Ulrich Siebgeber - ©LG
Ulrich Siebgeber
Vergessen hilft. Aber nicht wirklich.
 
 

von Lutz Götze

Der aktuelle provinziell-lächerliche Disput um den ›Digitalpakt‹ hat die Misere der deutschen Bildungslandschaft erneut verdeutlicht. Die Gegner des Paktes – die Ministerpräsidenten der Bundesländer – beharren auf ihrem Standpunkt, nämlich das ›Kooperationsverbot‹ – schon der Name ist in einer Demokratie absurd – in Bildungsfragen zwischen Bund und Ländern zu bewahren, und verschließen die Augen vor der Realität.

von Herbert Ammon

Das Gedenken an den 11. November 1918, an dem der Waffenstillstand im Walde von Compiègne das Gemetzel des Großen Krieges beendete und doch nur eine Zwischenkriegsphase einleitete, ist erneut Anlass zum Nachdenken über Europa. Die Nachricht, dass Europa sich wieder in einer Krise befindet, könnte man gelangweilt ad acta legen, wären da nicht so viele Zeichen, die ernstzunehmen sind:

Von Ulrich Siebgeber

Sehr geehrter Herr ***,

wir sind nun bereits so lange Facebook-Freunde ( hin und wieder lese ich Ihre teils traurigen, teils spöttischen Einträge), dass ich Sie gerne ein paar Dinge fragen möchte. Haben Sie einmal in einem anderen europäischen oder nichteuropäischen Land gelebt? Können Sie Vergleiche zu anderen Ländern ziehen, wenn Sie sich über Ihre deutsche Lebensumgebung mokieren?

von Ulrich Siebgeber

Manchmal wundert sich eine gut trainierte Gesundheit ... dann doch über den Verstand des Publikums, dem zur Rechthaberei seiner schreibenden Lieblinge, außer dem üblichen Geschimpfe, selten etwas einfällt, das sich über den Abgrund zwischen Landes- und Menschheitsverrat hinwegschwingt: drunter machen es die guten Deutschen nun einmal nicht, sie haben es einstudiert, als sie noch zwischen Mauer und Stacheldraht ihrer Klein- und Möchtegernstaaten dahinschmorten, und wollen es auch im respektablen Miteinander ihres gegenwärtigen Staatswesens nicht missen.

Schreibverfahren in Medizin und Literatur– ein interdisziplinärer Blick

von Felicitas Söhner

Ärztliches Alltagshandeln ist geprägt von Schreibverfahren: medizinische Akteure protokollieren, beschreiben, empfehlen und halten in Akten fest. Technischer, diagnostischer und therapeutischer Fortschritt, administrative Anforderungen wie mechanische Aufzeichnungsformen nehmen und nahmen Einfluss auf medizinisch-epistemische Genres. Der vorliegende Sammelband geht zurück auf eine Ringvorlesung internationaler Wissenschaftler der Mercator-Forschergruppe Räume anthropologischen Wissens an der Ruhr-Universität Bochum in den Jahren 2011 und 2012. Darin konzentrieren sich die Herausgeber Yvonne Wübben, Medizinerin und Literaturwissenschaftlerin, und Carsten Zelle, Germanist, auf das Verhältnis von Literatur und Medizin.

von Ulrich Siebgeber

Die affektierten Nutznießer des Nationalstaats erkennt man daran, dass sie ihn ›irgendwie‹ hinter sich haben – nicht etwa, weil sie sich zu eingefleischten Individualisten erzogen hätten, die zu allem ›Gemeinen‹ ein ironisches Verhältnis pflegen, sondern aus – man darf es so sagen – purem Gemeinsinn: sie sind eingefleischte Europäer. Genau gesagt, handelt es sich um Neu-Europäer, die jenen Europäern, die als Schweden, Griechen, Spanier, Kroaten, Polen, Ungarn, Franzosen oder Engländer diesen Kontinent geformt haben...

...

von Ulrich Siebgeber

Compassion – leidenschaftliches Mitgefühl – verlangte einst Willy Brandt von der Politik. Manchmal genügt das einfache Mitgefühl, um ihr den Puls zu fühlen. Eine Schweigeminute im Bundestag, auch wenn sie vom neuen Gottseibeiuns AfD durch einen Akt institutioneller Nötigung herbeigeführt wurde, bleibt eine Schweigeminute – ein ritueller Akt, der unmittelbar das Gedenken an das Opfer, Erinnerung an seine Qualen und Solidarität mit den Hinterbliebenen durch Enthaltung vom Wort evoziert – unmittelbar, nicht nach langem Nachdenken darüber, wer hier im Kampf der taktischen Finessierer die Nase vorn hat oder den Anschluss zu verlieren droht.

von Gunter Weißgerber

Der Berliner De Gruyter Verlag überraschte Anfang des Jahres mit dem Reprint eines Buches von 1997. Das Ende der Kritik von Ulrich Schödlbauer, einem klugen Beobachter gesellschaftlicher Ermüdungsprozesse, die er aus seiner Sicht als ›Ende der Kritik‹ beschreibt.

Was bewegt einen Verlag, ein Buch nach über 20 Jahren erneut und zu keinem Massenwarenpreis zu veröffentlichen? Um dem Verfasser einen Gefallen zu tun? Sicher nicht. Zumal der Verfasser vom Reprint erst nach der Veröffentlichung erfuhr. Um Geld zu machen? Das sicherlich ebenfalls nicht. Ist der Titel auch eingängig und appetitanregend, der intellektuell anspruchsvolle wie wuchtige Text macht Arbeit. Der Markt dagegen bedient Schnellleser und füttert mit kurzen Parolen an.

von Ulrich Siebgeber

Es gibt sie wieder, die Hüterinnen. Das gute Buch, das sie vor ein paar Jahren zu Tode pflegten, indem sie bedächtig über die Seiten strichen und hauchten, das sei noch Lesen und dieses elektronische Dingsda sei die Pest, – das gute Stück ist ihren Händen entglitten und verdämmert unerhört in den Regalen an ihrem Beruf verzweifelnder Buchhändler. Wer heute an sonnigen Tagen die Parks durchschlendert, eine frisch erworbene Zeitung in der Hand oder eines dieser Hochglanzprodukte, deren Sponsoren gern im Hintergrund...

...

Die fiktiven Tagebücher des Leutnants Forstner (Katharina Kellmann) erinnern an jenen Typus des nassforschen Leutnants, der das zweite Kaiserreich erst zur Karikatur und dann zum warnenden Schreckgespenst avancieren ließ: Sinnbild eines Militarismus, der alle gesellschaftlichen Bereiche unterwandert, sofern ihm nicht rechtzeitig Einhalt geboten wird...

...

von Ulrich Siebgeber

Überlasse den Staat den Narren und hoffe auf pünktliche Pensionsauszahlungen: so scheint die Devise zu lauten, nach der Professoren, einem sinnentleerten ›Rassismus‹-Geschrei vorauseilenden Gehorsam zollend, sich ins Schneckenhaus der politischen Sprachlosigkeit zurückziehen – oder, noch bequemer, entgegen ihren innersten Überzeugungen mit den … nun, nicht mit den Wölfen heulen, sondern mit den Schafen...

...

von Ulrich Siebgeber

 Manchmal genügt es nicht zu schreiben – man muss zitieren. Als einen solchen Fall sehe ich die nachfolgende Passage aus dem jüngsten Blogeintrag Herbert Ammons an. Der Grund dafür erschließt sich dem Lesenden rasch: Wer von der schreibenden Zunft dieses Landes seit Wochen so diffamiert, verhöhnt und beleidigt wird wie die Unterzeichner der Gemeinsamen Erklärung 2018, der hat auch das Recht, dort das Wort erteilt zu bekommen, wo die Verhältnisse selbst zu erklären beginnen, ›wie es ist‹, oder, wie es im Jargon einer mittlerweile auf dem Altenteil angekommenen Generation hieß, sich zur Kenntlichkeit herablassen...

...

By The Photographer - Own work, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=37806971

Ich lehne ab, du lehnst ab, wir ihr sie lehnen ab – das sagt sich leicht. Da der Akt des Aussprechens sie bereits enthält, macht sich nichts leichter als Ablehnung. Eine Tür, gerade noch angelehnt, hat sich geschlossen, vergebens drückt, wer’s nicht glauben möchte, die Klinke: Kein Durchgang. Es ist vorbei. Ablehnung entspricht einem menschlichen Grundbedürfnis. Nur welchem? Nicht unbedingt dem Wunsch, in Ruhe gelassen zu werden – darum geht’s nicht, allenfalls in den seltensten Fällen. Worum es dann geht? Wer ablehnt, baut Kompetenz auf: das klingt kurios, kommt aber der Wahrheit so nahe wie irgend möglich, bevor sie auffliegt und der Vogel im Unerreichbaren schwebt.

von Ulrich Schödlbauer

Kardinal ist wohl, wer hin und wieder einen kardinalen Satz auszusprechen wagt. Ein solcher Satz des Münchner Kardinals und Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Marx, wird – wenn er ihn denn gesagt hat – im kulturellen Gedächtnis haften bleiben: Da könnte man auch fragen, ob der Atheismus zu Deutschland gehört. In diesen Tagen, in denen sich die Deutschen alles Mögliche anhören müssen, kommt der Satz wie gerufen, weil er einen Wendepunkt in der Geschichte der Konfessionen in Deutschland (und im ›christlichen Abendland‹ insgesamt) in Erinnerung bringt…

 Eine exemplarische Polemik

von Peter Brandt

Die letzten judenfeindlichen Vorfälle bei Anti-Israel- und Anti-USA-Demonstrationen vorwiegend arabischer und türkischer Muslime und etliche Vorfälle an Schulen haben in der Politik und in den Medien eine breite, sorgenvolle Resonanz gefunden – zu Recht. Wie bei solchen Anlässen üblich, wird dann legitime Kritik an der jahrzehntelangen Unterdrückung der arabischen Palästinenser durch den Staat Israel oder auch nur an einzelnen Aktionen der israelischen Staatsführung als ›eigentlich‹ oder ›versteckt‹ antisemitisch charakterisiert. Aus der zutreffenden Feststellung, dass sich Antisemitismus heutzutage nicht selten als Antizionismus tarne, wird dann schnell der abwegige Umkehrschluss, dass es sich bei jeder mehr als kosmetischen Kritik an Israel – wobei das Existenzrecht Israels selbstverständlich von jeder Kritik ausgenommen bleibt – um Antisemitismus handeln müsse. Ein solches Etikett wird inzwischen gern auch einer ablehnenden Haltung gegenüber dem internationalen Finanzkapital, wenn nicht dem Antikapitalismus überhaupt angeheftet. Da kann man sich manchmal schon fragen, welche Stereotypen in den Köpfen vieler ›Freunde Israels‹ schlummern…

von Ulrich Schödlbauer

1929 schrieb Walter Benjamin, der zur Pythia des Gedankenbetriebs in den Siebziger Jahren aufstieg, den wenig belastbaren Satz: »Links hatte noch alles sich zu enträtseln«. Er wurde, vermutlich des Rätselcharakters wegen, vom Buchtitel rasch zum geflügelten Motto. Links, hieß das, standen die Deutungswege noch offen, anders als auf der politischen Rechten, die, zu Recht oder Unrecht, niemals zögerte, die jahrtausendealten Herkunftslinien des Christentums und des griechisch-römischen Denkens auf sich zu beziehen und somit zu wissen. So betrachtet, entsprach der Satz einer Welt vor dem Faschismus und seinem deutschen Ableger, dem Nationalsozialismus, die offenkundig den Bogen Europas überspannten: Als ihre sinistren Reiche zerbarsten, zerbrach, ein wenig zeitversetzt, auch das Gehäuse des ›abendländisch‹ genannten Geistes und es begann, erst zögernd und voller Hoffnung, im Westen des Erdteils die Reihe der Versuche, ›im europäischen Geist‹ zu einem neuen, ökonomisch motivierten Miteinander und schließlich zu einem politischen Körper zu gelangen, ohne dem Geist im Detail weiter nachzufragen.

By The Photographer - Own work, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=37806971

Aus den Köpfen, das ist der entscheidende Punkt. Dieser unerträgliche Zwang, konform zu denken, wie kam er auf, wo kam er auf, in wem kam er auf? Viele empfinden ihn gar nicht, sie halten ihn für einen bösen Trick, eine Strategie des Bösen, die darauf zielt, sie aus dem Paradies zu vertreiben: »Ihr werdet sein wie Gott.« Wieso Gott? Welches Paradies? Wichtigste aller Fragen: Welche Schlange? Um sie zu beantworten...

...

Marabou stork (Leptoptilos crumenifer) head

Gehörte ich zu dem einen Prozent – dem berühmten einen Prozent der Menschheit – und pochte mein Herz für den Fortschritt (so etwas soll vorkommen, es kommt vor, da in diesen Regionen die Angst nistet, von den Fortschritten der anderen überholt und abgehängt zu werden), so fühlte ich zweifellos links: nicht in jenem altbackenen Sinn, in dem Gewerkschaften den Ton angeben und Menschen die Tricks der Mächtigen fürchten. Wie dann? Nun, so einfach ist das nicht… Ich würde all diejenigen fördern, die sich benachteiligt fühlen

Familienbild – die vier Kinder des Kurfürsten Maximilian von Pfalz-Bayern. Biermann, Georg (1914): Silhouettes

Wir leben im Grokoko. Wussten Sie das? GroKo ist groß, aber von gestern. GroKo kann nicht gehen, doch zum Bleiben schwindet die Kraft. Die Lösung heißt: Grokoko. Im Grokoko lösen sich die strengen Parteilinien des GroKo auf und werden spielerisch. Die Losung heißt: Unbeschwert. Stirb, aber beschwere dich nicht. Vor allem nicht über das, was danach kommt. Vielleicht kommt nichts danach, dann wäre ohnehin jede Beschwerde umsonst. Umsonst ist auch das Regieren, man betreibt es mit Schattenkabinetten, die nur per Wandzeitung existieren. An welcher Wand? Gegenfrage: an welcher nicht? In der Republik ist jede Wand gut genug, um eine Regierung anzuzeigen, natürlich als Projektion. Im Grokoko ist das Volk nicht länger gefragt. Das war im GroKo nicht anders, aber man behandelte es pompös, als sei einem damit ernst. Jetzt geht es ans Schäfchenbekränzen und alle Welt guckt dumm aus der Wolle.

By Baden de, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=60395966

Auf Faschingsdienstag folgt Aschermittwoch, auf die Inflation mehr oder weniger unqualifizierter Büttenreden die Fastenpredigt, zu der in Bayern der politische Aschermittwoch gehört: Wer das eine aus tiefstem Herzen bejaht, weil ihm ohnehin das Leben eine Art Karneval dünkt, der gelegentlich – durch was wohl? – durch Arbeit unterbrochen wird, dem schlägt das andere schwer aufs Gemüt oder auf den Senkel. Dabei ist die Gaudi, die beides erregt, durchaus miteinander vergleichbar. Ablesen lässt sich das, nicht erst seit heute, an der Zahl der Strafanzeigen, die das eine wie das andere nach sich zieht. Auf die Anzeigen wegen sexueller Belästigung, entferntes Nachspiel zu den Vaterschaftsklagen früherer Jahrhunderte, folgen rituell die Anzeigen wegen Volksverhetzung und ähnlicher hochkrimineller Delikte, hinter denen noch immer die gute alte Majestätsbeleidigung spukt.

von Ulrich Siebgeber

Eingemummelt in ihr Fell
schweigt die Muse Annabell.

Die unterkühlte Annabell,
sie fühlt sich wohl im dicken Fell.

 von Ulrich Siebgeber

In einer kleinen
Volkstyrannei
da dachten wir zwei,
es sei gleich vorbei.

In einer strammen
Abspeckerei
da hausten wir zwei
bei Wasser und Brot. 

By 4028mdk09 - Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=14494477

Der lange Abgang einiger bedeutender Persönlichkeiten der deutschen und internationalen Politikszene, zum Teil bereits vollzogen, zum Teil mittelbar oder unmittelbar bevorstehend, bleibt nicht ohne Auswirkungen auf Grammatik und Lexik der deutschen Sprache, was zum Beispiel daran zu erkennen ist, dass der hiesige Genitiv, also die persönliche Zuschreibung, seit einiger Zeit dem Akkusativ zu weichen beginnt: Schuldig, aber nicht verantwortlich!

von Stephan Hilsberg

Dieser Actionfilm, der im extrem kriminellen Milieu von Frankfurt am Main und Offenbach spielt, hat einen sehr religiösen Titel. Das passt eigentlich nicht zusammen, meint man. Andererseits legt sich jeder Verbrecher eine Moral zurecht, mit der er sich und sein Handeln legitimiert. Der Filmtitel scheint hier kriminelles Handeln sogar religiös zu verbrämen. Doch steckt nicht auch eine kleine Ironie dahinter, eine Verstellung? Man braucht eine Weile bis man den furchtbaren Ernst dieses Titels erfasst. Seine Aussage entspricht in der Tat dem Selbstverständnis nicht nur des Haupthelden, Ricky (Moritz Bleibtreu). Er lebt und handelt so, als ob über ihn nur Gott zu Gericht sitzen könne.

von Ulrich Siebgeber

Ecke Friedrichstraße fand man einen Koffer.
Groß, schwarz, glänzend stand er im Verkehr.
Wer ihn sah, der wechselte die Seite.
Keiner wusste, ob er leer

war, ob ihn ein Flüchtling abgestellt
hatte, ob ein Träumer ihn verlor,
ob er Tante Irma dort abhanden
kam, weil er ihr unvermittelt schwer 

von Stephan Hilsberg

(Hilsbergs Text ist die Erwiderung auf einen Beitrag von Klaus-Rüdiger Mai mit dem Titel »Der Tag, an dem ich Ostdeutscher wurde. Sind ehemalige DDR-Bürger Migranten?«, der in der NZZ erschienen ist (hier – Red. –)

1. Ich denke immer, dass man sich die Schuhe, die einem hingehalten werden, nicht anziehen muss. Wenn Dich also andere zu Ostdeutschen machen, bist Du das noch lange nicht. Ich lass mir doch von anderen nicht sagen, was ich bin. Das entscheide ich schon selbst.

Tanz auf dem Guglhupf

Der neunzehnte Deutsche Bundestag verfügt über 709 gewählte Abgeordnete. Bei einer Schwankungsbreite von drei bis sechzehn (und einem Durchschnitt von acht) Familienmitgliedern ergibt das, die damit anstehenden Familienzusammenführungen hochgerechnet, für die nächsten drei bis dreieinhalb Jahre einen Parlamentsaufwuchs von 5672 Personen. Da es sich dabei um eine faktenbereinigte Schätzung, sprich Ansichtssache handelt, steht es jeder Partei frei, diese Zahl ihrem Eigenbedarf entsprechend beliebig zu verringern oder zu erhöhen.

#metoo

Deutsche Medien, eifrig um Aufklärung bemüht – welch schöner, welch herzzerreißender Anblick! Es wurde auch wieder Zeit. Jetzt zerreißen sie einen Herrn namens Wedel, Regisseur seines Zeichens, die Fans werden sich erinnern. Ein Tipp für Kinogänger, ganz wie in alten Zeiten. Der Herr hat, hätte, soll, sollte, müsste … man könnte abwarten, was daraus wird, doch sein Krisenmanagement ist, wie es heißt, erbärmlich, da endet alle Nachsicht.

von Herbert Ammon

Inwieweit in einer zusehends multiethnisch und multikulturell divergierenden und desintegrierenden Gesellschaft wie der Bundesrepublik Deutschland allgemein der historischen, insbesondere der nationalgeschichtlich orientierten Erinnerung überhaupt noch Bedeutung zukommt, scheint fraglich. Das gilt im Blick auf die Zukunft selbst für die Geschichte und die symbolische Wirkkraft des Holocaust, des zentralen Bezugspunkts deutschen Gedenkens in der Gegenwart.

von Lutz Götze

Heinrich Böll hätte am 21. Dezember seinen einhundertsten Geburtstag gefeiert. Kölner, Rheinländer, Katholik und Sohn eines Tischlers, war es ihm nicht in die Wiege gelegt, einmal zu den ganz Großen der deutschen Nachkriegsliteratur emporzusteigen. 1985 ist er in seinem Haus in der Eifel gestorben.

von Ulrich Schödlbauer

Die DDR ist in der Bundesrepublik Deutschland aufgegangen – die staatsrechtliche Formel suggeriert, neben dem Verschwinden, das Bild der aufgegangenen Saat: kein ganz beruhigendes Bild, wenn man, wie der Westteil des Landes in seiner überwältigenden Mehrheit, der Ostteil in seiner weit überwiegenden Mehrheit, von der Überlegenheit des westlichen Staats- und Gesellschaftskonzepts durchdrungen ist und kein Bedürfnis danach verspürt, von den Beharrungskräften jenes entsorgten Systems eingeholt zu werden. Wo Devotionalien kursieren, blüht Devotion.

Das Problem Merkel ist gelöst. Es weiß nur noch niemand, wie die Lösung aussieht.

*

Am Taktieren der Parteien erstaunt am meisten das Taktieren. Im Grunde könnten die Parlamentarier an jedem beliebigen Tag zusammentreten und beschließen, dass die Ära Merkel vorbei ist.

von Christoph Jünke

Als er die Nachricht bekam, soll sich der Vater der westdeutschen Demokratie, Bundeskanzler Konrad Adenauer, seinem Tross von Mitarbeitern und Journalisten halb überrascht und halb triumphierend zugewandt und ausgerufen haben: »Nun raten Se mal, meine Herren, wat da soeben passiert ist. (…) Den Agartz haben se verhaftet!« Das war am 25. März 1957. Und auch wenn sich heute nur noch wenige an den Namen Viktor Agartz erinnern, war doch der streitbare Gewerkschafter und radikale Sozialdemokrat eine der wichtigsten Persönlichkeiten der deutschen Innenpolitik der 1950er Jahre.

von Felicitas Söhner

Die Visualisierung von ›1968‹- zur Rolle des Mediums Fernsehen in der Erinnerungskultur

Bald 50 Jahre nach den Ereignissen ruft die Chiffre ›1968‹, die für ein Jahr des Aufbruchs und des Protests steht, Bilder in der kollektiven Erinnerung hervor. Gleichzeitig dauert die Debatte um Deutungsmuster weiter an. Der Historiker Martin Stallmann befasst sich in seiner Dissertationsschrift, die im Rahmen der Heidelberger Graduiertenschule für Geistes- und Sozialwissenschaften entstanden ist, weniger mit der Historisierung der Protestjahre selbst, als vielmehr mit dem Erinnern an ›1968‹. Dabei richtet er den Blick auf das Fernsehen in seiner Rolle als Chronist wie auch Akteur historischer Entwicklungsprozesse [S.8]. Das Leitmedium seiner Zeit berichtete in Dokumentationen und Diskussionsrunden über die 68er-Bewegung und thematisierte deren Bedeutung für die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Damit war das Fernsehen maßgeblich an der Konstituierung der ›68er-Generation‹ beteiligt. Auf der Basis medienhistorischer Forschung rekonstruiert Stallmann den Entstehungskontext von Medienbildern [S.21]. Als Quellengrundlage dienen dem Autor Fernsehsendungen der 1970er bis 1990er Jahre, die er anhand von Deutungen von ›1968‹ analysiert. In vier Kapiteln widmet er sich den übergeordneten Erzählmustern »Generationengeschichte« (Kapitel I), »Alteritätsgeschichte« (Kapitel II), »Gewaltgeschichte« (Kapitel III) und »Personengeschichte« (Kapitel IV).

von Herbert Ammon

Zweiter Teil

I

Durch eine Serie von Verträgen (von Maastricht 1992 bis Lissabon 2007) – in summa eine Art Ersatzverfassung – scheinen in Europa die alten, in Krieg und Zerstörung ausufernden Antagonismen zum Nutzen aller in Form eines ›Staatenverbundes‹ – eine Wortschöpfung des deutschen Bundesverfassungsgerichts – endgültig aufgehoben zu sein. Auf der Basis eines Wohlstand generierenden freien Marktes sind gemeinsame Institutionen sowie ein europäisches Rechtssystem – und Machtgeflecht – entstanden, die gegründet auf gemeinsame Werte und getragen vom Willen zu Konsens und Kooperation, dauerhaft Frieden und Freiheit in Europa sichern sollen. Von der ungeklärten Lage auf dem Balkan abgesehen, erscheint dieses Selbstverständnis der Europäischen Union zutreffend.

Im Zeichen der Hündin

Sie habe gelitten wie eine Hündin, erklärte die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Katrin Göring-Eckardt, im Spiegel-Interview (21.11.2017) auf die Suggestiv-›Frage‹, ob sie sich nicht über die Kompromissbereitschaft der Grünen in der Frage der Obergrenze für Flüchtlinge geärgert habe: »Beim ›atmenden Deckel‹ in der Flüchtlingspolitik gab es jetzt aber schon viel Gegenwind von grüner Seite.« Nicht geärgert habe sie sich, nein, gelitten hingegen schon: Ärger schlägt Falten, Leid verschönt.

von Kay Schweigmann-Greve

Allein schon die Wahl des Themas für dieses Heft ist verdienstvoll. Selten werden die sozialistischen Strömungen des Zionismus wahr- und ernst genommen. Hier werden sie zum Schwerpunkt des ganzen Heftes gemacht. Jüdische wie nichtjüdische Sozialisten des 19. Und 20. Jahrhunderts hatten ganz überwiegend ein ambivalentes Verhältnis zum Judentum. Während der Einsatz für jüdische Emanzipation und bürgerliche Gleichberechtigung selbstverständlich war und auch eine Mehrheit den Antisemitismus verabscheute, findet sich Sympathie für Projekte jüdischer Selbstbehauptung fast nirgends.

von Herbert Ammon

Erster Teil

I

Um mit all den Widrigkeiten des Lebens zurechtzukommen, bedienen sich die Menschen des psychologischen Mechanismus der Komplexitätsreduktion. Was für die Psychologie gilt, trifft auf andere Weise auf die Welt der Politik zu. In der simpelsten Form begegnet uns das Muster zur Erklärung schwieriger Kausalitäten oder komplexer Problemlagen in Gestalt von Verschwörungstheorien. Als bekanntes historisches Beispiel gilt die von Parteigängern der französischen Konterrevolution zur Erklärung der Revolution bemühte freimaurerische Verschwörung, die wiederum von einigen Adepten bis in die Gegenwart auf die Illuminaten von Ingolstadt, den von dem Kirchenrechtler und Aufklärer Adam Weishaupt (geb. 1748 in Ingolstadt, gest. 1830 als Hofrat in Gotha) anno 1776 gegründeten Geheimbund zurückgeführt wird.

von Gunter Weißgerber

Wie ich den Prozess hin zur Maueröffnung erlebte

Am 21. Januar 1989 verzichteten die ungarischen Kommunisten auf die Führungsrolle ihrer Partei. Am 28. Januar bezeichnete Imre Pozsgay den Aufstand von 1956 als Volksaufstand und am 11. Februar beschlossen die ungarischen Kommunisten die Einführung eines Mehrparteiensystems. Am 3. März unterrichtete Miklós Németh Michail Gorbatschow in Moskau über diese Reformen und teilte ihm endgültig mit, dass Ungarn den Eisernen Vorhang zu Österreich und Jugoslawien abbauen werde. Gorbatschow akzeptierte und ließ damit etwas zu, was Breschnew 21 Jahre vorher mit Panzern niederwalzte.

 von Gunter Weißgerber

Meine Erinnerungen daran

Am 8. Oktober schrieb ich mich in der Michaelis-Kirche am Nordplatz in Leipzig bei Michael Arnold 1989 innerhalb der dortigen Vorstellungsveranstaltung des »Neuen Forums« (NF) ein. Die Stimmung dieser Zusammenkunft war geprägt von den Auseinandersetzungen des Vortages in Ostberlin, Dresden und Leipzig, niemand ahnte den kommenden friedlichen Ausgang der Leipziger Montagsdemonstration des nächsten Tages, dem 9. Oktober 1989.

von Ulrich Schödlbauer

Wer, die Geschichte der Weimarer Republik im Hinterkopf, die heutige Parteienlandschaft, vor allem jedoch die Sitzverteilung im Deutschen Bundestag nach der Wahl vom 24. September 2017 betrachtet, kommt um den bitteren Ausdruck ›Systemparteien‹ nicht herum. Als Parteien des Systems, häufig als ›liberale Ordnung‹ oder ›demokratische Ordnung‹ dieses Landes tituliert, stellen sich im gegenwärtigen Parteienspektrum die vier Parteien der ›alten Bundesrepublik‹ dar, die nach wie vor die Geschicke des Landes bestimmen: CDU/CSU, SPD, Freie Demokraten und Die Grünen. Folgt man ihrer aktuellen Selbstbeschreibung, dann stehen sie seit dem Sommer 2015 in einem heroischen Abwehrkampf ›gegen rechts‹, also gegen die einzige bislang erfolgreiche Neugründung einer Partei auf dem Boden der neuen, um die Länder der ehemaligen DDR erweiterten Bundesrepublik, die AfD.

von Ulrich Schödlbauer

»In diesem Moment machte ich zwei Fotos. Das erste Foto war Abasse, wie er mich als ein blutig geschlagener Clown verwirrt ansah. Das zweite Foto war Abasse, wie ihn eine Faust im Gesicht traf.« Eine Personverdoppelung in zwei Sätzen, die wie ein missing link die Person dazwischen erraten lässt, ein Schemen, ergänzt aus Eigenem, ergänzt durch Material aus einer anderen Welt, einer Welt, in der es gewalttätig zugeht, auch wenn kein Blut fließt und gerade keine Fresse poliert wird, weil die Interessen ein scheinbar gesitteteres Verhalten nahelegen. Dagegen setzt der Erzähler den grünen Raum von Saint Leu, eine Strecke inmitten der Brandung, nur dem Surfer zugänglich, der am Strand von La Réunion seine Künste spielen lässt.

von Lutz Götze

Wer über die Bundestagswahl 2017 enttäuscht oder gar entsetzt war – zumal wegen des Abschneidens der ›Alternative für Deutschland‹ -, hat die Zeichen der Zeit nicht verstanden, die seit längerem deutlich erkennbar waren. Deutschland ist nach rechts gerückt, ist mithin, zynisch gesprochen, seinen europäischen Nachbarn ähnlicher geworden.

Depressive Dominanz

Ich werfe der zwischen 1950 und 1960 geborenen (westdeutschen) Generation vor, dass sie die deutsche Stimme in der Welt rigoros abgeschaltet hat. In diese Stille hinein ertönen seit Jahren die Worte der Kanzlerin und die zynischen Kommentare ihres gerade entlassenen ›Kassenwarts‹ – mit den bekannten Folgen ... Schriftsteller? Unerheblich. Philosophen? Fehlanzeige. Wissenschaftler? Beschränkt aufs Fachpublikum, mit gelegentlichen Ausreißern in die Medien: anämisch. Politische Köpfe? Statur sieht anders aus.

von Gerhard Engel

Den Titel für ihren von der Rosa-Luxemburg-Stiftung geförderten Sammelband liehen sich die Herausgeber bei Eric Hobsbawm, der den Ersten Weltkrieg mit diesem Begriff gekennzeichnet hatte. Doch in den achtzehn durchweg lesenswerten Beiträgen des Bandes, zumeist hervorgegangen aus wissenschaftlichen Veranstaltungen der Rosa-Luxemburg-Stiftung, wird weit mehr abgehandelt als der Brutalisierungseffekt dieses bis dahin unbekannten industrialisierten Massenmordens. Denn sie ziehen eine Zwischenbilanz der seit 2014 geführten Debatten über Kriegsschuld und Verantwortung, verfolgen Fortwirkungen des Ersten Weltkriegs bis in die Zeit des Zweiten und bereichern unsere Kenntnisse über das Geschehen auf Kriegsschauplätzen, die seit 2014 in den Debatten über den ›Großen Krieg‹ weniger Beachtung fanden als die Fronten in Ost- und Westeuropa.

von Holger Czitrich-Stahl

Heft III von Arbeit – Bewegung – Geschichte erschien Ende September 2017 und widmet sich dem Schwerpunkt »An den Rändern der Revolution: Marginalisierung und Emanzipation im europäischen Revolutionszyklus ab 1917«. Wie auch in anderen Zeitschriften, die sich hundert Jahre nach den beiden russischen Revolutionen vom Februar und Oktober 1917 mit dem Revolutionszyklus von 1917-1923 beschäftigen, bemüht sich auch das hier betrachtete Periodikum um einen erweiterten Blickwinkel auf die Ursachen, Triebkräfte, Ereignisse und sozialen Träger der Umwälzungen jener Jahre nach dem herannahenden Ende des Ersten Weltkrieges und dem Abflauen der revolutionären Kämpfe 1922/23.

von Ulrich Siebgeber

1
Das Land hat gewählt.
Das Land hat keine Regierung.
Die Regierung wurde abgewählt.
Die Regierung regiert weiter.
Die Regierung regiert.

2
Ein Land hat gewählt.
Es hat keine neue Regierung gewählt
sondern den Ausdruck des Missfallens
über alle
die es schon länger regieren.

3
Die Regierenden fragen sich
wie sie nicht weiterregieren sollen
wo doch die Wähler
den Stimmzettel in der Hand, es nicht über sich brachten
sie am Weiterregieren zu hindern.

Die Journalisten

Irgendwann nach 1989 muss es den Journalisten aufgefallen sein, wie leicht es war, die klassische Figur des Nachkriegsintellektuellen vom Sockel zu stoßen. Das geschah selbstredend in der DDR, deren Lebenszeit nur noch kurz bemessen war, aber lang genug, damit sich die gewohnten Wortführer mit Westkontakt noch schnell durch öffentliche Treuebekundungen zu einem geläuterten Sozialismus desavouieren konnten, bevor die Öffnung der Stasi-Akten ihnen für längere Zeit den Mund verschloss. Aber ein Hauptakteur im Westen war sicherlich der frühere Feuilletonchef und spätere Miteigner der FAZ, Frank Schirrmacher, ein Journalist mit der geistigen Physiognomie des verhinderten Intellektuellen, der in seinen Sachbüchern das Gefühl zu verbreiten wusste, das lebenswerte Leben sei just mit ihrem Erscheinen zu Ende gegangen.

Interview mit Richard Schröder

Globkult: Die von Ihnen zusammen mit Eva Quistorp und Gunter Weißgerber verfassten Zehn Thesen für ein weltoffenes Deutschland enthalten eine Reihe handfester Vorschläge zur Flüchtlings- und Einwanderungspolitik der Bundesrepublik. Zielen Sie damit auf die Arbeit der kommenden Regierung oder der künftigen Opposition?

Richard Schröder: Wir zielen auf die öffentliche Meinungsbildung.

von Richard Schröder, Eva Quistorp und Gunter Weißgerber

1. Da der Migrationsdruck auf Europa vor allem durch den Geburtenüberschuss in Nahost, Mittelost und Afrika bedingt ist, wird er auf absehbare Zeit nicht abnehmen. Wenn wir Erfolge in der Bekämpfung des Hungers in Afrika erlangen, wird er sogar zunehmen, weil dann mehr Menschen sich die Reise nach Europa leisten können. Hochrechnungen aufgrund von Befragungen haben ergeben, dass ca. 500 Millionen aus diesen Gegenden nach Europa kommen möchten, wenn sie könnten. Daraus ergibt sich zwingend, dass Europa die Immigration regulieren muss. Wir können nicht alle aufnehmen, die zu uns kommen wollen. Zudem verbreiten Schlepper illusionäre Erwartungen, die Enttäuschungen und Aggressionen vorprogrammieren.

von Richard Schröder, Eva Quistorp und Gunter Weißgerber

1. Da der Migrationsdruck auf Europa vor allem durch den Geburtenüberschuss in Nahost, Mittelost und Afrika bedingt ist, wird er auf absehbare Zeit nicht abnehmen. Wenn wir Erfolge in der Bekämpfung des Hungers in Afrika erlangen, wird er sogar zunehmen, weil dann mehr Menschen sich die Reise nach Europa leisten können. Hochrechnungen aufgrund von Befragungen haben ergeben, dass ca. 500 Millionen aus diesen Gegenden nach Europa kommen möchten, wenn sie könnten. Daraus ergibt sich zwingend, dass Europa die Immigration regulieren muss. Wir können nicht alle aufnehmen, die zu uns kommen wollen. Zudem verbreiten Schlepper illusionäre Erwartungen, die Enttäuschungen und Aggressionen vorprogrammieren.

Brief an den Herausgeber

von Walther Grunwald

60 Prozent der AfD-Wähler gaben laut Infratest an, dass sie die AfD nicht wegen der nazistischen, rechtsradikalen, antisemitischen Äußerungen verschiedener hoher AfD Funktionäre gewählt hätten. Sie hätten AfD gewählt aus ›Enttäuschung‹ über das Verhalten ›der Anderen.‹ Sie haben nicht der Wahl den Rücken gekehrt. Das kann nur heißen, dass sie andere Parteien wählen würden, wenn die ihre Probleme durch konkrete Schritte und Angebote verbesserten, statt seit mindestens drei Jahren hohle Phrasen zu servieren. Darüber hinaus bedürfte es einer genaueren Analyse, um zu erfahren wie viele von den 40 Prozent, die nicht von der CDU, SPD, den Grünen enttäuscht waren, aber trotzdem die AfD wählten, dies aus völkischer, nationalistischer, fremdenfeindlicher Überzeugung taten. Die nach mehrheitlichem gesellschaftlichem Konsens widerwärtigen Äußerungen von AfD-Funktionsträgern darf niemand als bloß Dahergeredetes abtun. Das geschah schon einmal. Als es geschah, haben es zu wenige ernst genommen.

von Christoph Jünke

Im Jahre 2006 erinnerte Arno Klönne in einem kleinen Zeitungsartikel an den hundertsten Geburtstag von Wolfgang Abendroth und pries dabei dessen politisch-intellektuellen Charakter. Abendroth sei ein linker Politikanalytiker in der Tradition der klassischen Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung gewesen, der die Entschiedenheit in der antikapitalistisch-sozialistischen Sache mit einem freundlichen Umgang ebenso mischte wie die Schärfe des politischen Geistes mit der Ablehnung jeder Effekthascherei. Abendroth habe Theorie und Praxis nicht auseinander gerissen und politische Wirksamkeit in Gewerkschaften, Parteien und sozialen Bewegungen mit der Mitarbeit in publizistischen Projekten und linken Kleingruppen verbunden. Er habe dabei beschränkte Sichtweisen ebenso kritisiert wie Scheinradikalität, und wollte die Bürokratisierung linker Organisationsformen ebenso überwinden wie die rechthaberische Isolation im gesellschaftlichen Gegen-Ghetto. Ein solcher Politikanalytiker, so Klönne vor nun einem Jahrzehnt, sei der deutschen Linken zu wünschen, doch leider gebe es ihn nicht.

von Katharina Kellmann

Nun ist es passiert: Die Sozialdemokratie erreichte bei den Bundestagswahlen etwas mehr als 20 Prozent der abgegebenen Stimmen. In meinen Augen wirft dieses Ergebnis die Frage auf, wie es mit der Partei weitergehen soll. Zwar lag die Union in den Bundestagswahlen seit 1949 meistens vor der Sozialdemokratie, aber seit 2005 verfestigt sich im Bund der Rückstand auf die Union. Läuft die SPD Gefahr, zum ständigen Juniorpartner der Union zu werden? Oder als ewige Oppositionspartei wie bei den Landtagswahlen wie in Bayern eine Teilnahmebestätigung zu erhalten?

US - Wahlgesichter

Allmählich sollten die Sittenwächter der Republik begreifen: So lässt sich dieser Staat nicht regieren. Sie haben sich, sehenden Auges blind, in den Bürgerkrieg der Worte und Gesten gestürzt, als die Flüchtlingskrise schonungslos die Handlungsschwäche der EU offenlegte, sie haben mit dem unerleuchteten Gerede von Hell- und Dunkeldeutschland eine Saat gelegt, deren Aufgang direkt in die Sitzverteilung des kommenden Bundestages führt, sie haben, mit einem Wort, das Land gespalten, sie haben Europa gespalten und wenn es nach ihnen ginge...

...

von Holger Czitrich-Stahl

Mit dem Buch Moderne Wahlen hat Hedwig Richter ihre Habilitationsschrift vorgelegt. Es handelt sich hierbei um eine vergleichende Analyse und Bewertung der Geschichte der Wahlen und des Wahlrechts in den USA und in Preußen im 19. Jahrhundert im Rahmen einer Demokratiegeschichte der Neuzeit. Die Verfasserin forscht seit 2016 am Hamburger Institut für Sozialforschung und ist Privatdozentin an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität in Greifswald, wo sie sich auch habilitierte.

von Gunter Weißgerber

Am 8. Oktober 1992 starb mit Willy Brandt ein wahrhaft großer Deutscher, Europäer und Sozialdemokrat. Diese Aufzählungsabfolge ist mir wichtig, verantwortungsvollen Politikern muss immer das Wohlergehen des gesamten Landes wichtiger sein, denn das Wohlergehen der eigenen Partei. Je näher beides zusammenkommt, desto besser ist es auch für die eigene Partei. Eingedenk des Wissens, vier Jahre sind die Parteien am Zuge, am Wahlabend ist es die Wahlbevölkerung – wie eine unauflösbare Schicksalsgemeinschaft halt so funktioniert.

Scherbengericht über Themistokles, von --Xocolatl 09:29, 15 April 2008 (UTC) (Eigenes Werk) [Public domain], via Wikimedia Commons

Kommt Zeit, kommt Morgenpost. »CDU-Chefin Angela Merkel hat zwar den erwarteten Sieg eingefahren, aber ihr persönlich schlechtestes Ergebnis und zugleich das niedrigste Resultat für die Christdemokraten nach 1949.« Nach dem Absturz der Regierungskoalition um dreizehn komma sieben Prozent, verbunden mit der Unmöglichkeit, in dieser Formation weiter zu regieren, eine wahrhaft heroische Aussage. Jeder frühere Kanzler der Bundesrepublik Deutschland, Helmut Kohl eingeschlossen, wäre an einem solchen Wahlabend zurückgetreten.

von Gunter Weißgerber

Repräsentative Demokratie ist, wenn die Parteien eine Legislaturperiode am Zuge sind und das Wahlvolk seinen Zug am letzten Tag der jeweiligen Legislaturperiode allgemein, frei und geheim machen kann. So geschehen erneut am 24. September 2017 – Der Verfasser

Die Kommunisten scheiterten u.a. an der Tatsache, dass es den Menschen an sich für ihr System nicht gab bzw. geben wird. D.h. sie wollten diese Tatsache nicht wahrhaben! Nun zu den Sozialdemokraten. Diese wollten (oder wollen) nicht wahrhaben, dass die Realitäten sich vielfach von ihren Vorstellungen unterscheiden. Ich sage hierzu Blauäugigkeit oder auch standhafte Negation der Realitäten. – Gunter Weissgerber in Die SPD und die Zwangsläufigkeit ihrer Wahlniederlage oder Die Blauäugigkeit der SPD vom 2. Dezember 1990

 

von Edelbert Richter

Historische Hintergründe von Brexit und Trump

Es hat sich wohl inzwischen herumgesprochen, dass ›Brexit‹ und ›Trump‹ mehr bedeuten als einen kleinen geschichtlichen Unfall, dass es sich vielmehr um einen Epochenumbruch handelt. Der Spiegel sprach schon im Januar von einer ›Zeitenwende‹, vom ›Ende des Westens, wie wir ihn kennen.‹ (4/17) Die Bundeskanzlerin kam, weil die deutsch-amerikanische Freundschaft ihr ein ›Herzensanliegen‹ ist, erst Ende Mai zu dem Ergebnis: »Die Zeiten, in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten, sind ein Stück vorbei, das habe ich in den letzten Tagen erlebt.« (Die Zeit, 1.6.17)

By MSeses - Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5537925

Einige werden es mit Erstaunen und viele mit Unmut registrieren: Hinter dem Kürzel A-f-D steht, nein: verbirgt sich eine dubiose ›Aktion für Demokratie‹, eine Initiative des … der … die … ja was denn? Die Barley? Wie kommen Sie darauf? Nein, nicht die … warten Sie … die andere, na die andere. Die Weigel oder Weidel, wer denn sonst! Hätten Sie’s gewusst? So eine ist das. Lächerlich? Wie – lächerlich? Das finden Sie lächerlich? Machen Sie, dass Sie davonkommen, Sie, Sie…!

