ein, das nicht zuletzt von dessen wissenschaftlicher Vor- bzw. Verbildung entscheidend geprägt wird. Zunächst einmal wirken Bottenbergs Grenzgänge zwischen Literatur und Wissenschaft irritierend und es bleibt letztlich schwer zu entscheiden, ob es sich nun bei den vorliegenden »Text-Chimären« (so der Untertitel) um die späten spielerischen Ausgeburten einer déformation professionnelle handelt oder doch um die emphatische Wiedergeburt der Lyrik aus dem Geist der Wissenschaft.

von Ralf Willms

Im Herbst 2005 erschien der Briefwechsel zwischen Paul Celan und Peter Szondi. Auch in diesen Briefen kommt zur Sprache, worum es in der Dichtung Celans geht: um Gedächtnis, vor dem Hintergrund eines kollektiven wie persönlichen Traumas, um Judentum sowie um das Schreiben bzw. die zwingende Suche nach Wahrheit und Genauigkeit.

von Ralf Willms

1993 erschienen im Suhrkamp-Verlag Briefe von Peter Szondi. Einige könnten auch Bestandteil der Ausstellung „Engführungen. Peter Szondi und die Literatur" sein, in der unter anderem Notizzettel, Fotografien und Manuskriptseiten gezeigt werden und die noch bis zum 27. März 2005 im Schiller-Nationalmuseum in Marbach a. N. aufgesucht werden kann. Peter Szondi wurde 1929 als Jude in Ungarn geboren und mit fünfzehn Jahren in ein Konzentrationslager deportiert; seine Studienzeit verbrachte er in Zürich, 1956 entstand als Dissertation die Theorie des modernen Dramas, die ihm eine exponierte Stellung in der Literaturwissenschaft einbrachte.

von Ralf Willms

"Atem-Schaltungen" ist der Titel eines Gedichtbandes, der im Jahr 2005 von dem Lyriker und habilitierten Sozialpsychologen Ernst Heinrich Bottenberg erschienen ist. Im Untertitel führt der knapp siebzig Seiten umfassende Band den reichlich missverständlichen, sicher auch abschreckenden Topos: "Naturlyrik: In-Zwischen". In diesem vierteiligen Titel bereits kann sich das gesamte poetische Programm spiegeln: Die neueren Hervorbringungen des Menschen, die bis in sein Innerstes, bis in sein Atmen hinein reichen und das Elementare und Unersetzbare noch der letzten (und wieder letzten) Gefilde verdrehen.

von Ralf Willms

Von E. H. Bottenberg erschienen in den letzten drei Jahren drei Gedichtbände: Tau-Verlust – Versuchsanordnungen: Naturlyrik (2004), Atem-Schaltungen – Naturlyrik: In-Zwischen (2005) und Tal: Unschärferelationen – Naturlyrik (2006). Alle drei Bände haben das gleiche Format, auf Hochglanz dominieren zwei Grautöne, die Seitenzahl variiert zwischen 57 und 69. Besondere Aufmerksamkeit schenkt der Autor dem ›Tal‹. In ihm sammeln sich die Motive und Themen, Bilder und Figuren, das, was der Lyriker E. H. Bottenberg zu sagen hat. Das erste Gedicht von Tal: Unschärferelationen beginnt: »die Saite den Morgen stimmend«.

Die Blomberg-Fritsch-Krise 1938 und ihre Deutungen

von Fritz Schmidt

 Im sogenannten Dritten Reich gerieten auch vielfach ehemalige Jugendbewegte ins Visier der Geheimen Staatspolizei, abgekürzt und als Schreckensname mit Gestapo bezeichnet. Hauptsächlich aber fuhr die Gestapo ihre Fänge gegen Kommunisten, Sozialdemokraten und der Homosexualität Verdächtigte aus, bis in die höchsten Kreise hinein, wobei Intrigenspiele nicht fehlten.