Schwarzsemiotik eingebettet in Sozialkommunikation

von Milutin Michael Nickl

Ein mit hundert Abbildungen treffsicher illustriertes Sachbuch zur europäisch-mediterranen Kommunikations- und Symbolikgeschichte der Farbe Schwarz (Farbcode: #000000); auf glattem, weißem Premiumpapier mit optimaler Farbbrillanz gedruckt, säurefrei und alterungsbeständig, wie im Impressum notiert. Eine schöne Edition und eine faszinierende Fleißarbeit. Ihr Autor, 1947 in Paris geborener Mediävist, war Lehrstuhlinhaber für abendländische Symbolikgeschichte (chaire d'histoire de la symbolique occidentale) an der Pariser Sorbonne. Dabei verwandtschaftsweitläufig gesehen mit günstiger Karriere-Ausgangsbasis beglückt: le petit-cousin de Claude Lévi-Strauss, le fils d'Henri Pastoureau, proche des surréalistes et le neveu d'Henri Dubief (historien) , wie auf fr.wikipedia nachzulesen ist. Fraglos ist Michel Pastoureau ein Big Shot auf seinem fächerverbindend kommunikationshistorischen Gebiet und durch zahlreiche, international renommierte Publikationen ausgewiesen. Nicht nur quantitativ dürften die auflagenstarken angloamerikanischen Parallel-Editionen schätzungsweise als die jeweils einflußreicheren anzusehen sein. Vom Autor eigenständig und souverän kompiliert, liefert das hier in Rede stehende Werk eine substanziell resümierende Summe zu historischen und prähistorischen Entwicklungsstadien und Tendenzen der Farbe Schwarz, eingebettet in Aspekte und Einstellungshaltungen zur Sozialgeschichte und Sozialkommunikation.

Aufnahme: © Renate Solbach (2017)

Jeder, der das Duell der Spitzenkandidaten gesehen hat, weiß: Etwas läuft falsch. Ob es ›in diesem Land‹ falsch läuft, ist eine Frage für sich, die einen Moment ruhen kann. Falsch läuft etwas in diesem Wahlkampf, darin sind die Auguren sich einig, es ist ein Scheinwahlkampf, in dem jemand in die Pedale tritt, wohl wissend, dass er mit jedem Tritt die andere Seite ein Stück weiter ins Ziel befördert … ein Tandem, wie es im Buche steht, nur schneidet es niemand heraus. Warum auch? Treten hält fit, gemeinsam treten beweist: beide Seite sind fit.

von Gunter Weißgerber

Unlängst fiel mir ein kleines Büchlein in die Hände. Schwarz, mit einem mainstreamverweigernden Bild inmitten der vorderen Umschlagseite. »Notizen zur Deutschen Einheit« verspricht der Titel. Ziemlich eigenständig ist darunter eine aktuelle Deutschlandkarte, die, scheinbar verwirrt, statt der üblichen innerdeutschen West-Ost- ›Grenz‹ziehung Deutschland querstreift, von Nord nach Süd herunter. Immer mit quer laufenden Schwarzweiß-Balken. Wobei ab dem ›Weißwurstäquator‹ die schwarz-weißen Balken durch grau-weiße Balken abgelöst werden. Oder interpretiere ich nur zu viel hinein?

Lehrstück vom Klotzen

Die Leute haben solche Löcher in den Köpfen, dass man gut und gerne eine Münze hineinschieben kann, gelegentlich auch eine ganze Volkswirtschaft oder anderthalbe. Man sagt so etwas dahin, aber es hat einen wahren Kern, der vielleicht nicht im Zentrum sitzt, sondern an der Peripherie. Denkbar wäre, dass die Wahrheit eines Systems…

von Ulrich Schödlbauer

Wann war Delirieren je schöner? Die Titelseite des Stern gibt den Trump mit faschistischem Gruß, sie gibt ihm auch in dieser Pose noch Zucker, wenn sie ihn in die einzige Flagge auf Erden hüllt, die der Deutsche noch respektiert, aber das steht auf einem anderen Blatt. Das andere Blatt, der Spiegel, zwängt den mächtigsten Mann der Welt, zwecks Demaskierung, unter die weiße Maske des Ku Klux Klans, es fehlt nur die liegengebliebene Trump-Maske aus Wahlkampfzeiten und obendrauf eine überdimensionierte Sonnenbrille: die Banalität des Bösen, perfekt! Perfekte Banalität, diesmal des deutschen Wahlkampfs, verströmte, aus welchem Kalkül auch immer, der Kandidat: Spiegel online zufolge nannte er »Typen wie Donald Trump … Vertreter einer Politik, denen jede Niedertracht recht ist«. America first – daran haben, aus nüchterner Einsicht in die geltende Weltordnung, sich seit Hitlers Krieg noch alle deutschen Regierungen gehalten...

...

von Gunter Weißgerber

Wählen aus Mitleid? Mitleid mit wem? Mit einer Partei? Mit der Bundesrepublik? Mit der EU? Oder gar aus Selbstmitleid?

Die Fragen mögen absonderlich klingen, zumal, wenn sie jemand aufschreibt, der vor fast drei Jahrzehnten erstmals frei wählen konnte und dem diese freien Wahlen noch immer heilig sind.

Und dennoch ist es so. Wie mir ergeht es sehr vielen Freiheits- und Demokratie-süchtigen Mitbürgern. Das weiß ich aus ungezählten Gesprächen in West, Ost, Süd, Nord mit Wessis, Ossis, Wossis.

von Heinz Theisen

Warum die Ursachen von Donald Trump als politische Aufgaben erkannt werden müssen

Dass eine politisch unerfahrene, persönlich ungebildete und charakterlich ungefestigte Person wie Donald Trump zum mächtigsten Mann der Welt gewählt wird, muss Ursachen haben. Dass sich unsere politische Klasse bis weit in die Medien hinein weigert, über diese Ursachen nachzudenken, ist verständlich, denn die Hauptursache für Donald Trump ist sie selbst.

Sowohl der Brexit als auch die Wahl von Donald Trump sind als Reaktionen auf eine vorangegangene Ideologisierung von ›Weltoffenheit‹ zu verstehen, die sich in einer historisch beispiellosen Entgrenzungspolitik nach außen und innen niedergeschlagen hatte. Vom spekulativen Kasinokapitalismus der Neoliberalen, der Interventionspolitik der Neokonservativen bis zu den offenen Grenzen der politischen Linken wurde eine universalistische Politik voranzutreiben versucht. Dass die Welt heute aus den Fugen ist, liegt vor allem an diesen letztlich utopistischen Überdehnungen des Möglichen und Sinnhaften.

Quanzler

Bei der Jagd nach der Kanzlerschaft muss es Sieger und Verlierer geben, das ist ganz natürlich, es liegt gleichsam in der Natur der Dinge, um nicht zu sagen, es ist die Seele des Spiels: In diesem Satz sind zwei ideologische Stolpersteine verborgen, wer sie bemerkt, kommt weiter, alle anderen müssen zurück auf Null.

von Felicitas Söhner

Holocaust und ›condition humaine‹.
Reflexionen zur Genese von Feindseligkeit und Vorurteilen

Der Psychoanalytiker Henri Parens, 1928 geboren in Lodz als Aron Pruszinowski, schildert im vorliegenden Band eindrücklich einen Teil seiner Lebensgeschichte. Als Überlebender des Holocaust behandelt er die Ereignisse seiner Flucht aus dem Blick eines Kindes. 1940 ist er gemeinsam mit seiner Mutter vor den Nationalsozialisten von Belgien nach Frankreich geflohen und dort im Camp de Rivesaltes, nahe der Stadt Perpignan, nördlich der spanischen Grenze, interniert worden. Anfang 1942 konnte er mit der letzten Kindergruppe in die USA emigrieren; bereits die nachfolgende Gruppe wurde von nationalsozialistischen Truppen daran gehindert.

von Gunter Weißgerber

Der Spiegel schrieb in den 80ern sinngemäß, die DDR-Deutschen seien ein Volk, das täglich um 20 Uhr kollektiv auswandere. Gemeint waren der Beginn der Tagesschau und der Informationshunger der Ostdeutschen.

So war es tatsächlich. Die DDR-Medien zwangen uns rund um die Uhr sozialistische Erziehung und Umerziehung auf, ohne uns die geringste Chance auf Pluralität der Informationen und daraus folgender individueller Meinungsbildung zu lassen. Die Folgen waren so gravierend wie absehbar: Nicht einmal die Wettervorhersage wurde geglaubt, von den Nachrichten ganz zu schweigen. Es war gruselig. Und das Ende der ›Diktatur der Arbeiter und Bauern‹ war auch in medialer Hinsicht ein glückliches, ein besonders glückliches.

von Rudolf Walther

Den Begriffen ›Bonapartismus‹ und ›Populismus‹ ist gemeinsam, dass sie quer durch die Geschichte der Gesellschafts- und Herrschaftsformationen ziemlich beliebig verwendbar sind. Für Leo Trotzki etwa fallen die Präsidialregimes unter den Reichskanzlern Brüning und von Papen ebenso unter den Begriff ›Bonapartismus‹ wie die Diktaturen Stalins und Hitlers, Bismarcks Herrschaft oder jene des ›österreichischen Bonapartismus‹. Die Enthistorisierung und Verallgemeinerung des Begriffs ist nicht Marx‘ zuzurechnen, der in seiner Schrift Der achtzehnte Brumaire des Louis Napoleon (1852) eine historisch-politisch und sozialstrukturell präzise beschriebene Herrschafts- und Regierungsform meinte. Engels‘ dehnte den Begriff zur bürgerlichen Herrschaft überhaupt, als er am 13. April 1866 an Marx – der ihm nicht widersprach – schrieb: »Der Bonapartismus ist doch die wahre Religion der modernen Bourgeoisie.«

von Gunter Weißgerber

Ich bin Milchtrinker. Auch genieße ich gern Wein, doch das soll hier und jetzt nicht das Thema sein.

Zur Milch. Frische Milch soll es sein, unbedingt. Und die ist wohlschmeckend immer schwieriger zu bekommen. Nach H-Milch schmeckt inzwischen leider auch die Milch, auf der Frischmilch drauf steht. Ich fühle mich regelrecht milch-beschissen.

Angefangen hat das mit meinem sensiblen Milchgeschmack im Annaberg-Buchholz/Erzgebirge mit der Frischmilch des schon lange nicht mehr existenten privaten Molkereigeschäfts in der Haldenstraße in den Fünfzigern des letzten Jahrtausends.

von Lutz Götze

›Siempre adelante con Evo‹ schreien die Parolen von Wänden und Mauern, als sich der Fremde, von Copacabana am Titicaca-See kommend, über üble Pisten und nicht zu Ende gebaute Vorstädte der bolivianischen Metropole La Paz nähert: ›Immer voran mit Evo‹, dem mythisch verklärten Präsidenten mit aymarischen Wurzeln. Vom armen Bauernsohn auf dem Altiplano ist Evo Morales 2006 zum bolivianischen Präsidenten aufgestiegen und erlebt jetzt, nach der Wiederwahl, seine zweite Amtsperiode. Er residiert, zumeist im alternativen Pullover, an der Plaza de armas im Zentrum der Millionenmetropole: Sitz des Parlaments und der Regierung, nicht aber Hauptstadt. Die bleibt unverändert, seit der Unabhängigkeit und Staatsgründung 1825, Sucre im Süden des Andenstaates.

von Christian Wipperfürth

Der Autor beabsichtigt, »die Wurzeln des russisch-georgischen Konflikts frei(zu)legen« (9). Dieses Thema ist wichtiger, als es einem mitteleuropäischen Beobachter vielleicht zunächst erscheinen mag. Die russisch-georgischen Beziehungen haben sich in den Jahren nach 2004 dramatisch verschärft, was zu dem zunehmenden Misstrauen zwischen dem Westen und Russland – und somit zu der Sackgasse, in der sich die wechselseitigen Beziehungen seit Jahren befinden – wesentlich beitrug.

Zunächst: Nichts ist passiert. Keinem Regierungschef der G20 wurde ein Haar gekrümmt, keines der zahllosen mit angereisten Delegationsmitglieder musste irgendein durch Fremd- oder Selbsteinwirkung entstandenes Ungemach erleiden, das kritikwürdig oder auch nur -fähig genannt werden könnte, kleinere Unpässlichkeiten, entstanden durch Alkoholgenuss oder falsche Kost oder nächtliche Eskapaden, tangierten nicht das allgemeine Bewusstsein.

von Christoph Jünke

Erst seit wenigen Jahren wird in Österreich der Erinnerung an das sogenannte ›Rote Wien‹ staatspolitisch-museale Bedeutung zugesprochen. Trotz der Tatsache, dass seine sozialdemokratischen Erben nach dem Zusammenbruch des großdeutschen Dritten Reiches eine mitregierende Partei im nun dauerhaft eigenständigen Staate Österreich geworden waren, wurde des in der Zwischenkriegszeit von der alten Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (heute: Sozialdemokratische Partei Österreichs – SPÖ) betriebenen Wiener ›Sozialismus in einer Stadt‹ kaum gedacht. Zum schulischen Lehrplan der Fünfziger- und Sechzigerjahre gehörte diese Zeit jedenfalls nicht.

von Holger Czitrich-Stahl

Das zweite Heft des Jahres 2017 dieser Zeitschrift besitzt das Schwerpunktthema Judentum und Revolution: Der Weltverband Poale Zion zwischen Zionismus und Kommunismus. Einschließlich des einleitenden Beitrages von Ralf Hoffrogge nehmen sich fünf Aufsätze dieses Themenkomplexes an, der in der Historiographie der Arbeiterbewegung bestenfalls subkutan präsent war – höchstens durch hervorragende Persönlichkeiten wie Ferdinand Lassalle, Karl Marx, Moses Heß oder Leo Trotzki –, aber einer historischen Längsschnittbetrachtung dringend bedarf. Geschichtlicher Ausgangspunkt der im aktuellen Heft vorgenommenen Auseinandersetzung ist das Jahr 1917, in dem sich nicht nur die russische Doppelrevolution des Februar und Oktober ereignete und die folgenden Zeitläufte entscheidend beeinflusste, sondern der britische Außenminister Lord Balfour am 2. November die Errichtung einer ›nationalen Heimstätte‹ des jüdischen Volkes in Palästina versprach.

von Christina Breidenbach

Die Theorie, dass die US-Amerikanische Weltmachtstellung kippt, wird mit dem Einfluss Russlands im syrischen Bürgerkrieg und in der von Moskau beeinflussten Meinungsbildung in Südost- und Osteuropa immer deutlicher. Auch China nimmt seine Rolle als dominierender Akteur wahr und nutzt die Wahl Donald Trumps gezielt für seine Zwecke. Die chinesische Regierung sieht die Chance, durch die angekündigte Abschottung bzw. durch die eventuellen Rückläufe der USA international zu profitieren und sich zu profilieren.

 Dass Ehe und Familiengründung durch Zeugung von Nachwuchs nichts, aber auch gar nichts miteinander zu tun haben, erhellt besonders anschaulich § 1307 BGB, der lautet: »Eine Ehe darf nicht geschlossen werden zwischen Verwandten in gerader Linie sowie zwischen vollbürtigen und halbbürtigen Geschwistern. Dies gilt auch, wenn das Verwandtschaftsverhältnis durch Annahme als Kind erloschen ist.« Paragrafen lassen sich ändern, das ist wahr, aus parlamentarischer Inzucht folgt, jedenfalls in ein und derselben Legislaturperiode, weder logisch noch sachlich die biologische.

von Ulrich Schödlbauer

14. Die ›reine‹ Beziehung und der Kinderwunsch

Untersucht man die im Beziehungsmodell sozial realisierte Trennung von Sexualität und Reproduktion, dann kommt man zu dem Ergebnis, dass die rigorose Durchstreichung des zweifellos gegebenen, aber durch den Einsatz mechanischer und chemischer Mittel unbegrenzt manipulierbaren biologischen Zusammenhangs den kulturell zweifellos ebenso gegebenen Zusammenhang überblendet, in dem der Kinderwunsch als Summe aller auf ein individuelles Optimum ausgerichteten Steuerimpulse fungiert. Es ist nicht ganz richtig, zu sagen, der Kinderwunsch habe sich mit dem Abschied vom traditionellen Familienmodell ›reduziert‹ oder sei generell zurückgegangen. Angemessener wäre es wohl zu sagen, er werde durch das Beziehungsmodell dauerhaft aufgeschoben: jedenfalls entspricht dem eine in allen Befragungen...

von Peter Brandt

Am 22. April dieses Jahres verstarb in seinem zweiten Heimatland Dänemark der Historiker, Kultur- und Sportsoziologe mit auch ethnologischer Kompetenz Henning Eichberg, in den letzten Jahren verschiedentlich Globkult-Autor; er wurde 74 Jahre alt. Ich habe ihn um 1980 zum ersten Mal persönlich getroffen und hatte daran gedacht, ihn im jetzigen Sommer auf dem Weg nach Norwegen – nach langen Jahren – zuhause zu besuchen. Wir standen über die Jahrzehnte in Kontakt: Bücher, Sonderdrucke, später in elektronischer Form, gingen hin und her.

von Ulrich Schödlbauer

11. Ein Stück Nachkriegsgeschichte

Wenn die ›Beziehung‹ soziales Kapital verspricht oder ›darstellt‹, dann sollte die Frage nach der deformierenden Gewalt, die dem Begriff als einem gesellschaftlichen Universale innewohnt, nicht nur den Minimalismus als den Mechanismus des Unsichtbarmachens der zentralen Aspekte der Fortpflanzung, der Weitergabe familiärer und kultureller Informationen im als ›eigen‹ wahrgenommenen Nahbereich umfassen, sondern auch den Begriff des sozialen Kapitals, wie er in dieser Anwendung erscheint. Dass der simple Gedanke der Beziehung (Relation) zweier Gesellschaftsglieder ein Erwerbsverhältnis impliziert, gehört nicht von vornherein zur Sache, es reflektiert die dritte Seite im Spiel. Die Annahme, dass einige Beziehungen sozial wertvoller sind als andere, verschiebt das sexuelle Spiel in den Bereich von Einfluss, Karriere und Macht...

Jeder kennt sie, die Mitreisenden, deren lautstark geführtem Gespräch niemand im Abteil entrinnen kann. Diese zwei, ich nenne sie Phil & Phob, reisten, wie es aussah, ohne Gepäck. Sie tranken Kaffee aus Pappbechern und scherten sich nicht um die verkniffenen Gesichter in ihrer Umgebung. Niemand holte den Schaffner. Nur eine Mutter musterte sie erschrocken und zog ihr Kind mit sich fort. Es herrschte Meinungsfreiheit.

von Ulrich Schödlbauer

8. Die ›stillschweigende Option‹

Befremdlich wirkt die Ergebenheit, mit der die öffentliche Debatte das Jahr 2050 (in dem die Prognosen aus gutem Grund enden) als Zielmarke einer homogenen Entwicklung hinnimmt – den Zeitpunkt, zu dem die Reste der sogenannten ›geburtenstarken Jahrgänge‹ ihr biblisches Lebensalter erreicht bzw. weitgehend gelebt haben werden (9,1 bzw. 9,9 Mio Achtzigjährige und älter). Das Dreieck aus ›Überalterung‹, ›Übervölkerung‹ und ›Überfremdung‹ tritt so vielleicht überproportional in Erscheinung. Spätere Zielmarken ließen womöglich andere Größen in den Vordergrund treten. Wenn heute über Zuwanderungszahlen, Rentenquoten und Sozialstaatsversprechen, über den schleichenden Kollaps des Schulsystems und die mangelnde Integrationsbereitschaft von Ausländern geredet wird, dann steht die Frage auf der Tagesordnung, welche Bevölkerungsgröße und -zusammensetzung für die Aufrechterhaltung des Prosperitätsversprechens als ›optimal‹ gelten darf...

von Christoph Jünke

Wenn wir hier über die nordrhein-westfälische Bildungspolitik und die Frage nach unseren Bildungszielen diskutieren wollen,* so ist ein kurzer historischer Rückblick auf das, was diesbezüglich die großen Linien der Vergangenheit waren – und darum wurde ich als Historiker von den Organisatoren gebeten –, sicherlich nicht verkehrt.

Umstritten war das deutsche Bildungssystem im 20. Jahrhundert weniger wegen seiner Leistungsfähigkeit. Im internationalen Vergleich war das deutsche Bildungssystem im 20. Jahrhundert eines der sozusagen modernsten, effektivsten und leistungsfähigsten.

leicht fällt es mir zuzugeben, dass ich dich noch niemals geduzt habe, auch nicht gedenke, es ein weiteres Mal zu tun. Aber nun, da du tot bist und es mit aller Siezerei ein Ende hat, soll es einmal so sein. Nein, du hast mir nicht imponiert, damals, als du dein Amt als Kanzler der Bundesrepublik Deutschland das erste Mal antratest, deine ›geistig-moralische Wende‹ schielte allzu sehr auf die geistig und moralisch zu kurz Gekommenen, und deine Sprache… Ich würde gern über deine Sprache sprechen, doch etwas hindert mich daran, es zu tun.

von Ulrich Schödlbauer

5. Publizistisches Intermezzo

Dass überhaupt sich ein Missbehagen breitmachen konnte, das nicht ohne Rückstände vom Tagesgeschäft absorbiert wird, hat sicher auch mit den ›neuen Realitäten‹ zu tun, die in der öffentlichen Wahrnehmung seit den Ereignissen des 11. September 2001 einen so breiten Raum beanspruchen. Nicht ausgeschlossen werden darf, dass der vorhergesagte und ehedem eher belächelte ›clash of civilizations‹ durch den Gang der Dinge in die Position einer unwiderstehlichen Interpretation gerückt ist, der man an seriösen Orten eifrig widerspricht, während sie in praxi die eher reflexartig vorgenommenen Einschätzungen von Personen regiert, die gelernt haben, das eine zu sagen und das andere zu denken...

...

von Ulrich Schödlbauer

Ulrich Schödlbauers Essay über Bevölkerungsentwicklung, Alterungs- und Migrationswirkungen, über kulturelle Ursachen der niedrigen Geburtenraten und ihre politisch-sozialen Konsequenzen erschien erstmals 2006 in Iablis unter dem Titel Bevölkerung. Über das generative Verhalten der Deutschen. Seit der Flüchtlingskrise 2015 sind die Probleme sichtbarer – und drängender – geworden, während die öffentliche Diskussion darüber weithin in Sündenbockrituale entgleist. Es erscheint daher, gerade angesichts des Wahljahrs, sinnvoll, die immer noch aktuellen Thesen erneut in die Debatte einzuspeisen. Der Essay erscheint, leicht gekürzt, in Abständen von wenigen Tagen, als eine Folge von Einzelbeiträgen.
– Die Redaktion –

von Herbert Ammon

I.

In einem Artikel für den Berliner Tagesspiegel beklagen Antje Vollmer und Peter Brandt das Fehlen einer linken Alternative zur seit nunmehr zwölf Jahre anhaltenden »Alternativlosigkeit« in der deutschen Politik. Vom angestrebten Ziel ins Kanzleramt seien die Sozialdemokraten derzeit weit entfernt, und es führe auch kein Weg »der politischen Linken zurück zu gesellschaftlichen Mehrheiten«. Ungeachtet dieser ernüchternden Diagnose fordern Vollmer-Brandt: »Raus aus der Gefangenschaft der Merkel-Politik!« (Der Tagesspiegel vom 5. 6. 2017) .

Das Bismarck-Wort vom mangelnden zivilen Mut der Deutschen macht wieder die Runde. Dabei wird es durch den bloßen Augenschein widerlegt. Zu keiner Zeit haben Leserbriefschreiber in Nachkriegsdeutschland – im Netz vornehm ›Kommentatoren‹ genannt – die Artikelschreiber der Mainstream-Medien so couragiert und energisch auf ihre journalistische Sorgfaltspflicht und die eklatanten Mängel ihrer Weltbeschreibung – von anderen Defiziten abgesehen – hingewiesen wie heute.

Die Neue Weltordnung 100 Jahre nach der Oktoberrevolution

von Gernot Erler

I. Von der »Pax Americana« zur multipolaren Weltordnung

Weltordnungen neigen dazu, länger zu halten. Sie wandeln sich nach dramatischen Ereignissen. Die letzte länger bestehende Weltordnung währte 40 Jahre lang, von 1949 bis 1989, und entstand in Folge des 2. Weltkrieges. Diese vier Jahrzehnte waren geprägt von der Blockkonfrontation, vom Kalten Krieg und von einem atomaren Patt, dessen Abschreckungswirkung funktionierte. Das Spannungsverhältnis zwischen Osten und Westen war nicht ganz neu, es ging eigentlich schon auf die Folgen der Oktoberrevolution von 1917 zurück.

von Ulrich Schödlbauer

Vor bald hundert Jahren postulierte der Soziologe Karl Mannheim: Die Zahl der Ideen ist endlich und im Grundsatz sind alle bekannt. Ihr angemessener Gebrauch besteht folglich darin, sich mit ihrer Hilfe möglichst vorteilhaft in der Öffentlichkeit zu positionieren und sie so für die eigene Klientel nutzbar zu machen.

Seit der Kausalzusammenhang von CO2-Ausstoß und Erderwärmung unter die politischen Ideen aufgerückt ist, trägt er für viele skeptisch eingestellte Mitmenschen den Stempel des Dogmas – verständlicherweise, da wissenschaftliche Hypothesen, vor allem so extremer Art, Widerlegungsgefahren unterliegen, vor denen sich die Politik fürchtet wie der Christenteufel vorm Weihwasser. Man muss schon dran glauben, wenn’s wirken soll – von dieser Art waren alle bisher von Staaten geschlossenen Klimaabkommen und ihre ›Umsetzungen‹ in den Ländern, in denen es etwas daran zu verdienen gab.

Ich bin es leid, mit Trump-Kritikern über Trump zu diskutieren. Warum? Weil sie nicht über Politik reden wollen, sondern über Trump.

Ich sehe keinen Grund, weshalb ich über Trump diskutieren sollte. Ich kenne den Mann nicht, bin ihm nie begegnet. Ich habe keinen Grund, auf ihn sauer zu sein. Er hat mir keinen Gebrauchtwagen verkauft, er hat mir keine Frau ausgespannt, er hat mich nicht betrogen, ich habe seine Universität nicht besucht – und wenn schon, sie wäre nicht schlechter gewesen als andere auch in God’s own country.

Netzwerk Grundeinkommen

von Wolfgang Kruse

Warum Andrea Nahles' Vorschlag eines ›Sozialerbes‹ ein Schritt in die richtige Richtung ist, aber nicht weit genug geht.

Die Diskussion über ein bedingungsloses Grundeinkommen kreist neben den Fragen der Finanzierbarkeit grundsätzlich um zwei Problemkomplexe: Was ist das Ziel? Welche Gefahren sind damit verbunden?

Seine Befürworter argumentieren vor allem, dass die moderne Technologie Arbeit tendenziell überflüssig mache und deshalb eine Lebensgrundlage unabhängig von der Erwerbstätigkeit geschaffen werden müsse. Die Gegner dagegen befürchten eine dauerhafte Alimentierung unproduktiver Bevölkerungsteile, die aus dem weiterhin auf Erwerbsarbeit gegründeten gesellschaftlichen Leben ausgegrenzt werden. Beide Denkweisen sind nicht per se abwegig, aber jeweils spekulativ und greifen zu kurz. Im Kern geht um vielmehr um Grundfragen gesellschaftlicher Ordnung, um ihre rechtliche Begründung und Praxis.

Wenn ich, Siebgeber, mich einst dessen brüstete, den letzten nichtkomponierten Udo-Lindenberg-Schlager geschrieben zu haben, der das Zeug zum Welt-Bestseller besaß, so mache ich mich heute anheischig, dem Wahlprogramm einer der im Bundestag vertretenen Parteien (ich verrate nicht, welche, und rechne auf den gesunden Selbsterhaltungsdrang ihrer Spitzenpolitiker) die dringend benötigten Glanzlichter aufzusetzen. Keiner drängt sich zu so einer Arbeit, aber wie der Wattprediger zu heucheln pflegt: Wat mutt, dat mutt.

von Gunter Weißgerber

Der Titel könnte in die Irre führen. Unheimlich leicht war nichts, überhaupt nichts von dem, was Michael, Gesine, Rainer, Christian, Uwe, Frank, Fred, Jochen, Hilli und alle anderen im Buch beschriebenen jungen Leute in der Diktatur der Arbeiterklasse trieben. Was sie mit offenem Visier, den großen Gefahren ins Auge schauend, strategisch durchdacht und geradezu gefahrverachtend taten. Unheimlich mutet es an, mit welch' frappierender Leichtigkeit diese jungen Leute zur Sache gingen. So ganz anders als blutrünstige Revolutionäre vom Schlag eines Robespierre oder Lenin.

Es war auch nicht der kindisch-zerstörende West-68er ›Widerstand‹ in der Demokratie (nicht zu verwechseln mit dem tatsächlichen Widerstand im Osten im Umfeld des 68er ›Prager Frühlings‹) oder dem Pegida/Legida-›Widerstands‹gestammel unter Polizeischutz. Es war tatsächlich ein todesmutiges Anliegen mit einem Terrorsystem kommunistischer Provenienz.

von Ulrich Siebgeber

1

Als er fünfzig war und noch gelenkig
und das Land gab einfach keine Ruh,
nahm er Rat an, sprach: »Das denk ich ganz persönlich
auch und leg noch eins dazu.«
Und er plante seinen Coup.

2

Um den Wahnsinn endlich voll zu machen,
denn auch er, so hieß es, wurde langsam dreist,
hisst die Schöne Gute einen Drachen,
der Erfolg dem Wendigen verheißt,
falls er wendig um sich selber kreist.

3

Denn das Land war völlig aus dem Häuschen,
gute Freunde gingen sich ans Hemd.
Altgediente Pfeifer spielten Mäuschen.
Erichs Katze, feist und fremd,
mustert den gelehrten Kämpfer, dem die Büchse klemmt.

Schulden sie? Schulden sie der Welt irgendetwas? Nun ja, es gibt Gläubigerstaaten, die darüber genaue Bilanzen führen. Aber eine Regierung? ›America first‹ hieß die Wahlparole des amtierenden Präsidenten und alle Welt, allen voran die jetzige Opposition, schüttete sich darüber aus. »Amerika steht in der Verantwortung« tönte es von diesseits des Atlantik, bevor man seine Aufwartung machte, manches Statement klang hässlicher, weit hässlicher, aber das scheint, wie üblich, bereits halb vergessen. Mancher nicht ganz Gedächtnislose hat noch die Stimme Obamas im Ohr, der sein Amerika auf den american exceptionalism einschwor, das gott-, natur-, macht-, ideen-, präsidentengegebene Recht, überall auf dem Planeten einzugreifen, ohne sich darin durch bestehende Verträge, Völkerrecht und gute Sitten lange aufhalten zu lassen, wenn … was es erforderlich macht? Amerikas vital interest, wie der Kongress, allen voran natürlich die Partei des heutigen Präsidenten, ihm zu gegebener Zeit einzuschärfen wusste.

von Christian Wipperfürth

Moskau besaß seit den 1960er Jahren eine nukleare Parität mit Washington. Die tiefgreifenden Abrüstungsmaßnahmen, die die beiden Supermächte seit Ende der 1980er Jahre vereinbart hatten, zementierten diesen Gleichstand, woran auch die Implosion der UdSSR nichts änderte. Die Reduktion des russischen Nuklearpotenzials veränderte die Stärkeverhältnisse Russlands zu den anderen Kernwaffenmächten auch nur graduell, aber keineswegs grundsätzlich: Russland verfügte zu jedem Zeitpunkt über deutlich mehr einsatzfähige Nuklearsprengköpfe als China, Frankreich und Großbritannien zusammen genommen.

von Christian Wipperfürth

Der Ostdeutsche Edelbert Richter hat bereits eine ganze Reihe von Büchern vorgelegt (siehe z.B. die Rezension Richters Die Linke im Epochenumbruch – www.globkult.de/politik/besprechungen/). Er ist Philosoph, Theologe und Politiker (Volkskammer, Europäisches Parlament bzw. Bundestag zwischen 1990 und 2002). Richter gehörte seit 1990 der SPD an. 2007 wechselte er zur Linkspartei. Er war lange Jahre Mitglied der ›Grundwertekommission‹ beim SPD-Parteivorstand und gehört dem ›Willy-Brandt-Kreis‹ an, dem namhafte Persönlichkeiten angehören. Richter steht also politisch links und zugleich unverkennbar in deutscher Denktradition, die er bejaht und für fruchtbar hält, eine ungewöhnliche Kombination.

von Lutz Götze

Peru wirbt engagiert um Touristen und sie kommen in Scharen. Auch die sintflutartigen Regenfälle der vergangenen Wochen haben sie nicht abschrecken können. Einfallstor ist im Regelfall der internationale Flughafen Jorge Chávez in Lima, der freilich, obwohl erst vor wenigen Jahren fertiggestellt, bereits aus allen Nähten platzt.

Ansprache auf der Interreligiösen Feier der Willy-Brandt-Gesamtschule in Bergkamen am 7. April 2017

von Ahmet Arslan

Das letzte Abendmahl verdeutlicht unter anderem, dass die buntesten und zugleich ehrlichsten Gespräche meistens am Tisch geführt werden. Im weitesten Sinne verstehe ich den Tisch als Heimat und die Teilnehmer des Abendmahls als die Bürger dieser Heimat. Jesu und seine Jünger zeigen uns, dass die Haltung am gleichen Tisch bzw. in der gleichen Heimat sehr unterschiedlich sein kann. Wichtig ist, dass man sogar am gleichen Tisch über den eigenen Tellerrand hinausschaut. Der urteilsfreie Blick auf die Welt ist gottgewollt, zumal der ›noch‹ blaue Planet der gesamten Menschheit als »gemeinsames Erbe« (Koran 3:180) anvertraut wurde.

Erster Stolperstein: Der Dialog über den Dritten Weg

von Gunter Weißgerber

Der Leipziger ›Aufruf der Sechs‹ sagte es klar und deutlich. Es ging nicht um die Abschaffung des Sozialismus. Der Weiterführung galt die Sorge,

(Wötzel, Pommert, Mayer, Lange, Masur, Zimmermann)

Fac ten Chek war bekannt, dass im Westen eine Lehre kursierte, der zufolge jeder Lebende am Elend seiner Mitlebenden, aber auch der Toten Schuld trug, eine Schuld, die sich nicht auf Verwandte und Genossen begrenzen ließ, nicht auf die Stadt und nicht auf das Land, in dem man geboren war oder in dem man lebte, nicht auf den Kontinent, der einen trug oder auf die Vorgängergeneration, von deren Leistungen man zehrte und deren Schandtaten man auszulöffeln hatte, nicht auf die Generation davor und nicht auf die Jahrhunderte davor, soweit sie der eigenen Geschichte zugerechnet wurden, nicht auf die Zivilisation, der man angehörte, und nicht auf die Menschheit, als deren Teil man sich verstand, eine schlechterdings unbegrenzte, bis an die Grenzen des Universums vorstürmende, vor keiner Lebensform Halt findende Schuld –: ihm war bewusst, dass es sich dabei keineswegs um eine Geheimlehre handelte, eine Verschwörungstheorie oder dergleichen, sondern um das unverrückbare Fundament ihrer Lebensform, das ›eigenste Eigene‹, die Schwäche, die zur Stärke geworden war und sich die Erde untertan gemacht hatte, die jetzt unter der eigenen Stärke litt und die längst dahingeschmolzene oder langsam schwindende Herrschaft über den Rest der Welt – beide Deutungen existierten berührungsfrei neben- und durcheinander – in die Auszeichnung dieser Schuld investierte, in einen Kultus, bei dem, wie zur Zeit der Hexenprozesse, der geringsten Handlung eines Einzelnen, dem Kosmetikkauf eines Schulmädchens, dem Autobahnspurt eines Sportwagennarren, dem Tagebucheintrag eines Bloggers magische Fernwirkungen zugeschrieben wurden mit der Macht, den Gang der Menschheit zu verändern und über das Schicksal der Erde zu entscheiden.

– Wohin geht die Türkei?
– Ins Gefängnis.
Manchmal liegt der Schmäh in der Situation, ihn herauszukitzeln bedarf es nur des einfachen Worts. Allenfalls ließe sich eine Beobachtung anschließen, die für alle Vereinfacher gilt, gleich welcher Couleur und welcher Ausstattung:
– Was tut sie da?
– Sie besucht die Verwandtschaft.
Die neue Verwandtschaft ist bereits da, ein sentimentales Wiedersehen wird da gefeiert, Champagner fließt in Strömen und alle guten Freunde sind, wie gerufen, zur Stelle.
Was möchte man hören? Bestenfalls nichts, allenfalls die halbe Wahrheit, die ganze ist konfisziert, sie gehört den Machthabern, die sie nach Gutdünken einschenken oder zurückhalten.

Von Lutz Götze

1502 ankerte die Karavelle des Christoph Kolumbus vor der karibischen Küste. Der Entdecker gab dem Land den Namen: Costa Rica, ›Reiche Küste‹ also. Fortan beuteten die Spanier das Land, wie anderswo, nach Belieben aus. 1821 wurde der Zwergstaat unabhängig. Blutige Fehden aber blieben an der Tagesordnung, zumal unter den ›cafetaleros‹, den reichen Kaffeebaronen. Der letzte Bürgerkrieg endete erst 1948.

von Henning Eichberg

Soziale Bewegungen singen. Im Gesang – insbesondere im Gemeinschaftsgesang – zeigt sich, dass sie mehr sind als ideologische Konstruktionen oder Fraktionen. Zugleich zeigt sich in den Liedern aber auch mehr als nur Inhalt. Singen hat etwas mit Stimmung zu tun, mit Untertönen, mit kollektiver Praxis. Gesang sagt etwas aus über politische Kultur. Einige Lieder der Linken aus Dänemark können dazu Denkanstöße geben.

Wer die moderne Narrenschrift an der Wand zu entziffern versucht, stößt früher oder später auf den ›Narzisst‹. Ein Groteskwort, kein Zweifel, von bildungsfreien Psychologieprofessoren in den Rang einer Krankheits­bezeichnung erhoben, die seither unerbittlich nach Patienten Ausschau hält, als gäbe es nicht genug davon in der von ihnen betreuten Welt. In diesem Fall ist das Wort die Krankheit und sein öffentlicher Gebrauch eine Epidemie. Der amerikanische Wahlkampf hat das Wort boomen lassen: Narzisst ist, wer nach einem erfolgreichen Unternehmerdasein den vermutlich raffiniertesten Wahlkampf des Jahrhunderts hinlegt und es wider alle Wahrscheinlichkeit schafft, damit Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika zu werden. Das ist doch einmal eine handfeste Auskunft, auf die sich bauen lässt.

»Freiheit ist die Freiheit des Andersdenkenden.« Nun prangt sie wieder, die Rosa Luxemburg-Parole, an Berlins Litfasssäulen, mit Genehmigung der Behörden, wie man annehmen kann, und ein paar Zuschüsse mögen auch geflossen sein. Aber stimmt, was da prangt, als sei es direkt aus dem deutschen Hausschatz der gefühlten Zitate geflossen? Jedenfalls klingt es gut, es klingt tolerant, es klingt sogar, als enthalte es eine Einladung, darüber nachzudenken, wie nahe dem Bankrott eine freie Gesellschaft siedelt, die solche Sätze im öffentlichen Raum präsentiert, als müsse der Bürger von morgens bis abends damit berieselt werden. Warum? Steht er in permanenter Gefahr, den Mitmenschen neben ihm, der eine andere Meinung vertritt, der Freiheit zu berauben, etwa, indem er ihn an der nächsten Polizeidienststelle abliefert? Was würde dort wohl mit ihm geschehen? Kerker? Folter? Schlimmeres?

von Gunter Weißgerber

Am 13. April 2016 beschloss der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages unter Leitung der verdienten Genossin Lötzsch, das Bauvorhaben ›Freiheits- und Einheitsdenkmal‹ zu beerdigen. Einfach so, ohne Parlament und Öffentlichkeit einzubeziehen. Wobei die Klage weniger an die Leninistin Lötzsch gehen muss, die tat nur in ehrlicher Mördergrube, was sie kann, sondern an den Haushaltsausschuss des Bundestages, der scheinbar willfährig der Linksaußenpartei zur Hand ging. Als ehemaligem MdB bleibt mir vor Scham ob der Ruchlosigkeit und Naivität meiner früheren Kollegen die Spucke weg. Oh, wie tief sind wir gesunken, heißt ein vorzüglich passendes Wortspiel.

von Lutz Götze

In der Geschichtswissenschaft wird der Übergang vom Mittelalter zur ›frühen‹, das 16. bis 18. Jahrhundert umfassenden, Neuzeit seit jeher an unterschiedlichen Daten festgemacht. Genannt worden sind hauptsächlich der Fall Konstantinopels unter dem Ansturm der Osmanen 1453 und die Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg kurz danach in Mainz, die (tatsächlich mindestens zweite und eigentlich dem Seeweg nach Indien geltende) ›Entdeckung Amerikas‹ 1492 durch Christoph Kolumbus und Martin Luthers Thesenanschlag 1517. Im Hintergrund aller dieser Ereignisse standen die gewaltsame europäische Expansion, die Herausbildung eines früh kapitalistischen Weltmarkts, unter Verlagerung der Haupthandelswege in den Atlantik, die Ausdehnung und Verdichtung von protoindustriellen gewerblichen Zonen, die zunehmende Kommerzialisierung der feudalen Agrarwirtschaft einschließlich der Rentenform sowie die Entstehung des modernen souveränen Staates und die militärischen Umwälzungen mit der Durchsetzung der Söldner- statt der früheren Ritterheere, nicht zuletzt auch die geistig-künstlerische Bewegung der Renaissance.

von Holger Czitrich-Stahl

Clara Zetkin (1857-1933) war mit ihrer Freundin Rosa Luxemburg zusammen eine entschiedene Kämpferin für Frieden, Frauenrechte und soziale Emanzipation in der deutschen Sozialdemokratie, zugleich die wohl bedeutendste Vertreterin der sozialistischen Frauenbewegung ihrer Zeit. Trotz ihrer historisch durchaus hochrangigen Bedeutung für die Arbeiter- und die Frauenbewegung der Zeit des Kaiserreichs und der Weimarer Republik ist seit dem Ende der DDR weder eine vollständige Werkausgabe noch eine ergänzte Biographie oder eine Edition ihrer schriftlichen Zeugnisse aufgelegt worden. Marga Voigt ist es daher ein dringendes Anliegen gewesen, rund 100 Jahre nach der europäischen Urkatastrophe des Ersten Weltkrieges eine Edition der »Kriegsbriefe« Clara Zetkins zusammen zu stellen und herauszugeben.

von Michael Strebel

Bei der feierlichen Konstituierung des 18. Deutschen Bundestages am 22. Oktober 2013 führte Bundestagspräsident Norbert Lammert aus: »Die Kultur einer parlamentarischen Demokratie kommt weniger darin zum Ausdruck, dass am Ende Mehrheiten entscheiden, sondern darin, dass Minderheiten eigene Rechtsansprüche haben, die weder der Billigung noch der Genehmigung durch die jeweilige Mehrheit unterliegen. Die Minderheit muss wissen, dass am Ende die Mehrheit entscheidet, was gilt, und die Mehrheit muss akzeptieren, dass bis dahin – und darüber hinaus – die Minderheit jede Möglichkeit haben muss, ihre Einwände, ihre Vorschläge, wenn eben möglich auch ihre Alternativen zur Geltung zu bringen.«

Leipzig 9. bis 16. Oktober 1989

von Gunter Weißgerber

Die Vorgeschichte der Friedlichen Revolution ist vielfach und umfangreich beschrieben worden. Einem Leipziger Auslöser derselben wurde bisher zu wenig Beachtung geschenkt. Mit den Worten »Das sind keine Leute von uns!« wies Christian Führer die aufmüpfigen Oppositionellen am 29. August 1988 aus der Nikolaikirche – nicht ahnend, damit den endgültigen Treibsatz an die Erosion des SED-Staates, vor dem er seine Kirche schützen wollte, zu legen. Schon eine Woche vorher entzog Superintendent Magirius den oppositionellen Basisgruppen per Brief die eigenständige Gestaltung der Friedensgebete.

In »LTI – Notizbuch eines Philologen« erwähnt der Dresdner Romanist Victor Klemperer, der 1945 nur knapp der Deportation ins Todeslager entrann, eine Bemerkung des Germanisten Wilhelm Scherer (1841-1886), die ihn während der Nazijahre »frappierte und in gewissem Sinn erlöste«. Klemperer zitiert: »Maßlosigkeit scheint der Fluch unserer geistigen Entwicklung. Wir fliegen hoch und sinken um so tiefer. Wir gleichen jenem Germanen, der im Würfelspiel all sein Besitztum verloren hat und auf den letzten Wurf seine eigene Freiheit setzt und auch die verliert und sich willig als Sklave verkaufen lässt. So groß – fügt Tacitus, der es erzählt, hinzu, ist selbst in schlechter Sache die germanische Hartnäckigkeit; sie selbst nennen es Treue.«

von Peter Brandt

Wenn von den Protagonisten der sozialdemokratischen Deutschlandpolitik seit den 60er Jahren die Rede ist, wird Horst Ehmke meist nicht in der ersten Linie verortet. Hier soll auch nicht von seinem Beitrag zur operativen Ost- und Deutschlandpolitik gehandelt werden (der seinerseits durchaus der Würdigung wert wäre), sondern ich will Ehmkes Anteil an der konzeptionellen Begründung desjenigen entspannungspolitischen Ansatzes, der untrennbar insbesondere mit der ersten sozialliberalen Regierung verknüpft ist, und seine spezifischen grundsätzlichen Reflexionen zur »deutschen Frage« vor 1990 in den Blick nehmen.

Es fällt schwer, gut zu sein, wenn die anderen böse sind. Andererseits fällt es leicht, böse zu sein, wenn die anderen böse sind. Fällt es leicht, gut zu sein, wenn die anderen gut sind? Man sollte meinen, es sei das Leichteste, aber kompliziert, wie der Mensch nun einmal ist, gerät er just an dieser Stelle ins Grübeln. Wäre es nicht möglich, denkt er, dass wir uns alle täuschen? Dass unser Gutsein nichts weiter ist als ein Handtuch, das wir uns vorhalten, um nicht zu sehen, was ist? Wir alle waschen gern unsere Hände in Unschuld.

von Gunter Weißgerber

1989 war das erste Jahr der SED-Herrschaft, in dem diese sehnlichst auf das christliche Weihnachtsfest der Ruhe und Besinnung wartete. Endlich Ruhe vor den Demonstranten und deren unablässigem Druck auf den Partei- und Staatsapparat. Endlich eine Verschnaufpause, die zum Aufholen wie ein Geschenk des Himmels daher kam. Endlich Lufthoheit für den medialen Gegenschlag! Der mittels der Gespenster des westdeutschen Faschismus, Militarismus und Revanchismus mit dem vorläufigen Einschlafen der DDR-weiten Demonstrationen aus der Stasi-Trickkiste gezaubert wurde.


von Ulrich Schödlbauer

Think globally, act locally – durchaus möglich, dass keine andere Parole das Denken so vieler Menschen in so kurzer Zeit verändert hat wie diese. Mit ihr kann sich sehen lassen, wer will. Das fasziniert die Menschen und erzeugt jene Überzeugungs- und Handlungsdichte, die kulturelle Steuerung auszeichnet. Was hierzulande als ›grün‹ gilt, vertraut vornehmlich auf die Durchsetzungskraft dieses Deutungsschemas. Dabei ist die Parole weit von aller Eindeutigkeit entfernt. Je nachdem, wer sich ihrer bedient, nimmt sie ganz unterschiedliche Färbungen und Bedeutungen an: Grundlage jeden Erfolgs, der von Dauer sein soll. Nicht ohne Grund lautet das nachgeschobene Zauberwort, das allen Widerstand bricht, ›Nachhaltigkeit‹, also Dauer...

...

von Andreas Kalckhoff

Spiel als Muster und Abbild des Soziallebens

Sport und Spiel nehmen einen erheblichen Platz in unserem sozialen und kulturellen Leben ein, sie sind darüber hinaus ein bedeutsamer Wirtschaftsfaktor. Die Beschäftigung mit diesem Phänomen ist also für die Sozialwissenschaften ein Muss, möchte man meinen. Tatsächlich wird es aber, da den Bereichen Freizeit und Vergnügen zugeordnet, nicht wirklich ernst genommen. Dabei liegt doch nahe, dass die Art der Kommunikation und Interaktion in den bevorzugten Sportarten und Spielen etwas über das Sozialverhalten der Spieler wie der Zuschauer aussagt. Ein Buch, das diesen Zusammenhang thematisiert, ist also von großem Interesse.

von Heinz Theisen

Der Westen braucht eine neue Strategie

Nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 und den gescheiterten Versuchen zum Aufbau einer von den USA geführten liberalen Weltordnung steht die Welt ohne erkennbare Ordnungsstrukturen da. Henry Kissinger sieht uns zwischen drohendem Chaos und einer noch nie dagewesenen Interdependenz lavieren (Henry Kissinger, Weltordnung, München 2014, S.10).

Die Staaten stehen nicht mehr nur anderen staatlichen Mächten, sondern einer Vielzahl von transnationalen Prozessen, global agierendem Kapital, asymmetrisch kämpfenden Terroristen, Schleppern, Drogen- und Menschenhändlern gegenüber, die sich der staatlichen Autorität zu entziehen trachten. Im 21. Jahrhundert ist nicht mehr ihre Stärke, sondern ihre Schwäche das Problem. Umso mehr wird eine Neuordnung der Staatenwelt gebraucht.

von Nathan Warszawski

In Deutschland ist nicht das Volk, sondern die Regierung als Inhaberin der Staatsgewalt der Souverän. Der Gesetzgeber (kein Witz: Er nennt sich wirklich so!) betrachtet sich als Gott, der für die Folgen seines Tuns nicht verantwortlich ist.
Niemand kann heute nachvollziehen, warum die deutsche Bundesregierung einst den eingewanderten Deutschtürken die Doppelstaatsbürgerschaft aufgedrängt hat. Die wahrscheinlichen Gründe sind, dass den Deutschtürken die Integrationsfähigkeit abgesprochen worden ist oder die Integration erschwert werden sollte.

Heute gibt es etwa 4.000.000 bis 5.000.000 Deutschtürken, wovon die Hälfte über die deutsche und die türkische Staatsbürgerschaft verfügen. Die Doppelstaatsbürgerschaft bedeutet, dass der Deutschtürke in Deutschland Deutscher und in der Türkei Türke ist. Derzeit kann dieser Umstand für doppelstaatsbürgerliche Deutschtürken, die sich in der Türkei aufhalten, zum Nachteil gereichen. Der Journalist und doppelstaatsbürgerliche Deutschtürke Deniz Yücel hält sich derzeit in der Türkei auf, genauer: 13 Tage in einem Polizeigefängnis in Polizeigewahrsam, anschließend für bis zu fünf Jahren in einem Untersuchungsgefängnis.
Es wird ihm vorgeworfen, seiner bezahlten Arbeit als Journalist nachzugehen. Als Türke kann er nicht gegen seinen Willen aus der Türkei entfernt werden, als Türke kann ihm die deutsche Botschaft in der Türkei nicht helfen. Bald wird er die Türkei auf eigenen Wunsch verlassen wollen.

Weltweit wird in den nächsten Wochen das türkische Volk befragt werden, ob es zugunsten des Despoten Erdogan auf bürgerliche Freiheiten in der Türkei verzichten will, also mit einer auf Erdogan maßgeschneiderte Diktatur einverstanden ist. Nach der Türkei leben die meisten stimmberechtigten Türken in Deutschland. Aus bisherigen Erfahrungen ist damit zu rechnen, dass über 60% der stimmberechtigten Deutschtürken für die Abschaffung der Demokratie in ihrer Heimat Türkei stimmen werden. Würde man dieselben Deutschtürken fragen, ob in ihrer Heimat Deutschland eine islamistische Diktatur eingeführt werden sollte, wäre erwartungsgemäß mit einem ähnlichen Ergebnis zu rechnen. Glücklicherweise darf in Deutschland als ein demokratisches Land über eine solche Frage im Gegensatz zur Türkei nicht abgestimmt werden.
Es ist für vernünftige Menschen, wozu auch die Deutschtürken zählen, schier unmöglich, sich gleichzeitig für eine Demokratie und für eine Diktatur einzusetzen. Die Deutschtürken, die für die Abschaffung der Demokratie in ihrer Heimat Türkei stimmen werden, sind in ihrer Heimat Deutschland demnach eine Fünfte Kolonne, deren Ziel der Umsturz der bestehenden Ordnung in Deutschland im Interesse einer fremden und aggressiven türkisch-erdoganischen Macht ist. Die deutschen Behörden werden nichts gegen den Umsturz der bestehenden Ordnung unternehmen, denn sie sind nicht einmal imstande, antidemokratische, ausländische, politische Veranstaltungen auf deutschem Boden zu unterbinden.

Daraus ist ersichtlich, dass eine Doppelstaatsbürgerschaft nur zuträglich ist, wenn beide Staaten demokratisch sind. Das Extrem wäre ein Krieg zwischen Deutschland und der Türkei, der sofort dazu führen würde, Deutschtürken zu inhaftieren. Es gibt nur eine Sicherheit, dass sich zwei Staaten nicht bekriegen: Beide Staaten müssen Demokratien sein. Kriege zwischen Demokratien sind (bisher) nicht vorstellbar.

Derzeit plagen Deutschland und die EU schlimmere Sorgen als die Abschaffung der Demokratie in der Türkei. Die bürgerlichen Parteien fürchten zu Recht um den Verlust ihrer politischen und wirtschaftlichen Macht. Sie sind deshalb bereit, auf die Wünsche und Vorstellungen in ihrer Mehrheit kleinbürgerlichen Wähler einzugehen, die bis vor kurzem als inakzeptabel, unmenschlich, faschistisch und unmoralisch gegolten haben. Um die Zahl der Flüchtlinge, die in die EU gelangen, zu drücken, paktieren die demokratischen Regierungen Europas mit bestialischen Despoten rund um das Mittelmeer, die jeden unterdrücken und töten lassen, der ihnen gefährlich werden kann. Die Europäer locken diese Despoten mit Geld und anderen Privilegien. Leider kennen die Despoten die Vorgehensweise der Europäer zu Genüge, sie bei erstbester Gelegenheit zu opfern, auch wenn dies den Europäern gravierende Nachteile beschert. Deshalb ist nicht davon auszugehen, dass der Strom der Flüchtenden von Pakistan bis Zentralafrika in die EU versiegen wird. Umgekehrt. Es werden noch mehr verarmte, hungernde und leidende Flüchtende in die Staaten der EU aufgenommen werden wollen. In Deutschland werden jährlich nur 4% der abgelehnten Asylanten erfolgreich deportiert. Die Zahl der Bedürftigen wird in der EU somit steil ansteigen.

Seit die Herrschenden der EU auf die inakzeptablen, unmenschlichen, faschistischen und unmoralischen Wünsche und Vorstellungen ihrer kleinbürgerlichen Wähler eingehen, ist nicht mehr davon auszugehen, dass freie Wahlen zu einer Änderung der Politik der Staaten der EU führen werden. Aufgrund der bekannten Bevölkerungszusammensetzungen in Deutschland und anderen Staaten der EU werden die Populisten nicht ausreichend Stimmen erhalten, um die bürgerlichen Regierungen zu stürzen. Der Visionär Houellebecq hat die wahrscheinliche Zukunft Frankreichs aufgezeichnet. Doch es kann noch schlimmer kommen.

Ab einem bestimmten Moment können die materiellen Bedürfnisse der Zuwanderer und der Einheimischen nicht mehr befriedigt werden, da die notwendigen Ressourcen hierfür nicht vorhanden sind. Die Sozialsysteme des Staates brechen zusammen und in der Folge der Staat selbst. Die bisher staatstragenden Streitkräfte lösen sich auf. Es kommt zu Aufständen und Kämpfen zwischen den Bevölkerungsgruppen. Wer wird siegen? Wird uns Trump retten oder wird uns Putin befreien?

von Ernst Eichengrün

Der sozialdemokratische Politiker Dr. Peter Corterier aus Karlsruhe ist am 22. Februar im Alter von 80 Jahren gestorben. Er gehörte von 1969 bis 1987 mit einer kurzen Unterbrechung dem Bundestag an.

Er war in einem sozialdemokratischen Elternhaus aufgewachsen. Sein Vater war schon vor 1933 aktiv gewesen und wurde danach deshalb politisch verfolgt. Peter Corterier war also von Anfang an von der Gegnerschaft zu Diktaturen ebenso geprägt wie von der freiheitlichen Tradition seines Heimatlandes Baden.

Früh ging er in die Politik. 1965 wurde er stellvertretender Bundesvorsitzender der Jusos, danach bis 1969 deren Vorsitzender. 1968 wurde er als erster Jungsozialist Mitglied des Parteivorstandes der SPD – ein lange fälliger Verjüngungsschritt in diesem Gremium. 1969 gewann er bei der Bundestagswahl den Wahlkreis Karlsruhe direkt. Er blieb – mit einer kurzen Unterbrechung – bis 1987 im Bundestag.

Er hat es getan. Und er wird es wieder tun – darauf ist Verlass. Von Erdogan und seinen Ministern mit Nazi-Vergleichen belegt zu werden, verwundert die Deutschen mehr als dass es sie kränkte: »Wie? Das kommt von dem? Selber Fascho!« Mehr fällt ihnen dazu nicht ein und das ist der Grund, aus dem er es wieder tun wird. Immerhin ist es ihr liebstes Spiel und Erdogan will, was er immer schon wollte – mitspielen. »Platz dem Spieler! Keine Exklusion! Null Toleranz! Weg mit den Faschisten!« Selbst Franco hätte das verstanden. Auf dem Weg an die Macht stören die Schreier, aber sie stören nicht allzu sehr, vorausgesetzt, man versteht ihr eigenes Geschrei gegen sie einzusetzen.

von Ulrich Schödlbauer und Gunter Weißgerber

Auch das Verhängnis macht Fortschritte. Jedem geläufig ist das Bild der tickenden Zeitbombe, die rechtzeitig entschärft werden muss, damit ›wir alle‹ noch einmal davonkommen dürfen, sei es als Kinobesucher, sei es als Börsenanleger oder Rentenbezieher. Die Öffentlichkeit ist an dieses Bild so gewöhnt, dass eine bürgernahe, verantwortungsbewusste Politik in der Regel daran gemessen wird, inwieweit es ihr gelingt, tickende Zeitbomben zu entschärfen oder zumindest den Zeitpunkt der Detonation in die nächste Legislaturperiode oder in die nächste Generation zu verschieben.

von Gunter Weißgerber

Über Jahrzehnte waren Wahlergebnisse nahe und über 40 Prozent der SPD-Normalfall. Zum Nutzen der Bundesrepublik in Europa, zum Nutzen der NATO und zum Nutzen dieser Welt. Martin Schulz ist aufgebrochen, diesen Normalfall wieder herzustellen. Ich wünsche ihm das Glück des Tüchtigen und viel Erfolg. Diese Republik braucht Stabilität innen, in der EU, in der NATO, in der Welt.

Von Stephan Hilsberg

›Jackie‹, ist ein hochklassiger US-amerikanischer Film, in dessen Mittelpunkt Jackie Kennedy in den wenigen Tagen, die mit der Ermordung ihres Mannes beginnen, und mit der Beisetzung ihrer beiden toten Kinder neben ihrem Mann in Arlington enden, steht. Es hat schon viele Versuche gegeben die Geschichte der First Lady, deren Mann neben ihr erschossen wird, in einen Film zu übertragen. Diesen hier kann man getrost als gelungen betrachten.

Zum Tode von Paul Mersmann

von Ulrich Schödlbauer

Der Surrealismus, die europäische Sprachschule der Zwischenkriegszeit, ist nicht tot. Er hat die leichtgewichtigen Werke Bretons und Aragons überlebt, das Ende der Ismen und den neuen Verismus, weil er in der Werbung und der Politik mächtige und prinzipiell unabschaffbare Verbündete besaß. Er musste sie nicht erst lang überzeugen. In ihm fanden sie willkommene Werkzeuge ihrer Überzeugungsarbeit. Der elitäre Kommunarismus, der massendemokratische Elan, der jede einzelne Handlung mit einer Zukunft verbindet, die weiß und offen in einem kochenden Weltall schwebt – Blochs Feuertopf (»Die Materie ist ein Feuertopf«) mitsamt dem rituellen Kopfschütteln, das er hervorruft, ist sein Erzeugnis. Der Surrealismus der Tat scheut die Macht, die er sucht. Er sucht nicht ihre Nähe, sondern sie selbst, er will sie, aber im Modus des Nichtbesitzens. Er will nicht als ihr Inhaber gelten, sondern als ihr Zerstäuber. Dazu bedarf es einer Gesellschaft von Gleichgesinnten, die es nicht gibt, die sich von Fall zu Fall erfinden muss, um den, der die Gunst der Stunde nützt, um sich in den Besitz des Zaubermittels zu setzen, wieder zu entzaubern und, wenn möglich, von der Bühne zu vertreiben.

»Bedienen Sie die Illusionen der Menschen und Sie werden –«
»Reich?«
»Ja vielleicht.«
»Berühmt?«
»Mag sein.«
»Bedeutend?«
»Warum das?«
»Was dann?«
»Unterbrechen Sie mich nicht, dann erfahren Sie alles der Reihe nach. Sie werden...«
»Lassen Sie mich raten! Gebraucht?«
»… der Missverständnisse nicht mehr Herr, die Sie damit auslösen.«
»Das hört sich vernünftig an. Aber das weiß doch jeder.«
»Sie vielleicht. Sind Sie jeder?«
»Ich? Wie kommen Sie darauf? An wen denken Sie?«
»An allerlei. Zum Beispiel hat die Bundesregierung…«

von Siegfried Prokop

Das Heft 1 hat keinen thematischen Schwerpunkt. Es werden verschiedene Untersuchungen zu relevanten Themen vorgestellt.

Christian Dietrich befasst sich mit dem literarischen Profil und dem politischen Programm der Monatszeitschrift Die Linkskurve, Organ des ›Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller‹ (BPRS), die von August 1929 bis Dezember 1932 erschien. Typisch für die Zeitschrift war, dass ihr belletristischer Teil nicht in erster Linie auf die Ausbildung literarischer Spitzenleistungen orientiert war.

Am 29. August 1988 stoßen Friedrich Magirius und Christian Führer die Leipziger Basisgruppen in den öffentlichen Raum – der Nikolaikirchhof wird zur Brennkammer der Friedlichen Revolution

von Gunter Weißgerber

Freiheitsbewegungen bedürfen des öffentlichen Raumes. Bekommen sie diesen nicht, ärgern sie zwar die autoritär Herrschenden und alles Kontrollierenden, werden jenen jedoch nicht wirklich gefährlich. Dies galt besonders für die Epochen der Vormobilfunkzeiten.

Medientheoretikern sollte die Bemerkung, die dem amerikanischen Präsidenten über das Einwanderungsland Schweden entschlüpfte, ein gefundenes Fressen sein – nicht, weil der dahinterstehende Sachverhalt ihnen zu denken gäbe, sondern weil sie so plastisch den Satz illustriert, den man in dieser Sparte so gern als theoretischen Urknall zelebriert: Das Medium ist die Botschaft. Leicht formalisiert und wenig wahlkaumpftauglich aufbereitet, sagte der Präsident: ›Es gibt, als Folge unkontrollierter Masseneinwanderung, mehr Kriminalität auf Europas Straßen, mehr Vergewaltigungen, Diebstahl und Aufruhr, eine Häufung terroristischer Ereignisse und die gestrige Sendung über Schweden, die uns die Augen über das Musterland der nördlichen Hemisphäre öffnete, über das wir uns bisher nur hehre Vorstellungen machen durften.‹

Was ich über Analogie schrieb, bedeutet nicht, dass es dumm sei, in Analogien zu denken oder dass am Ende die Analogie selbst dumm sei – zweifellos gibt es genügend dumme Analogien und richtig ist, dass, wer ihnen aufsitzt, am Ende der Dumme ist. Vielleicht sollte man strikter, als das in der Regel geschieht, zwischen strategischen und taktischen Analogien unterscheiden. Die meisten Analogien, die dem Leser aufgetischt werden, sind taktischer Natur: schnell hingeschrieben, meist zu denunziatorischen Zwecken, und ebenso schnell vergessen: Das ist ja wie ––…

»Es war ein spezifisches Problem der DDR, dass es über die politisch-ideologische Sphäre hinaus keine weiteren Bindungskräfte gegeben hat, die in Zeiten politisch-sozialer Krisen doch Stabilität und Zusammenhalt zwischen den Menschen hätten gewährleisten können. ln den anderen sowjetisch dominierten neuen Staaten nach 1945 gab es die immer vorgeordnete nationale Basislegitimität: man war erst Pole, Ungar oder Albaner und dann erst Sozialist.

von Peter Brandt

Eine terminologische Anmerkung vorweg: Wir sprechen von der ›Februar‹- und der ›Oktoberrevolution‹ als zwei unterschiedlichen Vorgängen, dabei handelt es sich um einen zusammenhängenden revolutionären Prozess. Für sich allein genommen könnte man zu dem Urteil kommen, die generalstabsmäßig vorbereitete und durchgeführte, als solche bemerkenswert unblutige und undramatische bolschewistische Machteroberung sei eine Art Staatsstreich gewesen. Aber man darf dieses Ereignis eben nicht isoliert betrachten. Es war ein Glied in einer längeren Ereigniskette, die nicht zwingend, aber mit einer gewissen Folgerichtigkeit dahin führte.

 von Herbert Ammon

I.

Es geht um die Schuld, um die deutsche Schuld, um die Dresdner Schuld und die korrekte Art des Gedenkens an die Dresdner Bombennacht und den Morgen des 13./14 Februar 1945. Der Verlauf des Gedenkens anno 2017 war abzusehen: Wenn hierzulande getrauert werden soll, kommt es in der Regel zur Inszenierung eines deutschen Trauerspiels, mit einigen – eingeplant – spontanen, ans Groteske reichenden Szenen, die den medial einbezogenen Zuschauer als Bürger, ›der schon länger hier lebt‹ (dixit Angela Merkel) ob ihrer Peinlichkeit mit Trauer, Scham und Bitternis erfüllen. Wie dieser Tage erneut angesichts der Bilder aus in Dresden.

von Ulrich Schödlbauer

Unter Kulturschaffenden gilt, wer die Kultur des eigenen Landes preist, als borniert. Nicht ohne Grund – die Fallhöhe zwischen dem eigenen Anspruch auf Einzigartigkeit und der Misere des Betriebs, von dem er sich er sich abhebt, ist ein Aufmerksamkeits-Garant, auf den zu verzichten sich nur wenige leisten können. Wer preist, will Geld, wer Kultur preist, will Zuwendungen. Da muss man sorgfältig vorgehen, dass nicht am Ende die Falschen vom Segen profitieren.

›Inkompetenz­kompensations­kompetenz‹ ist nach einem bekannten Wort des Philosophen Odo Marquard die Kompetenz des Philosophen. Daran gemessen müsste Donald Trump als der Philosoph unter den neueren amerikanischen Präsidenten durchgehen – sofern man davon absieht, dass die meisten von denen, die ihn der laufenden Inkompetenz bezichtigen, gewillt sind, ihm nichts durchgehen zu lassen, was auch nur entfernt den Anschein von Kompetenz erwecken könnte. The medium is the message. Dass, vermutlich aus gutem Grund, ein Vertreter der frisch ins Amt gewählten Regierung einem Gericht vorhält, die Kompetenz des Präsidenten anzuzweifeln, fügt dem Stand der Dinge bloß eine weitere Pointe hinzu. Auch Juristen sind erst einmal Zeitgenossen, deren Urteile, wie immer begründet, auf medial gefütterten Vor-Urteilen aufruhen.

von Gunter Weißgerber

Auf einer Woge der Sympathie

Für die SDP endete das Jahr 1989 einfach nur traumhaft. Die alte Zugkraft der Sozialdemokratie in Verbindung mit ihrer Position als wichtigster Oppositionspartei zur SED sowie ihrem Ja zur Deutschen Frage ließ uns auf hohen Wogen der öffentlichen Zustimmung schwimmen. Mit der kommenden Umbenennung in den gesamtdeutschen Namen SPD am 13. Januar 1990 wollten wir unseren erfolgreich scheinenden Weg in die kommenden Volkskammerwahlen auf dieser Woge konsequent fortsetzen. Das war der feste Plan – auf hohlem Untergrund.

von Ulrich Schödlbauer

Mediale Massenerregungen, durch immer nachgeschobene Demonstrationsbilder sinnreich stimuliert, gleichen sich wie ein Ei dem anderen. Insofern läge der Neuheits- oder Informationseffekt der ersten Tage des US-Präsidenten im Amt nahe Null, handelte es sich diesmal nicht um den traditionellen Sitz des Guten in der westlichen Welt, der täglich seine Schockwellen um den Planeten sendet. Die letzte vergleichbare Erregung entzündete sich an Russlands Putin nach dem Abschuss eines Verkehrsflugzeugs über der Ukraine, der bis zur propagandistischen Außerdienststellung den letztlich ungeklärten Untaten der Geschichte zugerechnet werden muss, während die Nachrichtenblätter, wie sie da noch hießen, gleich Bescheid wussten und den Vorfall kräftig orchestrierten.

von Katharina Kellmann

Martin Schulz ist der Kanzlerkandidat der SPD. In der Bundestagsfraktion der Sozialdemokraten soll die Stimmung bei seinem Besuch euphorisch gewesen sein; aus den Ortsvereinen werden Neueintritte gemeldet. Wie lange dieses Stimmungshoch andauern wird, bleibt abzuwarten. Wahrscheinlich stellt sich schon bald für die Sozialdemokraten wieder der Alltag ein. Immerhin: Im Kanzleramt soll sich Angela Merkel nun auf einen härteren Wahlkampf vorbereiten, folgt man der Zeitung, hinter der sich bekanntlich immer ein kluger Kopf verbirgt.

von Lutz Götze

Seit 2009 arbeitet ein von mehreren Behindertenorganisationen gegründetes ›Netzwerk Leichte Sprache‹ daran, die, vermeintlich, schwierige deutsche Sprache radikal zu vereinfachen, damit weit mehr Menschen als bisher mündliche und, vor allem, schriftlich verfasste Texte verstünden. Das klingt demokratisch und heischt nach uneingeschränkter Zustimmung. Ein Schelm, wer sich dem verschlösse!

von Gunter Weißgerber

Es war Volkskammerwahlkampf in der DDR. Die SPD organisierte ihren ersten Wahlkampf unter der Überschrift Die Einheit gestalten und wollte diese über Artikel 146 GG (Dieses Grundgesetz verliert seine Gültigkeit an dem Tage, an dem eine Verfassung in Kraft tritt, die von dem deutschen Volke in freier Entscheidung beschlossen worden ist. Bonn a. Rhein, am 23. Mai 1949) erreichen. Als gesamtdeutsche Sozialdemokraten befanden wir uns damit in der vorteilhaften Situation, unseren Wahlkampf nicht nur als freie aber eher unkundige Neupolitiker führen zu können.

Zynismus ist die Kunst, anderen die eigenen Hintergedanken zur Last zu legen. – Wer hat das gesagt? Ich hab’s vergessen. Hätten Sie’s gewusst? Nein? Vergessen. Wichtig ist nur: die Kunst. Welche Kunst? Wenn Design die Kunst der Verpackung ist, dann haben die Mediendesigner den Medienschreibern das Hirn aus den Köpfen gezogen und führen es, als eine Art umgedrehten Skalp, auf ihren Portfolio-Seiten spazieren. Was sollen sie schreiben, die – mehr oder weniger – guten Schreiber, wenn alles, was sie schreiben, vorab so gut verpackt daherkommt, dass man es nur über die Zahl der generierten Klicks zu identifizieren vermag? Am besten nichts – und das geht nicht.

Was ist dran an dem Wort ›gescheitert‹? Warum fällt es so schwer, es auszusprechen oder gar hinzuschreiben angesichts der unerhörten Leichtigkeit des Aussprechens und Hinschreibens, deren medialer Zeuge zu sein man täglich gezwungen wird? Gehört es neuerdings zu den Unaussprechlichen? Der Rücktritt eines Parteivorsitzenden zum Beispiel ist keine geniale Tat, sondern das Eingeständnis eines Scheiterns. Was ist falsch daran, es schnörkellos zu konstatieren?

Ein Troll im Deutschen ist einer, der sich schleunigst zu trollen hat: »Troll dich!« Ein Reflexivtroll, sozusagen, das macht ihm draußen so schnell keiner nach. Überhaupt ist im Deutschen vieles reflexiv, was in anderen Sprachen geradeaus geht. Ob das nur auf die Sprache zutrifft, weiß keiner genau. Das bedeutet nicht, dass die Deutschen ein besonders geschmeidiges Volk wären, behüte: auch hier ist das Gegenteil der Fall. Warum das Gegenteil? Weil kein Teil ohne sein Gegenteil zum Aushalten wäre. Politiker z.B. wären unerträglich, würde ihnen nicht, etwa von Politikern aus der eigenen Partei, Paroli geboten – es geht aber auch, zumindest im Notfall, mit anderen oder, nun ja, mit den üblichen Aufgeregten.

von Stephan Hilsberg

Kurz nach Weihnachten wollte ich ganz spontan in Berlin ins Theater gehen. Ich ging direkt zum Deutschen Theater, das liegt bei mir um die Ecke, und wählte eine Inszenierung der Kammerspiele: Der Untergang des Egoisten Johann Fatzer von Bertolt Brecht. Für dieses Stück gab es noch Karten und ich kannte es nicht, hatte es weder gelesen, noch je davon gehört. Es gab zwei Sorten Karten, ich nahm die zu 30 Euro, direkt auf der Bühne, mitten im Stück.

von Ulrich Siebgeber

Der langjährige Verfassungsrichter Dieter Grimm hat bei einem Kolloquium, das der Bundestag aus Anlass des hundertjährigen Jubiläums der Giebelinschrift im November ausrichtete, betont, dass sich die Volkssouveränität insbesondere in der Setzung einer Verfassung ausdrücke – und sich damit im Wesentlichen erledigt habe.
Norbert Lammert, FAZ Online vom 4.1.2017

1.

Sagt das Ei zur Henne: »Sie haben sich im Wesentlichen erledigt.« Wie das? Hat ihm das ein Verfassungsrichter souffliert? Oder ein Parlamentspräsident? Dass sich die Volkssouveränität »insbesondere in der Setzung einer Verfassung ausdrücke« und sich »damit im Wesentlichen erledigt« habe – so ein Satz, vom amtierenden Parlamentspräsidenten in die gegenwärtige politische Situation geworfen, als habe sich das Ei des Kolumbus endlich Mitspracherechte im Zentrum der Macht erworben, drückt etwas aus, was vielleicht unausgedrückt, als Ferment des Rechts- und Verfassungsstaates, bessere Dienste leistete. So, als politisches Statement, wirft er ein Licht auf die juristische Verwerfung im Selbstverständnis mancher Diener eines Staates, der in der Vergangenheit oft und gern als freiester Staat auf deutschem Boden bezeichnet wurde – was Spötter mangels Konkurrenz stets als ›nicht so schwierig‹ bezeichneten. Zu Unrecht, wie sich nach und nach herausstellt. Freiheit ist schwer – und keineswegs leicht zu begreifen. Man kann sich an ihr auch verheben.

Kunst, in ihren schlagenden Momenten, hat es mit Leuten zu tun, die niemand kennt, solange sie nicht in diesen blinden Spiegeln auftauchen, als stammten sie aus dem Nirgendwo und wünschten sogleich dorthin zurückzukehren. Wenn Künstler sich mit bekannten Zeitgenossen beschäftigen, dann stellen sie aus: Der da, gleich neben der da, den kenne ich doch? Ach, der Name, vergessen, wohin? Also die hier kenne ich wirklich, das sind ja...! Was machen die da? Was haben sie überhaupt da zu suchen? – Der Albtraum einer regierenden Kanzlerin ist, wie Vojnov richtig, wenngleich ohne Worte, bemerkt, mit Vorgängern bevölkert, die ihre Bewährungsproben absolviert haben, ohne abzustürzen. Was mag das bedeuten? Wer deutet diese Gesichter? Wohin führt das? –

von Elke Reuter

Der Titel des Sammelbandes wurde sicher bewusst mit einem Fragezeichen versehen, hat doch die Mehrheit der Beiträge Personen und Organisationen zum Untersuchungsgegenstand, denen der Sturz des Faschismus in Deutschland und der Aufbau einer neuen Gesellschaft Ausgangs- und Zielpunkt ihres Denkens und Handelns war. Für Millionen Deutscher dagegen traf die Situation zu, für die die Metapher ›Stunde Null‹ steht. Sie hatten Hitler bis zum bitteren Ende Gefolgschaft geleistet.

Der SED-Abgrenzungsbeschluss als faktische Voraussetzung gegen den Dritten Weg und damit für die Deutsche Einheit

von Gunter Weißgerber

Am 7. Oktober 1989 wurde die Sozialdemokratische Partei der DDR gegründet. War der Gründungsakt auch das Ergebnis langjähriger Vorbereitungsarbeit vor allem von Martin Gutzeit und Markus Meckel im gefährlichen Untergrund, so war es ebenso ein von vielen politisch dem SED-Regime kritisch bis ablehnend gegenüberstehenden Ostdeutschen lange erwartetes Ereignis. Darunter waren viele, die ebenso eigene Vorstellungen über eine ostdeutsche Sozialdemokratie hatten und die den Gründern von Schwante nur den organisatorischen Vorlauf lassen wollten, weil es keinen Sinn machte, das Rad mehrfach zu erfinden, um es dann unter zusätzlichen Geburtswehen analog denen der Lassalleaner und Eisenacher 1875 in Gotha zu vereinigen.

Wenn erst alle übereinander herfallen, dann liegt der Zeitpunkt nicht fern, an dem alle über einen herfallen. Dies ist der Gang der Dinge oder der Lauf der Welt, gleichgültig, ob nach dem Peter-Prinzip oder nach dem Motto Haltet den Dieb verfahren wird. Das Peter-Prinzip genießt den Vorteil, dass es immer bereits in Kraft ist, bevor es sich, wie am Beispiel der Grünen gerade zu sehen, ein weiteres Opfer holt, das dann den angestauten Unmut von Amts- und Anmutsträger*innen auf sich ziehen darf. Der Satz Jeder ist seiner Unfähigkeit Schmied gilt ja nicht nur für diese Partei, er ist unerhört parteilos und liegt auch besagtem Motto zugrunde.

von Peter Brandt

Soll die Linke – hier nicht als Parteinamen gemeint – mit der Nation Politik machen? So lautete die mir im Vorfeld der Konferenz gestellte Frage. Man könnte diese so missverstehen als stünde es im Belieben der politischen Subjekte, das Nationale zu thematisieren oder es bleiben zu lassen. Dem ist, wie im Folgenden argumentiert werden soll, eben nicht so. Überall, wo die wie immer definierte Linke Einfluss erlangte und – sei es auch in fundamentaler Opposition – politisch intervenierte, kam sie an dem Problem der Nation nicht vorbei. Auch heutzutage, in der Epoche marktkapitalistischer Globalisierung, einschließlich des Subprozesses der Europäisierung, weltweiter Migration und der durch beide Entwicklungen bewirkten Schwächung des Nationalstaats, so meine zentrale These, führt die abstrakte Gegenüberstellung einer internationalen und einer nationalen Orientierung, die abstrakte Negation der Nation aus dem Geist des Internationalismus nicht weiter.

von Ulrich Siebgeber

Im Land der Ordentlichen
schürt die Ordnung
den Hass auf die Aufklärer.
Im Land der Aufgeklärten
erklärt das Pfarrhaus die Weltlage.
  
Auf Massenmord folgt
der Appell, nach Hause zu gehen
und keine Angst zu zeigen, es sei denn
den lieben Kleinen
in Büchern aus Pappe,
um sie zu wappnen.

von Lutz Götze

Der Wahlsieg Donald Trumps in den Vereinigten Staaten von Amerika hat die Welt erschüttert. Nahezu alle Auguren und ›Wahlforscher‹ hatten es bis zur letzten Minute für unmöglich gehalten, was jetzt geschehen ist. Sie müssen sich die Frage gefallen lassen, ob sie ihr, von Anbeginn an, unseriöses Geschäft nicht besser einstellen sollten, als weiterhin mit ihren Prognosen das Wählerverhalten zu manipulieren. Der Wahlsieg des Kandidaten der einstigen ›Grand Old Party‹ Abraham Lincolns war kein Betriebsunfall, sondern fügt sich ein in eine lange Kette populistischer, nationalistischer, chauvinistischer, rassistischer und antidemokratischer Entscheidungen der Wähler rings um den Globus. Allzu leichtfertig verkürzt als Meinungsäußerung der ›zu kurz Gekommenen, Abgehängten und Verlierer im Globalisierungswettstreit‹, handelt es sich in Wahrheit um ein Aufeinanderprallen höchst unterschiedlicher Kulturen.

Europa hat zu lange auf die feinen Unterschiede gestarrt, jetzt überraschen es die groben. Manchmal ist es die Zeit, die sich parodiert, manchmal sind es die Zeiten. Doch doch, da besteht ein Unterschied: Was als Tragödie beginnt und als Farce endet, das nennen manche Geschichte. Was als Farce beginnt, wie wird man es nennen? Wie vieles, das gern gesagt werden möchte und im Herauskommen verdirbt: schwer zu sagen. Bliebe es doch ungesagt! Aber wäre das eine Lösung? Natürlich nicht, denn heraus kommt alles. Bloß wie und wo, das macht fremde Gedanken. Wer die Fassung verliert, hat schon verloren. Wer die Fassung wahrt, der gewinnt Zeit. Vielleicht hat er bereits verloren, dann zählt sie doppelt. Fragt sich: Wer ist der Zähler? Was, wenn gerade er nicht zählt? Solche Fragen überfordern den Menschen leicht und er wünscht sich, es wäre Abend.

Die Schwierigkeiten kämpferischer Atheisten, die sich selbst Humanisten nennen, mit Gott wären noch größer, als sie es ohnehin sind, verstünden sie ein wenig mehr davon, was es heißt zu glauben. Dadurch, dass sie glauben, sie hätten den Glauben hinter sich, befinden sie sich bereits in der ersten Glaubensverirrung, die da heißt: missionieren um jeden Preis. Ein rechter Missionar bekämpft seine Glaubenszweifel, indem er andere zu bekehren versucht. Das Feuer, das in ihm brennt, vertilgt den Scheiterhaufen, in dem neben und mit der fremden Schlacke die eigene verglüht – idealiter wohlgemerkt, idealiter.

Hätte ich einen Leibwächter, ich nähme ihn mit auf die Reise und zeigte ihm die Welt. Wien zum Beispiel wäre mir Welt genug, wenigstens für den Anfang. Wir gingen unverzüglich ins nächste Kaffeehaus und dort säße er schon, den Arm aufgestützt, und läse den Standard. Ich jedenfalls trau’ ihm das zu. Fragte man ihn nach seinem Beruf, so gäbe er vermutlich zur Antwort: Standards setzen. Franz Hörmann (von ihm will ich reden) hat das Standardmodell der Geldtheorie an den Nagel gehängt und verkauft ein anderes, wobei es ihm weniger auf die Theorie als auf die Praxis ankommt. Das geschah vor längerer Zeit und seither ist sein Modell Standard.

von Ulrich Siebgeber

Steuerzahler ins All

Unbegreiflich scheint die Drohne,
wenn sie über Städten kreist,
wo die Massen leben ohne
das Gefühl der Sicherheit,

das sich einstellt in den Zentren,
wo die Täter sanft entschlummern
im Gefühl vollbrachter Tat.
Wenn nach arbeitsamen Stunden, 

flott gejoggten Aschenrunden
– hinterdrein ein heißes Bad –
sie das Gähnen überwältigt
und der Muskel sich entkrampft.

In Österreich haben sie das Problem, dass die Nazis sagen, wir sind keine, während die Nicht-Nazis sagen, wir haben damit ein Problem. Das hängt damit zusammen, dass in diesem Land jeder auf einen anderen zeigt, wenn er sich selbst meint. Man könnte demnach herausbekommen, was den österreichischen Nazi ausmacht, indem man jeweils die Richtung, in die einer zeigt, umkehrte. Damit hätte man den Paradefall einer vollkommen selbstbezüglichen Nation, die sich abwechselnd ›Nazi‹ und ›Anti-Nazi‹ schilt. Dass dabei nichts herauskommen kann außer ein wenig Abwechslung, liegt auf der Hand. Die Wiener Art – manche sagen: Abart – der Abwechslung heißt bekanntlich Schmäh. Wer keinen Schmäh führt, der ist auch niemand. Et vice versa.