Georg Christoph Lichtenberg

von Ulrich Siebgeber

Wer sich tagaus tagein der Mühe unterzieht, den Verlautbarungen der Medien zu folgen, weiß: das Deutsche zählt zu den großen Kultursprachen dieser Welt. Dabei liegt die Betonung auf ›dieser‹, in anderen Welten mögen andere sprachliche Bedingungen herrschen, darüber wissen wir wenig.

von Christoph Jünke

Vorbemerkung: Der britische Historiker Edward Palmer Thompson wird mittlerweile selbst in Deutschland zu den Klassikern der Geschichtswissenschaft gezählt. Und doch sind hier 2013 sein zwanzigster Todestag und das fünfzigjährige Jubiläum seines epochalen Werkes The Making of the English Working Class abermals weitgehend ignoriert worden. In seinem soeben im Hamburger Laika-Verlag erschienenen Buch Streifzüge durch das rote 20. Jahrhundert hat sich unser Autor Christoph Jünke ausführlich auch mit Leben und Werk E. P. Thompsons auseinandergesetzt. Aus diesem längeren Buchkapitel veröffentlichen wir im Folgenden einen exklusiven Auszug, in dem es um Thompsons theoriepolitische Auseinandersetzung mit dem französischen Marxisten Louis Althusser geht. Die Fußnoten und Literaturhinweise wurden hier weggelassen und können im Buch selbst nachgelesen werden.

von Peter Brandt

Identität, verstanden als das subjektive Gefühl sozialer Zugehörigkeit, innerer Stimmigkeit und biographischer Kontinuität, ist eine Grundkategorie der Humanwissenschaften, namentlich der Psychologie. Nicht unumstritten ist der Begriff der ›kollektiven Identität‹ von Sozialgruppen, insbesondere solchen ethnischen bzw. nationalen Charakters, doch halten ihn die meisten Autoren für unverzichtbar und sehen durch ihn ein elementares Konstruktionsprinzip auch moderner Gesellschaften beschrieben.

Ein Gespräch mit Peter Ullrich, geführt von Peter Nowak

Noch vor 25 Jahren regten Israel-Boykott-Parolen an den Wänden der Hamburger Hafenstraße nur einen kleinen Teil der linken Öffentlichkeit auf. Heute vertritt nur noch ein kleiner Teil der antiimperialistischen Linken solche Parolen. Was war der Grund  für diese Verschiebungen im Diskurs um Israel?

Geusenpfennig 1566 Bildmaterial Wikimedia Commons

von Ulrich Siebgeber

Anything goes.
Paul Feyerabend

 

Der Thomas Mayer zugeschriebene Einfall, den Griechen eine Parallelwährung (womöglich in Anlehnung an den doppelgesichtigen Geusenpfennig der aufständischen Niederlande von 1566 ›Geuro‹ genannt) zu gewähren, ›um ihnen den Verbleib in der Euro-Zone zu ermöglichen‹ – und sie verblieben dort bis ans Ende ihrer Tage –, klingt in seiner klugen Schlichtheit wie die Ansage an Bord eines untergehenden Schiffes, man werde die Fahrt nun unter Wasser fortsetzen, um die Sinkgefahr zu vermindern.

von Christoph Jünke

I.

»Fondue ist kein Gericht, es ist eine Religion. Man isst es nicht, es wird zelebriert. Die Delikatesse einer bäurisch-germanischen Käse-Kultur, raffiniert durch den Geist romanischen Weins, das ist Fondue.« Mit diesen Worten beginnt mein Lieblingsaufsatz von Jakob Moneta, ein Essay, der Schweizer Erfahrungen mit dem Unbehagen in der Sattheit behandelt, und vor ziemlich genau sechzig Jahren, im Jahre 1952, in einer kleinen linksrepublikanischen und sozialistischen Zeitschrift namens Aufklärung erschienen ist.

von Christoph Jünke

I.

»Fondue ist kein Gericht, es ist eine Religion. Man isst es nicht, es wird zelebriert. Die Delikatesse einer bäurisch-germanischen Käse-Kultur, raffiniert durch den Geist romanischen Weins, das ist Fondue.« Mit diesen Worten beginnt mein Lieblingsaufsatz von Jakob Moneta, ein Essay, der Schweizer Erfahrungen mit dem Unbehagen in der Sattheit behandelt, und vor ziemlich genau sechzig Jahren, im Jahre 1952, in einer kleinen linksrepublikanischen und sozialistischen Zeitschrift namens Aufklärung erschienen ist.

von Ulrich Schödlbauer

Keine Kunst ohne Wirkung. Was immer die Kunst ohne Wirkung wäre – vielleicht etwas sehr Respektables oder sogar Kostbares –, sie wäre jedenfalls nicht mehr Kunst, das heißt, sichtbar gemachtes Können, das auf den Betrachter ansteckend wirkt: so ein Könner möchte ich auch sein, ein Könnender, ein Könnenwollender, ein Vermögender, jedenfalls keiner, der angesichts einer solchen Leistung nicht in Betracht kommt. Angesichts des Wortes ›Leistung‹ zuckt schon der eine oder andere zusammen. Muss denn ein solcher Aufwand sein, um in Betracht zu kommen? Welche Weltsicht vermittelt die Kunst, wenn der Einzelne nur gilt, wenn er Aufwand treibt?

Urheberrechtsdiskussionvon Hazel Rosenstrauch

Es tobt ein Kampf, er geht selbstverständlich ums Geld, aber davor steht die Macht der Definition. Wer ist Urheber, wem stehen die Verwertungsrechte zu, wovon sollen diejenigen leben, die sich das begehrte und deshalb heruntergeladene Gut ausdenken?

von Christoph Jünke

Wer über Leben und Werk des Sozialpsychologen und Gesellschaftstheoretikers Peter Brückner (1922-1982) nachdenken möchte, kann dies nicht tun, ohne dabei über die Neue Linke nachzudenken, d.h. über den Versuch, beim Ausbruch aus dem herrschenden Falschen eine politisch mehrheitsfähige, linke Alternative sowohl zum sozialdemokratischen Reformismus wie zum stalinistischen Kommunismus aufzubauen.

von Egon Bahr

Die Geographie bleibt die unveränderbare Konstante auf unserer Welt. Die Gewichte verändern sich, mit denen die Staaten Macht und Einfluss erhalten und erweitern wollen. Am Anfang des 21. Jahrhunderts sind wir Zeugen fundamentaler Gewichtsverschiebungen. Sie erfordern ein neues geostrategisches Denken. Die Lage Europas zwischen Amerika und Russland ändert sich zwar nicht, aber die Interessen der betroffenen Länder, das Eigene eingeschlossen, müssen unvoreingenommen und sorgfältig analysiert und dem Wandel angepasst werden.

von Lutz Götze

Griechenland im Frühjahr 2012

Griechenland bietet in diesen Wochen ein Bild der Tristesse. Wohl hat der Frühling den langen und außergewöhnlich kalten Winter vertrieben, prangen Apfelbäume und Ginster in voller Blüte, strahlt die Sonne vom azurenen Himmel: Doch die Gesichter der Menschen sprechen eine andere Sprache. Die Sparauflagen der Regierung, unter dem Druck der ›Troika‹ handelnd, haben die große Masse der Hellenen in bittere Armut gestürzt. Jene unter ihnen, die nach den Massenentlassungen im Öffentlichen Dienst noch über einen Arbeitsplatz verfügen, können – falls die Gehaltszahlungen überhaupt erfolgen – ihren Lebensunterhalt davon nicht bestreiten, geschweige denn an Urlaub oder größere Anschaffungen denken.

von Lutz Götze

Die Inseln in der Andamanen-See gehören zu den Paradiesen besonderer Art: einstmals von ungewöhnlicher Schönheit mit prachtvollem Regenwald, türkisfarbener See und sich gelegentlich bis ins Unendliche erstreckenden Stränden. In einem Wort: Bilderbuchwelten, wie von einem anderen Stern!