Stoßen Sie niemals, ich bitte Sie: niemals ins gleiche Horn. Warum nicht? Es ist mit Sicherheit das falsche. Zum Beispiel war es in den vergangenen Monaten üblich, den dann doch republikanischen Präsidentschaftsbewerber der USA mit wüsten Schmähungen zu überziehen. Natürlich haben Sie mitgemacht. Jetzt kommt er ins Amt und Sie haben den Salat. »Aber die anderen auch!« rufen Sie entsetzt. »Was soll ich machen?« Ja die anderen. Habe ich es Ihnen nicht gesagt? Da schreiben sie sich die Finger wund, dass es eine Wonne ist. Worüber? Oder besser: womit? Mit jenem flauen Gefühl im Magen, das ihnen sagt, es ist vorbei, wenn sie die Kurve nicht kriegen: ein neuer Präsident! Der Führer der freien Welt! Vielleicht will er nicht führen, wer weiß das schon, aber er wird, ganz sicher, führen müssen. Und dann? Was verlangt das Lager der Geführten? Loyalität. Kritische Loyalität, gewiss, doch wer es mit der Kritik zu weit treibt, der ist schneller entsorgt als so ein Morgen graut. Graut Ihnen vor dem Morgen? Dann sind Sie auf dem richtigen Pfad.

von Ulrich Schödlbauer

Die Frage, ob Kunst politisch ist, muss Historikern unverständlich erscheinen. Bereits die ältesten Herrschaftszeichen bezeugen einen unauflöslichen Zusammenhang von Macht und Pomp. Sie sind dazu bestimmt, ›Eindruck zu machen‹. Macht zeigt sich, Macht prägt sich ein. Selbst dort, wo sie sich aus Gründen der Zweckmäßigkeit verborgen hält, spricht sie durch Zeichen, die den Dekor wahren, zu denen, die sie einschüchtern oder hinter sich scharen will. Aufdringlich oder unauffällig darf der Augenschein bekunden, was jeder weiß oder in seinem eigenen Interesse wissen sollte: Hier spielt die Musik. Macht will erkannt werden. Ein probates Steigerungsmittel der Wahrnehmung sind Künste, die ›verherrlichen‹, wo sonst nur krude Gewalt sichtbar würde. Mit den Regierungsformen wechseln Symbol- und Performanzregister.

Im Grunde ist alles ganz einfach: 80 Mio : 1, da konnte nichts weiter herauskommen als Wer sonst, Wir haben doch keinen, Wer wenn nicht sie? Vor allem, wenn man bedenkt, dass diese 80 Millionen, Kinder und Greise inbegriffen, doch alle irgendwie idealiter Unionswähler sind, sozusagen als Dritt- und Schattenwähler, gleichgültig, was sie sonst alles unterstützen oder am Laufen haben, – sie ist nun mal von Adenauers Zeiten her die Staatspartei und alle anderen sind … psst! Stimmenjäger wollte da jemand sagen, ein mühsames Geschäft übrigens, und: undankbar.

Sorry, Siebgeber, sorry, alles auf Null: Wer so die Maus angeht, sie geradezu als Sündenbock präpariert, sollte Ross und Reiter nennen, bevor sie im Morgengrauen verschwinden. Die Computermaus, im Land der Begriffsstutzigen lange Zeit zwanghaft ›Mouse‹ geschrieben – erinnern Sie sich? –, vermutlich, um die Sache nicht vom Schwanz her anzugehen, ist ein Segen für die Menschheit, das Sich-Verschreiben hingegen ein Fluch. Wer verschreibt sich denn? Nur der, der’s nötig hat.

von Ulrich Siebgeber

Als die Wissenschaft von abergläubischer Furcht erfüllt wurde und beschloss, es müsse etwas aus ihr herauskommen

Hier kommt die Angst. Sie hat es schwer.
Der Eifer treibt sie vor sich her.
Was eifert er? Was will er zeigen?
Er will gefallen. Wem? Dem Frager? Nein.
Selbst wenn er’s wollte, wär’ er nicht bereit.

von Gunter Weißgerber

Der Sommer 1990 gehört zu den überaus glücklichen Momenten deutscher Geschichte, die zudem im Einklang mit den Interessen und der Zustimmung ihrer Nachbarn ablief. Beide deutsche Regierungen ließen keinen Zweifel an ihrem Willen aufkommen, ihre Nachbarn und die Siegermächte des Zweiten Weltkrieges intensiv mit einzubeziehen.

von Gunter Weißgerber

Der von der Politik gesetzte Rahmen wird immer variabel sein müssen. Denn den Gang der Geschichte können wir nicht voraussehen. Wir können und wollen über die Absichten und Entschlüsse anderer Menschen nicht verfügen, sondern erhalten über sie Aufschluß nur durch Erfahrung und den offenen, unabschließbaren Dialog. Darum bedürfen wir Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten keines fertigen Gesellschaftsmodells. Doch ist es unser Bestreben, soweit als möglich alle entscheidenden Aspekte der gesellschaftlichen Entwicklung in den Blick zu bekommen und angemessen zu berücksichtigen. Deshalb suchen wir die Bedürfnisse und Interessen sowohl der einzelnen als auch der Gesamtheit wahrzunehmen, ihnen zu ihrem Recht zu verhelfen und den Ausgleich zwischen ihnen zu fördern.
(Grundsatzprogramm der SPD in der DDR vom 23. Februar 1990, S. 11)

Siebgeber, sagte ich mir, so geht das nicht, und ich huschte hinaus, die erleuchtete Quadriga über mir und die Pfützen des November unter mir, aufglänzte der Große Stern, der Westen hatte mich wieder… Ein Traum ging mir durch den Kopf, ich hob die Augen empor zur Siegesgöttin, erwartete ihre Flügel zu sehen, die dicken wulstigen Bögen, und da … und da … kein Anblick, keine Erscheinung, eher the real thing: ich sah, zur Säule erstarrt, hoch in den niedrig ziehenden Wolken The Donald aus reinstem Gold, sprühend im Nieselregen, eine Fata Morgana, zweifellos, in meinen Breiten?

von Gunter Weißgerber

1989 gewannen die Ostdeutschen unter historisch einmaligen außenpolitischen Rahmenbedingungen ihre Freiheit. Gorbatschow ließ, anders als im Baltikum, in der DDR die Panzer in den Hangars, und die ostdeutschen Kommunisten fühlten sich plötzlich ganz allein zu Haus. Der Weg vom Ruf ›Wir sind das Volk‹, welcher die Mauer zum Einsturz brachte, zu ›Wir sind ein Volk‹ war geradlinig, ja zwangsläufig. Und er war richtig! An dieser Stelle verweise ich auf meinen Aufsatz Dritter Weg vs. Deutsche Einheit.

von Gunter Weißgerber

1989 gewannen die Ostdeutschen unter historisch einmaligen außenpolitischen Rahmenbedingungen ihre Freiheit. Gorbatschow ließ, anders als im Baltikum, in der DDR die Panzer in den Hangars, und die ostdeutschen Kommunisten fühlten sich plötzlich ganz allein zu Haus. Der Weg vom Ruf ›Wir sind das Volk‹, welcher die Mauer zum Einsturz brachte, zu ›Wir sind ein Volk‹ war geradlinig, ja zwangsläufig. Und er war richtig! An dieser Stelle verweise ich auf meinen Aufsatz Dritter Weg vs. Deutsche Einheit.

Bevor die tobsüchtige Rede vom Intellektuellen-Idioten weiter um sich greift, wie sie ein ›Philosoph und Finanzmathematiker‹ mit popular-publizistischem Drang jüngst in der NZZ skizzierte, sei hier ein kleiner Einspruch gestattet. Besagter Intellektuellen-Idiot, liest man in jenem Artikel, habe vorzugsweise an einer der Universitäten der Ivy League (oder einer ähnlich renommierten Elite-Einrichtung) studiert und den dort gelehrten Halbunsinn für sein weiteres Leben in Think-Tanks, Medien, Universitäten wie ein Löschblatt aufgesogen: Grund genug für den Verfasser, ihm auf immerdar das Vertrauen zu entziehen und auf Leute zu übertragen, die, wie offenbar er selbst, auf einer risikogesättigteren Basis ihr Leben verbringen, umgeben von wirklichen Menschen mit wirklichen Bedürfnissen und wirklichen Problemen in einer wirklichen Welt.

von Ulrich Schödlbauer

Der Ausdruck dishonest – ›unehrlich‹ – hat im US-Wahlkampf, weitgehend unbeachtet vom deutschen Publikum, eine gewisse Rolle gespielt: »These are dishonest people« – so die stehende Wendung, mit der Donald Trump seine speziellen Gegner – die Hillary Clintons Team zuarbeitenden Medienleute samt ihren verborgenen Auftraggebern – bei den eigenen Anhängern markierte. Mit einigem Erfolg, wie man bei der Stimmenauszählung erfuhr.

Einer der hellsichtigsten und verblendetsten Menschen, die je gelebt haben, Friedrich Nietzsche, sah die kommenden deutschen Niederlagen voraus und wollte dabei sein – was ihm mehr oder weniger gelang, als Stachel im Fleisch der Unterlegenen, die doch auch Gewinner sein wollten, und als Stichwortgeber der Wahnsinnigen, die das Land samt seinen und ihren Opfern in den Untergang peitschten. Nietzsches Andenken zerstören wollte die DDR, in einer dialektischen Volte gelang es ihr, sein Werk, durch die Bemühungen der italienischen Herausgeber Colli und Montinari von den Schlacken früherer Vereinnahmungen gereinigt, den interessierten Zeitgenossen mustergültig zu überantworten. So kann es gehen, wenn Denken verfügt wird. Die letzten irregeleiteten Schmuddel-Ururenkel des Philosophen sind womöglich jene Figuren der Nacht und der Internet-Anonymität, die ihren verunglückten Hass auf deutsche Autoritäten in Parolen und Handlungen ausmünzen, auf die der Ausdruck ›ehrlos‹ wahrscheinlich ebenso passt wie das Werkeln des Hufschmieds zum manipulierten Abgasmanagement eines modernen Mittelklasse-Autos.

Sie sind nicht xenophob? Das ist gut, Sie sind ein zivilisierter Mensch, mit Ihnen kann man sich unterhalten. Wie sagten Sie? Sie haben etwas gegen Fremdenhass? Ja sicher, das sagten Sie schon. Es ist Ihnen ein Anliegen? Wem ginge das nicht so angesichts all dessen, was dort draußen abgeht! Sie hassen Fremdenhasser? Nun, Sie müssen sie ja nicht lieben wie sich selbst … das ist gar nicht nötig ... es sei denn, Sie sprechen aus christlicher Nächstenliebe. Dann allerdings…

»Steinmeier außer Rand und Band« (Cicero): – Um es deutlich zu sagen: der Außenminister eines Landes, der den mittlerweile gewählten Präsidenten des Staates, von dem der eigene in allen wesentlichen Lebensbelangen – politisch, militärisch, ökonomisch, kulturell – abhängt, im Wahlkampf öffentlich als Hassprediger attackiert, ihm anschließend die Gratulation zur Wahl verweigert und schließlich im Spiegel-Interview verkündet: »… je eher wir wissen, wer in der neuen amerikanischen Administration außenpolitisch Verantwortung tragen wird, desto eher sind wir - hoffentlich - in der Lage, Anlass zur Sorge zu nehmen«, – ein solcher Außenminister ist angezählt und als Bundespräsident in spe nicht länger vermittelbar.

 von Ulrich Siebgeber

Der amerikanische Wahlkampf ist vorbei, der Karneval ist zu Ende gegangen, nur ein paar Trunkenbolde, die nicht so leicht vom billigen Wahlkampffusel lassen können, ziehen nächtens über Amerikas Straßen und zelebrieren den Hass, gegen den ihre Gehirne so gerne ankämpfen möchten. Doch halt, da gibt es eine europäische Elite, professionelle Leute, wenn das Publikum sie richtig versteht, angeführt von einem unglaublichen deutschen Außenminister, den sein Parteichef angesichts der allgemeinen Renten-Unsicherheit noch schnell ins Präsidentenamt hieven möchte – Leute, die ihr Handwerk von Grund auf verstehen sollten, und sie grölen in der ihnen eigenen Sprache der Distinktion mit: Was passiert da gerade? Rausch? Rendite? Routine? Wenn darin eine Steigerung liegt, dann muss es wohl letztere sein.

von Gunter Weißgerber

Für die 25-Jahrfeier des Heimat- und Geschichtsvereins Kirchhain/Hessen wurde ich um eine Rede zur jüngeren Geschichte gebeten. Gern kam ich dem nach. Manches hat die Zuhörer sicher überrascht, vielleicht auch erfreut, einigen Aussagen mochten sie vielleicht nicht folgen. Vor allem haben sie mit mir eines nicht erlebt: die Rede eines Sozialdemokraten, der nur Gutes über die eigene Truppe zu berichten und der demokratischen Konkurrenz nur Schlechtes hinterherzuwerfen weiß.

Jugend unter Hitler. Ein Romanversuch

von Herbert Ammon

I.

Während die Epoche des Faschismus, in concreto die Ära des Dritten Reiches, unaufhaltsam in historische Distanz rückt, werden in politisch-pädagogischer Absicht nachwachsenden Generationen kontinuierlich die Schreckensbilder der NS-Verbrechen vor Augen geführt. Auf der Ebene tieferen Geschichtsverständnisses, etwa bei der komplexen Frage nach der Motivation und den Verhaltensweisen junger Menschen unter der NS-Diktatur, fehlt es – ungeachtet der ins Uferlose reichenden Bücherflut – weithin an real erhellender Literatur.

Zu den überragenden Verdiensten Willy Brandts wird man einmal seine drei Söhne zählen müssen, von denen einer als Schauspieler die Nation allabendlich mit den Schrecken ungesetzlicher Handlungen versöhnt, während der andere, als Historiker, die Schrecken der Geschichte, ohne ihnen ein Jota abzunehmen, als lebbare Mitgift der Menschheit behandelt. Denn tatsächlich blieb es dieser Generation vorbehalten, die Lebbarbeit der Geschichte neu zu erproben, insbesondere desjenigen Teils, den ihr die Vorgänger (und Vor-Vorgänger) hinzugefügt hatten.

Haben Sie niemals einen Gegner wie diesen gesehen? Nein? Dann haben Sie niemals Geschäfte gemacht, wirkliche Geschäfte, wir verstehen uns, mit hohem Einsatz und hohem Risiko. Aber vielleicht ist so eine Erscheinung auch in diesen Breiten ein eher seltenes Gegenüber... Du wähnst es in einem der unteren Stockwerke, in denen man sich gegenseitig die Fresse poliert, um nach oben zu kommen, und es steht bereits in der Tür, du schimpfst es hässlich und es weicht aus, du verpasst ihm all diese schlimmen Bezeichnungen, die jeden Gentleman stolpern lassen, und es schlägt einen Haken, du vernichtest es und es finassiert, du schiltst es barbarisch und es spielt mit dir, du nennst es böse und es lullt dich in Sicherheit, du giftest und es gibt dir dieses törichte Überlegenheitsgefühl, um es im nächsten Moment zu zertrümmern, es weiß nichts, dessen bist du sicher, und...

...

– er könnte noch einmal wertvoll werden. Nein, ich werde keine Vergleiche tätigen (›Literaturnobelpreis für Bob Dylan, das ist ja wie...‹) … keine Vergleiche! Er bekommt ihn und Udo Lindenberg nicht, darin liegt der Skandal. Wer ist Udo Lindenberg? Ah, diese heiß- und kaltgeliebte hundertjährige Nuschelmaschine, an deren grenzdebilen Texten sich die Pickelträger und Staatsratsvorsitzenden eines verflossenen Jahrhunderts labten – did you ever know him? Oh yes, I know him. Udo Lindenberg for president! Ach, er hat keine amerikanische Geburtsurkunde? Sorry, das wusste ich nicht. Muss man das verstehen?

Niemand bestreitet (im Prinzip), dass im syrischen Bürgerkrieg Verbrechen schrecklichen Ausmaßes begangen werden. Niemand bestreitet (im Prinzip), dass alle Seiten an diesem Verbrechensaufkommen beteiligt sind. Niemand bestreitet (im Prinzip), dass der fortgesetzte Bürgerkrieg, wie immer man seine Ursachen und Anfänge beurteilt, ein Verbrechen darstellt, begangen am syrischen Volk, also an den Bewohnern dieses unglücklichen Landes, denen das Leben (und Lebenlassen) wichtiger ist als die Durchsetzung einer abstrakten und bluttriefenden Doktrin. Niemand bestreitet (im Prinzip) die Namen der direkt und indirekt beteiligten Parteien. Niemand bestreitet (im Prinzip), dass dieser Krieg seine Terror-Ableger in die Zentren der westlichen (und östlichen) Welt trägt.

von Katharina Kellmann

In der Militärgeschichte gibt es berühmte Armeen. Weniger bekannt ist die ›Augsburger Blechbüchsenarmee‹. Es handelt sich um eine Formation, die sich aus Angehörigen der Augsburger Puppenkiste rekrutiert. Eine Blechbüchse bietet dem Körper Schutz, nur der Kopf und die Beine ragen hervor. Auf Kommando ist der Büchsensoldat in der Lage, sich in seine Blechbüchse zu verkriechen. Besonders vorteilhaft wirkt sich diese Ausrüstung aus, wenn der Blechbüchsensoldat seine befestigte Stellung auf einem Hügel verlässt. In Sekundenschnelle rollt er den Abhang hinunter und überrascht dadurch den Gegner.

Das EU-Narrenrennen nimmt, in gehörigem zeitlichem Abstand zum Brexit-Votum, wieder Fahrt auf. In einem Welt-Interview forderte der luxemburgische Außenminister Jean Asselborn den vorübergehenden oder notfalls endgültigen Ausschluss Ungarns aus der EU. Der Zaun, den Ungarn baue, um Flüchtlinge abzuhalten, werde immer länger, höher und gefährlicher. Ungarn sei nicht mehr weit weg vom Schießbefehl gegen Flüchtlinge. Um dem zu begegnen, sollte nach seiner Vorstellung, möglichst mit tätiger Beihilfe der Ungarn, der EU-Vertrag geändert werden, damit die lästige Einstimmigkeit endlich vom Tisch kommt, ohne die in puncto Rauswurf nichts geht.

Um ein Haar – ich sage nicht welches –! um ein Haar sage ich. Also gut. Ich den Türgriff noch in der Hand, da, der Anblick: drei Mädels, Eva, Meryam, Alva, zwei Jungs, Ben, Botho, ich sag, ich geh eine Zigarette rauchen, wenn ich wiederkomm, ist der Dreck weg, mal schnell in die Tonne, ihr wisst, wo sie steht. Geh dann doch nicht, etwas im Blick der Göre, flackernd, zorn- wie heiligmäßig, irgendwas stimmt da nicht, ich, anderen Ton anschlagend, nachfassend, beinah hüftig: Wasn los? Sie, ausspuckend fast: Sieht man doch.

Passantengespräch. Berlin-Wilmersdorf, 19. 8. 2016

Im Juni dieses Jahres entschied der Bundesgerichtshof, die Frage einer Grundrechtsverletzung durch die Festlegung auf eines von zwei Geschlechtern im Geburtenregister stelle sich nicht (Az. XII ZB 52/15). Kommuniziert wurde diese Entscheidung in ZEIT ONLINE mit der beachtlichen Schlagzeile: »Bundesgerichtshof lehnt drittes Geschlecht ab.« Die Erfahrung lehrt, dass es höchst verschiedene Arten – und Formen – der Ablehnung gibt. Welche Art der Ablehnung mag dieser Titel suggerieren? Es soll Mütter geben, die es ablehnen, ein drittes Kind zur Welt zu bringen. Manche wiederum lehnen ihr drittes Kind ab – eine familiäre Katastrophe und eine lebenslange Bürde für den lieblos aufgezogenen Nachwuchs.


Wikipedia logo Trump

Hat eigentlich jemand in der letzten Zeit festgehalten, dass die Anti-Trump-Kampagne so ungefähr das Verlogenste, Unfairste, Niederträchtigste und Hinterhältigste ist, was in diesen Wochen und Monaten durch die Medien rollt? Man kann das ohne die geringste Sympathie für den Kandidaten der Republikaner feststellen, über dessen virtuelle, möglicherweise bald schon reale Regierungskünste die Welt offenkundig genausoviel weiß wie der hiesige Durchschnittsjournalismus über die Grammatikregeln der ihm von anderer Seite auferlegten Sprache – nämlich nichts.

von Felicitas Söhner

Erinnern an ›1968‹. Kämpfe um die Deutungsmacht in Deutschland und Frankreich

Was war ›1968‹? Um diese Frage und die Geschichte der Entwicklung einer politisierten Generation ist bereits viel geschrieben, gesprochen und diskutiert worden. Silja Behre, Historikerin an der Universität Bielefeld und Lektorin des DAAD in Paris, fragt in ihrer Dissertationsschrift, wie die bis heute populären Interpretationen und Schlussfolgerungen um die 68er-Bewegung und die ihr zugeschriebenen Auswirkungen im medialen, gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Diskurs in Frankreich und der Bundesrepublik entwickelt und geführt wurden.

Wer von einer Religion redet, muss von allen reden.
Wer von allen reden will, muss eine haben.

Lessing von E.Cauer d. Ä.

Gotthold Ephraim Lessing (1729 - 1781)


von Ulrich Siebgeber

1.

Als die große Ratlosigkeit ausbrach, 
stand eine Frau an der Spitze des Landes. 
Sie lächelte. Nicht viel, fast gar nicht oder, wie man so sagt: 
kaum merklich.

»Ehrlich gesagt, nie wäre ich auf die Idee gekommen, eines Tages dem Papst – the pontiff, wie ihn sein angelsächsisches Publikum gelegentlich mit einem Anflug von Sarkasmus nennt – ein sonniges Gemüt zu bescheinigen. Der Kontrast zum Dalai Lama lässt sich nicht einfach mit ein paar Weihwasserspritzern beseitigen. Er gründet tief in den religiösen Kulturen, die, zum Kummer mancher Zeitgenossen, nur im Plural zu überleben scheinen. Die eine Religion geht in die Tiefe, die andere in die Höhe, die dritte in die Weite, bei der vierten wird’s eng... Daran wäre nichts auszusetzen, wenn ihre Vertreter sich der Tonlage ihrer Botschaft ständig bewusst blieben. Ob, was aus Rom zu vernehmen ist, es mit den Interviews Seiner tibetanischen Heiligkeit aufnehmen kann, steht freilich auf einem anderen Blatt. – Sie hören mir zu?«

von Ulrich Siebgeber

Flüstert leise leise leise
summt das Flüster-Fliegenlied,
von der Stasi lernt die Weise,
die so cool die Strippen zieht.

Blickt man auf die Gesellschaft der Nationen, dann fällt auf, dass sich auch unter ihnen Moralisten der gehobenen und der gesenkten Braue finden, Moralisten von Geburt und solche, die ihre Lektion gelernt zu haben beteuern. Kein Zweifel, sie ergänzen einander, sie kommen voneinander nicht los, sie haben einander unendlich viel zu sagen – ins Gesicht, aber auch sonst, hintenherum, wenn einer Partei etwas stinkt oder der Einzelne besser schweigt. In solchen Fällen tritt das Kollektiv in Aktion, die üblichen Sender senden, die fleißigen Finger der Nation tasten das Feld der gängigen Überheblichkeiten ab, die kritischen Federn federn ins intellektuelle Abseits, die Helden des Geistes… Parlamente, getragen von historisch-geläutertem Hochgefühl, beschließen Resolutionen, die aus der Empörung der anderen Seite bereits Kapital schlagen, bevor sie Gelegenheit hatte, sich erkenntlich zu zeigen, Leitfiguren der Unterhaltungsbranche bekommen plötzlich Meinungen wie andere Leute Brechdurchfall und der eine oder andere zur Hälfte abgehalfterte Volksheld erhebt seine Stimme, als kehre er in den Kreis der Gemeinten zurück.

Kassandra darf schweigen. Ihre Voraussagen haben sich rascher erfüllt, als sie selbst es für wahrscheinlich gehalten hätte.
Wovor sie warnen könnte, es ist Realität.
Ein Krieg, der keiner sein darf? – Alltag.
Dschihad auf europäischem Boden? – Alltag.
Ethnokulturell fundierte Gewalt auf europäischem Boden? – Alltag.
Gewaltbereiter Fremdenhass beiderseits der Demarkationslinie, die ›Fremde‹ und ›Einheimische‹ voneinander trennt? – Alltag.
Gespaltene Gesellschaften, zwischen deren Fraktionen das Denunziationsgebot herrscht? – Alltag.
Gesinnungs-Konformismus, der jedem freien Gedanken ins Gesicht schlägt? – Alltag.
Ein ›verantwortlicher‹ Journalismus, dessen oberste Mitteilungsregel lautet: Nichts gegen den Augenschein, alles gegen den Augenschein? – Alltag.
Ein mürrischer Staat, der Wohlverhalten anmahnt und für den Notfall rüstet? – Alltag.
Eine zerfallende Union, die nach dem Motto handelt: »Rette sich, wer kann!«  – Alltag.
Ein Karussell der Schuldzuweisungen, das sich von Anschlag zu Anschlag verheerender weiterdreht? – Alltag.

von Henning Eichberg

Die Einteilung des politischen Felds in eine Rechte und eine Linke hat sich im Zuge der Moderne – seit zweihundert Jahren – als ein stabiles Muster herausgebildet. Es hat bislang allen Einwänden, die gegen den Dualismus erhoben wurden, und allen Differenzierungen und Versuchen eines ›dritten Wegs‹ getrotzt.

von Ulrich Siebgeber

Die Gefahr

Nach dem ersten Attentat besteht die Aufgabe darin, keine voreiligen Schlüsse
                                                                                                             zu ziehen.
Nach dem zweiten Attentat geht es darum, die voreiligen Schlüsse
                                                                                                        zu revidieren.
Nach dem zehnten Attentat geht es darum, die Zahl der möglichen Täter
                                                                                                     einzuschränken.
Nach dem hundertsten Attentat geht es darum, keine weiteren Attentate
                                                                                                       zu dulden.
Nach dem hundertersten Attentat geht es darum, keine voreiligen Schlüsse
                                                                                                           zu ziehen.

Woher kamen die Täter?
Wer hat sie hergebracht?
Vor wem sind sie weggerannt?
Wer hat sie losgeschickt?
Wer bezahlt ihre Waffen?
Wer gibt ihnen Anweisungen?
Wer betreut die Hinterbliebenen?
Wer ist dieser Niemand und
wo schlägt sein Herz?
Für wen arbeitet sein Verstand?

Vor dem ersten Attentat bestand die Aufgabe darin, Kämpfer auszubilden.
Vor dem zweiten Attentat bestand die Aufgabe darin, Länder zu erobern.
Vor dem zehnten Attentat bestand die Aufgabe darin, den Kampf auszuweiten.
Vor dem hundertsten Attentat bestand die Aufgabe darin, den Bevölkerungen
                                                                                    die Flucht zu ermöglichen.
Vor dem hundertersten Attentat bestand die Aufgabe darin, die Geflohenen
                                                        in ihre zerbombten Länder zurückzuschicken.

Vor dem hundertzehnten Attentat erweist sich die Gefahr, die Aufgabe
                                                                                   zu verfehlen, als groß.


Das Mandat

Die Abgeordnete findet kein Wort für die Schlachtopfer.
Die Abgeordnete will keine Schlüsse ziehen.
Die Abgeordnete findet Schlüsse gefährlich.
Die Abgeordnete findet, die Tätergruppe sei in Gefahr.
Die Abgeordnete ist für das Leben zuständig, nicht für den Tod.
Die Abgeordnete ist grün, weil sie will, dass das Meer blau ist.
Das Meer färbt sich rot.


 

Die Türkei geht uns nahe. Wer diesen Satz angemessen erläutern könnte, mit allen Vorder- und Nachsätzen, er würde Erhellendes zur Deutschen Pathologie beisteuern, die, effektiver als die Regierenden, das Land im Griff hat. Nicht das Schicksal der Türkei geht ›uns‹ nahe, auch nicht die Leute, nicht das Land an sich– was dann? Man könnte meinen, es seien die Millionen Türken und Deutsche türkischer Herkunft (mit türkischem Pass), die unübersehbar in die Mitte der Gesellschaft und – noch vereinzelt – in ihre höheren Ränge vorrücken. Aber gerade sie haben die Türkei verlassen, aus Gründen, über die niemand zu rechten hat. Und diejenigen unter ihnen, die im ›Aufnahmeland‹ nicht recht Fuß fassen konnten, ›identifizieren‹ sich vielleicht mit den Verhältnissen in der Türkei, weil im Hintergrund der türkische Sender läuft und die Familienbande nach wie vor intakt sind – nahegeht den Deutschen, Migrationshintergrund hin oder her, das alles nicht.

Zu den Narrenwörtern des Westens gehört das Wort ›selbsternannt‹. Ein Attentäter, dessen Umfeld als ›clean‹ gilt – gleichgültig, ob er oder seine Komplizen oder seine Hintermänner etwaige Spuren sorgfältig getilgt haben, ob die Ermittlungsbehörden es aus Gründen der Staatsräson unterließen, die Öffentlichkeit über die wahren Zusammenhänge ins Bild zu setzen oder ob es sich in der Tat um einen jener legendären einsamen Wölfe handelt, deren Wolfseigenschaft sich abseits vom Rudel Bahn bricht –, ein solcher Einzeltäter muss über kurz oder lang damit rechnen, als selbsternannter Terrorist durch die Medien zu geistern, vermutlich, damit irgendeine Form der Ernennung greift, bevor über die Sache Gras wächst, und die Erwartung kommender Anschläge nicht das allgemeine Lebensgefühl eintrübt.

Karlheinz Deschner, der sich herausnahm, Religionsgeschichte als Kriminalgeschichte zu schreiben, brachte es doch kaum weiter als zur Geschichte der – allerdings monströsen – Verfehlungen einer welthistorischen Institution: der katholischen Kirche. Nicht im Traum wäre es ihm eingefallen, den einfachen Kirchgänger für die Machenschaften verblichener Kirchenfürsten und ihrer Helfershelfer haftbar zu machen. Allenfalls wollte er ihm die Augen öffnen, Aufklärung betreiben in jenem ältesten und unverfänglichsten Sinn, der sich aus dem Wort allem Missbrauch zum Trotz nicht ganz vertreiben lässt.

von Katharina Kellmann

Nun rollte der Ball wieder; Deutschland war eine Turniermannschaft und der Schiedsrichter war auch gegen uns. Ich bin kein großer Fußballfan, aber einer EM kann man sich nicht so ganz entziehen – immer nur Arte schauen überfordert mich zudem.

von Ulrich Siebgeber

Wann immer eine irreguläre Gewalttat oder eine Ballung endemischer Gewalt Zutritt zum öffentlichen Bewusstsein erlangt, prallen die Sprache der politischen Korrektheit und ihr Gegenbild, die öffentliche und private Hass- oder Wutrede, aufeinander. Zweifellos handelt es sich um ein Ritual, dessen wenig geheime Bedeutung darin besteht, ›das Schlimmste‹ zu verhüten: das Überspringen der Gewalt in die allgemeine Praxis oder in eine ›neue Dimension‹, wie es euphemisierend bei den Verantwortlichen heißt.

Vergessen schmerzt nicht, es schadet nur – tröstliche Botschaft für alle, die sich in den Kopf gesetzt haben, die Welt zu verbessern, ohne sich gründlich mit ihr auseinandergesetzt zu haben. Auseinandergesetzt? Wer hätte sich nicht –? Nichts, wenn man sich umhört, geht den Mitmenschen leichter von der Hand als sich ›auseinanderzusetzen‹. Fast jeder hat es irgendwann getan, die meisten sind gerade, soweit ihre begrenzte Zeit es zulässt, im Begriff, es zu tun oder wünschen es sich um ihr Leben gern. ›Ich setze mich gerade auseinander‹ – ein erstaunliches Bekenntnis, lieber wünschte man der betreffenden Person, sie säße gerade gemütlich beieinander. Und tut sie es nicht? Warum klaffen Selbstaussage und Fremdwahrnehmung gerade hier so hemmungslos auseinander?

Wer auf Dummenfang geht, ist in der Regel um ein Wort nicht verlegen. Die Hälfte davon sind Schuldzuweisungen, der Rest Abwehr – Abwehr von Menschen, Analysen, Auffassungen, die nicht gefragt sind, denen zu folgen zu einfach wäre oder zu riskant oder beschämend oder nicht förderlich.

Ruckediguh, Blut ist im Schuh. Wieder ein Sommermärchen

»... und, meine Freunde, lasst es euch gesagt sein und sagt es weiter: Lasst euch nicht einreden, dass euch der Schuh drückt! Es ist ein guter Schuh, mit einer Sohle, die weiß, wo es lang geht, mit einem Absatz, auf dem man auf der Stelle kehrt machen kann, wenn einem danach der Sinn steht, mit einem Oberleder, fein wie Feigengrütze, auf dem spiegeln sich alle Wunder der Welt! Freilich auch alle Ungereimtheiten, über die müssen wir reden, auch in Brüssel, auch in Bochum und Gelsenkirchen, selbst in Straßburg, selbst in Frankfurt, wenn’s sein muss, bei den Kollegen in den Vorstandsetagen, das ist doch klar, das ist unser Ziel, das ist unser Auftrag, das ist unsere Zukunft.

von Lutz Götze

Der Rio Uruguay hat – in der Sprache der Guaraní – dem Lande seinen Namen gegeben. Eingezwängt liegt Uruguay zwischen den mächtigen Nachbarn Brasilien im Norden und Argentinien im Westen und Süden, an Fläche etwa halb so groß wie Deutschland. Oft bespöttelt als paisito, ›kleines Land‹ also, wurde der Staat 1825 unabhängig. Vorausgegangen waren jahrhundertelange Kriege zwischen und mit Spaniern, Portugiesen, Briten und Franzosen. General Artigas, der legendäre militärische Führer des Strebens nach Unabhängigkeit, ist, hoch zu Ross, in jeder Stadt als Denkmal zu bewundern. Man sagt, nahezu alle Uruguayer liebten ihn, mehr noch als die zahllosen Rinder und die Fußball- Nationalmannschaft.

von Fritz Schmidt

Der Reichstag brennt noch immer. Gedanken zu einer ›seriösen Darstellung‹

70 Jahre nach dem Ende des sogenannten ›tausendjährigen Reiches‹ soll an einen Paukenschlag zu Beginn der eigentlich zwölf Jahre erinnert werden, an den Reichstagsbrand vom 27. Februar 1933, der noch immer die Geister in Verfechter der Mehr- oder Ein-Täter-Theorie scheidet.

Mein famoser Nachbar… ich hätte mich gleich erkundigen müssen, warum er die Armenien-Resolution des Deutschen Bundestags als ›Deal‹ bezeichnete. »Ein Geschäft? Mit wem? In welcher Sache? Zu welchen Konditionen?« So hätte ich fragen müssen. Warum tat ich es nicht? Wie wenig weiß der einfache Bürger über die Beweggründe derer, die ihn vertreten, wie wenig begehrt er zu wissen! Und wirklich besteht ihre Aufgabe nicht darin, ihn zu belehren. Gerade nicht!

»Der Armeniendeal spaltet die ganze Gesellschaft. Von rechtsaußen bis linksinnen: einig ist sich da keiner. Warum fasst der Bundestag solche Beschlüsse? Aus Trotz? Aus schlechtem Gewissen? Oder aus überbordendem gutem? Wahrscheinlich stimmt nichts von alledem.

von Daniel Nachbaur

Gedanken zum europäischen Utopiebegriff

Schon 1799 träumte Novalis in seinem Essay Die Christenheit oder Europa die Aussöhnung und Vereinigung der europäischen Nationen herbei oder, wenn man lieber will, voraus. Natürlich hatte er dabei keine zweckpolitische Kooperation vor Augen, er wollte unter der Ägide einer sich neu formierenden katholischen Kirche eine supranationale und transkulturelle Idealzivilisation heraufdämmern sehen.

Die EU stirbt nicht an einem Tag, aber sie stirbt täglich. Unvergessen die achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, als die Eurosklerose in aller Munde lag: schon damals gut gebettet auf den üblichen Übertreibungen, auch wenn der Ton inzwischen schärfer geworden ist. Inzwischen? Dazwischen liegen die Jahre der EU-phorie, der Erweiterungs-, Vertiefungs- und Verschuldungsorgien, die in ebenso viele Sackgassen führten. »Vorwärts immer, rückwärts nimmer!« Vibriert da nicht ein Ton aus der Vergangenheit in der Luft?

von Herbert Ammon

Vorbemerkung

Den nachfolgenden Text – die Besprechung eines Buches, das auf englisch bereits vor fast vier Jahrzehnten erschienen ist, schrieb ich auf Bitten meines deutsch-kanadischen Freundes Hans Sinn im vergangenen Jahr, als der im April 1915 ausgelöste Genozid an den Armeniern im Osmanischen Reich im Gedenkkalender stand. Nicht allein um der historischen Genauigkeit willen sollte künftighin auch der jeweils Hunderttausende zählenden Todesopfer unter den im Ersten Weltkrieg und danach verfolgten Aramäern, pontischen und kleinasiatischen Griechen – gewöhnlich subsumiert unter ›andere christliche Minderheiten‹  gedacht werden.

von Herbert Ammon

Vergessene Opfer des Krieges. Leidenserinnerungen von Deutschen aus Ostpreußen

I.
Geschichtliche Erinnerung ist alles andere als die gemeinsam geteilte Vergegenwärtigung der Vergangenheit. Vielmehr findet sie auf unterschiedlichen, ja separaten Ebenen statt: in den Werken der Historiker, in der historischen Selbstwahrnehmung einer Nation oder einer Volksgruppe sowie, sehr viel weniger sichtbar, im Bewusstsein - und Unterbewusstsein – von Individuen. Für Millionen Menschen ist die Geschichte des 20. Jahrhunderts erfüllt von Erinnerungen an Krieg, Tod, Zerstörung und Vernichtung.

von Lutz Götze

Wir übernachten im Claridge, Tucumán 535. Das Hotel, im Herzen der Stadt zwischen der Florida und San Martin gelegen, verrät die Pracht früherer Jahre, in denen wir häufig davorstanden und den Glanz des alten England bewunderten, der die Fassade prägte. Leisten konnten wir uns damals eine Übernachtung freilich nicht. Jetzt können wir es, auch dank des schwachen Peso. Dafür ist, beginnend in der Lobby und endend im bescheiden ausgestatteten Zimmer, der Zauber entschwunden. Brüchigkeit und Verfall allenthalben statt einst prachtvoller Lüster, strahlender Weingläser und lärmschluckender Teppiche!

Hommage an mein Idol Siegfried Kracauer mit geschlechtsbedingter Widerrede

Er ist einer meiner Liebsten, ich habe ihn oft verschenkt und noch öfter zitiert. Heute nehme ich ihn wieder zur Hand: den Aufsatz über Freundschaft von Siegfried Kracauer, mein Vorbild für eine Annäherung an amorphe, sich ständig verändernde Begriffe. Seine Methode hilft mir beim Ein- und Umkreisen von Themen, die mir wichtig sind – wie zum Beispiel Freundschaft – im Allgemeinen und für mich im Besonderen.

von Henning Eichberg

Wandlungen der neuen Rechten. Die neue nationale Frage, und wie man sich rechts den linken Feind erdichtet

Was ist rechts, und was ist links? Was ist die Neue Rechte im Vergleich zur alten, und was ist die Neue Linke im Vergleich zur alten? Das Neue an der Neuen Rechten – um diesen Fall herauszugreifen – wandelt sich im gesellschaftlichen Prozess. Und damit wandelt sich auch, wozu ein Wissen über die gestrige Neue Rechte, wie Sebastian Maaß (2014) es in dem hier zu besprechenden Buch gesammelt hat, eigentlich heute nützlich sei.

Es ist noch immer ein bestechender Gedanke – vielleicht der Bestechendste von allen –, dass ein jeder seinen Richter findet, der eine vor, der andere nach seinem Tode, der eine vor, der andere nach Erreichung der Pensionsgrenze, der eine vor, der andere nach vollbrachter Tat. Denn wo gerichtet wird, ist des Richtens kein Ende. Da strebt ein Immobilienunternehmer ins Präsidentenamt und wird bereits für sämtliche Torheiten und Verbrechen verantwortlich gemacht, die er nach seiner Wahl begehen könnte, falls er darauf Lust haben sollte, während die realiter begangenen Torheiten und Verbrechen frei herumlaufen und mit Fingern auf ihn zeigen, als wollten sie sagen: Überlegt es euch gut! Reicht euch unser Anblick nicht? Habt ihr wirklich Lust auf Neues? Nehmt uns, da habt ihr, was ihr wollt. – Am anderen Ende der Bedeutungsskala flattert Spaßvogel Böhmermann zwischen den Gitterstäben des Käfigs, den Justitia mit luzider Beihilfe einer echten Kanzlerin um ihn legt, und wispert aufgeregt: War ich gut? Bin ich ein guter Despotenschänder? Säßen die Mächtigen sicherer, wenn sie mir keine Scherereien bereiten müssten? Und wie geht’s jetzt weiter?

von Kay Schweigmann-Greve

Eine Momentaufnahme fortgeschrittener Integration

Über den Konflikt mit dem fundamentalistischen Islam gerät aus dem Blick, dass es im Nahen Osten neben den dominierenden islamischen Glaubensgemeinschaften und der verfolgten christlichen Minderheit eine ganze Reihe sehr alter kleiner Religionsgemeinschaften gibt, die ihre Wurzeln teilweise auf die vorislamischen Religionen des Nahen Ostens zurückführen:

von Eckhard Stratmann-Mertens

Vorbemerkung

Der folgende Beitrag Flüchtlinge schützen – Einwanderung begrenzen von Eckhard Stratmann-Mertens, Mitglied von Attac, war ursprünglich Anfang Februar 2016 für den Attac Theorieblog (www.theorieblog.attac.de) geschrieben worden. Nachdem die zuständige Redaktion die Veröffentlichung des Beitrags als ›rassistisch und fremdenfeindlich und mit dem Grundkonsens von Attac nicht vereinbar‹ abgelehnt hatte, reagierte der Autor mit einem umfassenden ›Widerspruch gegen den Rassismusvorwurf und die undemokratische Streitkultur bei Attac‹ und der Aufforderung an die Redaktion, diese Vorwürfe zurück zu nehmen und den Beitrag zu veröffentlichen. Es entspann sich daraufhin eine mehrwöchige intensive und kontroverse Debatte zu diesem Konflikt auf einer Mailingliste von Attac (Gruppen-Diskussionsliste).

Wer auch immer der SPD den Ratschlag gegeben hat, sie möge, wann und wo es geht, die Geschäfte der Union besorgen, sie befolgt ihn gründlich und mit jenem erhabenen Ernst, der wahre Klasse verheißt. Was nicht heißt, dass all ihre Motive erhaben genannt werden sollten. Wie man im vergangenen Wahlkampf erfahren durfte, suchen selbst ihre Ministerpräsidentinnen den Schulterschluss mit der Kanzlerin, wenn es gilt, deren eigene Kandidaten auszustechen.

von Herbert Ammon

Die 1787 geschaffene Verfassung der USA beginnt mit der Formel ›We, the people‹ – eine Affirmation, die empirisch im Hinblick auf die in Philadephia versammelten 55 ›Gründerväter‹ schwerlich zu belegen ist. ›Alle Macht geht vom Volk aus.

von Eckhard Stratmann-Mertens

Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise, die nicht nur in Deutschland, sondern auch im Europa der EU und auf dem Balkan zu erheblichen politischen Spaltungstendenzen geführt hat und weiterhin führt, erschien (Februar 2016) eine Publikation, die die Moralbegründungen der miteinander in Konflikt liegenden Positionen gegenüberstellt und jeweils kritisch hinterfragt.

von Detlef Lehnert

Der Ausgangspunkt: Wird ›rechts‹ nun in der ›bürgerlichen Mitte‹ salonfähig?

Vom Recht, rechts zu sein, so lautet der Titel über den »Gedanken eines heimatlosen Konservativen«, als der sich Ulrich Greiner, langjähriger Feuilleton-Chef der als ›liberal‹ geltenden Wochenschrift Die Zeit, nunmehr zu erkennen gibt (10.3.2016, S. 44 ).

von Antje Vollmer

Bei der berechtigten Kritik an der Austeritätspolitik werden oft die Vorgeschichte und die Schlüsselereignisse vergessen, die entscheidend dafür waren, warum sich diese Denkschule später so nahezu widerstandslos im europäischen Rahmen durchsetzen konnte.

von Lutz Götze

Des Polonius Wort aus Hamlet bleibt dem kritischen Betrachter einzig, wenn er einen Blick auf die zeitgenössische Bildungslandschaft wirft: Schule und Universität sind gleichermaßen von einer nie zuvor erlebten Erosion betroffen. Genauer: Der Verfall jahrhundertealter Sitten und Normen geht einher mit einer Rechtfertigung der Niveaulosigkeit und der hymnisch-kultischen Apologie vermeintlich neuer revolutionärer Erkenntnisse des Lernens, Lehrens und Forschens, die alles Dagewesene obsolet machten.

Der Gedanke, einen Großteil der sogenannten Meinungsäußerungen in den sozialen Netzen Geheimdiensten und ihren Subunternehmen zu verdanken, die einander die Bälle respektive Beleidigungen zuschleudern, an denen der brave Bürger sich labt, während er sie von Herzen verabscheut, besitzt, neben allem Ärgerlichen, auch etwas Erheiterndes: Man hätte in den Anfängen der Technik nicht erwartet, den Bereich zwischenstaatlicher Fürsorge so bald über Bereiche ausgedehnt zu sehen, in denen neben Katzenliebhabern und Morgenlicht-Fotografierern vor allem jener Typus von Zeitgenossen unterwegs ist, der in vergangenen Zeiten mit dem Ruf »Extrablatt! Extrablatt!« den innerstädtischen Bummel in den Rang eines Informationserlebnisses erhob.

von Ulrich Siebgeber

Ich wünsche mir einen Kandidaten, der mit der Parole »It’s the Demography, Stupid!« in die nächste Bundestagswahl zu ziehen den Mumm aufbrächte – das wäre mein Kandidat. Denn einmal muss das Elend der Landtags-Durchgurkereien doch ein Ende nehmen und es muss gewählt werden. Ein sonderbarer Gedanke zu einer Zeit, zu der die regierenden, mitregierenden und als informelle Helfer der Regierung assistierenden Parteien dem Einheitsglauben anhängen, keine Wahl zu haben, und sich stattdessen dem Angstbeißertum gegen den Aufsteiger verschreiben, der seit Anti-Euro-Zeiten die Alternative im Parteinamen trägt.

»Ehrlich gesagt, ich möchte nicht von Rauschgiftsüchtigen regiert werden...« – man hat den Unbekannten am Nollendorfplatz nicht ausreden lassen, Vokabeln wie »Nazi«, »Denunziant«, »Schweinehund« prasselten auf ihn nieder und als die Polizei ihn anschließend wieder auf die Beine stellte, um, vermutlich wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses, seine Personalien festzustellen, nützte eine junge Dame die Gelegenheit und spuckte ihm kräftig ins Gesicht.

Die Neigung meines Onkels zur Geschichtsklitterei hatte verschiedene Gründe, darunter historische: Im Sommer ʼ45, als es galt, dem Heimwärts­drang der Füße zu folgen, erlaubte sie ihm, falls man seinen Reden Glauben schenken darf, mehreren alliierten Militärposten ein Schnippchen zu schlagen und so zu verhindern, dass er im nächstgelegenen Kriegs­gefangenen­lager landete. Ja, man sagte ›landen‹, um anzudeuten, dass der Irrflug des aufgescheuchten Subjekts doch einmal zu Ende gehen musste. Das Radebrechen ging meinem Onkel noch zu meiner Zeit glatt von der Zunge, er konnte Identitäten nach Belieben auffahren, sobald ihm danach war oder die Umstände es verlangten. Milieu-Angst lag ihm fern, er stürzte sich auf fremde Milieus, etwa das meiner studentischen Freunde, und achtete der Peinlichkeit nicht: ein Zug, den ich gelegentlich an unseren Medien bewundere, gerade jetzt z.B. aus Anlass des amerikanischen Wahlkampfs, doch der Gelegenheiten sind viele. Vielleicht war – und bin – ich durch ihn gewarnt: sobald ich eine Zeitung aufschlage, halte ich unwillkürlich nach dem nächsten Kontrollposten Ausschau – es könnte sein…

von Michael Milutin Nickl

Wilfried Scharnagl: Am Abgrund: Streitschrift für einen anderen Umgang mit Russland. Mit einem Vorwort von Michail Gorbatschow. München/Berlin (Keyser-Verlag) 2015, 183 Seiten.

Christian Wipperfürth: Die Ukraine im westlich-russischen Spannungsfeld. Die Krise, der Krieg und die Aussichten. [WIFIS aktuell Bd.51], Leverkusen (Verlag Barbara Budrich) 2015, 73 Seiten.

All meine Tanten und Onkel sind tot, gefallen in jenem ungeheuren Bürgerkrieg, der Altern heißt. Zeit also, hinter ihnen herzuspionieren. Was sie getan haben, es sei ihnen geschenkt. Was sie mir angetan haben, ich weiß es nicht. Natürlich weiß ich es, aber ich weiß es nicht wirklich, so, wie es sich für ein ordentliches Wissen gehört, beidseitig, mit einer soliden Portion Verständnis für ihre Denkweise und, wichtiger vielleicht noch, für die Gründe, aus denen sie dies oder jenes getan haben, aus denen sie mir dies oder jenes angetan haben. Denn, unter uns, es waren schlimme Finger darunter, die keine Gelegenheit passieren ließen, mir eins auszuwischen. Was habe ich gelitten! Nun ja, es wird sich in Grenzen gehalten haben, Kindertränen trocknen schnell.

Im Himmel der Gutgläubigen sind noch Plätze frei. Das ist keine Aufforderung, sie unzeitig einzunehmen, aber ins Grübeln darf man schon kommen. Ein Land, in dem einundachtzig Prozent der zur Bevölkerung hochgerechneten ›Befragten‹ meinen, die Regierung habe die Situation nicht mehr unter Kontrolle, während ganze vierzig Prozent einen Wechsel an der Spitze wünschen, hätte man gern näher kennengelernt, schon um zu verstehen, was in ihm vorgeht. Einundachtzig Prozent sind, unter den Bedingungen der parlamentarischen Demokratie, keineswegs ›Ausdruck einer gespaltenen Volksmeinung‹, sie sind auch keine ›Anomalie‹, deren Verschwinden man abwarten könnte wie das Ende eines unzeitigen Frosteinbruchs – ehrlich gesagt, sie lassen sich kaum noch politisch verstehen. Gerade das lässt sie eminent politisch erscheinen: einer pointiert unironischen Deutung des ›gemeinen Wesens‹ wären sie Ausdruck eines existenziell zu nennenden Aufbegehrens, auf den es in der Demokratie, gemäß dem ihr eigenen Ethos, nur eine Antwort geben dürfte – den, wie auch immer, parlamentarisch eingefädelten Rücktritt.

Einfach mal die Fresse halten. Man liest die Aufforderung verschiedentlich in den sozialen Netzen, es mag sein, dass immer derselbe Kopf – oder dieselbe ungehaltene Fresse – dahintersteckt, auszuschließen ist das nicht, genauso wenig, dass viele, durch Anonymität geschützt, wie sie meinen, sich des Ausdrucks als Redefigur bedienen, um ihrer Weltsicht eine Gasse zu bahnen: wichtig wäre weder das eine noch das andere, denn es zählt der Effekt. Und im Effekt – auch wenn das Getuschel in den hinteren Reihen kein Ende nimmt und manches Drohwort aus der Deckung fliegt –, im Effekt wirkt die Aufforderung, gleichgültig, ob gezischt, gezischelt oder hinausposaunt, je nachdem, ob sich ihr Urheber im Konzertsaal, in der Küche oder im Kindergarten wähnt, obwohl er doch in der schriftkulturellen Öffentlichkeit und damit im Archiv agiert, das uns alle überdauert, es sei denn, die atomare Hölle oder ein Asteroid … etc. Sie wirkt – doch damit ist nicht gesagt, wie sie wirkt, schon gar nicht, dass die Wirkung einheitlich und ›stringent‹, also ›schlüssig‹ ausfallen muss. Wie bei jeder Art von sozialer Wirkung kann sie unterschiedliche Formen annehmen, auch aus- oder abfällige, keine Frage, aber der lähmende Biss der Schlange hinterlässt überall seine Signatur.

Die Parole: ›Phantasie an die Macht‹ ist nach einem dialektischen Purzelbaum wieder da! Nur ein Artikel muss ausgetauscht werden: Heute ist die ›Phantasie an der Macht‹. Sie blüht und gedeiht, ob auf Kongressen, in politischen Reden oder den sogenannt ›sozialen‹ Netzwerken. Mit dem Spruch ›Phantasie an die Macht‹ wollten junge Leute vor einem halben Jahrhundert aus der Enge der Nachkriegszeit, aus postfaschistischen oder noch wilhelminischen Regeln ausbrechen.

Die Sache mit dem Erstgeburtsrecht bedarf insofern einer Erklärung, als es mittlerweile öfter in Anspruch genommen wird als in all den Jahren, in denen extremistische Brandstiftung, falls sie nicht von linken Chaoten zu Aufklärungszwecken geübt wurde, praktisch automatisch den  Kreis der notorisch Verdächtigen ins Zentrum der Ermittlungen rückte: Zukurzgekommene vom rechten Rand, die anstelle der Linsensuppe den Topf in ihre Gewalt bringen wollten. Das hat sich geändert. Heute wird es, gelegentlich durch Gebrüll unterbrochen, in öffentlicher Rede unter Berufung auf jenes fast vergessene Buch und die aus ihm hervorgegangene jüdisch-christliche Tradition reklamiert – was nachdenklich stimmen sollte, da letztere in den Jahren nach der Wiedergewinnung der Einheit als ›unverrückbares Fundament unserer Werteordnung‹ in der Sprüche-Sammlung noch des hintersten Provinzpolitikers einen festen Platz beanspruchen durfte.

Das Angstbild des Fremden entsteht nicht auf Fernreisen. Es entsteht dort, wo Ferne unvermittelt in Nähe umschlägt. Genau gesagt, es entsteht an Stellen, an denen ein Kontakt misslingt. Das ist überall der Fall, wo keine passende Kulturtechnik bereitsteht, um eine Wahrnehmung oder einen Konflikt rechtzeitig zu entschärfen. So etwas kann zu Hause, in der gewohnten Umgebung, genausogut passieren wie in exotischen Ländern. Und da zeigt sich bereits das Problem: schließlich ist kein Land, keine Weltgegend per se ›exotisch‹. Erst das Empfinden, in der Fremde zu sein, erzeugt den touristischen Reiz – sonst könnte man auch gleich zu Hause bleiben und sich die Welt der Anderen auf dem Bildschirm betrachten.

Gegen die Menschenmeister vom Potomac und das von ihnen über die Menschheit verhängte grand design verspricht die Kandidatur des ›armen Reichen‹ (Trump) eine Atempause; viele durch Dauerkrieg und gesellschaftlichen Abstieg Gebeutelte verstehen diese Botschaft als frohe – nicht so der Weserkurier und mit ihm die Extra-Klasse der Weltmedien, die es vorzieht, im Kandidaten den Clown zu sehen und sich, standhaft oder nicht, weigert, dem Kandidaten im Clown Respekt zu erweisen.

Erpresste Versöhnung hieß der Titel eines Aufsatzes, den der Frankfurter Sozialphilosoph Theodor W. Adorno 1958 veröffentlichte – eine brillante Polemik gegen den marxistischen Kulturphilosophen und Literaturkritiker Georg Lukàcs, in der das Recht der Kunst (und selbstredend der Literatur) als Aufgabe festgeschrieben wird, sich den systemfrommen Weltbeglückungs-Szenarien der Parteidenker zu entziehen und sowohl Brüche als auch Widersprüche in der zeitgenössischen Praxis als das stehenzulassen, was sie sind: als Hindernisse, an denen nicht nur das Glücksbegehren des Einzelnen, sondern auch die politisch-gesellschaftliche Formel vom richtigen Weg, den es um einer welthistorischen Aufgabe wegen konsequent fortzusetzen gelte, zuschanden wird.

von Henning Eichberg

Über die neue nationale Frage

 Menschen begegnen einander in diesen Tagen auf eine neue und bisweilen dramatische Weise. Die Migrationsbewegungen geben zu neuen Fragen Anlass – die nicht zuletzt alte Fragen an uns selbst sind.

von Omar Akbar

 Unter Kultur wird in der Regel jegliches subsumiert was eine Gesellschaft charakterisiert. Sie durchdringt alle Ebenen der Gesellschaft. Dies beinhaltet den Rollenkodex für Frau und Mann, religiöse Riten bis hin zur Essenszubereitung oder die Bedeutung von Kunst, Literatur und Kritik.

Özdemirs ›Biodeutscher‹, das wissen seine Liebhaber – man findet sie in allen politischen Richtungen, was eine Menge aussagt –, gilt als eine aussterbende Spezies, der man den welthistorischen Abgang ein wenig erleichtern muss, schließlich erdröhnte der Boden Europas unter dem Marschtritt seiner Kolonnen zu Zeiten lauter, als es Anstand und gute Sitte, nicht zu reden von Moral und Menschenwürde, erlaubten. Günter Grass, einst selbst der Gestiefelten einer, hat den Peak German in einem frühen Buch mit dem Titel Kopfgeburten oder Die Deutschen sterben aus festgehalten. Es handelt von einem Volk, das sich – anstelle des nächstliegenden – zu viele Gedanken macht. Dieses Volk muss wohl seit längerem ausgestorben sein. Aber vielleicht war die Hypothese auch schon im Ansatz falsch und gehörte bloß zu den müßigen Hervorbringungen einer Klasse, die sich solange die falschen Gedanken macht, bis sie von ihnen gemacht wird. Nein, damit muss nicht die vielgescholtene classe politica, es kann auch die klassenlose der Intellektuellen gemeint sein, die sich bekanntlich so lange mit der Politik gemein macht, bis sie unter der Last der übernommenen Aufträge zusammenbricht, denn alles ist Auftrag, wie schon der dezidierte Nichtintellektuelle Rilke wusste.

Man muss ein Volk schon mögen – auch in seinen närrischen Elementen –, um nicht von den Unter- und Zwischentönen der in seinem Magen und angrenzenden Organen geführten Reden irritiert oder sogar verstört zu werden. Die enge Kohabitation zwischen Volksverächtern und Volksvertretern führt gelegentlich zu Hassdelirien, welche die hier und da zu hörende Rede vom deutschen Selbsthass zwar verständlich, doch deshalb nicht wahrer werden lassen. Nein, sie hassen sich nicht, die guten Deutschen, sie hassen nur die Deutschen und fühlen sich selbst dabei irgendwie wahrer, auch hochherziger, als es die Sache zulässt. Der Unterschied mag klein wirken, aber er sollte deshalb nicht weniger beachtet werden. Im Grunde ist das einzig Beachtenswerte in all dieser Hasserei die doppelte Selbstverleugnung – hassenswert sind immer die anderen, wie tief man sich selbst auch ›schuldig‹ fühlt.

Vermutungen über Attraktivität, Nutzwert und Chancen einer prekären Existenz*

Es gibt nicht allzu viele Geschichten und Traditionen, die im 21. Jahrhundert noch lebendig sind. Eine davon ist die Erzählung vom Künstler und – auf andere Art – von der Künstlerin. Sie sind erstaunlich gegenwärtig, man findet sie, wie Ostereier, an den merkwürdigsten Plätzen. Zum Mythos von Künstlern gehört, dass sie Avantgarde sind; leidenschaftlich nur ihrem Werk und den eigenen Ideen verpflichtet, schaffen Künstler frei und unabhängig ihre Bilder, Skulpturen oder Dichtungen.

Europas Hingabe an den Gedanken grenzenloser Machbarkeit beherrscht die erste Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts und sie erzeugt jenen Ozean des Grauens und der Vernichtung, auf den alle, die ihr lebend entrinnen konnten, wenn überhaupt, dann  nur mit dem unverbrüchlichen Entschluss »Nie wieder!« zurückblicken konnten. Alle? Offenbar nicht, die Spur der alten Hybris hüpft und zuckt über den Kontinent, der sich selbst der alte nennt, man muss nur genau hinsehen, um die Rinnsale eines Wahns, der sich im Großen und Ganzen verlaufen zu haben schien, in den Denkschulen und Denkroutinen neuer Eliten glitzern zu sehen.

Es bleibt spannend und ich bin neugierig, wie die Geschichte ausgehen wird. Da ich gerne optimistisch bin, wünsche ich dem älteren Herr ›türkischer Herkunft‹, dass seine Idee gehört wird. Er wartet auf eine Demonstration junger muslimischer Männer, die gegen die Übergriffe in Köln auf die Straße gehen und für zivile Umgangsformen demonstrieren. Zarte Ansätze, dass sich sein Wunsch erfüllen könnte, gibt es bereits: http://www.heise.de/tp/artikel/47/47080/1.html

von Heinz Theisen

Das doppelt überdehnte Europa braucht Selbstbegrenzung und Selbstbehauptung

Die westliche Politik, sich offensiv in die Angelegenheiten des Orients einzumischen und umgekehrt in Europa auf schützende Grenzen zu verzichten, hat zu einer doppelten Überdehnung nach außen und innen geführt.

von Nicolas Haesler

Angesichts der angespannten Migrationslage in Europa kennt das Thema Grenze zurzeit Hochkonjunktur in den Medien, Sozial- und Politikwissenschaften. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht über die tragische Situation der Menschen berichtet wird, die an den Außengrenzen des EU-Raumes blockiert und menschenunwürdigen Behandlungen ausgesetzt sind.

von Kay Schweigmann-Greve

Rüdiger Ahrens: Die Bündische Jugend. Eine neue Geschichte 1918-1933, Göttingen (Wallstein) 2015, 477 Seiten

Die Rede vom Bewusstsein erinnert ein wenig an die eingetrockneten Fliegen vom Vorjahr, die beim Frühjahrsputz unter den Jalousien zum Vorschein kommen, sie ist nicht en vogue, der Herr der Fliegen hat Ausgang und scheint das zu genießen – sei's drum, es kommen andere Zeiten und neue Insektenschwärme, so wie andere Menschen diesen Planeten der Scherben bewohnen werden, unbekümmert um Potenziale und Kontingente. Denn, ehrlich gesagt, es ist Hochmut, naiver, bewusstloser, abschreckend denkfauler Hochmut einer Generation, sich für die Zukunft nichts anderes vorstellen zu können als die Fortschreibung der eigenen Dispositionen und Gegnerschaften, zu denen sich die Albträume ruhig hinzuzählen lassen: jede Generation macht es sich im Albtraum der vorhergehenden bequem und findet insgeheim, jene müsse stolz darauf sein. Ein Irrtum, aber ein lebens-, vielleicht überlebensnotwendiger, den kein überlebendes Ressentiment ausräumen kann.

von Roland Wehl

Gegenseitiges Unverständnis

Im Streit um die Flüchtlingskrise ist das gegenseitige Unverständnis groß. Kritiker und Verteidiger der jetzigen Flüchtlingspolitik werfen sich gegenseitig Verantwortungslosigkeit vor, weil sie in der Analyse zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Unbestritten ist, dass es sich um ein globales Problem handelt.

Wer Bewusstsein sagt, will schon manipulieren: keine kleine Aussage, eher eine bewusstseinsöffnende oder -fördernde Maßnahme. An solchen Manipulationen leidet die Öffentlichkeit keinen Mangel, eher erstickt sie an ihnen. Bevor jemand hingeht und ein Fenster öffnet, muss viel geschehen. Die Gelassenheit muss viele kleine Tode sterben, ehe sie, wie der Geist aus der Flasche, in die Gehirne zurückkehrt, nicht triumphal, schon gar nicht triumphierend, eher mit einem Seufzer der Erleichterung, in die sich ein wenig Wehmut mischt, denn auch Spannung ist schön. Der gespannte Mensch, der Mensch, der jederzeit losgehen kann, setzt sein Glück in die Naherwartung, deren Gegenstand sich langsam entfernt, doch diese Strategie, das könnte ihm sein Verstand sagen, schlägt irgendwann gegen ihn aus.

Sagen wir, ein Land hat, neben Kriminalitätsrate, Obdachlosenrate, Alkoholismus, Verkehrstoten, Drogenabhängigkeit, Altersarmut, Kinderarmut, Fettsucht und so fort, ein Bevölkerungsproblem, das heißt, es werden dort soundsoviel Prozent weniger Kinder geboren, als nötig wären, um die Einwohnerzahl zu erhalten. Was fürs erste wenig besagt, da die Zahl der, sagen wir, während eines Jahres in einem Landstrich geborenen Kinder eine komplexe, aus Lust und Laune, Bedürfnis und Vermögen, Gelegenheit und Zufall sowie einer weiteren, nur schwer zu ermittelnden Zahl mehr oder minder unbekannter Faktoren gebildete, naturgemäß schwankende Größe darstellt, auf die sogleich eine Reihe exogener Größen wie Zahl der Fehlgeburten, Kindersterblichkeit, Kinderhandel einstürzt, bevor das Zahlenmaterial sich für eine relativ kurze Zeitspanne einigermaßen stabilisiert. Unter den mehr oder minder unbekannten Faktoren, die bereits vor der Empfängnis wirksam werden, sei der Faktor ›Bewusstsein‹ besonders erwähnt, weil er, jedenfalls bei einer funktionierenden Praxis der Empfängnisverhütung und Empfängnisfolgenkorrektur, das Zünglein an der Waage zu bilden scheint.

von Herbert Ammon

I.

Den dritten Teil dieses Textes bildet die Rezension eines Buches, das unter dem Eindruck des – seit Ende August 2015 von Bundeskanzlerin Merkel unbedacht (?) forcierten – Zustroms von Flüchtlingen und/oder Migranten produziert wurde. Diese Buchbesprechung ist auch als Replik auf den vor kurzem in Globkult (08.12.2015) veröffentlichten Beitrag von Werner Stanglmeier Erste Hilfe(n) zu lesen.

Menschen gibt es, denen wurde die Trompete in die Wiege gelegt – teils, um sie nicht in die Hände der Geschwister geraten zu lassen, teils mit dem Hintergedanken, die Welt teilhaben zu lassen an dem, was da unausweichlich heranwächst: ein starkes Stück, ein ganzer Mensch. Derlei passiert und wir, der müßige, über den Planeten verteilte Pöbel, wüssten nicht, ob uns die überbordende Kunde vom ganzen Menschen jemals erreicht hätte, gäbe es nicht die Trompete, jenes Instrument, mit deren Hilfe ein einzelner Mensch die so wunderbar von allen geteilte Luft unversehens in einen scharfen Gegenstand zu verwandeln vermag. In Wahlkämpfen, besonders der USA, ist so ein Instrument ungemein nützlich, da es den gemeinen, wenngleich gutsituierten Erdenbürger im Handumdrehen zur globalen Leit- oder Hass- oder Witzfigur befördert – am besten alles gleichzeitig. Polarisierung bedeutet alles, wenn nicht im Leben, so gewiss im Leben nach der Entscheidung, ein wahrhaftiger Präsident werden zu wollen.

Es ist schon ein ziemlich verzweifelter Griff in die Mottenkiste der Nation, die religiöse Herkunft eines Landes oder einer Kultur zu Staats-Zwecken zu mobilisieren. In neoliberal verfassten Gemeinwesen verhalten sich auch die religiös empfänglichen Bevölkerungsteile angebotsorientiert. Wer Religion will, muss sich der Konkurrenz stellen oder er sät vor allem eins – Unfrieden. Die großen Religionsgemeinschaften haben das, mehr schlecht als recht, irgendwann begriffen. Herkunft, Geburt, Überzeugungs- und Missionierungsarbeit, dazu die polarisierende Wirkung von Gewalt und Unfrieden, soweit sie religiös bemäntelt werden, sind längst (oder wieder) stärkere Akteure auf der kollektiven Bühne als der homogenisierende Nationalstaat alter Schule. Auch die Mehrzahl der Ländern, die ihn erst als Importartikel kennengelernt haben, falls er ihnen nicht einfach von den sich verabschiedenden Kolonialmächten übergestülpt wurde, hat das verstanden.

In Krisensituationen gewinnt, wer zuzuspitzen versteht. Ein Land oder ein Verband gleichgerichteter Staaten, in dem nur noch ein Thema die Gemüter beherrscht und Unfrieden zwischen zwei Fraktionen sät, die sich wenig oder nichts mehr zu sagen haben und sich stattdessen in Schuldzuweisungen, Beschimpfungen und Drohungen ergehen, – ein solches Land, eine solches System befindet sich in der Krise. Das heißt fürs erste nicht viel. Es gibt sowohl künstliche Krisen als auch, am anderen Ende der Skala, Krisen, in denen es nach Torheit schmeckt, gewinnen zu wollen, weil sie auch dann nicht weggingen – vielleicht gerade dann nicht weggingen, da man selbst, als kritischer Teil der Gesellschaft, Teil der Krise, womöglich ihr Hauptverursacher ist. Die beiden Extreme berühren einander: einer nicht lösbar erscheinenden Dauerkrise fehlt das entscheidende Merkmal der Krise, die ›Wende‹ zum Guten oder zum Schlechten, sie tendiert dazu, als Normalzustand fortzubestehen und gleichzeitig als ›künstliche‹, als Hirngespinst oder leere Drohung abgefertigt zu werden. Daher begnügt sich die Partei der Krise, ihr vermeintlicher oder wirklicher Nutznießer, damit, in der Krise – soll heißen: durch sie – stärker zu werden, bis irgendwann, in kritischeren oder sonnigeren Zeiten, ihr die Macht von alleine zufällt... Aus welchem Grund?

Man möchte ihn, als Gedanken, nie­man­dem zumuten, aber der Pop­ulis­mus ist nicht eigentlich der Wun­sch, pop­ulär zu sein, also der beständige Antrieb, dem Volk nach dem Mund zu reden, während man es von Herzen ver­achtet, son­dern ein The­men­park, dessen Bear­beitung anson­sten der Polizei und den Gerichten über­lassen bleibt – also das Verächtlich­machen Ander­s­denk­ender, die Beschimp­fung des Nach­barn, mit dem man an einem Tisch sitzt, sobald es etwas zu holen gibt, das dauernde Streben, für die eigene Klien­tel mehr her­auszu­holen, als bei nüchterner Betra­ch­tung ›drin‹ ist, die Selb­st­be­di­enung bei vollen (oder auch leeren) Kassen, also das ganz nor­male Handw­erk des – nein, nicht des poli­tis­chen, dem Gemein­wohl verpflichteten Men­schen, son­dern des Men­schen, der sich gehen lässt, nur eben in der Poli­tik oder ›im Poli­tischen‹, falls der kleine Unter­schied auf­fällt. Aus diesem Grunde han­delt es sich um eine klas­sis­che Fremdzuschrei­bung, man kann auch sagen, um eine Belei­di­gung Ander­s­denk­ender, jeden­falls um eine Denun­zi­a­tion, dik­tiert durch allzu große Nähe: man kennt sich, man hasst sich, man reibt sich, man hat einan­der intus, man möchte einan­der loswer­den: so geschehen (und gese­hen) im Fall des Linkspop­ulis­mus, der klas­sis­chen Abwe­ichung von der dog­menges­teuerten Linie nach dem Motto: Wir wollen die Zukunft jetzt.

von Peter Brandt

Wer erinnert sich bei dieser Frage nicht an die beiden zentralen Parolen, die die demokratische Umwälzung in der DDR 1989/90, die friedliche Revolution, begleiteten und – in zwei Etappen – deren Stoßrichtung ausdrückten? ›Wir sind das Volk!‹ bestritt den Regierenden das Recht, für dasselbe zu sprechen und in seinem Namen zu handeln.

Tagaus tagein bere­ichert das Fernse­hen unser Leben. Davon lässt sich doch eine Scheibe abschnei­den, oder nicht? Nehmen Sie das ruhig wörtlich – es kön­nte sein, dass Sie diese Scheibe, dieses ... Scheibchen vielle­icht noch ein­mal benöti­gen wer­den. Respond or die. Nie gehört? Auf welchem seli­gen Plan­eten leben Sie denn? Sie fluchen? Nein, nicht diese Töne, das ver­bitte ich mir. Ich bin Human­ist. Was habe ich gesagt? Ups, das habe ich gesagt. Oder, richtiger: »Oooops!« – Comic-Sprache, ja gewiss, was ist daran auszuset­zen?

von Werner Stanglmaier

Vor kurzem wurde ich gefragt, ob ich einige Eindrücke von der ›Front‹ (meine Arbeit in einem Erstaufnahmelager für Flüchtlinge in Berlin) formulieren könnte.

Es gibt Formulierungen, die geeignet sind, das Tor zur Erkenntnis zu öffnen. Kürzlich, als nach langem Ringen neue Kredite für Griechenland bewilligt wurden, war von den besonders schwierigen Verhandlungen im Zusammenhang mit Wohnungen und Häusern die Rede, deren Besitzer ›ihre Kredite nicht bedienen‹ können. Man sieht förmlich, wie die Betroffenen vor der Bank ihren Diener machen, sich um Dienstleistungsjobs bemühen oder katzbuckelnd um Senkung der Zinsen bitten, die sie für ihren Kredit zahlen müssen (und für Ersparnisse nicht bekommen würden).

von Peter Brandt

Der Zweite Weltkrieg endete nicht am 8./9. Mai 1945, sondern am 15. August bzw. am 2. September jenes Jahres, als Japan die Waffen streckte. Ob erst der – in jedem Fall mehr als problematische – Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki die Kapitulation des fernöstlichen Kaiserreichs bewirkt (und so auch die erwarteten hohen Verluste einer Invasion Japans sowie eine stärkere Einmischung der Sowjetunion vermieden) hat, oder ob der Tenno bereits vorher gewillt war aufzugeben und es nur noch um die Form ging, ist bis heute strittig.

Zur Überwindung von Sentimentalität beim Betrachten meines Bücherschranks

Das Wetter ist grauslich, also bin ich nicht in die Ausstellung gegangen, habe aufgeräumt und weggeworfen – ein paar alte Programme, Fizzelkram, der auf jeder freien Fläche liegt, Papier, Papier, Papier. Bücher wollte ich auch wegtun, aber das schaffe ich nicht. In die Werke von Bourdieu und all dieser Theoretiker aus Zeiten, in denen noch Weltbilder entworfen wurden, voraussichtlich auch in die von Kant und Hegel werde ich nie mehr hineinschauen … und wie viel Platz diese Wörterbücher, der Grimm, und das Kindler-Literaturlexikon okkupieren!

von Ulrich Siebgeber

... es kommen ja nicht nur Menschen, also Arme, Beine, Köpfe, Bedürfnisse, Arbeitsbegehrende, Konsumbegehrende, Versorgungsbegehrende, es kommen Gedanken, Träume, Überzeugungen, Orientierungen, Absichten, es kommen Sozialstrukturen, Abhängigkeiten, Dispositionen, es kommen Vorder- und Hintergedanken, Vorder- und Hintermänner, liebenswerte, verletzte, hilfsbedürftige Menschen, Vertrauenswürdige, Vertrauensunwürdige, Opfer, Täter, Drangsalierte und Drangsalierer, gegenwärtige, vergangene und zukünftige: das alles will öffentlich bedacht, es will besprochen sein. Wenn Willkommenskultur heißt: Keine Auffälligkeiten, denkt, was ihr wollt, solange ihr euch sorgsam verstellt, dann will das nicht viel heißen, dann rühren sich viele Arme und Beine umsonst, auch das will bedacht sein. Die Sprengsätze, die in Paris gezündet wurden, lassen sich nicht im Feuilleton entschärfen, sie lassen sich auch nicht durch beruhigende Statements wegreden, sie sind mitten in den Köpfen der angespannten Bevölkerung gezündet worden und dort explodiert. Auch das muss bedacht und beredet werden.

von Kay Schweigmann-Greve

Kritidis, Gregor: Wolfgang Abendroth oder »Rote Blüte im kapitalistischen Sumpf«, Karl Dietz Verlag Berlin, 2015, 159 Seiten.

… ein paar Tage weg gewesen, keine deutschen Zeitungen gelesen. Auf Youtube war ich auch nicht. Das hole ich jetzt nach. Das Video mit den Flüchtlingen, die nach Spielfeld eindringen (tausend, Hunderte? Die genannte Zahl habe ich mir nicht gemerkt, aber es waren sehr viele) ist ebenso beängstigend wie die Meinungen derer, die von der »Flut«, »Welle« und »Masse«, von kriminellen Arabern und einem geschlachteten und verspeisten Pferd erzählen. Ich höre, dass ein reiches Telekom-Unternehmen die Flüchtlinge steuert, Araber vor der Haustür oder im Schrebergarten deutscher Bürger pinkeln, sehe hier Horrorszenarien, da eine euphorische Willkommenskultur. Ob ich eine Meinung dazu habe?

Vortrag bei der Veranstaltung zum Theodor Kramer-Preis im Adalbert-Stifter-Haus, Linz, 17. September 2015

»Unjüdische Juden« ist, oder war zumindest erst einmal, ein Schimpfwort. Es wurde von den Hütern der jüdischen Gesetze benutzt, um Menschen zu bezeichnen, die ihnen nicht jüdisch genug waren. Im 19. Jahrhundert waren Mitglieder der Reformgemeinden für die Orthodoxen unjüdische Juden, in der Weimarer Republik sprach man von Juden ohne Judentum. »Unjüdisch« waren all jene Juden, die sich an die Kultur ihrer Umgebung, sei sie deutsch, österreichisch oder russisch-sozialistisch, angepasst hatten, Juden die gar nicht oder nur die berühmten drei Tage in die Synagoge gingen (es gibt dafür den Ausdruck Drei-Tages-Juden), die sich als Rechtsanwälte, Bankangestellte oder Akademiker solange der deutschen Kultur zugehörig fühlten, bis sie von ihren Nachbarn, Vorgesetzten, Untergebenen und Kollegen rausgeschmissen und bespuckt wurden.

von Ulrich Siebgeber

Als die hohe Frau
von ihrem Stuhl herabstieg,
begegnete sie
dem Zeichen des Halbmonds.
Auf ihre erstaunte Frage,
worum es sich dabei handle,
ergriff ein kleiner Dicker das Wort
und belehrte sie feixend,
es bedeute ›Der Weg‹.

von Boyko Vassilev

Ende der Geschichte. So formulierte Francis Fukuyama die Idee, dass nach 1989 die liberale Demokratie keine Alternative hat. Sprechen wir doch über ein anderes Ende: Ende des Lebens. Dеnn der Westen soll keine andere Angst haben, als den Tod selbst.

von Herbert Ammon

Wenn ein Mensch im Alter von 93 Jahren stirbt, kann man schwerlich von einem überraschenden Tod sprechen. Bei Egon Bahr verhält es sich anders. Zwar war dem Gesicht das hohe Alter abzulesen, doch wenn er bei einer Veranstaltung des Politikbetriebs das Wort ergriff, war von Altersmüdigkeit nichts zu erkennen.

von Christoph Jünke

Der deutsch-österreichische Gesellschaftstheoretiker und Sozialphilosoph Leo Kofler (1907-1995) gehört zu den produktivsten und vielfältigsten Denkern des deutschsprachigen Nachkriegsmarxismus. Seine fast 40 Bücher und Broschüren umspannen ein halbes Jahrhundert und behandeln so unterschiedliche Themen wie die Geschichte und Theorie der bürgerlichen Gesellschaft, die Soziologie und Philosophie, die Ästhetik und Anthropologie.

von Frauke Geyken

«Ich selbst war auch in die Vorbereitungen zum 20. Juli verwickelt», so formulierte es Annedore Leber in einem Zeitungsartikel aus dem Jahr 1947. In ihren Augen war sie eine Widerstandskämpferin aus eigenem Recht und nicht nur die Witwe des hingerichteten Sozialdemokraten Julius Leber.

von Lutz Götze

Brasilien bietet im März 2015 ein Bild des Zerfalls, das in vollkommenen Widerspruch zur strahlenden Sonne über den Traumstränden in und um Rio de Janeiro steht: Die Wirtschaft stagniert, der Real – Brasiliens Währung- befindet sich im freien Fall gegenüber dem Dollar, die Kreditwürdigkeit des Landes nähert sich in rasendem Tempo dem Ramschniveau, immer mehr Menschen können die steigenden Lebenshaltungskosten nicht mehr bezahlen und verschulden sich, Gewalt und Raubüberfälle auf den Straßen ebenso wie die dramatische Umweltverschmutzung wachsen weiter an und, als vielleicht größtes der Übel, hat die Korruption im Lande gigantische Ausmaße angenommen: Der Fall des staatlichen Energiekonzerns Petrobras ist lediglich die Spitze des Eisbergs.

Fast schon ein Nebenkriegsschauplatz angesichts dieser Entwicklungen ist die Tatsache, dass sich staatliche Schulen und Universitäten in einem beklagenswert schlechten Zustand befinden, weil, wie es das Regierungsprogramm noch unter Altpräsident Lula da Silva vorsah, auf Masse statt auf Qualität gesetzt wird. Dazu werden Zahlen und Statistiken der Examensnoten und Absolventenquoten geschönt. Wer es sich leisten kann, schickt deshalb seine Kinder auf außerordentlich teure Privatschulen – darunter die Deutsche Schule zu Füßen der Christus-Figur - oder gleich in die Vereinigten Staaten oder nach Europa.

Die Medien werden vom Fernsehkonzern Globo beherrscht und liefern rund um die Uhr Seichtes in Telenovelas, Talk-Shows oder Werbung. Schauspieler, die bei Globo unter Vertrag stehen, müssen eine Erklärung unterzeichnen, die sie verpflichtet, sich jeglicher kritischen politischen Äußerung zu enthalten. Wer sich dem nicht beugt, wird gekündigt und findet keine Arbeit, denn Globo ist konkurrenzlos.

Das Land, an Fläche so groß wie Europa und von der Natur verschwenderisch ausgestattet –üppige Vegetation, Wasser, Energieressourcen, Bodenschätze und kostbare Steine – erlebt derzeit einen schier unaufhaltsamen Niedergang und gleicht darin den anderen BRICS- Staaten: Russland, Indien, China und Südafrika. Einstmals angetreten, zur sogenannten Ersten Welt – den kapitalistischen Großmächten – ökonomisch aufzuschließen und diese das Fürchten zu lehren, brechen ihre Wachstumszahlen ein und werden die sozialen und ökologischen Probleme deutlich. Die Ursachen sind hinlänglich bekannt: Korruption und Vetternwirtschaft allenthalben, gigantische Umweltzerstörungen, Aufrüstung von Armee und Polizei, Preisdumping im Export und Währungsverfall, gewaltige Verteuerung des täglichen Lebens-zumal im Immobilien-und Mietbereich, geringe Zukunftschancen der Jugend,die zu wachsender Kriminalität führen, Ausschaltung von Regierungsgegnern, eine dramatisch wachsende Zensur der Medien und Steigerung nationalistischer Tendenzen.

In Brasilien haben ehemalige Hoffnungsträger wie der ehemalige Gewerkschafter und Präsident Lula ihre Amtszeit vor allem genutzt, um sich schamlos zu bereichern. Heute gehört er zu den Reichsten des Landes.

Die aufstrebenden BRICS- Staaten, ehemals ein Modell für die Zukunft des Erdballs, erweisen sich heute als dessen Sargnagel. Prognosen selbsternannter Wirtschaftsexperten haben sich als Luftschlösser erwiesen, Ansätze demokratischer Entwicklungen sind zunichte gemacht und haben einer Diktatur das Feld geräumt. Die Menschen, selbst an Rios Traumstränden Copacabana, Ipanema und Leblon, haben resigniert und reagieren apathisch, wenn sie auf ihre Zukunft angesprochen werden. Weite Teile der Jugend sind arbeitslos, andere flüchten in Tanzorgien und Drogen. Erschreckend ist die große Zahl dicker Menschen: Folge der falschen Ernährung und mangelnder Bewegung. Das Fach Sport ist in den meisten Schulen des Landes abgeschafft. Begründung: langweilig, nicht›cool‹.

Doch am 15. März, Sonntagmittag, zeigen Rios Bewohner, wie überall im Lande, Flagge: Zehntausende demonstrieren auf der Avenida Atlantica gegen Korruption, Inflation, Unfähigkeit, Durchstechereien und für ein demokratisches Brasilien: Lota (Kampf), Fora Dilma (Weg mit Dilma!), Nao a corrupcao (Nein zur Korruption!) oder einfach nur drastisch Saco cheio (Schnauze voll!) steht auf den Transparenten. Friedlich und, trotz allem, voller Lebenslust ziehen landesweit über eine Million Menschen in den Landesfarben grün und gelb über die Straßen. Sie wollen einen Regimewechsel, und zwar sofort. Wenige in der Menge verlangen einen Putsch des Militärs; sie werden an den Rand gedrängt. Der Protest ist friedlich, begleitet von Samba-und Bossanovaklängen. Schließlich sind wir in Brasilien!

Ob es nützt? Die Regierung sitzt fest im Sattel, die mächtige Gewerkschaft PUT stützt sie , Millionen Brasilianer werden finanziell gefördert und leben daher deutlich besser als früher: eine anfangs sinnvolle Sozialpolitik zeigt Früchte, hat jedoch inzwischen zu Verzerrungen der Art geführt, dass häufig die Sozialhilfe höher ist als der Arbeitslohn. Das motiviert nicht zur Arbeitsplatzsuche. Obendrein ist die Opposition zerstritten. Die stärkste Partei darunter, die PSDB, will kein Amtsenthebungsverfahren Dilma Rousseffs, die anderen Parteien schon. Es wird, so vermuten Skeptiker, alles beim alten bleiben. Die Regierung schlägt einen „ Dialog aller Kräfte“ vor und setzt auf Zeitgewinn. So geschah es vor einem Jahr, nach den gewaltsamen Protesten gegen die erhebliche Verteuerung der öffentlichen Verkehrsmittel, doch nichts änderte sich. Warum sollte es 2015 anders sein? Die Staatschefin beschwört am Abend in einer landesweit ausgestrahlten Fernsehansprache Brasiliens einstige Größe, die nur wiedererlangt werden könne, wenn jetzt alle Bürgerinnen und Bürger zusammenstünden. Mehr fällt ihr zu katastrophalen sozialen und wirtschaftlichen Lage des Landes nicht ein.