von Ludger Volmer


Die letzten internationalen Klimakonferenzen waren total enttäuschend. Diese Wertung teilen weltweit alle, die sich seit Jahren immer sorgenvoller um die Entwicklung des Weltklimas kümmern. Aber warum werden diese gescheiterten Konferenzen als so bedrückend wahrgenommen, da doch Konferenzen oft mit magerem Ergebnis enden?

von Hans-Otto Hemmer

 Eines der ganz wenigen Fotos aus der jüngeren Geschichte des DGB, das sich allgemein eingeprägt hat, zeigt den lachenden ÖTV-Vorsitzenden Heinz Kluncker, der dem DGB-Vorsitzenden Ernst Breit einen Kehrbesen überreicht. Das Foto wurde beim DGB-Kongress von 1982 in Berlin aufgenommen – kurz nach Breits Wahl zum neuen DGB-Vorsitzenden und Nachfolger Heinz Oskar Vetters. Es symbolisiert Klunckers Wunsch und Aufforderung, den Augias-Stall ›auszumisten‹, zu dem der DGB nach seiner Auffassung durch den Neue-Heimat-Skandal geworden war.
Breit wäre es sicher lieber gewesen, wenn diese Geste unterblieben und das Foto nicht entstanden wäre. Im Unterschied zu seinem Freund Kluncker fehlte ihm die Lust an der Provokation und es war ihm bewusst, dass er, wie alle seine Vorgänger im DGB-Vorsitz, auch in dieser exzeptionellen Lage ein Meister des Ausgleichs würde sein müssen. Ist er es geworden?

von Felicitas Söhner

 1849 erschien erstmals in Paris die internationale revolutionäre Tageszeitung La Tribune des Peuples. Als soziales politisches Organ der europäischen Demokratie rief sie auf zum Freiheitskampf im Namen der internationalen Solidarität und Brüderlichkeit. Hier veröffentlichte der polnische Romantiker und Revolutionär Adam Mickiewicz zahlreiche Beiträge für die Idee eines neuen, freien Europas. Am 14. März 1849 schrieb er in der Erstausgabe: »La situation de l'Europe est telle qu'il devient désormais impossible pour un peuple de marcher isolément dans la voie du progrès, sous peine de se perdre lui-même en compromettant ainsi la cause commune.« (Die Situation in Europa ist so, dass es unmöglich ist, dass auch nur ein Volk für sich allein den Weg des Fortschritts beschreiten könnte, es liefe dabei Gefahr, selbst unterzugehen und gleichzeitig die gemeinsame Sache damit zu kompromittieren. Übers.d.Verf.) (Mickiewicz 1907: 54)

von Peter Brandt

Hermann Weber ist – nicht anders als seine Frau Gerda, mit der er über ein halbes Jahrhundert in Liebe und geistiger Eintracht verbunden ist – eine Ausnahmeerscheinung, die aus einer anderen Epoche in die Gegenwart hineinragt. Weber, der im Jahr 2008 achtzig Jahre alt wird, macht sich in seinem jüngsten Buch fast leitmotivisch die bange Frage Heinrich Brandlers (1881-1967, 1921-1923 Vorsitzender der KPD, seit 1928 mit August Thalheimer führende Gestalt der kommunistischen Dissidentengruppe KPD-Opposition) zueigen: »Bin ich verrückt, oder ist die Welt verrückt?« Es mag Hermann und Gerda Weber eine Genugtuung sein, dass nach den Exzessen des Imperialismus und der Weltanschauungsdiktaturen im 20. Jahrhundert sowie der globalen Entgrenzung des Marktkapitalismus an der Wende zum 21. Jahrhundert auch unter Jüngeren die Stimmen wieder zunehmen, die darauf abheben, es sei höchste Zeit, die verrückte Welt gerade zu rücken. Denn die Webers verstehen sich nach wie vor als demokratische Sozialisten in der Tradition der Arbeiterbewegung einschließlich ihres marxistischen Strangs.

 von Ulrich Schödlbauer

1.