Bereits am Tag danach, am 16. März, herrscht wieder Ruhe im Land. Rio de Janeiro kehrt zur Normalität zurück: Favelas oben an den Hängen, darunter die Viertel der Reichen, ganz unten die

Der Flug nach Fortaleza dauert drei Stunden. Die Hauptstadt des Bundesstaates Ceara platzt aus allen Nähten: Lula da Silva hat während seiner Amtszeit dem Nordosten, seiner Heimat, erhebliche Mittel zukommen lassen; vieles davon landete freilich in seinen eigenen Taschen. Innerhalb weniger Jahre hat sich die Einwohnerzahl nahezu verdoppelt und beträgt, offiziellen Angaben zufolge, derzeit 2.5 Millionen. Hochhäuserfluchten bestimmen das Stadtzentrum; aus früherer Zeit ist, bis auf das Theatro José de Alencar und wenige Privathäuser, nichts übrig geblieben. Der Fortschritt à la Brazil mit schicken Boutiquen und Restaurants marschiert unaufhaltsam. Seine Schattenseiten freilich sind, zwei Kilometer entfernt, mit Händen zu greifen: Favelas, Unweltverschmutzung, gigantische Müllhalden, bröckelnde Häuserfassaden und Löcher in Straßen und Gehsteigen.

Passend dazu, gleicht das Verhalten der Autofahrer der Raserei der Formel Eins. Fußgänger sind Freiwild. Leider geschieht das obendrein auf Pisten, die allenfalls Langsamverkehr dulden, um der Vielzahl großer und kleiner Schlaglöcher auszuweichen. Entsprechend hoch ist die Zahl der Verkehrsunfälle, häufig mit tödlichem Ausgang. Die offizielle Bilanz behauptet das Gegenteil, freilich dürfte sie, wie alle Statistiken im Lande, mehr Dichtung als Wahrheit sein.

Die Stadt hat enorme Probleme mit dem organisierten Drogenhandel und gilt als brasilianisches Zentrum der Päderastie. Beidem hat die engagierte Bürgermeisterin den Kampf angesagt. Bisherige Bilanz: geringer Erfolg.

Doch die wirkliche Enttäuschung steht erst noch bevor: Die vielgerühmten und unendlich langen Sandstrände an Brasiliens Atlantikküste – von uns über Jahrzehnte erkundet und bewundert – entpuppen sich als einzige Kloake. Abfall und Dreck des Meeres – Folge gesetzwidrigen Abklappens der Supertanker und Fangschiffe – werden an das Ufer gespült und vermischen sich dort mit dem Zivilisationsmüll: Plastik, Bauschutt, Metallteile, ungereinigte Kanalabsonderungen und manches mehr. Da Einheimische und Besitzer von Privathäusern am Strand nur, im wörtlichen Sinne, vor ihrer eigenen Tür kehren und also den Dreck lediglich einige Meter weiterschieben, bleibt allerorten ein unansehnlicher und, bedingt durch die Hitze, stinkender Müll, der den Marsch zum Bade im Ozean zur Qual werden lässt und obendrein die Gefahr birgt, auf im Sand verborgene Glas-oder Metallsplitter zu treten. Leider geschieht genau dies: Die Folge sind eine Entzündung und Schmerzen im Fuß. Paradiesische Strände? Vergangenheit! Gelegentlich , in Luxusclubs, gibt es sie noch. Ansonsten grassiert der Verfall.

Man könnte natürlich etwas dagegen tun, vor allem durch Umwelterziehung. Doch ein solches allgemeines Unterrichtsfach gibt es in Brasilien nicht. Bescheidene Ansätze sind von fortschrittswütigen Präsidenten wie Collar de Melho verhindert worden; der Umweltaktivist Chico Mendes wurde ermordet. Der Umgang mit dem Computer, mit Laptops und anderen Neuerungen war in den Schulen wichtiger als der Schutz der Natur. Von Bildung ist landauf landab nichts zu spüren: Kenntnisse der Geographie und Geschichte des eigenen oder anderer Länder sind Mangelware, von Literatur oder den Künsten insgesamt schweigt des Sängers Höflichkeit. Damit sinkt auch das Interesse daran. Nur ein Beispiel: An einem Freitag, zu angemessener Stunde am frühen Abend und bei freiem Eintritt, bietet eine brasilianische Musikgruppe Jazz mit Volksliedklängen im Vorhof des Alencar- Thaters. Vor dem Haus tummeln sich Tausende auf einem mäßig interessanten Markt, auf der Rückseite des Theaters gibt es eine Musik-und Schauspielschule für junge angehende Künstler, die freilich stundenlang mit ihren Telefonen hantieren und Computerspiele herunterladen. Das Konzert interessiert sie mitnichten, die Menschen auf der Straßen entscheiden ebenso. So sitzen den fünf engagierten und beeindruckenden Musikern zehn Zuhörer gegenüber, davon sechs Ausländer. Die Organisatorin, von deutscher Abstammung, gesteht ein, sie kämpfe seit Jahren gegen Desinteresse und Lethargie der Bürger an, mit bescheidenem Erfolg. Im Lande des uneingeschränkten Technik-und Erfolgswahns sei eben wenig Platz für die Künste, für Innehalten und Nachdenken noch weniger. Sao Paulo und Rio seien Ausnahmen.

Der Norden Brasiliens stellt sich von daher als ein Modell aller BRICS- Staaten dar. Generell betrachtet, ist er ein Modell für die Welt im Ganzen:

- Bildung wird auf kurzfristige Ausbildung und Einfügen in eine maschinendominierte  Produktion verkürzt. Solidität und Disziplin als Grundlage von Qualität genießen Seltenheitswert; Oberflächlichkeit und Konzenztrationsverlust als Folge massiven Medienkonsums nehmen stattdessen zu. Wachsende Unhöflichkeit und schlechte Manieren, zumal bei Tisch, sind Folgeerscheinungen der „Selfie-Generation“.
- Wichtiger noch: Gesellschaftliche Grundwerte werden auf ihren technischen und finanziellen Nutzen reduziert, nationale und internationale Konzerne beuten hemmungslos Natur und Umwelt aus. Dabei haben jetzt und in Zukunft in Brasilien Fracking und Ausbau der Atomenergie Vorrang. Hinzukommt, in allen BRICS-Staaten, mit Russland und China als Vorreiter, ein Anstieg nationalistischen Denkens samt immenser Aufrüstung, die Annexionen – Beispiel: Krim – und Kriege: Beispiel: Ukraine – zur Folge haben.
- Eine grassierende Bürokratisierung des öffentlichen Lebens auf der einen Seite sowie die Überwachung und Bespitzelung der Menschen durch den Obrigkeitsstaat – ein Leviathan des 21. Jahrhunderts – bestimmen die Gesellschaft.
- Die Korruption hat in den fünf Ländern – in China und Brasilien möglicherweise am stärksten – alle Sphären des privaten und öffentlichen Lebens erfasst und determiniert sie. Wer sich zur Wehr setzt, wird marginalisiert oder beseitigt.

Warum spielen die fünf Staaten in diesem Prozess eine besondere Rolle? Weil sie nicht mehr dem Kreis der über Jahrhunderte hinweg von fremden Eroberern und eigenen Potentaten hemmungslos ausgebeuteten Ländern angehören, sondern danach streben, binnen kurzem zu den ökonomisch und finanziell führenden westlichen Industriestaaten aufzuschließen. Dazu sind ihnen im Grunde alle Mittel recht, zumal die Zerstörung der Grundlagen menschlichen, tierischen und pflanzlichen Überlebens. Das Janusköpfige des Fortschrittsgedankens, wie es vor Jahrzehnten Theodor W. Adorno und Max Horkheimer analysiert haben, wird evident. Vor allem gilt: Die Erkenntnis, dass die Entwicklung neuer Technologien einen gesellschaftlichen Aufklärungs- und Demokratisierungsprozess voraussetzt, der unter Umständen Jahrhunderte benötigt, wird negiert und als westliche Demagogie diskriminiert. Entsprechend sind alle fünf Staaten Zentren gesellschaftlicher Unterdrückung, in denen Kritiker und Intellektuelle verfolgt und ermordet werden. Sand im Getriebe stört bekanntlich die Mächtigen.

Was von den entwickelten Zivilisationsstaaten Europas und Nordamerikas bislang übernommen oder – vor allem im Falle Chinas - plagiiert wurde, waren technische Neuerungen, die auf eine völlig unvorbereitete Gesellschaft trafen, die dadurch häufig in ihren traditionellen Grundlagen erschüttert wurde. Gesellschaftliches Mittelalter und Technologien des 21. Jahrhunderts begegneten einander und entfalteten eine erhebliche Sprengkraft. Die Folgen sind bereits genannt: Spaltung der Gesellschaft, militantes Agieren vermeintlich religiöser Gruppen, Nationalismus, Kriege.

Ein Zurückdrehen dieser Entwicklung scheint unmöglich, es sei denn, es gäbe eine globale Bewegung, die diese ökonomistische Tendenz radikal in Frage stellte: ATTAC und OCCUPY waren hoffnungsvolle Ansätze, doch sie endeten in Resignation oder Gewalt. Anderes ist derzeit nicht zu erkennen.

 

 

 

 

Sozialwissenschaften als das Zurechtrücken der öffentlichen Lügen

von Kay Schweigmann-Greve

Arno Klönne war ein kritischer Intellektueller, der aus der Jugendbewegung kam und sich viele Jahrzehnte lang bis zuletzt politisch engagierte. Seine Arbeit als Sozial- und Politikwissenschaftler war nie losgelöst von den je aktuellen gesellschaftlichen Konflikten, ein wesentlicher Teil seiner Arbeit richtete sich gegen die restaurativen Tendenzen der alten Bundesrepublik und aktuell den Rechtsradikalismus.

von Kay Schweigmann-Greve

Schultz, Helga: Europäischer Sozialismus - immer anders, Berlin: BWV Verlag 2014, 566 Seiten

Was haben Karl Kautsky, Bernard Shaw, Jean Jaures, Jozef Pilsudski, Alexander Stambolijski, Wladimir Medem, Leo Trotzki, Otto Bauer, Andreu Nin, Josip Broz Tito, Herbert Marcuse und Gunnar und Alva Myrdal gemeinsam? Sie bilden für die Autorin ein repräsentatives Ensemble wichtiger europäischer Sozialisten des ausgehenden 19. und des 20. Jahrhunderts.

von Herbert Ammon

1.

Realgeschichte, id est die komplexe historische Wirklichkeit, und Geschichtsschreibung sind von der Natur der Sache her nicht deckungsgleich. Erst recht klaffen die historische Realität und die geschichtspolitische Vermittlung – der von politischen Vorgaben und Wertigkeiten geprägte Umgang mit der Vergangenheit – oft weit auseinander. Augenscheinlich greifbar wird derlei Diskrepanz beim Passieren jener Gedenktafeln an diversen Autobahnen, etwa südwestlich von Berlin kurz hinter der Stadtgrenze, welche an die »Deutsche Teilung 1945-1990« erinnern sollen.

von Daniela Gretz

Ernst Heinrich Bottenbergs siebter Gedichtband kehlungen.ent-kehlungen fügt sich nahtlos in das bisherige literarische Œuvre des emeritierten Sozialpsychologen ein, das nicht zuletzt von dessen wissenschaftlicher Vor- bzw. Verbildung entscheidend geprägt wird. Zunächst einmal wirken Bottenbergs Grenzgänge zwischen Literatur und Wissenschaft irritierend und es bleibt letztlich schwer zu entscheiden, ob es sich nun bei den vorliegenden »Text-Chimären« (so der Untertitel) um die späten spielerischen Ausgeburten einer déformation professionnelle handelt oder doch um die emphatische Wiedergeburt der Lyrik aus dem Geist der Wissenschaft.

von Ralf Willms

Im Herbst 2005 erschien der Briefwechsel zwischen Paul Celan und Peter Szondi. Auch in diesen Briefen kommt zur Sprache, worum es in der Dichtung Celans geht: um Gedächtnis, vor dem Hintergrund eines kollektiven wie persönlichen Traumas, um Judentum sowie um das Schreiben bzw. die zwingende Suche nach Wahrheit und Genauigkeit.

von Ralf Willms

1993 erschienen im Suhrkamp-Verlag Briefe von Peter Szondi. Einige könnten auch Bestandteil der Ausstellung „Engführungen. Peter Szondi und die Literatur" sein, in der unter anderem Notizzettel, Fotografien und Manuskriptseiten gezeigt werden und die noch bis zum 27. März 2005 im Schiller-Nationalmuseum in Marbach a. N. aufgesucht werden kann. Peter Szondi wurde 1929 als Jude in Ungarn geboren und mit fünfzehn Jahren in ein Konzentrationslager deportiert; seine Studienzeit verbrachte er in Zürich, 1956 entstand als Dissertation die Theorie des modernen Dramas, die ihm eine exponierte Stellung in der Literaturwissenschaft einbrachte.

von Ralf Willms

"Atem-Schaltungen" ist der Titel eines Gedichtbandes, der im Jahr 2005 von dem Lyriker und habilitierten Sozialpsychologen Ernst Heinrich Bottenberg erschienen ist. Im Untertitel führt der knapp siebzig Seiten umfassende Band den reichlich missverständlichen, sicher auch abschreckenden Topos: "Naturlyrik: In-Zwischen". In diesem vierteiligen Titel bereits kann sich das gesamte poetische Programm spiegeln: Die neueren Hervorbringungen des Menschen, die bis in sein Innerstes, bis in sein Atmen hinein reichen und das Elementare und Unersetzbare noch der letzten (und wieder letzten) Gefilde verdrehen.

von Ralf Willms

Von E. H. Bottenberg erschienen in den letzten drei Jahren drei Gedichtbände: Tau-Verlust – Versuchsanordnungen: Naturlyrik (2004), Atem-Schaltungen – Naturlyrik: In-Zwischen (2005) und Tal: Unschärferelationen – Naturlyrik (2006). Alle drei Bände haben das gleiche Format, auf Hochglanz dominieren zwei Grautöne, die Seitenzahl variiert zwischen 57 und 69. Besondere Aufmerksamkeit schenkt der Autor dem ›Tal‹. In ihm sammeln sich die Motive und Themen, Bilder und Figuren, das, was der Lyriker E. H. Bottenberg zu sagen hat. Das erste Gedicht von Tal: Unschärferelationen beginnt: »die Saite den Morgen stimmend«.

Die Blomberg-Fritsch-Krise 1938 und ihre Deutungen

von Fritz Schmidt

 Im sogenannten Dritten Reich gerieten auch vielfach ehemalige Jugendbewegte ins Visier der Geheimen Staatspolizei, abgekürzt und als Schreckensname mit Gestapo bezeichnet. Hauptsächlich aber fuhr die Gestapo ihre Fänge gegen Kommunisten, Sozialdemokraten und der Homosexualität Verdächtigte aus, bis in die höchsten Kreise hinein, wobei Intrigenspiele nicht fehlten.

Georg Christoph Lichtenberg

von Ulrich Siebgeber

Wer sich tagaus tagein der Mühe unterzieht, den Verlautbarungen der Medien zu folgen, weiß: das Deutsche zählt zu den großen Kultursprachen dieser Welt. Dabei liegt die Betonung auf ›dieser‹, in anderen Welten mögen andere sprachliche Bedingungen herrschen, darüber wissen wir wenig.

von Lutz Götze

Günter Grass ist tot. Er war ein Glücksfall für die Deutschen, die deutsche Literatur und die Welt. Grass zeigte, dass in der Sprache, die die Unmenschen vergewaltigt hatten, wieder gedichtet werden konnte: Gedichte waren, trotz Auschwitz, wieder möglich; Romane und Stücke ebenso.

von Moshe Zuckermann

Oft ist bereits eingehend dargelegt worden, warum Judentum, Zionismus und der Staat Israel als Kategorien auseinanderzuhalten seien. Weil nicht alle Juden Zionisten, nicht alle Zionisten Israelis und nicht alle Israelis Juden sind, geht die pauschal identifizierende Gleichsetzung dieser Kategorien miteinander grundsätzlich fehl, was zwangsläufig mit sich bringt, dass auch die sich von ihnen ableitende Gleichsetzung von Antisemitismus, Antizionismus und Israel-Kritik irrig sein muss. Das besagt nicht, dass Juden keine Affinität zu Israel empfinden, selbst dann, wenn sie nicht in Israel leben.

Künstler: Raymond Verdaguer

von Raymond Verdaguer / Ulrich Siebgeber

— Pegida, was? Putin-Versteher, was? Euro-Hasser, wie?

— Nee, Klimafreund. Ich bin Lokführer.

 

[= Naturgeschichte der politischen Ideen (13)]

 

von Ulrich Siebgeber

Sie legten zusammen, um einen hervorzubringen, der durchkommen sollte, und siehe da: dieser erstand aus ihrer Mitte, nicht sehr verschieden von Günter Mustermann, nicht wirklich verschieden, und bot sich an. Und sie warfen auf ihn, was gerade zur Hand war: Zorn, Ärger, Selbsthass, Selbstmitleid, Selbstsucht, die Bezichtigung und den Zweifel, die Erinnerung an Verlorenes, die beschmutzte Kindheit, den Betrug, die Scham, die Peinlichkeit, den Verdruss, das Bekennertum, die Rechthaberei, die Besserwisserei und den Drang, wieder etwas vorzustellen in einer Welt, die eine Zeitlang offenbar beschlossen hatte, ohne das Volk der Richter und Henker weiterzukommen und allenfalls seine ökonomischen Handlangerdienste sowie die liebedienerische Bereitschaft in Anspruch zu nehmen, im kommenden totalen Krieg als Schlachtfeld zu dienen.

von Dirk Tänzler

Der Mordanschlag auf die Redaktionsmitglieder des Satiremagazins CHARLIE HEBDO und zwei Polizisten, die zum Schutz abgestellt waren bzw. den Tätern nachzustellen versuchten, hat weltweit zu einer Solidarisierung mit den Opfern geführt. Zum Motto dieser Kampagne - ­ getragen als Transparent auf Demonstrationen oder als Button an der Festgarderobe von Hollywoodsternchen ­ - wurde ein bekennerhafter Satz, der auf dem Titelblatt der Satirezeitschrift am Tag nach der Tat zu sehen war. Nach allgemeiner Meinung sei der Satz, den ein muslimisch aussehender Mann auf einem Schild vor seiner Brust hochhalte, als Identifikation der Muslime mit den Opfern des islamistischen Anschlages zu verstehen, woraufhin diesem ­ – angeblich Mohammed selbst ­ – stellvertretend für die Mehrheit der wahren Glaubensbrüder die Absolution und Vergebung aller Schuld erteil worden sei.

 von Wolf Wagner

Siegfried Heimann hat eine umfassende, vielgelobte Geschichte des Preußischen Landtags 1899-1947 geschrieben. Dabei ging es um eine Institution und was in ihr politisch geschehen ist. Das nachfolgende Buch „Der ehemalige Preußische Landtag.“ ist ganz anders. Hier geht es nicht um eine Institution, sondern um ein Haus. Die Institution war aufgelöst. Es blieb nur das Haus.

Künstler: Michael Sowa

– Noch zwanzig Runden und sie wäre übern Berg.

von Michael Sowa / Ulrich Siebgeber

 

[= Naturgeschichte der politischen Ideen (12)]

 

von Herbert Ammon

I.
Zwei unvermittelte Ereignisse nötigen zu einem Kommentar: Zum einen das Gedenken im Deutschen Bundestag zum 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz durch sowjetische Soldaten am 27. Januar 1945, zum anderen eine Mordtat in einem in Berlin-Adlershof gelegenen Wäldchen.

Der Streit um ein Lied und dessen Bedeutung

von Roland Wehl

Vorbemerkung des Globkult-Herausgebers:

Am 30. März 2014 veröffentlichte Eckard Holler in diesem Magazin einen Artikel zum Erbe der klassischen deutschen Jugendbewegung. Anlass war das im Oktober 2013 von 3500 Angehörigen zahlreicher Jugendbünde durchgeführte Zeltlager zur Erinnerung an das 100. Jubliäum der historischen Zusammenkunft der ›freideutschen‹ Jugend auf dem Hohen Meißner. Mehrere Abschnitte von Hollers Text betreffen die ambivalente Haltung der stets heterogenen bündischen Jugendbewegung zum aufkommenden Nationalsozialismus sowie die aktuelle Auseinandersetzung mit einigen sich selbst als ›nationalkonservativ‹ verortenden Bünden. Diese Diskussion findet auch an anderen Orten statt, so jüngst in der Wochenzeitung Junge Freiheit. Der folgende kritische Beitrag war für den Abdruck dort geschrieben worden. Die JF-Redaktion konnte sich aber nicht entschließen, ihn zu publizieren.

von Felicitas Söhner

Worin liegen die wesentlichen Merkmale der Neuzeit? Die geschichtsphilosophische Deutung der Neuzeit war im »kurzen 20. Jahrhundert« (Eric Hobsbawm) ein inhaltlicher Gegenstand der deutschen Geisteswissenschaften. Dieser Frage widmet sich der Autor des besprochenen Bandes, Hauke Ritz. Der Philosoph und Außenpolitik-Experte analysiert tiefgründig die philosophische Debatte um jene Epochenfrage. Darin bezieht er sich zwar auf bekannte Denker wie Hegel, Nietzsche, Weber, Löwith und Arendt, richtet seinen Fokus jedoch auf eher weniger prominente Vertreter der Nachkriegsphilosophie mit Georg Picht (1913–1982), Jacob Taubes (1923–1987) und Klaus Heinrich (*1927).

Dr. Strangelove: 45 Millionen Ukrainer können nicht irren.

von Raymond Verdaguer / Ulrich Siebgeber

 

[= Naturgeschichte der politischen Ideen (10)]

 

von Jörn Boewe

In schwierigen Zeiten wird viel gezweifelt, aber mehr noch geglaubt.
Christoph Jünke über den Neostalinismus als moderne Religion.

 Christoph Jünke: Der lange Schatten des Stalinismus, Köln/Karlsruhe
(Neuer ISP-Verlag) 2007, 207 S.


»Das ideologische Gebäude des Stalinismus ist gesprengt worden«, schrieb Isaac Deutscher 1967, »aber nachdem seine Fundamente erschüttert wurden, sein Dach hinweggefegt wurde und seine verkohlten Mauern einzustürzen drohten, steht das Gebäude noch immer; und die Menschen sollen weiterhin in ihm leben.« Mit »Der lange Schatten des Stalinismus« hat Christoph Jünke ein Buch vorgelegt, das einigen Leuten nicht gefallen dürfte, aber an dieser Stelle dennoch empfohlen werden soll. Wer in den Trümmern der stalinistischen Ideologie gefangen bleibt - das ist Jünkes Grundthese - ist nicht nur unfähig, zu den geistigen Quellen der kommunistischen Bewegung durchzudringen, sondern wird auch zum Sozialismus des 21. Jahrhunderts nichts beitragen können außer Konfusion.

von Steffen Dietzsch

Die gegenwärtig gewalttätige Hysterie, die einige muslimische Emeuten medial präsentieren und als deren Ursache – Monate später – von geistlichen Bonzen ein paar Karikaturen in einem dänischen Provinzblatt bestimmt wurden, kommt demjenigen, der sich noch des totalitären Alltags im Klassenkampf erinnert, nur allzu bekannt vor. Die Choreographie ist einfältig wie immer: Man ist auf einen Wink 'von oben' beleidigt und sucht nun Öffentlichkeit, Medien, um Tränen, Trauer und Wut der 'beleidigten Unschuld' kundzutun. Der Servilismus der gläubigen Menge entwickelt dann eine ganz eigene, fortschreitend eskalierende 'Trauerarbeit', die immer in einem Pogrom mündet.

von C. Clamm-Schottwien

Lieber Herr ***,

Wissen Sie, warum Seine Heiligkeit neuerdings solche gaffes macht? Er hat sich zu seinem letzten Geburtstag von einem wahrhaft kuriosen böhmischen Schuster ein Paar schöne Schuhe handfertigen lassen, und zwar hat dieses Paar auch noch einen dritten Schuh, dessen tieferer Zweck dem normalen Menschen selbstverständlich vorenthalten bleiben muss.

von Anne Corvey

Impressionen von der Frankfurter Buchmesse und Marion Poschmanns SchwarzWeissRoman

Das Schlendern über die Frankfurter Buchmesse zum Zwecke der Entdeckung neuer lohnender Bücher, interessanter Verlage und Autoren, das früher zum wesentlichen Bestand meines "literarischen Lebens" gehörte, erwies sich in diesem Jahr einmal mehr als Bad in der Menge, das klebrige und unangenehme Spuren hinterließ, die sich nicht durch einen Gang auf die Toilette - auch hier ist inzwischen Schlangestehen angesagt - mit anschließendem Händewaschen beseitigen ließen.

von Anne Corvey

Warum nicht heute und hier die Bilanz ziehen? Ich lade Sie ein, kritisch an den Nägeln zu kauen, Rechnungshof zu sein. Denn es gilt, offenbar zu machen: die nationale Pleite - das literarische Falschgeld - die sich als Person bestätigt fühlende Hybris - und das Sprüche klopfende Gewissen einer nicht existenten Nation.
Günter Grass, Rede über das Selbstverständliche

Die alten Dichter haben es vorgeführt, und wenn es in der Literatur nicht mehr funktioniert, dann im Leben. Das Wetter als wundervolle Spiegelung der ›Volksseele‹ - und wenn dem nicht so ist, dann wird es so gemacht.

von Christoph Jünke

I. »Man spricht von Dr. Agartz«

Die Mehrdeutigkeit der Überschrift war wahrscheinlich unbeabsichtigt, als die Süddeutsche Zeitung (SZ) im Februar 1955 ein längeres Porträt »aus einer sehr persönlichen Perspektive« veröffentlichte. »Man spricht von Dr. Agartz« titelte sie damals über den Mann, den sie als »Adenauers gefährlichste(n) Gegner« vorstellte und der doch nur der Leiter des Wirtschaftswissenschaftlichen Instituts des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) war.

von Herbert  Ammon

I.
Als Willy Brandt im Jahre 1984 unter dem Titel Die Chancen der Geschichte suchen in den Münchner Kammerspielen eine »Rede über das eigene Land« hielt und von der »Wiedervereinigung« als der »Lebenslüge« der Bundesrepublik sprach, rief das in Kreisen der CDU/CSU Entrüstung hervor. Dass seinerzeit auch für den seit 1982 regierenden Bundeskanzler Helmut Kohl die deutsche Frage »nicht auf der Tagesordnung« stand, erregte hingegen kaum Widerspruch. Allgemein war ›Patriotismus‹ – ohne das Habermas-Präfix »Verfassungs-« – in den 1980er Jahren in der Bundesrepublik – nach einem während der »Nachrüstungsdebatte« im Magazin Stern kurzzeitig bejubelten »linken Patriotismus« – zu einem von der classe discutante gemiedenen, geradezu peinlichen Begriff geworden. Allenfalls für parteipolitische Zwecke wurde der Begriff gegen die der ›Kumpanei‹ mit der SED bezichtigten Sozialdemokraten mobilisiert.

von Christian Wipperfürth

 Die »Vereinten Nationen« haben erklärt, dass zwischen April und Mitte August 2014 weit über 2000 Menschen in der Ostukraine gewaltsam ums Leben gekommen sind. Die UN bezeichnete ihre eigene Schätzung als »sehr konservativ«. Dutzende Menschen sterben weiterhin täglich bei den Kampfhandlungen. Zudem sind hunderttausende geflüchtet, überwiegend nach Russland. Darüber hinaus befinden wir uns in einer tiefen internationalen Krise. Sie könnte weitreichendere negative Auswirkungen besitzen als jede andere Krise der vergangenen Jahrzehnte. Und sie wird weiter eskalieren, wenn nicht gegengesteuert wird.

TTIP

— 20% Handelsvolumen + 10% Rechtssicherheit x 90% Investititionsschutz - 30% Verbraucherschutz : 12,33% Souveränität + 49% Zustimmung : 99% Gleichgültigkeit x 0.99% Produkthaftung - 77% Transparenz : 0,3% Demokratie gleich..."

— Was Sie nicht sagen.

von Michael Sowa / Ulrich Siebgeber

 

[= Naturgeschichte der politischen Ideen (9)]

 

von Detlef Lehnert

Mit den Spitzenkandidaturen aus den größeren Fraktionen des Europäischen Parlaments für den Kommissionsvorsitz ist vor und nach dem Wahltermin 25. Mai 2014 eine überraschende Dynamik in den EU-Debatten entstanden. Galt weiteres Absinken der Wahlbeteiligung zuvor als fast unvermeidliches Schicksal einer durch Mitgliederzuwachs und krisenbelastete Expertokratien zunehmend entrückten Staatengemeinschaft, fand diese politische Resignation dann so nicht statt.

von Herbert Ammon

I.
Ungeachtet des durch den Mauerfall eingeleiteten welthistorischen Umbruchs von 1989/1991, der die Existenz der Generationen des heutigen Deutschland in nahezu allen Facetten – EU-Integration, Globalisierung, Immigration, (post-)nationale, monokulturelle Zivilreligion im Zeichen evidenter Multikultur, europäische Mittellage, Hegemonialverdacht, Wiederkehr geopolitischer Krisen und Konflikte – bestimmt, beansprucht  die Chiffre »1968« als historische Zäsur im Bewusstsein vieler (west-)deutscher Linker noch immer mythischen Glanz.

von Christoph Jünke

Vorbemerkung: Der britische Historiker Edward Palmer Thompson wird mittlerweile selbst in Deutschland zu den Klassikern der Geschichtswissenschaft gezählt. Und doch sind hier 2013 sein zwanzigster Todestag und das fünfzigjährige Jubiläum seines epochalen Werkes The Making of the English Working Class abermals weitgehend ignoriert worden. In seinem soeben im Hamburger Laika-Verlag erschienenen Buch Streifzüge durch das rote 20. Jahrhundert hat sich unser Autor Christoph Jünke ausführlich auch mit Leben und Werk E. P. Thompsons auseinandergesetzt. Aus diesem längeren Buchkapitel veröffentlichen wir im Folgenden einen exklusiven Auszug, in dem es um Thompsons theoriepolitische Auseinandersetzung mit dem französischen Marxisten Louis Althusser geht. Die Fußnoten und Literaturhinweise wurden hier weggelassen und können im Buch selbst nachgelesen werden.

von Katharina Kellmann

Peter Glotz (1939-2005) wurde zu seinen Lebzeiten oft als Vordenker der SPD bezeichnet. Diese Bezeichnung lehnte er ab; in seinen lesenswerten Erinnerungen spricht er davon, »Funktionär« gewesen zu sein. Glotz gehörte zu den Politikern, die sich oft in den Medien über den Zustand der SPD äußerten.

von Milutin Michael Nickl

Transnistrien, in der amtlichen Eigenbezeichnung Pridnjestrovie, könnte das Überleben als De-facto-Staatsgebilde gelingen. Im grausamen Gegensatz zur ehemaligen serbischen Krajina-Republik. In beiden Fällen spielten interethnisch missachtete Autonomierechte, unterdrückte Volksgruppen-Identitäten und teils auch sprachpolitisch beschnittene Volksgruppenrechte eine sezessionsmotivierende Rolle. Kraft Garantie- und Vermittler-»Format 5+2« sind die Ukraine und die Russische Föderation gemeinsam in die Transnistrienfrage involviert. Das seit 2006 ventilierende Anschlussbegehren Transnistriens an Russland dürfte jedoch trotz der seinerzeitigen 97-prozentigen transnistrischen Zustimmung als eher unrealistisch einzustufen sein.

von Eckard Holler

Der »Erste Freideutsche Jugendtag«, der am 11. und 12. Oktober 1913 auf dem »Hohen Meißner« bei Kassel als Gegenveranstaltung zur hurrapatriotischen Einweihung des Völkerschlachtdenkmals in Leipzig von Anhängern des Wandervogels und der Reformbewegungen gefeiert wurde, jährte sich 2013 zum 100. Mal.

von Herbert Ammon

I.

Wir sind entrüstet: So unterschiedliche Persönlichkeiten wie Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt, der weitgereiste Jubilar Peter Scholl-Latour, selbst der als geistig eigenständig bislang wenig bekannte CDU-Politiker Armin Lascheth, last but not least Alice Schwarzer, äußern Verständnis für Putin und dessen Vorgehen auf der Krim.

von Katharina Kellmann

Karl Marx starb 1883 und kam in die Hölle. Nicht, dass er groß über das Leben nach dem Tode nachgedacht hätte, aber er glaubte nicht, dass er im Himmel aufgenommen worden wäre. Allerdings sah es in der Hölle anders aus als in seiner Vorstellung.

von Christoph Jünke

Es hatte etwas von einem »Medien-Tsunami« (so einer der Beobachter), als im letzten Viertel des vergangenen Jahres ausgiebigst dem hundertsten Geburtstag des einstigen Reform-Kanzlers Willy Brandt gedacht wurde.

von Ralf Stegner

Als langjähriger Landtagsabgeordneter und Fraktionsvorsitzender  begleite ich die Entwicklung der Debatte über unseren Parlamentarismus mit großer Sorge. Das öffentlich gezeichnete Bild unserer Volksvertretungen und ihrer Mitglieder wurde im Laufe der Zeit zunehmend negativ, die inhaltlichen Bewertungskriterien parlamentarischer Arbeit sind immer mehr bloßen Zahlenspielen gewichen. Für mich Grund genug, meine Gedanken zu ordnen und einen Denkanstoß zu geben in der Hoffnung, einen konstruktiven Beitrag zu dieser Debatte zu leisten.

von Lutz Götze

Die Diskussion hält unvermindert an und gewinnt obendrein an Intensität: Was eigentlich ist die ›Zeit‹? Lassen sich Wesen und Inhalt des Begriffs definieren? Was verbirgt sich hinter dem Begriff der ›Beschleunigten Gesellschaft‹? Wie schaffe ich es, dem Stress des Alltags zu entfliehen und mehr Zeit für mich, meine Familie und meine (eigentlichen) Interessen zu gewinnen? Der alte Kindersatz Am Samstag gehört Papi mir findet neuen Zuspruch. Ratlosigkeit ist allenthalben zu konstatieren. In diese Freizone stoßen vermeintliche Ratgeber, die in Büchern, Seminaren und Fernseh-Gesprächsrunden ihre Empfehlungen ausbreiten.

von Horst Heimann

Die Kapitalismuskritik von Wolfgang Streeck und Jürgen Habermas

Das kapitalismuskritische Buch von Wolfgang Streeck (2013a) und die kapitalismuskritischen Aufsätze von Streeck (2013b) und Jürgen Habermas (2013) erregten in den Medien mehr Aufmerksamkeit als es für anspruchsvolle wissenschaftliche Bücher und Zeitschriftenaufsätze üblich ist. Wo liegt die Ursache für dieses starke Interesse? Legten die Autoren völlig neue, weltumwälzende Erkenntnisse vor, die noch nie jemand zu veröffentlichen gewagt hatte? Nein, im Gegenteil: Die lebhafte Resonanz folgt sogar aus der Tatsache, dass sich beide Autoren mit ihrer dezidiert kapitalismuskritischen Interpretation unserer Gesellschaft vollkommen im wissenschaftlich-publizistischen Mainstream unserer Zeit, also des Zeitgeistes bewegen, auch in Übereinstimmung mit der großen Mehrheit der Gesamtbevölkerung.

Wie sich Bundeskanzler Willy Brandt um Israel und den Frieden im Nahen Osten bemühte

von Wolfgang Schmidt

Pünktlich zum 40. Jahrestag des ersten Israel-Besuchs eines amtierenden deutschen Kanzlers erschien am 9. Juni 2013 in der Welt am Sonntag ein Artikel von Michael Wolffsohn mit der Überschrift »Wie Willy Brandt die Friedenskarte verspielte«. Darin wird behauptet, der damalige Bundeskanzler hätte den Jom-Kippur-Krieg, der durch den Angriff Ägyptens und Syriens auf Israel am 6. Oktober 1973 ausgelöst wurde, verhindern können. Willy Brandt, heißt es da, treffe »objektiv« eine »Unterlassungsschuld«, weil er einer »Friedensinitiative« der israelischen Ministerpräsidentin Golda Meir die Hilfe versagt habe. Dabei beruft sich Wolffsohn vor allem auf im Jahr 2013 deklassifizierte Akten aus dem Staatsarchiv Israels, die seither im Internet zugänglich sind, sowie auf bereits editierte deutsche Dokumente aus den »Akten zur Auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland (AAPD)«.

von Peter Brandt

Die diversen literarischen Bezugnahmen auf die Maikäfer, zum Beispiel in dem Werk von Wilhelm Busch, wo sie als besonders widerwärtige Plage des Menschen auftauchen, dürften heutigen Kindern nicht mehr viel sagen, ebenso wenig das seit etwa 1800 überlieferte Kinderlied »Maikäfer flieg - dein Vater ist im Krieg«.

von Herbert Ammon

Die Befugnisse des Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland sind aus der Sicht eines kirchenrechtlichen Laien und geduldigen Kirchensteuerzahlers schwer zu definieren. Während ihm nach landläufigem Verständnis nur die eines Koordinators, nicht die eines primus inter pares, zusteht, scheint der derzeitige Vorsitzende Nikolaus Schneider einen Rang zu beanspruchen, der eher an päpstliche Autorität denken lässt.

Ein Gespräch mit dem Machiavelli-Biografen und Renaissance-Spezialisten Volker Reinhardt anlässlich des 500jährigen Jubiläums des Il Principe

Philippe Kellermann: Herr Reinhardt, Sie haben unlängst eine Machiavelli Biografie veröffentlicht und beschäftigen sich nun schon seit langen Jahren mit einer historischen Epoche, die gemeinhin unter dem Namen ›Renaissance‹ verhandelt wird. Worin besteht Ihrer Meinung nach die Faszination, die von dieser Epoche ausgeht?

Falken, Pfadfinder, Alevitische Jugend, Wandervögel und Haschomer Hazair treffen sich mit Blick auf die Geschichte und Zukunft der Jugendbewegung am historischen Ort

von Kay Schweigmann-Greve

Der Mainstream der bürgerlichen Jugendbewegung plant im Oktober mit mehreren tausend Teilnehmern das hundertste Jubiläum des Treffens der Freideutschen Jugend auf dem Hohen Meißner zu begehen (hierzu vergleiche den Beitrag »Aufbruch der Jugend« - Aber wohin? von Arno Klönne auf dieser Plattform). Progressive Teile der heutigen Jugendbewegung trafen sich bereits Ende August in Weimar im Zeichen dieses hundertsten Jahrestages. Als der Teil der Jugendbewegung, der nicht nur Traditionen pflegt, sondern sich auch der dazugehörigen Inhalte vergewissern will, verband man dies mit einem anderen jugendhistorischen Ereignis, das Ende August 1920 – zu Goethes Geburtstag – in Weimar stattgefunden hatte: Der erste freie Arbeiterjugendtag in Deutschland.

Über Meinungsforscher und Journalisten

von Detlef Lehnert

 Zur Wahldemoskopie der professionellen Meinungsforscher gibt es richtige und weniger zutreffende Kritik. Ganz richtig ist der Einwand gegen ein Übermaß an ›Sonntagsfragen‹ während des Alltags einer vierjährigen Legislaturperiode. Die Frage, welcher Partei man am nächsten Sonntag zum Bundestag die Stimme geben würde, wenn das Parlament tatsächlich z.B. erst in zwei oder drei Jahren turnusmäßig neu gewählt wird, macht wenig Sinn.

von Ulrich Siebgeber

Ein Zufall wars, der mich in der Baker Street mit unserem erfolgreich nach Harvard entliehenen Europakritiker Niall F. zusammenwehte. Oft sehen wir uns nicht, das liegt an seiner Profession, ich hätte nichts dagegen, ihm täglich die Meinung zu sagen, aber er ist eher der Typ, der seine Rede für Interviews spart, warum nicht. Gern hätte ich einen der dicken Wälzer geschrieben, in denen er die Schicksale der großen Weltreiche vor dem gebildeten Publikum auszubreiten pflegt, nach dem wir uns alle sehnen, aber – ich schwörs! – er schreibt sie alle selbst.

von Raymond Verdaguer / Ulrich Siebgeber

— Majestät haben das Volk gebeten, für ihre Politik die Opposition abzuwatschen, und das Volk ist dem Wunsch pflichtschuldigst nachgekommen. So weit, so gut.
— Was kommt jetzt?
— Wir. Wer sonst?

 

[= Naturgeschichte der politischen Ideen (8)]

 

Künstler: Rainer Ehrt

von Rainer Ehrt / Ulrich Siebgeber

— Ick jeh jetzt heiße Luft koofen.
— Lass ihn raus. Wir heben ab.

 

[= Naturgeschichte der politischen Ideen (7)]

 

Bundistin, Resistance-Kämpferin und Aktivistin des Pariser SKIF

von Kay Schweigmann-Greve

 Am 18. Mai 2013 starb im Alter von 97 Jahren in Palm-Beach, Florida, Zirl Steingart an den Folgen eines Autounfalls. Geboren im Zarenreich und politisch sozialisiert im »Allgemeinen Jüdischen Arbeiterbund«, der größten jüdisch-sozialistischen Partei Polens in der Zwischenkriegszeit, war sie seit ihrer Emigration nach Frankreich in der dortigen Jugendbewegung ihrer Partei und später im Widerstand gegen Nazideutschland aktiv. Sie war eine der letzten jüdischen Widerstandskämpferinnen der französischen Resistance.

Einhundert Jahre seit dem »Freideutschen Jugendtag«

von Arno Klönne

Im Oktober 1913 trafen sich einige Tausend junge Leute aus Wandervogelgruppen und reformerischen studentischen Vereinigungen auf dem Meißner im nordhessischen Mittelgebirge; »freideutsch« wollten sie sein, »aus eigener Bestimmung, vor eigener Verantwortung« ihr Leben gestalten. Das Treffen war als alternativer Auftritt gedacht zu den hurrapatriotischen Feiern gleichen Datums am Völkerschlachtdenkmal in Leipzig, das mit kaiserlichem Pomp eingeweiht wurde, zur Erinnerung an den »deutschen Sieg« 1813.

Digitale Bildungstour zwecks Begriffsklärung blutiger Unordnung

von Herbert Ammon

I.

Das Publikum von Globkult ist über des Autors Quellen politischer Bildung bereits hinlänglich im Bilde. Entsprechend dem Zug der Zeit bezieht er sein Bildungsgut vornehmlich aus den Internet-Medien, ganz oben das mit seinen e-mail-Kommunkationsbedürfnissen verquickte Yahoo!.

Friedrich Ebert und Rosa Luxemburg als historische Akteure in Alfred Döblins Erzählwerk November 1918

von Max Bloch

 

Von seinem, längst kanonisierten, Erfolgsroman Berlin Alexanderplatz abgesehen, muss Alfred Döblin als das gelten, als was er sich in seinen letzten Lebensjahren selbst empfunden hat: als ein vergessener Autor. Insbesondere Erfolg- und Wirkungslosigkeit seiner vierbändigen Tetralogie November 1918 bedrückte ihn stark. In diesem »Erzählwerk« – so der von Döblin gewählte Terminus – ging es ihm, wie sein Biograph Wilfried F. Schoeller schreibt, um nichts weniger, als »erzählend an den Ursprung der gesellschaftlichen Katastrophe [in Deutschland, M.B.] vorzudringen.«

von Katharina Kellmann

Der 20. Juli 1944 schien in den Büros der Wehrkreiskommandos wie üblich zu verlaufen. Am späten Nachmittag trafen auf einmal Meldungen ein, die überraschten. Aus dem Allgemeinen Heeresamt in Berlin kam die Mitteilung, dass Hitler tot sei und Generalfeldmarschall von Witzleben, der seit 1942 kein Kommando mehr innehatte, den Oberbefehl über die Wehrmacht übernommen hätte: »Walküre« wurde in Kraft gesetzt.

von Ulrich Siebgeber

Für die Nüchternen kam die Botschaft von der totalen Überwachung der digitalen Datenflüsse durch staatliche Informationsbeschaffer der westlichen Hemisphäre nicht überraschend. Diese Nüchternheit, die sich mit ein wenig Herablassung gegenüber den in ihren Überzeugungen weniger solventen Zeitgenossen paart, ist vielleicht bereits ein Teil des Problems und nicht einmal das geringste, da sie ebenso wenig auf Wissen beruht wie das schlichte Vertrauen auf die rechtliche Sinnesart der staatlichen Organe, also vorgreifend nur die Empörung abschöpft, die sich an solchen – notwendig vage bleibenden – Einsichten der Öffentlichkeit bildet.

von Lutz Götze

Was die Zeit sei, wisse er wohl, so Kirchenvater Augustinus vor mehr als eineinhalb Jahrtausenden, doch wenn ihn jemand danach frage, könne er dem keine Antwort geben. Im Grunde hat sich daran bis heute nicht allzu viel geändert. Zwar haben sich so gut wie alle Dichter, Künstler, Philosophen, Astronomen oder Mathematiker von einigermaßen Rang zu dem Thema geäußert, doch es zu definieren im Wortsinne, also letztendlich zu erklären und einzugrenzen, ist noch niemandem gelungen.

von Herbert Ammon

Seit vor einigen Wochen aus Israel zu vernehmen war, Assads Truppen hätten im Kampf gegen die Aufständischen chemische Waffen eingesetzt, bahnte sich eine neue Entwicklung in der Haltung des ›Westens‹ gegenüber dem bösen Tyrannen in Damaskus an. Schon François Hollande, der bereits früher den Aufständischen Waffen liefern wollte, hatte seine Unterstützung der Rebellen mit Assads Giftgas begründet.

von Herbert Ammon

Vom Schmerz der Erinnerung

Mit Edelbert Richter teile ich das Geburtsjahr 1943 sowie eine darin begründete Lebensgeschichte in einem »schwierigen Vaterland« – ein heute, anno 2013, seltsam obsolet, ja peinlich anmutender Begriff des Bundespräsidenten Gustav Heinemann (1899-1976).

von Katharina Kellmann

In den späten Nachmittagsstunden des 31. Mai 1916 trafen im Skagerrak, einem Seegebiet zwischen der Nordküste Dänemarks, der Südküste Norwegens und der Südwestküste Schwedens, die englische ›Grand Fleet‹ und die deutsche Hochseeflotte aufeinander. In Deutschland spricht man von der Schlacht im Skagerrak; in England von der »Battle of Jutland«.

von Peter Brandt

Identität, verstanden als das subjektive Gefühl sozialer Zugehörigkeit, innerer Stimmigkeit und biographischer Kontinuität, ist eine Grundkategorie der Humanwissenschaften, namentlich der Psychologie. Nicht unumstritten ist der Begriff der ›kollektiven Identität‹ von Sozialgruppen, insbesondere solchen ethnischen bzw. nationalen Charakters, doch halten ihn die meisten Autoren für unverzichtbar und sehen durch ihn ein elementares Konstruktionsprinzip auch moderner Gesellschaften beschrieben.

von Michael Brie

Private Elektroautos oder unentgeltlicher Öffentlicher Personennahverkehr

Krisen sind Chancen für Weichenstellungen, die weit in die Zukunft reichen. Eine der zentralen Fragen ist die der städtischen Mobilität in einer Welt, in der die große Mehrheit der Weltbevölkerung bald in Millionenstädten und in metropolitanen Ballungsräumen leben wird. Zwei grundsätzliche Alternativen sind möglich: Zum einen kann das US-amerikanische System von Mobilität, in dessen Zentrum das private, Benzin getriebene Auto steht, durch eine Umstellung auf den Elektroantrieb ökologisch modernisiert und global ausgeweitet werden. Zum anderen kann das System des öffentlichen Personennahverkehrs ökologisiert und flexibilisiert werden.

von Herbert Ammon

Wunschbilder trügen, nicht allein, aber immer wieder in Nahost. Während die westliche Begeisterung über die ›Arabellion‹ längst allgemeiner Ernüchterung gewichen ist, okkupiert derzeit der Bürgerkrieg in Syrien alles Interesse der Außenwelt. Politische Rezepte zur Befriedung des Landes sind wohlfeil. Während sich die USA unter Obama derzeit – anders als noch vor einem Jahr mit Hillary Clinton als Außenministerin – rhetorisch zurückhalten, will der französische Präsident François Hollande, womöglich in Erinnerung an die Rolle Frankreichs als einstige Mandatsmacht, den zu potentiellen Demokraten deklarierten Rebellen mal Waffen liefern, dann aber auch wieder lieber nicht. Ohne Widerruf – wie vorerst Sozialist Hollande – rufen auch der britische Konservative David Cameron und dessen Außenminister William Hague zur Waffenhilfe für die Feinde Assads. Allgemeiner Tenor in den Medien: Waffen für die gute islamische Mehrheit, sonst setzen sich die Bösen, die von überall herbeigeströmten Islamisten, durch.

von Katharina Kellmann

Die Unterschiede zwischen rechts und links scheinen heute gering zu sein. Wechselt in einem europäischen Land die Regierung, so ändern sich die Namen, aber nicht unbedingt der Kurs der Politik. Als in Frankreich im Mai 1981 der Sozialist François Mitterrand als Kandidat der Sozialisten, Kommunisten und bürgerlichen Radikalen im zweiten Wahlgang zum Staatspräsidenten gewählt wurde, sah mancher Konservative in Europa und den USA die Sicherheit Westeuropas in Gefahr. Kommunisten in der Regierung eines wichtigen westeuropäischen Landes, das schien angesichts der wachsenden Spannungen zwischen Nato und Warschauer Pakt undenkbar.

von Ulrich Schödlbauer

Wieviel Vergnügen bietet eine Skulptur? An einem Ausstellungsort mag die Frage befremdlich klingen, mit einem leisen Beigeschmack des Ungehörigen, andererseits lautet sie doch grundsätzlich genug, um einmal gestellt zu werden. Gelegenheit macht Diebe und ich gestehe, es bereitet mir ein diebisches Vergnügen, sie nicht ungenützt verstreichen zu lassen, nachdem die Frage nun einmal unverpackt, wenn Sie so wollen, im Raum steht. Warum unverpackt, wird sich der eine oder andere fragen, und warum gerade hier, in diesem Raum? Ist das ein Spiel mit Worten? Und wenn... ist es nicht nur ein Spiel mit Worten? Vielleicht. Aber aus solchen Spielen entsteht die Welt, wir sollten sie daher nicht achtlos beiseite tun.

von Herbert Ammon

Ich bitte den geneigten Leser von Globkult (sc. die geneigten Leser_innen, neuerdings gendergerecht auf PC-Tastatur subsumierbar vermittels Unterstrich statt Erektions-I und/oder Schrägstrich) um Nachsicht: Der vom Herausgeber erteilte Redaktionsauftrag, im Hinblick auf den derzeit eher betrüblichen Zustand der EU einen historischen Nachruf auf das von heiterem Eros beflügelte Verhältnis des im Vorjahr abgewählten Präsidenten Nicolas Sarkozy zu unserer Kanzlerin Angela Merkel zu verfassen, bleibt vorerst unerledigt.

von Peter Brandt

Bernd Faulenbach, Das sozialdemokratische Jahrzehnt. Von der Reformeuphorie zur neuen Unübersichtlichkeit. Die SPD 1969-1982, (Die deutsche Sozialdemokratie nach 1945, Bd. 3.) Bonn (J. H. W. Dietz Verlag) 2011, 824 Seiten.

 Bernd Faulenbachs opus magnum (mit über 800 Seiten groß auch in der Quantität) ist Teil der im Bonner Dietz-Verlag im Anschluss an die ebenfalls höchst beachtliche vielbändige und noch nicht abgeschlossene Geschichte der Arbeiter und der Arbeiterbewegung in Deutschland seit dem 18. Jahrhundert erscheinenden Reihe Die deutsche Sozialdemokratie nach 1945; zuletzt (vor Faulenbach) kam 2004 dort Klaus Schönhovens Buch über die Jahre der ersten Großen Koalition, also den Zeitraum unmittelbar vor der sozial-liberalen Regierung heraus.

von Katharina Kellmann

1839 malte William Turner das berühmte Bild eines britischen Linienschiffes, das von einem Dampfer zum Abwracken geschleppt wird. Es ist die HMS Temeraire, die 1805 an der Seeschlacht von Trafalgar teilnahm. Der hölzerne Riese wurde von einem kleineren Dampfschiff gezogen. Die Zeit der Segelschiffe neigte sich dem Ende zu, dem Maschinenantrieb gehörte die Zukunft. England, das Mutterland der Industrialisierung, befand sich auf dem Höhepunkt seiner Macht.

von Herbert Ammon

Erleichterung ist spürbar in der Welt der Politik und der Finanzen. Die Zaubermittel der Troika, die Bereitstellung von exorbitanten, elektronisch erzeugten Geldsummen als ›Rettungsschirme‹ für gefährdete Banken und vom Bankrott bedrohte Staaten, zuletzt die umfassende Kaufgarantie des EZB-Chefs Mario Draghi für Staatsanleihen der Krisenländer, zeigen Wirkung.

von Till Philip Koltermann

Wolfgang Kaufmann: Das Dritte Reich und Tibet. Die Heimat des ›östlichen Hakenkreuzes‹ im Blickfeld der Nationalsozialisten. Zugleich Dissertation FernUniversität Hagen 2008, Ludwigsfelde (Ludwigsfelder Verlagshaus) 2012, dritte überarbeitete Auflage, 966 Seiten.

Die spezifische Faszination für den Himalaya, das höchste Bergmassiv der Welt, ist ein Kontinuum der deutschen Geschichte. Tibet ist wohl bis heute, aller politisch-historischen Entwicklung um den chinesisch-tibetischen Konflikt zum Trotz, weiterhin das Synonym für den Fluchtpunkt aller Zivilisationskritiker und Lebenssinnsuchenden.

von Peter Brandt

Die Geschichtswissenschaft der DDR gehört – eigentlich selbstverständlich – zur Gesamtgeschichte des Fachs in Deutschland. Die für das Verhältnis der beiden deutschen Staaten bis 1989 charakteristische Beziehung wechselseitiger, wenn auch asymmetrischer Ausrichtung – ob konfrontativ oder kooperativ oder sei es in der für die 1970er und 80er Jahre vorherrschenden Kombination beider Aspekte – galt auch für die Historikergemeinden, ihre Organisations- und Äußerungsformen beiderseits der innerdeutschen Grenze.

von Ingo Schmidt

Unerwartet und ohne Bedingungen hat das Nobelpreiskomitee in Oslo der EU politischen Kredit gegeben. Die Vergabe des Friedensnobelpreises unterscheidet sich deutlich von dem Gebaren, das EU-Troika und Gläubiger den Schuldnerländern der EU gegenüber an den Tag legen. Da werden Kredite verweigert, bis das gesamte Finanzsystem der EU, und damit auch die ausstehenden Forderungen der Gläubiger, am Rande des Abgrunds stehen.

Rainer Ehrt: Echec au roivon Rainer Ehrt / Friedrich II. von Preußen

- Der größte Teil menschlicher Meinungen gründet sich auf Vorurteile, Fabeln, Irrtümer und Täuschungen.

von Mario Keßler

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Niederwerfung Nazideutschlands durch die Antihitlerkoalition war der Antifaschismus der zentrale Bezugspunkt aller Strömungen der Arbeiterbewegung – und weit darüber hinaus auch aller bürgerlichen Demokraten. Der Begriff des Antifaschismus wurde, ausdrücklich selbst in der KPD, mit demokratischem Inhalt gefüllt. Die unmittelbare Nachkriegsphase währte jedoch nicht lange: Der Umgang mit dem Erbe des Antifaschismus begann entlang der Frontlinien des aufkommenden Kalten Krieges zu zerfallen.

- nationaljüdisch, sozialrevolutionär, kritisch gegenüber Zionismus und Marxismus

von Arno Klönne

Eine wissenschaftliche Studie über Chaim Zhitlowsky hat Kay Schweigmann-Greve jetzt veröffentlicht, als ideengeschichtlich-politische Biographie. Über wen? - So werden hierzulande auch belesene Interessenten an der Geschichte der Linken etwas verwundert fragen - die historische Gestalt, deren Werk und Wirken das Buch nachzeichnet, ist in der einschlägigen deutschen Literatur nicht zu entdecken, obwohl sie mit der Sozialdemokratie im Wilhelminischen Reich in vielen Verbindungen stand.

- nationaljüdisch, sozialrevolutionär, kritisch gegenüber Zionismus und Marxismus

von Arno Klönne

Eine wissenschaftliche Studie über Chaim Zhitlowsky hat Kay Schweigmann-Greve jetzt veröffentlicht, als ideengeschichtlich-politische Biographie. Über wen? - So werden hierzulande auch belesene Interessenten an der Geschichte der Linken etwas verwundert fragen - die historische Gestalt, deren Werk und Wirken das Buch nachzeichnet, ist in der einschlägigen deutschen Literatur nicht zu entdecken, obwohl sie mit der Sozialdemokratie im Wilhelminischen Reich in vielen Verbindungen stand.

von Katharina Kellmann

Am 1. November 2012 strahlte die ARD den Fernsehfilm »Rommel« aus. Im Mittelpunkt stehen die letzten Monate im Leben des Feldmarschalls. Erwin Rommel gehört auch heute noch zu den bekanntesten Persönlichkeiten der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Er scheint für viele immer noch den ›guten Deutschen‹ zu verkörpern, der sich bemühte, in einer Diktatur ›anständig‹ zu bleiben – auch in einer Führungsposition.

von Ulrich Siebgeber

Publikationen über den Alltag akademischer Lehre sind rar. Wer einmal studiert hat, glaubt ihn zu kennen, und die Lehrenden verfolgen, wenn sie sich zu Wort melden, in der Regel andere Zwecke. Das kann, angesichts der curricularen und modularen Vernetzung moderner Studiengänge, erstaunlich wirken, wenn man sieht, wie es im vorliegenden Fall gelingt, alles Lehrbuchartige zu vermeiden und die Leser teilhaben zu lassen an dem Rhythmus von Lehrvortrag, Aufgabenstellung und – studentischem – Ergebnis, der diesen Alltag nun einmal prägt.

von Lutz Götze

Reflexionen über die Zeit beherrschen das philosophische Denken wie auch das Regeln von Alltagsproblemen seit altersher (eine historische Darstellung dessen findet sich in Götze 2004, 2011). Freilich ist die Frage des Augustinus, was eigentlich Zeit sei, bis heute nicht beantwortet. Der Kirchenvater hatte geschrieben, er wisse zwar des Rätsels Lösung, könne sie aber nicht in Worte fassen und einem Anderen deshalb nicht erklären. Mit heutigen Worten hatte er damit auf den Unterschiede von deklarativem und prozeduralem Wissen hingewiesen.

Michael Sowa: Darf der Staat foltern?

von Michael Sowa / Ulrich Siebgeber

— Der Schäuble braucht keine CD, der hat ja uns.

 

[= Naturgeschichte der politischen Ideen (6)]

 

von Peter Brandt

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde!

Erlauben Sie, dass ich mich bezüglich der protokollarisch vollendeten Anrede meinem Kollegen Contiades anschließe und nur unseren verehrten Preisträger, den Präsidenten des Europäischen Gerichtshofs, Herrn Professor Vassilios Skouris, direkt anspreche. Auch sonst will ich nicht mehr als unbedingt nötig wiederholen, denn mein Vorredner hat das an dieser Stelle für beide Institute Wesentliche gesagt.

von Dmitrij Belkin

 Dieser Essay ist ein Appell an die jüdische Gemeinschaft Deutschlands und ihre politischen Repräsentanten, mehr Verantwortung für das Land und für die nichtjüdischen Deutschen (sowie für die hier lebenden Nichtdeutschen) zu übernehmen. Dies ist des Weiteren ein Appell, eine gewisse Selbstfixiertheit aufzugeben, welche aus meiner Sicht die heutige Judenheit in Deutschland, sofern man von einer solchen generell sprechen darf, kennzeichnet.

von Katharina Kellmann

Anton Erkelenz (1878 bis 1945) war ein liberaler Gewerkschafter und Parteipolitiker. Nachdem er lange Jahre im organisierten Liberalismus aktiv gewesen war, trat er 1930 zur SPD über. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten zog er sich aus der Öffentlichkeit zurück. Als sozialer Demokrat war er davon überzeugt, dass eine Demokratie nur dann bestehen kann, wenn Freiheit und Gleichheit in einem ausgewogenen Verhältnis stehen.

von Christoph Jünke

Victor Serge: Die große Ernüchterung. Der Fall Tulajew, Frankfurt/M. (Edition Büchergilde) 2012, 448 Seiten.

Die US-amerikanische Schriftstellerin Susan Sontag nannte ihn »einen der faszinierendsten moralischen und literarischen Helden des 20. Jahrhunderts«, ihr Landsmann und Kollege Adam Hochschild »einen der unbesungenen Heroen eines korrupten Jahrhunderts: eine Gestalt von großer politischer Courage und Menschlichkeit«.

– ein unabhängiger Linkssozialismus im geteilten Deutschland

von Peter Brandt

 

Der Ost-West-Konflikt während der viereinhalb Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, insbesondere in der Phase des offenen Kalten Krieges zwischen den späten 40er und den frühen 60er Jahren, hatte die Tendenz, sich alle politischen und sozialen Konflikte unter- bzw. zuzuordnen, auch wenn sie eigentlich gar nicht in das Schema der Blockkonfrontation passten.

von Frank Piegeler

 Ein einzelnes Gedicht kann eine Geste sein, vom Appell bis zur Sezierung der Wirklichkeit – eine Zusammenführung, ein Zyklus von Gedichten zeigt solche Gesten gleichsam am lebendigen Leib, klärt im Gang der Lektüre über das lyrisch-medizinische Werkzeug ebenso auf wie über die Hand, in der es liegt und geführt wird. Die lyrische Geste schält sich heraus, nimmt Gestalt an im Wechselspiel der Töne und des Vokabulars, in ihren Konfrontationen, die – das ist die Chuzpe, die im Schreiben liegt – in ihrer üblichen sprachlichen Ausstattung angekratzt, zweifelhaft erscheinen oder sogar verschwinden können.

von Christoph Jünke

Die Geschichte der (west-)deutschen Linken ist, wie Frank Deppe vor einigen Jahren nochmals betont hat, kein geradliniger Prozess von Aufstieg und Niedergang. Sie verläuft vielmehr »ganz offensichtlich diskontinuierlich« (Frank Deppe, Die Linke in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Hamburg 2000) und weist, im Großen wie im Kleinen, einen gleichsam zyklischen Wellen-Charakter auf.

von Christoph Jünke

Noch vor einem Jahr veröffentlichte er sein jüngstes Werk, die beeindruckenden Geschichten von Marx und dem Marxismus im englischen Original (die deutsche Übersetzung ist erst vor wenigen Wochen bei Hanser erschienen), und fast bis zum Schluss vertrieb sich der britische Universalhistoriker Eric Hobsbawm seine Zeit mit kleinen, aber feinen Beiträgen für die London Review of Books. Nun (am 1. Oktober) ist er, im stolzen Alter von 95 Jahren, aus dem Leben und Arbeiten herausgerissen worden und von uns gegangen. Und es fällt schwer, nicht auch bei Hobsbawm an die Zeilen des russischen Dichters Jewgeni Jewtuschenko zu denken:

Raymond Verdaguer

 

– Unsere Maßstäbe sind unverändert hoch.
– Deshalb sitzen wir auch fest.
– Genau. Wir lassen uns nicht zum Affen machen.
– Oder zum Gespött.
– Das sehe ich auch so.
— Gemeinsam haben wir alles im Blick.

von Raymond Verdaguer / Ulrich Siebgeber

 

[= Naturgeschichte der politischen Ideen (5)]

 

Über verdrängte Zusammenhänge, ungestellte Fragen und unausgewertete Archivbestände

von Gregor Kritidis

In der alten Bundesrepublik wurde die zeitgeschichtliche Forschung von dem historisch-moralischen Imperativ mitbestimmt, dass nie wieder Krieg von deutschem Boden ausgehen sollte, dass es nie wieder ungebremsten Terror gegen die innere Opposition und Andersdenkende geben und sich der industriell organisierte Massenmord nie wiederholen solle.

von Lutz Götze

Nun hat es auch die Hochschulrektorenkonferenz begriffen: Die 1998 vollmundig ins Werk gesetzte »größte Studienreform seit Jahrzehnten« ist in wesentlichen Punkten gescheitert: Die erhoffte größere Flexibilität der Studenten hat nicht stattgefunden, die Vergleichbarkeit der Studienleistungen im europäischen Raum ist nicht erreicht, der frühe Abschluss durch ein Bachelor-Examen ist ein Rohrkrepierer.

von Katharina Kellmann

Am 20. November 1975 starb in Madrid General Franco. Bis zuletzt hatte er mit diktatorischer Gewalt über Spanien geherrscht. Als neues Staatsoberhaupt und König wurde zwei Tage später Juan Carlos vereidigt.

von Ulrich Siebgeber

von Lutz Götze

Die Mühen der Gebirge liegen hinter uns
Vor uns liegen die Mühen der Ebenen.......

Den Einen, im Westen, galt er als Staatsschriftsteller, als Propagandist des kommunistischen Ostens. Schlimmer noch, ein weiland deutscher Außenminister mit Namen Heinrich von Brentano verglich Brecht mit dem Nazibarden Horst Wessel. Im anderen, dem östlichen Teil des getrennten Vaterlandes begegneten ihm Kulturfunktionäre und Teile des Machtapparates mit Misstrauen und legten ihm Steine in den Weg, wo immer sie konnten.

von Sarah Mandelbaum

Welcher Recht hat, weiß ich nicht -
Doch es will mich schier bedünken,
Daß der Rabbi und der Mönch,
Daß sie alle beide stinken.

(Heinrich Heine)

Mich interessiert nicht, was unbeschnittene Deutsche und beschnittene Funktionäre über die männliche Vorhaut räsonieren. Bislang habe ich umgeblättert, abgeschaltet und Gespräche abgewehrt. Ich bin nicht religiös und ich bin – unter anderem – Jüdin, man kann sagen: Jüdin qua deutscher Geschichte. Und ja, ich habe meinen Sohn beschneiden lassen.

von Dmitrij Belkin

»Jungfrau Maria, jage Putin fort!«

 

Maria Aliochina, Jekaterina Samutsevich und Nadezhda Tolokonnikova, drei junge Frauen aus der Punk-Band Pussy Riot betreten am 21. Februar 2012 die Christ-Erlöser Kathedrale im Zentrum von Moskau und performen dort ihren Song »Mutter Gottes, jage Putin fort!« Die Frauen, zwei von ihnen Mütter von Kleinkindern, bekreuzigten sich 23 Sekunden lang. Sie haben insgesamt 41 Sekunden auf dem Ambo der Kathedrale verbracht und wurden dabei gefilmt, bis sie von Miliz und Sicherheitskräften überwältigt wurden.

von Ulrich Siebgeber

Die Krise der EU steckt in der Krise: ein Schelm, wer sie da herausholt.

*

Ein Glaube stirbt nicht, er diffundiert. Wo er sich sammelt, geschehen seltsame Dinge.

*

Die Freude oder, sagen wir, Erleichterung darüber, nach langer Wüstenwanderung einen Präsidenten zu haben, der der Sprache mächtig ist, so dass es sich auch einmal lohnt, den semantischen Feinheiten einer Rede nachzuspüren.

von Herbert Ammon

I.

Kein Begriff als der Marxsche ›Überbau‹ scheint besser geeignet, um zu kennzeichnen, was man in der Bundesrepublik als ›Erinnerungskultur‹ bezeichnet. Von einigen unscharfen Impressionen der DDR, der ›zweiten Diktatur in Deutschland‹, abgesehen, handelt es sich – ungeachtet der faktisch fortschreitenden Entfernung von der NS-Ära – um die Vergegenwärtigung der Nazi-Verbrechen sowie der jubelnden Massen im ›Dritten Reich‹.

von Katharina Kellmann

 Der Erste Weltkrieg hätte beinahe im Jahr 1911 begonnen. Am 1. Juli 1911 tauchte ein deutsches Kanonenboot, die SMS Panther, vor dem marokkanischen Hafen Agadir auf. Die Entsendung des Kriegsschiffes löste eine internationale Krise aus, deren Verlauf deutlich machte, wie isoliert das Kaiserreich in Europa war. Was als diplomatischer Befreiungsschlag geplant war, endete in außenpolitischem Katzenjammer.

Raymond Verdaguer

– Wenn ich meine Lesart hier vorne reinstecke, kommt dann da unten Geld raus?
– Ich glaube nicht. Besser käme es, wenn das Vorgestreckte durch das Reingesteckte neutralisiert würde und mit dem richtigen Dreh wieder dort herauskäme, wo man es hineingesteckt hat.
– Das wäre schön.

von Raymond Verdaguer / Ulrich Siebgeber

 

[= Naturgeschichte der politischen Ideen (4)]

 

Klaus Hänsch, Präsident des Europ. Parlaments a.D.

von Klaus Hänsch

 Die aktuelle Schuldenkrise bindet die Aufmerksamkeit von Politik und Medien. Dahinter bleibt die latente Krise der Außen- und Sicherheitspolitik der Union fast unbemerkt.

Astrid Bötticher / Miroslav Mareš: Extremismus: Theorien - Konzepte - Formen, (Oldenbourg Wissenschaftsverlag) 2012, 460 S. von Felicitas Söhner

 

Der Begriff ›Extremismus‹ erscheint auf den ersten Blick recht unproblematisch . Beinahe täglich verwenden Medien und Öffentlichkeit dieses Wort. Doch so eindeutig und problemfrei, wie der Begriff zu sein scheint, ist er ganz und gar nicht. Dieses gängige Bild weist erhebliche Schwächen auf und ist gleichzeitig politisch folgenschwer.

- Über Sinn und Unsinn des Streits um eine historische Tatsache

von Horst Helas

Immer wieder erlebe ich, dass sich Wissenschaftler, Publizisten und Politiker, die sich als ›Linke‹ verstehen, im Streit um Geschichtliches genauso verhalten wie es ihre Gegner erwarten. Sie begeben sich - oft freiwillig und aus Gewohnheit - in den Schützengraben des Kalten Krieges und  gehen zur Rundum-Verteidigung über. Das geschichtliche Thema, ob es in der DDR Antisemitismus gegeben hat, woran das gelegen haben könnte und wie man dies heute von ›Links‹ kritisch und selbstkritisch bewerten sollte, ist dabei nur ein Thema von so vielen. Allerdings ein besonders sensibles.

Ein Gespräch mit Peter Ullrich, geführt von Peter Nowak

Noch vor 25 Jahren regten Israel-Boykott-Parolen an den Wänden der Hamburger Hafenstraße nur einen kleinen Teil der linken Öffentlichkeit auf. Heute vertritt nur noch ein kleiner Teil der antiimperialistischen Linken solche Parolen. Was war der Grund  für diese Verschiebungen im Diskurs um Israel?

Geusenpfennig 1566 Bildmaterial Wikimedia Commons

von Ulrich Siebgeber

Anything goes.
Paul Feyerabend

 

Der Thomas Mayer zugeschriebene Einfall, den Griechen eine Parallelwährung (womöglich in Anlehnung an den doppelgesichtigen Geusenpfennig der aufständischen Niederlande von 1566 ›Geuro‹ genannt) zu gewähren, ›um ihnen den Verbleib in der Euro-Zone zu ermöglichen‹ – und sie verblieben dort bis ans Ende ihrer Tage –, klingt in seiner klugen Schlichtheit wie die Ansage an Bord eines untergehenden Schiffes, man werde die Fahrt nun unter Wasser fortsetzen, um die Sinkgefahr zu vermindern.

von Christoph Jünke

I.

»Fondue ist kein Gericht, es ist eine Religion. Man isst es nicht, es wird zelebriert. Die Delikatesse einer bäurisch-germanischen Käse-Kultur, raffiniert durch den Geist romanischen Weins, das ist Fondue.« Mit diesen Worten beginnt mein Lieblingsaufsatz von Jakob Moneta, ein Essay, der Schweizer Erfahrungen mit dem Unbehagen in der Sattheit behandelt, und vor ziemlich genau sechzig Jahren, im Jahre 1952, in einer kleinen linksrepublikanischen und sozialistischen Zeitschrift namens Aufklärung erschienen ist.

von Christoph Jünke

I.

»Fondue ist kein Gericht, es ist eine Religion. Man isst es nicht, es wird zelebriert. Die Delikatesse einer bäurisch-germanischen Käse-Kultur, raffiniert durch den Geist romanischen Weins, das ist Fondue.« Mit diesen Worten beginnt mein Lieblingsaufsatz von Jakob Moneta, ein Essay, der Schweizer Erfahrungen mit dem Unbehagen in der Sattheit behandelt, und vor ziemlich genau sechzig Jahren, im Jahre 1952, in einer kleinen linksrepublikanischen und sozialistischen Zeitschrift namens Aufklärung erschienen ist.

von Ulrich Schödlbauer

Keine Kunst ohne Wirkung. Was immer die Kunst ohne Wirkung wäre – vielleicht etwas sehr Respektables oder sogar Kostbares –, sie wäre jedenfalls nicht mehr Kunst, das heißt, sichtbar gemachtes Können, das auf den Betrachter ansteckend wirkt: so ein Könner möchte ich auch sein, ein Könnender, ein Könnenwollender, ein Vermögender, jedenfalls keiner, der angesichts einer solchen Leistung nicht in Betracht kommt. Angesichts des Wortes ›Leistung‹ zuckt schon der eine oder andere zusammen. Muss denn ein solcher Aufwand sein, um in Betracht zu kommen? Welche Weltsicht vermittelt die Kunst, wenn der Einzelne nur gilt, wenn er Aufwand treibt?

Urheberrechtsdiskussionvon Hazel Rosenstrauch

Es tobt ein Kampf, er geht selbstverständlich ums Geld, aber davor steht die Macht der Definition. Wer ist Urheber, wem stehen die Verwertungsrechte zu, wovon sollen diejenigen leben, die sich das begehrte und deshalb heruntergeladene Gut ausdenken?

von Christoph Jünke

Wer über Leben und Werk des Sozialpsychologen und Gesellschaftstheoretikers Peter Brückner (1922-1982) nachdenken möchte, kann dies nicht tun, ohne dabei über die Neue Linke nachzudenken, d.h. über den Versuch, beim Ausbruch aus dem herrschenden Falschen eine politisch mehrheitsfähige, linke Alternative sowohl zum sozialdemokratischen Reformismus wie zum stalinistischen Kommunismus aufzubauen.

von Egon Bahr

Die Geographie bleibt die unveränderbare Konstante auf unserer Welt. Die Gewichte verändern sich, mit denen die Staaten Macht und Einfluss erhalten und erweitern wollen. Am Anfang des 21. Jahrhunderts sind wir Zeugen fundamentaler Gewichtsverschiebungen. Sie erfordern ein neues geostrategisches Denken. Die Lage Europas zwischen Amerika und Russland ändert sich zwar nicht, aber die Interessen der betroffenen Länder, das Eigene eingeschlossen, müssen unvoreingenommen und sorgfältig analysiert und dem Wandel angepasst werden.

von Lutz Götze

Griechenland im Frühjahr 2012

Griechenland bietet in diesen Wochen ein Bild der Tristesse. Wohl hat der Frühling den langen und außergewöhnlich kalten Winter vertrieben, prangen Apfelbäume und Ginster in voller Blüte, strahlt die Sonne vom azurenen Himmel: Doch die Gesichter der Menschen sprechen eine andere Sprache. Die Sparauflagen der Regierung, unter dem Druck der ›Troika‹ handelnd, haben die große Masse der Hellenen in bittere Armut gestürzt. Jene unter ihnen, die nach den Massenentlassungen im Öffentlichen Dienst noch über einen Arbeitsplatz verfügen, können – falls die Gehaltszahlungen überhaupt erfolgen – ihren Lebensunterhalt davon nicht bestreiten, geschweige denn an Urlaub oder größere Anschaffungen denken.

von Herbert Ammon

I.
Das Gewissen des citoyen hatte in der Karwoche (abgel. von ahdt. karâ = Kummer, Sorge, Trauer, nicht verwandt mit lat. cura) 2012 Grund zur Sorge: Wie hält er´s mit der zu Lyrik formatierten Kurzprosa eines spätbekennenden Endsiegers, des aus Danzig exmittierten, in Gdánsk geehrten Nobelpreisträgers (und Globkult-Autors!) G.G.?

Der Willy-Brandt-Kreis erklärt sich solidarisch mit Günter Grass und tritt der Tendenz entgegen, die persönliche Integrität derjenigen in Frage zu stellen, die es wagen, ihre warnende Stimme zu erheben. Wir verwahren uns mit Entschiedenheit gegen den von vielen Seiten unternommenen Versuch, Günter Grass eines politischen Textes wegen, der von der Besorgnis um die Bewahrung des Weltfriedens diktiert ist, als Feind Israels oder gar als Antisemiten zu diskreditieren.

von Laura Solbach

Zugegeben, aus formaler Sicht kommt das Gedicht »Was gesagt werden muss« von Günter Grass banal daher. Die Worte wirken wirklich wie mit letzter Tinte geschrieben. Ein spröder Realismus, der seine Aussage moralisierend in die Welt trompetet. Vielleicht wirkte der Text gelungener, hätte Grass eine essayistische Form gewählt. Mit seiner Gedichtform, so Grass im Gespräch mit Tom Buhrow am 05.04.2012, bediene er sich einer deutschen Tradition von Heine bis Brecht. Die provokative Rhetorik Grass’ scheint die Allgemeinheit der Leser zu verschrecken.

von Patrick Pritscha

»Meine Großmutter starb im Jahre 1999 an den Folgen eines Selbstmordversuches. Nach allem was ich weiß, konnte sie die Einsamkeit nicht mehr ertragen und auch nicht die Gedanken an Auschwitz, die sie in dieser Einsamkeit wieder stärker überkamen.« (Zimmermann 2005)

von Hans Erler

Vor 10 Jahren, noch in der Konrad-Adenauer-Stiftung tätig, gab ich zusammen mit Ansgar Koschel, damals Generalsekretär des Deutschen Koordinierungsrats der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (er starb leider im März 2007), die Publikation Der Dialog zwischen Juden und Christen ‒ Versuche des Gesprächs nach Auschwitz als Bilanz von 50 Jahren CJZ heraus. Ich verfasste das Nachwort Philosophischer Antijudaismus – Hegel. Danach trat ich aus der evangelischen Kirche aus.

von Ulrich Siebgeber

Als der alte Clown
sich ein vielleicht letztes Mal schminkte, sich
die rote Knollennase übers Gesicht
stülpte, die längst zu groß war,
da geschah’s, dass ihm etwas einfiel,
was er beinahe vergessen hatte, etwas, an dem er klebte,
so wie andere daran kleben, die
wie er das Sprechen vergessen hatten
oder vom Sprechen vergessen
wurden, denn auch das Sprechen
kennt seine Leute und nimmt nicht jeden.

von Katharina Kellmann

»Leutnant Chlopow von der Leibgarde Ihrer Majestät.« Der junge Mann stellt sich vor.

So fängt es immer an. Offiziell sind die jungen Offiziere en suite zu meinem Schutz abkommandiert, hier im Petersburger Schloss. Aber wer sollte mich überfallen? Die Türken sind weit weg, die Preußen nicht mehr das, was sie einmal waren und die Habsburger führen keine Kriege, die heiraten lieber.

von Friedrich Schorlemmer

Der nächste Präsident wird es nicht leicht haben, nach allem, was nun an Bürde auf dem Amt liegt. Die jetzige Debatte wirkt überhöht, die Diskussion ist nervös. Wir brauchen keine Majestät, keinen Übervater und keinen unbefragbaren Heiligen Stuhl - wir brauchen einfach jemanden, der Dinge auf den Punkt bringen kann, der mitzureißen versteht, der weltkundig ist und dabei eine persönliche Glaubwürdigkeit besitzt.

von Raimund Rotzagel

Am Rostocker Joachim Gauck sollte man sich nicht aufranken. Wieso soll ein g`standner Uropa und passionierter Polit-Theologe seine neue Flamme nicht mit ins Schloss Bellevue mitnehmen? Passt scho. Ob sich einst Petronius so eine schöne Polit-Burlesque hätte selber ausdenken können?

Die 15. Bundesvertreterversammlung vom 18. März 2012 ist am Zug, selbstverständlich wieder »ohne Aussprache«, d.h. mit striktem, politischem Redeverbot. Entspricht und entsprach wie vorher schon der bundesdeutschen Üblichkeit gemäß Grundgesetzartikel 54.

von Lutz Götze

Der Rücktritt Christian Wulffs vom Amt des Bundespräsidenten hat, jenseits aller hochnotpeinlichen Vorteilsannahmen und -gewährung, vor allem eines deutlich gemacht: Hier ist ein Repräsentant einer ganzen Generation von Politikern dramatisch gescheitert.

von Herbert Ammon

Schadenfreude, sprachlich abgemildert Genugtuung, reicht allein nicht aus, um die Umstände des Auftritts und Abgangs des Christian Wulff zu kommentieren. Doch sei ohne Selbstlob vermerkt, dass am 23. Juni 2010, anlässlich der trick- und erfolgreichen Durchsetzung Wulffs als Bundespräsidenten durch die Bundeskanzlerin Merkel und ihrer damaligen koalitionären Entourage in Globkult ein Aufsatz von Ulrich Schödlbauer erschien, der das politische Getriebe – genauer: das von Volkes Willen ungestörte Gebaren der politischen Klasse – auf den Begriff brachte:

von Katharina Kellmann

Am 11. September 1973 putschte das chilenische Militär gegen den demokratisch gewählten Präsidenten Salvador Allende. Allende nahm sich das Leben, als Soldaten den Präsidentenpalast, die Moneda, stürmten. Chile zählte fortan zu den Militärdiktaturen in Südamerika.

von Nina Schneider

In den meisten lateinamerikanischen Ländern wurden in den 1960er und 1970er Jahren Militärregimes installiert, mit deren Bewältigung der Kontinent bis zum heutigen Tag beschäftigt ist. Unterstützt durch US-amerikanische Regierungen putschte das Militär zunächst in Guatemala (1954), dann in Brasilien (1964), später in Chile (1973) und Argentinien (1976). Wenngleich sich die illegalen Regimes in ihrem Charakter, ihrer Regierungszeit und Brutalität unterschieden, hatten sie eins gemeinsam: Sie richteten unrechtmäßige Repressionsnetzwerke ein, welche Regimegegner verfolgten, ins Exil trieben, einsperrten, folterten oder im schlimmsten Fall ›verschwinden ließen‹.

von Katharina Kellmann

Das Grundgesetz, unsere Verfassung, nennt fünf klassische Staatszielbestimmungen. Nach Art. 20 Abs. 1 des Grundgesetzes (GG) muss die verfassungsmäßige Ordnung republikanisch, demokratisch, sozial und bundesstaatlich sein. Nach Art. 20 Abs. 3 GG kommt noch der Rechtsstaat hinzu. Republik, Demokratie, Föderalismus, Rechtsstaat und Sozialstaat – Ziele, für die sich Johann Jacoby einsetzte.

von Herbert Ammon

Vorweg eine Bitte um Nachsicht ans Publikum von Globkult: Ich gestehe, die Weihnachtspredigt unserer Bundeskanzlerin versäumt zu haben, und leider auch die Neujahrsansprache ihres Bundespräsidenten. Da mir indes der Gehalt ihrer beider Worte – dank meiner politischen Bildungsquelle Yahoo! - nicht gänzlich entgangen sind, nehme ich die düsteren Worte unserer Kanzlerin, nicht anders als die Warnungen ihres Präsidenten vor den Gefahren der Demokratie durch ihre Feinde, ernst.

Raymond Verdaguer: El ciervo

von Raymond Verdaguer / Ulrich Siebgeber

 

[= Naturgeschichte der politischen Ideen (3)]

 

von Wolf Biermann

Beichten will ich Ihnen hier, warum ich frommes Kind – einst konfirmiert in der Kirche des Kommunismus - die Demokratie in meiner Jugend verkannte und verachtete. Berichten will ich Ihnen, wie ich dann als junger Mann in der DDR das viel zitierte Bonmot von Winston Churchill über das Dilemma der Demokratie immerhin schon halb verstand. Erst in den lehrreichen Jahren nach meiner Ausbürgerung 1976, erst im Westen, eigentlich erst seitdem der tapfere Renegat Manés Sperber mir dann in Paris den faulen kommunistischen Zahn gezogen hatte, begriff ich den Glanz, aber auch das Elend der Demokratie schon etwas besser. »Demokratie ist eine schreckliche, eine miserable Staatsform, aber von allen, die es in der Welt gibt, die allerbeste.«

von Wolf Biermann

Beichten will ich Ihnen hier, warum ich frommes Kind – einst konfirmiert in der Kirche des Kommunismus - die Demokratie in meiner Jugend verkannte und verachtete. Berichten will ich Ihnen, wie ich dann als junger Mann in der DDR das viel zitierte Bonmot von Winston Churchill über das Dilemma der Demokratie immerhin schon halb verstand. Erst in den lehrreichen Jahren nach meiner Ausbürgerung 1976, erst im Westen, eigentlich erst seitdem der tapfere Renegat Manés Sperber mir dann in Paris den faulen kommunistischen Zahn gezogen hatte, begriff ich den Glanz, aber auch das Elend der Demokratie schon etwas besser. »Demokratie ist eine schreckliche, eine miserable Staatsform, aber von allen, die es in der Welt gibt, die allerbeste.«

von Lutz Götze

Im Nachlass zum West-Östlichen Divan fasst Johann Wolfgang Goethe seine Vision eines friedlichen Neben- und Miteinanders des Ostens und Westens in die Worte:

Wer sich selbst und andre kennt
Wird auch hier erkennen:
Orient und Okzident
Sind nicht mehr zu trennen.