Man wird den Fortschritt nicht so leicht los, wie man denkt. Die Geschichte schreitet fort, unaufhaltsam, was sollte sie auch sonst. Sie schreitet voran, das scheint bereits eine ernstere Sache. Denn es enthält den Hintergedanken, dass nicht alle in gleicher Front marschieren, dass es Zurückgebliebene gibt – im Denken, in der Kunst, in den Manieren, in den ›Verhältnissen‹. Ganze Länder und Regionen lösen sich aus dem Verbund, sie bleiben zurück. Offenbar sind sie weniger an der Geschichte interessiert als andere. Oder sie glauben bereits zu wissen, wie es ausgeht. Aber das ist nur so dahingedacht. Wer näher hinsieht, findet keine Zurückgebliebenen, dafür Einpeitscher und Hochmütige, Nachgiebige und Gemütsmenschen, die all das empfinden, was ihnen erzählt wird, Leute, die die Richtung zu kennen glauben und ihre Mitmenschen drangsalieren, schließlich diese Mitmenschen selbst, Mitmenschen, die ihr Menschentum aus dem Katalog oder dem Gruppenzauber beziehen. Dazu kommen Verlierer, die den Anschluss suchen, soll heißen, die Mittel erkunden, die ihnen erlauben, erlittene Niederlagen in Siege zu verwandeln. Die einfachste Sicht der Geschichte besitzt ein Mitteleuropäer zwischen seinem zwanzigsten und dreißigsten Lebensjahr: was war, ist Vorgeschichte, was sein wird, Zukunft, von seinesgleichen gestaltet, also dem Stand der Dinge gemäß. So einfach ist das Leben. Oder auch nicht. Kinder wachsen nach, das begrenzt den Ermessensspielraum. Jede Generation wird von der folgenden um die Früchte des Fortschritts betrogen – sie verzehrt, ohne hinzusehen. Gewöhnlich gelten die Früchte als faul und der Verzehr als schmerzhaft. Aber auch Schmerzempfindlichkeit und Schmerzrichtung wechseln. So erstarren beide Seiten rasch in Mißachtung oder Protest und es bedarf vieler Gespräche an imaginären oder realen Kaminen, um das Verhältnis ›im Fluss‹ zu halten, das heißt das definitive Urteil über den jeweils anderen in der Schwebe zu lassen. Die Aktionäre, alte und neue, können nicht erwarten, daß der Gewinn des laufenden Geschäftsjahrs auf ihre Konten überwiesen wird. Währenddessen investiert die Unternehmensleitung. Der Markt, so hört man, wird von Tag zu Tag schwieriger.

von Dietrich Harth

Vorbemerkungen

Zu den forschungspolitisch wirksamsten Initiativen an deutschen Universitäten gehören seit Jahren die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) beratend und finanziell geförderten interdisziplinären Projekte, die sogenannten ›Sonderforschungsbereiche‹, abgekürzt: SFB. Die Einrichtung eines SFB an einer Universität setzt die Bereitschaft der Professoren voraus, mindestens 4 Jahre lang zusammen mit jungen NachwuchswissenschaftlerInnen in interdisziplinärer Weise ein für die Neuorientierung mehrerer Einzelfächer und Fakultäten wichtiges, vor allem auch neues Forschungsthema zu behandeln. Ist das Thema erst einmal gefunden, beginnt eine mehrere Jahre dauernde Diskussion zwischen den beteiligten Fächern.

POLITIK GESELLSCHAFT KULTUR GESCHICHTE
Deutschland Modelle Fluchten Zeitgeschichte
Europa Identitäten L-iteratur Personen
Welt Projektionen Medien Entwicklungen
Besprechungen Besprechungen Ausstellungen Besprechungen
    Besprechungen  

Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.