Sind sie es wirklich? Und, wenn ›Ja‹, warum gelingt es allenfalls in glücklichen Zeiten, also im kairós der griechischen Klassik?

von Nina Schneider

In kaum einem anderen Land der Welt war soziale Ungleichheit traditionell so kennzeichnend wie in Brasilien. Das Musterbeispiel für soziale Ungleichheit ist ein interessanter Ausgangspunkt, um aufzuzeigen, dass selbst historisch verwurzelte soziale Ungleichheit wandelbar ist und reduziert werden kann. Die sozialpolitischen Entwicklungen in Brasilien und Deutschland sind derzeitig gegenläufig; Brasilien war traditionell durch seine Geschichte und Finanzpolitik der sozialen Ungleichheit geprägt.

von Katharina Kellmann

Diese rhetorische Frage stellte 1971 der damalige Generalsekretär der FDP, Karl-Hermann Flach. Die Streitschrift – so der Untertitel – beschäftigte sich mit Lage der FDP und des organisierten Liberalismus. In dem »grünen Buch« (so die etwas spöttische Bezeichnung der Broschüre, deren Einband ganz in grüner Farbe gehalten war) stellte er Thesen auf, die noch Jahre vorher in der FDP undenkbar gewesen wären.

von Milutin Michael Nickl

Zur Erinnerung an die russische Chemiearbeiterin Schura Lomakina, die 1942 als sogenannte ›Angeworbene‹ ins nordöstliche Oberfranken nach Hof/Saale geholt worden war und deren Spur sich im Spätherbst 1944 abrupt verlor.

von Lutz Götze

Mit der Eroberung Saigons durch nordvietnamesische Truppen und die südvietnamesische Befreiungsarmee am 30. April 1975 endet die auf der Genfer Konferenz 1954 beschlossene Spaltung Vietnams in einen sozialistischen Norden und einen kapitalistischen Süden. Der zweite mörderische Krieg, den das Land im 20. Jahrhundert erleiden musste, war beendet.

von Herbert Ammon

Den 31.Oktober 2011 gilt es als Geschichtsdatum im planetarischen Zeitalter festzuhalten. An jenem Tage, um 23.59 Uhr libyscher Zeit (22.59 Uhr MEZ) endete das  am 17. März d. J. beschlossene UN-Mandat zum Schutz der Zivilbevölkerung in Libyen.

von Lutz Götze

I. Tanz um das Goldene Kalb

Der Goldman-Sachs-Manager Jim O`Neill prägte vor Jahren den Begriff der BRIC-Staaten. Seither werden Brasilien, Russland, Indien und China unter dieser Gruppe zusammengefasst: als neuer Machtfaktor einer multipolaren Welt. Brasilien versteht sich seitdem als neues Schwergewicht nicht nur innerhalb der G20-Nationen. Die Wirtschaft des Riesenlandes hat sich, zumal unter Präsident Lula, rasant entwickelt; die Wachstumsraten sind beeindruckend. Die Finanzeliten verdienen daran immens; allgemein ist eine, wenngleich schwache, Zunahme der Einkommen im Land zu erkennen: Viele Brasilianer reisen, nicht ohne Häme, zum Konkurrenten Argentinien, um dort preiswert einzukaufen. Freilich ist ein Großteil der Bevölkerung, zumal im Norden, vom Wohlstand abgeschieden: In Belem und Iquitos herrschen unverändert Armut, Wassernot und Stromausfall, gibt es schlechte Schulen und heruntergekommene Krankenhäuser.

von Hans Erler

1923 schreibt der deutsche Rabbiner und Religionsphilosoph Leo Baeck in einem Beitrag für die Wochenzeitung Die Tat über die »Bedeutung der jüdischen Mystik für unsere Zeit« und unterscheidet dabei eine jüdische »Mystik des Lebens« von allen anderen Mystiken, die er als »Mystiken des Sterbens« kennzeichnet:

von Ulrike Heitmüller

Zu Beginn der Weimarer Republik legte die verfassungsgebende Nationalversammlung das Ende des Staatskirchentums in der Reichsverfassung fest. Die bisherigen Staatskirchen gerieten dadurch in eine Krise, die Freikirchen dagegen

von Josef Ludin

Es waren offenbar deutsche Denker des 18. und 19. Jahrhunderts, die Kultur und Zivilisation voneinander getrennt betrachten wollten. In der englischen und französischen Tradition war diese Unterscheidung ungewöhnlicher, und man bevorzugte den Begriff der Zivilisation, meinte damit aber alles, was zu kulturellen Phänomenen gehörte. Zuletzt war Freud einer, der sich in seiner berühmten Schrift, »Das Unbehagen in der Kultur«, von der Unterscheidung lossagen wollte und forderte, man solle die Begriffe synonym benutzen. Tatsache war, dass er von einem anthropologisch geprägten Kulturbegriff ausging, von der Frage nach der Menschwerdung des Menschen in der Abgrenzung vom Tierreich, und davon dass die menschliche Kultur eben Triebverzicht benötige.

von Herbert Ammon

Erik Larson: In the Garden of Beasts. Love, Terror, and an American Family in Hitler´s Berlin, New York (Crown) 2011, 448 Seiten.

Das Buch des Journalisten Erik Larsen ziert die Bestseller-Liste der New York Times. Zu erwarten ist ein Opus, das vor der Kulisse der braunen Masseninszenierungen erneut die alte Geschichte von den Bösen und den Guten erzählt.

von Herbert Ammon

Karlheinz Weißmann: Der Nationale Sozialismus. Ideologie und Bewegung 1890 bis 1933, München (F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung) 1998, 368 Seiten.

Der Begriff ›Nationaler Sozialismus‹ steht hier einerseits für all jene politischen Strömungen, die gemeinhin im Begriff ›Faschismus‹ zusammenfließen, andererseits suggeriert er ideologische Verwandtschaft zum traditionellen, internationalistischen Sozialismus, dem historischen Erzfeind des Faschismus.

von Hans-Otto Hemmer

Wenn von der Gewerkschaftsbewegung im geteilten Nachkriegsdeutschland die Rede ist, so ist vorab klarzustellen, dass etliche Teile und Stationen dieses großen Themas

von Wolfgang Kruse

Vor 222 Jahren verabschiedete die französische Nationalversammlung die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte

Das Jahr 1789 war generell reich an unerhörten Geschehnissen, die den Weg in eine ganz neuartige Zukunft wiesen. Das bedeutendste Dokument dieses revolutionären Aufbruchs in die Moderne war die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte, die von der französischen Nationalversammlung am 26. August verabschiedet wurde.

von Felicitas Söhner

Im Jahr des 80. Geburtstags von Michail Gorbatschow liegt nun die deutsche Ausgabe einer spannenden Quellenedition vor, die bereits 2006  von Galkin und Tschernjajew in einer geringen Auflage in russischer Sprache herausgegeben wurde (Michail Gorbačev i Germanskij vopros. Sbornik dokumentov 1986 – 1991 / Михаил Горбачев и германский вопрос. Сборник документов 1986-1991, Весь мир, Москва).

von Herbert Ammon

Meine Liebe zu Yahoo hinkt den Zeitläuften hinterher, was nicht mit schwindendem Eros, sondern mit Alltagspflichten sowie dem elektronischen Tempo des globalen Kulturfortschritts zu erklären ist. So verpasste ich den Muttertag (»Der Muttertag ist ein Feiertag zu Ehren der Mutter und der Mutterschaft sich seit dem 20. Jahrhundert in der westlichen Welt etabliert. Im deutschsprachigen Raum und vielen anderen Ländern findet er am zweiten Sonntag im Mai statt.« Quelle: Wikipedia).

 

von Lutz Götze

China verstand sich über Jahrhunderte hinweg als ›Reich der Mitte‹: im Zentrum des Universums gelegen, von Feinden in allen Himmelsrichtungen umgeben und bedroht. Also ließen die Kaiser, zumal der Ming-Dynastie, eine gigantische Mauer errichten, um gegnerische Heere abzuschrecken.

von Ulrich Siebgeber

Geben Sie’s zu, geben Sie’s doch einfach zu, es wäre ja schon schön, wenn Sie zuhören könnten, einfach zuhören, vielleicht auch doppelt und dreifach, denn einfach kommt in solchen Zeiten keine Botschaft in ein einzelnes Ohrenpaar hinein, sie quetschen sich alle zusammen ins Ziel, das nicht ohne Grund Trommelfell genannt wird – ein dickes Fell sollte es schon sein und trommeln sollte man auch darauf, um sich bemerkbar zu machen. Wer wollte das nicht? Wer, frage ich, wollte das nicht? Er trete vor... sie trete vor, und mache den Zugetrommelten klar, worum es geht. Die Lage ist ernst.

von Sigmar Gabriel

Ich freue mich sehr, hier an dieser Universität vor Ihnen sprechen zu können. Dass Ihre Hochschule den Namen eines hoch angesehenen Sozialdemokraten trägt, freut mich als Vorsitzender der SPD natürlich außerordentlich.

Aber Helmut Schmidt war und ist auch ein über alle Parteigrenzen hinweg hochgeschätzter Staatsmann, Europäer und Weltbürger. Vor allem aber ist er ein echter Hamburger. Als ehemaliger Verteidigungsminister war er darüber hinaus Mitgestalter einer Tradition sozialdemokratischer Verteidigungspolitik, die stets eine verantwortungsvolle und auf gesellschaftliche Verankerung bedachte Führung der Streitkräfte in den Mittelpunkt des Handelns setzte.

Karikatur Hitler-Horthy

von Patrick Pritscha

Politischer Wandel
Seit den Parlamentswahlen im April 2010 befindet sich Ungarn in einem tiefgreifenden gesellschaftlichen Umbruch. Das ›national-konservative‹ Wahlbündnis Fidesz-KDNP gewann mit insgesamt 67,88% eine Zweidrittelmehrheit und damit die Möglichkeit zur Verfassungsänderung (www.valasztas.hu/en/parval2010/298/298_0_index.html, 9.5.2011). Zusammen mit der ›rechtsradikalen‹ (zur Begriffsproblematik vgl. Wippermann 2009:284) Jobbik-Partei, welche 12,18% erreichte, sind 80% der Parlamentarier einer politischen Richtung zuzuordnen, die im deutschen Sprachgebrauch vorsichtig als ›rechts‹ oder ›rechtspopulistisch‹ eingestuft wird.

von Christoph Jünke und Daniel Kreutz

I. Die ungebrochene Hegemonie des Neoliberalismus

Die andauernde ökologische Krise, der seit 2001 seine unerbittlich mörderische Logik entfaltende ›Krieg gegen den Terror‹ wie auch die 2008 mit Wucht offen ausbrechende Wirtschafts- und Finanzkrise haben wenig geändert an jenem grundsätzlichen Befund, den Boris Kagarlitzki (1999, S.4) bereits vor zwölf Jahren in die Lenin paraphrasierenden Wort fasste, dass »trotz der offensichtlichen Krise die da oben keine Veränderung wollen und die darunter keine durchzusetzen vermögen«.

von Lutz Götze

Die Inseln in der Andamanen-See gehören zu den Paradiesen besonderer Art: einstmals von ungewöhnlicher Schönheit mit prachtvollem Regenwald, türkisfarbener See und sich gelegentlich bis ins Unendliche erstreckenden Stränden. In einem Wort: Bilderbuchwelten, wie von einem anderen Stern!

von Ludger Volmer


Die letzten internationalen Klimakonferenzen waren total enttäuschend. Diese Wertung teilen weltweit alle, die sich seit Jahren immer sorgenvoller um die Entwicklung des Weltklimas kümmern. Aber warum werden diese gescheiterten Konferenzen als so bedrückend wahrgenommen, da doch Konferenzen oft mit magerem Ergebnis enden?

von Ulrich Schödlbauer

Joschka Fischers gespieltes Entsetzen über die deutsche Enthaltung im UN-Sicherheitsrat hat die Koordinaten der deutschen Politik nicht verschoben – oder, in seinem Sinn: zurechtgerückt –, es hat ihr auch nicht die Debatte beschert, die ohnehin kommen musste und zum Zeitpunkt seiner Intervention schon im Gange war. Eher hat es der von ihm beklagten Prinzipienlosigkeit eine Nuance hinzugefügt. In einer Idealsituation für seine Partei – die Regierung fast gleichzeitig durch eine banale Plagiatsaffäre und durch eine gewaltige Naturkatastrophe mit heiklen Folgen für die Atomindustrie in den Augen der Öffentlichkeit vorgeführt, die eigenen Werte durch diesen Informations-Tsunami in unvorstellbarem Maße nach oben gedrückt –, in einer solchen Situation mit ansehen zu müssen, wie ihre Wortführer den publizistischen Wind der Libyen-Krise verschenken, das war das eigentlich Unfassbare für ein Darstellungstalent, das, vom unseligen Guttenberg einmal abgesehen, in der deutschen Politik keinen Nachfolger gefunden hat und deshalb von vielen noch immer schmerzlich vermisst wird. Nicht als Gestalter, als Vertreter des politischen Showbusiness hat der Ex-Außenminister das Wort ergriffen. Jenes gemurmelte »Und die Regierung hat doch recht« der grünen Amtsinhaber, vorneweg Frau Künast, mag Folgen haben oder auch nicht, es hat ihn wieder ins Gespräch gebracht und manchem scheint das Folge genug zu sein.

von Lutz Götze

Die Bundesregierung hat mit ihrer verheerenden Entscheidung, sich im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen bei der Abstimmung über eine gemeinsame militärische Aktion gegen Libyens Diktator Muammar al Gadhafi, der die libysche Bevölkerung massakrieren lässt, der Stimme zu enthalten, Deutschland schweren Schaden zugefügt. Sie hat damit gegen das Grundgesetz verstoßen und ihren Eid gebrochen, der ihr auferlegt, »Schaden vom deutschen Volk abzuwenden und seinen Nutzen zu mehren«.

Ursula Mausbach: LinolschnittLinolschnitt von Ursula Mausbach, Peking 1976.

Autogramm von Ai Weiwei.

 

von Herbert Ammon

Politische Bildung gilt unserer res publica als teures Gut. Ein Bekannter, der über GlobKult von meiner Liebe zu Yahoo erfuhr, korrigierte meine irrige Vorstellung bezüglich der Einkünfte des in der Bundesstadt Bonn residierenden Präsidenten der Bundeszentrale für Politische Bildung.

von Milutin Michael Nickl

Worin könnte das Akzeptanzfähige der Rollenunion und Risikokommunikation Catos des Älteren bestehen? Fast 2200 Jahre danach? An philologischen, philosophischen und pädagogischen Deutungsversuchen mangelt es nicht. Das wird nicht ignoriert, aber auch nicht näher berücksichtigt. Das kommunikationspragmatisch, publizistisch und politisch Interessante an Catos Orator-Konzeption, Repäsentanz- und Risikokommunikation steht hier zur Debatte.

von Felicitas Söhner

Im zwanzigsten Jahr nach Unterzeichnung des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrages und vier Jahrzehnte nach Willy Brandts Versöhnungsgeste vor dem Mahnmal für die Opfer des Warschauer Ghettos veröffentlicht der polnische Historiker Tomasz Szarota erstmals eine Auswahl seiner wissenschaftlichen Arbeiten in deutscher Sprache.

Raymond Verdaguer: No more

von Raymond Verdaguer /Ulrich Siebgeber

— Wenigstens hat sie uns erspart, dem Hurensohn die Hammelbeine abschießen zu müssen, ohne einen Treffer zu landen.

 

[= Naturgeschichte der politischen Ideen (1)]

 

von Herbert Ammon

Vor ein paar Wochen brachte  ich meine Liebe zu Yahoo.com in die Diskurse zur globalen Kultur ein. Es ging um den in diesem unseren Lande unerlässlichen Nachweis politischer oder, was auf dasselbe hinausläuft, politisch korrekter Bildung. Ich unterließ den Hinweis, dass ich per Mausklick zuweilen auf welt-online.de als weiteres Informationsmedium zurückgreife. Der Grund: Dort im Hause Springer – mit taz-Genossenschafter und Guttenberg-Promotor Kai Dieckmann an der Spitze - sprudelt die reinste Quelle demokratischen Denkens in der Berliner Republik.

von Herbert Ammon

»Wer sagt uns eigentlich, dass alle weltlichen Probleme gelöst werden sollen und können?« (D.B.)

Auf den Kontrast  der aus Bonhoeffers Biographie sowie den aus der Gefängniszeit (1943-1945) überlieferten Dokumenten zur vorherrschenden Deutung als ›progressiver‹ Theologe habe ich in dem GlobKult-Beitrag Dietrich Bonhoeffer: christlicher Abendländer und deutscher Patriot (Globkult, 26. April 2010) hingewiesen. Bonhoeffers Denken bewegte sich im Kontext deutscher kulturkritischer Geschichtsdeutung und – in Auseinandersetzung mit seinem verehrten Lehrer Adolf von Harnack - antiliberaler Theologie. Im folgenden geht es um die Konkretisierung dieses Befundes anhand einer Analyse der Ethik.

von Jörg Büsching

Wer in den letzten Wochen die Affäre um unseren Verteidigungsminister und seinen regelwidrig erworbenen Doktorgrad der rechts- und wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Bayreuth verfolgt hat, konnte Zeuge eines merkwürdigen Widerspruchs in der öffentlichen Wahrnehmung werden, der durchaus signifikante Einsichten über die weitere Entwicklung der deutschen Demokratie bereithalten könnte, wurde doch Guttenberg zeitweise bereits als künftiger Kanzler des Landes gehandelt.

von Lutz Götze

Nepal ist - trotz oder gerade wegen seiner geringen geographischen Ausdehnung - ein beispielhaftes Land des 21. Jahrhunderts: Es zwingt, den Blick auf globale Probleme und Entwicklungen zu schärfen. Das Land zu Füßen des Himalaya ist einer der ärmsten Staaten der Welt mit geschätzten 70 Prozent Analphabeten, einer schier unvorstellbaren Umweltverschmutzung vor allem in der Hauptstadt Kathmandu als Folge eines vollkommen unkontrollierten Wachstums der jüngsten Zeit, einem verrotteten Bildungssystem sowie einer unübersehbaren Landflucht.

Maritime Oper in 3 Auszügen

von Ulrich Siebgeber

Anmerkung: Nachstehendes Libretterl wurde für die anstehende Bayreuther Aufführung im copy&paste-Verfahren (und selbstredend ohne fremde Hilfe) aus frei im Netz verfügbaren Textbausteinen zusammengeschustert. Erläuternde Hinweise sollten allein dem Verfasser des Machwerks zugeschrieben werden, der indes die Verantwortung von sich weist und vorsorglich dem Leser eine Art Urheber-Mitschuld anheftet, denn: ohne Lektüre ist der Text... na was wohl. (Anonymus)

Interview mit Ellen Meiksins Wood

Vorbemerkung: Ellen Meiksins Wood gehört zu den wichtigsten in englischer Sprache schreibenden Marxisten der Gegenwart. Sie ist Autorin zahlreicher Bücher zur Geschichte und Theorie bürgerlicher Gesellschaftsformen und lehrte bis zu ihrer Emeritierung Politische Wissenschaften an der York-Universität in Toronto, Kanada. Heute lebt und arbeitet sie in London. Im Kölner Neuer ISP-Verlag erschien vor kurzem die deutsche Fassung ihres Hauptwerkes Demokratie contra Kapitalismus. Beiträge zur Erneuerung des historischen Materialismus. Das folgende Gespräch über einige der politischen Implikationen ihres Buches führte die kanadische Zeitschrift New Socialist (Übersetzung aus dem Englischen von Christoph Jünke) anlässlich der Originalveröffentlichung ihres Buches im Jahre 1995.

von Ellen Meiksins Wood

Die Rede ist hier von Rechten und wie sie in einer globalisierten Ökonomie garantiert werden können. Ich setzte einfach voraus, dass wir alle an die Menschenrechte glauben. Fangen wir deswegen mit der Prämisse an, dass alle Menschen, einfach weil sie Menschen sind, ein Recht auf gewisse Grundbedingungen von Freiheit und Würde haben, die von anderen respektiert werden müssen, nicht nur von anderen Individuen, sondern auch, und besonders, von Menschen mit Macht und von Staaten.

von Michael Müller

Das 21. Jahrhundert wird entweder ein Jahrhundert der Nachhaltigkeit oder ein Jahrhundert der Ausgrenzung, Gewalt und Verteilungskonflikte. Entweder gelingt es, die wirtschaftliche Innovationskraft zu stärken und mit sozialer Gerechtigkeit und ökologischer Verträglichkeit zu verbinden. Oder in Wirtschaft und Gesellschaft verschärfen sich weiter Ungleichgewichte, die reihenweise Krisen und Erschütterungen auslösen.

von Herbert Ammon

Am 8. Januar 2011 starb in Prag Jiri Dienstbier. Die Medien erinnerten an seine historischen Verdienste als Dissident in der Tschechoslowakei vor und nach dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989. Nach Niederwerfung des ›Prager Frühlings‹ am 21. August 1968 als Journalist bei Radio Prag entlassen und mit Berufsverbot belegt, schlug Dienstbier sich als Heizer, Archivar und Nachtwächter durch. Im Freundeskreis um Vaclav Havel gehörte er zu den Unterzeichnern der auf demokratische Freiheit pochenden »Charta '77«. Für das oppositionelle Manifest saß er drei Jahre im Gefängnis.

Raymond Verdaguer: Line up

Macht euch jetzt bitte nicht lächerlich, Jungs.

Raymond Verdaguer / Ulrich Siebgeber

von Ulrike Heitmüller

Einleitung

Preußen und Engel... In Berlin-Charlottenburg liegt direkt neben dem Preußischen Königsschloss ein unübersichtlicher Bau aus Beton. Draußen Treppen, wer sie hochsteigt, kommt zum Clubhaus der Berliner Hells Angels »Bad City Crew« (http://hellsangelsmcberlin.de/). Zur Straße eine Glasfront. Von unten kann man nicht reingucken, aber wer drin ist, hat die Umgebung gut im Blick. Strategisch günstig, wie eine Burg auf einem Berg. Trotzdem fühlen sich die Herren unter Generalverdacht gestellt, beobachtet und verfolgt. Zu Recht?

von Peter Brandt

Nach einer ganzen Periode imperialistischer Expansionspolitik seitens namentlich der größeren, wirtschaftlich wie politisch konkurrierenden Staaten der nördlichen Hemisphäre, des Weltrüstens und der Formierung gegeneinander gerichteter Bündnisse, unterbrochen bzw. begleitet von wiederholten Ausgleichsbemühungen, löste der Mordanschlag bosnisch-serbischer Nationalisten auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger am 28. Juni 1914 jene internationale Krise aus, die Anfang August in den Ersten Weltkrieg mündete.

von Ellen Meiksins Wood

Der ›Kollaps des Kommunismus‹ in den späten 1980er und 1990er Jahren schien zu bestätigen, was viele Menschen lange geglaubt haben: dass Kapitalismus die natürliche Bedingung der Menschheit ist, dass er den Gesetzen der Natur sowie den grundlegenden menschlichen Neigungen entspräche, und dass jede Abweichung von diesen natürlichen Gesetzen und Neigungen nur schädlich sein kann.

von Patrick Pritscha

Perspektivwechsel

Es ist ein verbreitetes Phänomen in der Politik nur die Probleme aufzugreifen, für die eine scheinbare Lösung präsentiert werden kann. Denn oft wird auf Kritik mit der Gegenfrage geantwortet: »Was würden Sie denn tun?«. Wer als Politiker darauf keine Antwort hat, gerät schnell ins Abseits.

von Ingo Schmidt

 Die 1990er Jahre gelten weithin als ein Jahrzehnt neoliberaler Globalisierung. Nur die europäische Sozialdemokratie schien dem Strom entfesselter Weltmarktkonkurrenz zu widerstehen, den neoliberale und konservative Regierungen in allen anderen Teilen der Welt entfesselt hatten. Zunehmende Wählerunterstützung hatte 1998 in 13 der damals 15 EU-Mitgliedsstaaten Sozialdemokraten an die Regierung gebracht.

von Herbert Ammon

Es soll ›Rechte‹ geben, gewiss auch einige an der Dialektik des Fortschritts verzweifelnde ›Linke‹, die sich dem von globalisiertem Kauderenglisch durchsetzten Gebrauch des Internets als ›User‹, worunter im verständnisvollen Jargon von Streetworkern auch Heroinsüchtige fallen, verweigern. Wie diese Leute zurechtkommen, ist mir nicht klar. Vermutlich telefonieren sie stundenlang per Flatrate, wie´s alle machen, obenan das Liebestrio

von Herbert Ammon

I.

Jüngeren Zeitgenossen, den Nachgeborenen der deutschen Katastrophe, ist die preußisch-deutsche Geschichtstradition immer weniger gewärtig. Den Namen Moltke assoziieren sie vornehmlich mit dem Widerstandskämpfer Helmuth James von Moltke (1900-1945), mit dem »Kreisauer Kreis« sowie mit der 1996 im schlesischen Krzyżowa/Kreisau eingerichteten deutsch-polnischen Begegnungsstätte.

Welche Erinnerung, welche Empfindungen weckt hingegen das Standbild des Generalfeldmarschalls Moltke, neben Bismarck und Roon am Großen Stern mit der Siegessäule am Berliner Tiergarten? (Das Ensemble der Reichsgründung stand einst auf dem Königsplatz vor dem Reichstag. Es verdankt seinen heutigen Standort Hitlers Architekten Albert Speer.) Was fällt Jüngeren bei den mit den einst jedem geläufigen Namen Königgrätz, Sedan, Marne ein? Der Name Moltke?

von Jörg Büsching

I. Europa dankt ab – wovon?

Europe does not have a sense for the future anymore.
Martin Jacques

1. Von der Euphorie zur Dysphorie

Bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion war unstrittig, dass die Legitimität einer Gesellschaftsordnung sich vor allem an deren Fortschrittlichkeit, d. h. dem Grad der technisch-wissenschaftlichen Entwicklung sowie der darauf basierenden Verbesserung der allgemeinen materiellen Lebensbedingungen der Menschen ablesen lasse. Der nach dem Start des ersten von Menschen hergestellten Himmelskörpers, Sputnik 1, so genannte »Wettlauf der Systeme« bezog seine Attraktivität auf beiden Seiten des ideologischen Grabens zwischen West und Ost aus einer materialistischen Weltanschauung. Dieser Umstand wird von heutigen Marktromantikern, die den Zusammenbruch des Ostblocks allzu selbstherrlich als »Sieg des Westens«

von Christoph Jünke

 Das mythische Jahr 1968 war fast vorüber, da erschien Leo Koflers hier neu aufgelegte Schrift Perspektiven des revolutionären Humanismus im renommierten Rowohlt-Verlag. Doch einmal mehr hatte Kofler Pech mit einem seiner Bücher. Die in ihrem Zenit stehende außerparlamentarische Opposition konnte mit seinem politisch-theoretischen Pamphlet offensichtlich nur wenig anfangen, denn niemand sollte sich fortan auf dasselbe beziehen oder sich mit ihm nennenswert auseinandersetzen. Rezeptionsspuren sucht man vergeblich, sieht man von einer Handvoll von eher distanziert-kritischen Rezensionen im Feuilleton ab.

von Ulrich Siebgeber

Entschuldigen Sie
ist das die Schreiblizenz für Emma
Ich muss mal eben da rein
mal eben zu Emma rein
Ich muss da was klären
mit eurer Oberkatarina
Ich bin ein Schreibpraktikant, ich hab da was in der Hand.

Ein Mail-Wechsel

Jörg Büsching: Die Rückkehr der Brandstifter

Herbert Ammon: Sarrazin und die Zukunft der Deutschen: Die Abwicklung eines ›Falles‹ als Abkehr von der Wirklichkeit

Jörg Büsching an Herbert Ammon am 8. 10. 2010

Sie stellen mich in eine Ecke, in die ich ganz gewiss nicht gehöre. Meine Bedenken gegen die Richtung, in die sich ein, meiner Ansicht nach erheblicher, Teil der deutschen Funktionseliten entwickelt, haben nichts mit der angestrengten Haltung der Political-Correctness-Bewegung linker und grüner Provenienz zu tun. Abgesehen davon jedoch halte ich die Stigmatisierung und Ausgrenzung einer, wie Sie es nennen »moral minority« (für mich nichts anderes als das in den diversen Publikumsforen der großen deutschen Massenmedien grassierende Schimpfwort »Gutmensch«, mit dem mittlerweile nahezu jeder Verweis auf Toleranz und Menschenwürde niedergeschrien wird) für höchst problematisch.

von Felicitas Söhner

Die umfangreiche Geschichte der deutsch-polnischen Beziehungen in Kürze zusammenzufassen, ist kein leichtes Unterfangen angesichts der Vielfalt des Themas. Denn war doch gerade das Verhältnis von Deutschen und Polen von gegenseitiger Bereicherung und fruchtbarem Austausch geprägt und gleichzeitig kein Verhältnis zweier europäischer Nachbarstaaten so voller Schrecken und dann voller Hoffnung. Dies ist trotz allem eine einzigartige Geschichte der Gemeinsamkeiten.

von Ulrich Siebgeber

Es ist schon ein seltsames Gewese um dieses Ding, Bevölkerungspyramide genannt, das die Statistiker in die Köpfe der Leute praktiziert haben und das nun, koste es, was es wolle, dort seinen Schabernack treibt. Diese Pyramide ›spiegelt‹ nicht den hierarchischen Aufbau der Gesellschaft – die gibt es auch –, sondern den sogenannten Altersaufbau: was unten nachwächst, wächst, wie man annimmt oder annehmen sollte, dem Tode entgegen, nimmt also stetig, was immer das heißen soll, ab.

»Der Irrsinn ist bei Einzelnen etwas seltenes – aber bei Gruppen, Parteien, Völkern, Zeiten die Regel.« Friedrich Nietzsche 1886: Jenseits von Gut und Böse, Aphorismus 156

von Milutin Michael Nickl

Werden die Europäer die Meinungsäußerungsfreiheit, Medienfreiheit und Pluralität mit Blick auf Artikel 11 der EU-Grundrechte-Charta (2007/C 303/05) »ohne behördliche Eingriffe und ohne Rücksicht auf Staatsgrenzen« bewahren? Mit der Written Declaration 29, im Politsprech smile 29 genannt, hat das EU-Parlament etwas deklariert, das die bestehende EU-Richtlinie 2006/24/EG zur Vorratsdaten-Speicherung unverhältnismäßig verschärfen und die verdachtsunabhängige Überwachung aller EU-Bürger etablieren würde. Seit Mitte 2010 ist diese zweischneidige Willensbekundung des Europäischen Parlaments, die Written Declaration 29 – (aktuell siehe http://smile29.eu/index.html, deutschsprachige Version http://smile29.eu/doc/DS29_DE.pdf) − zur Browser-Kontrolle und verdachtsunabhängigen (!) Vorratsdatenspeicherung konkreter Inhalte von Suchmaschinen-Abfragen aktuell.

von Helmut Dahmer

 Im Oktober 1905 wurde ein 24jähriger Feuerkopf in die Exekutive des Petersburger Arbeiter-Delegiertenrats gewählt, der unter dem Pseudonym »N. Trotzki« in drei Zeitungen schrieb und als einer der besten Redner der revolutionären Bewegung galt. Der junge Mann war der Sohn eines wohlhabenden, jüdischen Bauern im südrussischen Gouvernement Cherson. Bücher gingen ihm schon in seiner Kindheit über alles.

von Herbert Ammon

I.

In den Wochen vor dem 3.Oktober 2010, da es die historisch wundersame deutsche Wieder- oder Neuvereinigung zu feiern gilt – wir verdanken sie dem Wettrüsten, der Perestrojka, den DDR-Bürgerrechtlern sowie dem noch real existierendem Nationalbewußtsein (»Deutschland einig Vaterland«) der Deutschen in der ehemaligen DDR –, sorgt der ›Fall Sarrazin‹ für Aufregung

von Lutz Götze

Japans Krise

Die große Rückrufaktion des Toyotakonzerns im Frühjahr 2010 wegen schadhafter Bremsen und Gaspedale hat ein grundsätzliches Problem offenbart: Wie können gesellschaftliche Normen im Zeitalter der Globalisierung bewahrt werden, ohne dass schwer wiegende finanzielle Nachteile oder gar eine Identitätskrise einer ganzen Gesellschaft drohen? Denn Toyota ist Japan: der Konzern verkörpert nicht nur wegen seiner immensen Dimension als weltgrößter Autohersteller den Inselstaat Nippon schlechthin.

von Jörg Büsching

1.

Angestoßen von den Fortschritten in der Informationstechnologie und befeuert von den deregulierten Kapitalmärkten hat die Weltwirtschaft seit den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts eine Dynamik entfaltet, die selbst die kühnsten Erwartungen übertroffen hat. Die damaligen Protagonisten in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik fühlten sich gar berechtigt, die Heraufkunft eines neuen Zeitalters zu konstatieren, in dem viele der Gegensätze, die sich zuvor ganz handfest als weltgeschichtlicher Antagonismus manifestiert hatten, einfach in Luft aufzulösen schienen. Tatsächlich gelang es in den Entwicklungs- und Schwellenländern Asiens, Hunderte von Millionen Menschen aus der Falle von Armut, Hunger und mangelnder Bildung zu befreien.

von Ulrich Schödlbauer

Kennen Sie Borges? Natürlich, werden Sie sagen, hätte ich sonst Gesinnungen? Gestatten Sie, dass ich lächle, doch nicht allzu sehr, denn wir wollen keine Zeit verlieren. Warten Sie, ich lese Ihnen etwas vor, oder besser: ich erzähle es Ihnen. Es ist die Geschichte vom Feind, den einer nach Jahren der Flucht und des Wartens eigenhändig in sein Haus einlässt: scheinbar gebrechlich, scheinbar hilfsbedürftig, scheinbar am Ende, ein Opfer verlorener Jahre.

von Christoph Jünke

Gefragt nach den politischen Offensivmethoden der aufkommenden Jugendrevolte seiner Zeit, nach chinesischer Kulturrevolution und lateinamerikanischem Guerillakampf, antwortete der alte Georg Lukács Ende 1966 kritisch, dass man sich darüber im Klaren sein müsse, »dass wir heute in der Erweckung des subjektiven Faktors nicht die zwanziger Jahre erneuern und fortsetzen können, sondern dass wir auf der Grundlage eines neuen Anfangs mit allen Erfahrungen zu beginnen haben, die wir aus der bisherigen Arbeiterbewegung und aus dem Marxismus haben. Wir müssen uns klar darüber sein, dass wir es mit einem Neuanfang zu tun haben, oder – wenn ich eine Analogie gebrauchen würde – dass wir jetzt nicht in den zwanziger Jahren des 20.Jahrhunderts stehen, sondern in einem bestimmten Sinn am Anfang des 19. Jahrhunderts« (Gespräche mit Georg Lukács, Reinbek bei Hamburg 1967, S.48).

 von Christoph Jünke

Zu den erfrischenden Momenten in unserer Zeit der politischen und intellektuellen Einöde gehören jene, in denen die Medienindustrie meint, vermeintliche Minderheitenmeinungen zu Wort kommen lassen zu müssen. Ein solcher Moment schlug im Mai des letzten Jahres, als die Polit-Illustrierte Stern einen ihrer bewährten Zeitgeist-Autoren nach London sandte, um den altehrwürdigen Eric Hobsbawm zur Krise des Kapitalismus zu befragen.

von Perry Anderson

Wer wäre ein kompetenterer Autobiograf als ein Historiker? Historiker müssten sich eigentlich hervorragend für die schwierige Aufgabe einer Lebensbeschreibung eignen, haben sie doch gelernt, die Vergangenheit mit unparteiischem Blick zu untersuchen und ungewöhnliche Zusammenhänge ebenso aufmerksam wahrzunehmen wie die Listen der Geschichte.

Merkwürdigerweise haben nicht sie, sondern die Philosophen sich in diesem Genre hervorgetan – sie haben es sogar faktisch erfunden. Genau genommen, wenn Philosophie die abstraktesten und unpersönlichsten Texte liefert, dann die Autobiografie die konkretesten und persönlichsten. Eigentlich sollten sie sich wie Öl und Wasser zueinander verhalten. Und dennoch gaben uns Augustinus und Rousseau ihre persönlichen und sexuellen Bekenntnisse und Descartes eine erste Geschichte des eigenen Geistes.

von Vladimír Goněc

Die diesjährigen Parlamentswahlen in Tschechiens Abgeordnetenhaus brachten einen politischen Umbruch – die ursprüngliche Reihenfolge auf den Kandidatenlisten wurde total zersetzt, viele problematische Persönlichkeiten wurden aus dem Abgeordnetenhaus gewählt. Dagegen kamen Kandidaten der hintersten Listenplätze in die Kammer. Möglich war dies durch die hohe Zahl an Präferenzstimmen.

(unter Mitberücksichtigung der deutsch-russischen Beziehungen)

von Peter Brandt

Wir sind gewohnt, auch für weit zurückliegende Zeiten von ›deutsch-polnischen‹ Beziehungen zu sprechen, obwohl wir es im Mittelalter und der frühen Neuzeit beiderseits nicht mit Nationalstaaten oder ihren unmittelbaren Vorformen zu tun haben, auch nicht mit Nationen im modernen Sinn, seien sie ethnisch-kulturell oder staatsbürgerlich definiert. Für das Heilige Römische Reich, das im 15. Jahrhundert, nach dem Ausscheiden Italiens und Burgunds aus dem Reichsverband, den Zusatz »Deutscher Nation« erhielt, ist dieser Tatbestand im Hinblick auf seinen bis zu seinem Ende 1806 nicht überwundenen lehnsrechtlich-genossenschaftlichen Charakter offenkundig. In ähnlicher Weise wie das Römisch-Deutsche Reich, wenn auch ganz anders gestaltet in seiner inneren Struktur und Regierungsform einer Adelsrepublik, war Polen vor den Teilungen des späten 18. Jahrhunderts ein trans- bzw. vornationaler und transkonfessioneller Staat.

Sperrige Fakten zur Geschichte des 20. Juli 1944

von Herbert Ammon

Historische Wirklichkeit erweist sich stets als komplexer denn die von spezifischem Erkenntnisinteresse oder geschichtspädagogischen ›Lernzielen‹ geprägten Deutungen. Dies gilt gerade auch für die missglückte Rettungstat des 20. Juli, eines jener Daten, auf die sich im vereinten Deutschland ein national verbindendes Geschichtsethos gründen könnte. Während man in den Jahren vor 1989 in der DDR den 20. Juli ziemlich spät für das ›Geschichtserbe‹ reklamierte und dabei die in letzter Minute aufgenommenen Kontakte zum kommunistischen Untergrund überbetonte sowie eine direkte Linie zum Nationalkomitee Freies Deutschland (NKFD) konstruierte, ging es im Westen vor allem um den Nachweis der lupenreinen ›Westorientierung‹ der Verschwörer.

von Christoph Jünke

Die russische Revolution von 1917 und die durch sie zum Teil ausgelösten, zum Teil nur beförderten weltrevolutionären Prozesse bis mindestens zur Mitte der 1920er Jahre führten nicht zuletzt auch zu einer Umwälzung der Theorie-Debatten, zu dem Versuch verschiedener Denker, ihre revolutionäre Zeit in Gedanken zu fassen. Man findet solche Reflexionen in den Arbeiten von Lenin und Trotzki, Luxemburg und Liebknecht, Bucharin und Preobrashenski, oder, mehr philosophisch, bei Gramsci, Korsch, Bloch und Lukács. So unterschiedlich diese Denker in einzelnen Fragen auch waren, es einte sie, dass sie sich gegen den vermeintlichen Determinismus und Fatalismus der klassischen Sozialdemokratie, gegen Kautsky, Plechanow u.a. wandten und versuchten, den ›subjektiven Faktor‹ in der marxistischen Theorie, den Einbruch der Massen in die Geschicke ihres eigenen Schicksals und das Verhältnis von Theorie und Praxis also, neu zu durchdenken. 

von Christoph Jünke

 Im Frühling 1966 besuchte eine kleine Gruppe von SDS-Aktivisten, allen voran der spätere ›Rädelsführer‹ der APO-Revolte, Rudi Dutschke, die ungarische Hauptstadt Budapest, um sich mit dem in die Jahre gekommenen marxistischen Philosophen Georg Lukács politisch-intellektuell auszutauschen. Der radikale Berliner Student Dutschke hatte sich schon seit längerem mit dem schillernden Ungarn auseinandergesetzt und plante, ihn zum Thema seiner Doktorarbeit zu machen. Besonders interessiert zeigten sich Dutschke und GenossInnen an jenem jungen Lukács, der zu Beginn der 1920er Jahre, in Zeiten der Aktualität der Weltrevolution, die so genannte Offensivtheorie der internationalen Linken, den sofortigen und bündnispolitisch kompromisslosen Übergang zur revolutionären Aktion, theoretisch zu verallgemeinern suchte. Das Gespräch zwischen den Generationen verlief jedoch nicht ganz so, wie es sich mindestens die jungen SDSler erhofften. Lukács scheint sich von ihrem revolutionären Elan reichlich unbeeindruckt gezeigt zu haben.

von Felicitas Söhner

In einer Zeit, in der wieder auf allen Straßen die deutsche Flagge zu sehen ist, lebt er wieder auf, der deutsche Fußballnationalismus. Die Symbolfarben schwarz-rot-gold drängen sich einem derzeit nahezu auf. Ob Mützen, Kaffeetassen, T-Shirts oder Luftballons, im Moment sind die Nationalfarben wieder in und fungieren nicht selten auch als effektvoller Werbeträger. Jedoch wie steht es mit anderen Symbolen der Deutschen? Spielt die deutsche Nationalhymne eine ähnlich populäre Rolle? Schon zur letzten Fußballweltmeisterschaft wurden ähnliche Fragen diskutiert (Banchón 2006, Kruse 2006, Mahlzahn 2006).

Zur seelischen Selbsterkundung niedergeschrieben am 28. Juni 2010, dem serbisch-deutsch-österreichischen Schicksalstag

von Herbert Ammon

Von der von DFB-Gewaltigen um ihr Interview mit Horst Eckel, Sieger der Schlacht von Bern 1954, gebrachten rechtskonservativen Junge[n] Freiheit war nichts anderes zu erwarten. Das Blatt nährt seine Hoffnung auf nationale Wiedergeburt aus dem Geist der Glotze und der fahnenschwingenden Massen auf der Fanmeile vor dem Brandenburger Tor. Aber wie steht es mit all den anderen geistesbildenden Organen im ungeliebten Lande?Angesichts des triumphalen Vormarsches der deutschen Helden am Kap, lebt die deutsche Medienseele mit sich selbst im Widerspruch. Darf sie, soll sie, wie weit muss sie in des Volkes Jubel einstimmen und Richtung Endsieg steuern?

von Eckard Holler

Der von den Nazis »Rote Kapelle« genannte Widerstandskreis war eine Vereinigung lose miteinander verbundener Freundeskreise von NS-Gegnern in Berlin, die zwischen 1933 und 1942 Widerstandsaktionen unterschiedlicher Art durchführten, und gehörte zu den bedeutendsten und größten deutschen Widerstandsorganisationen überhaupt. Führende Mitglieder waren der Luftwaffenoffizier Harro Schulze-Boysen und der Wirtschaftswissenschaftler Arvid Harnack, nach denen die Gruppe, die sich selbst keinen Namen gegeben hatte, auch »Schulze-Boysen/Harnack-Organisation« genannt wurde. Ihre spektakulärste Aktivität waren die Kontakte nach Moskau, mit denen sie die Sowjetführung 1941/42 über den deutschen Angriff auf die UdSSR informierte. Ihre Tragik war jedoch, dass weder die Westmächte noch Stalin ihre Informationen ernst nahmen und sie durch dechiffrierte Funksprüche der unvorsichtigen sowjetischen Abwehr entdeckt und vernichtet wurde.

von Arno Klönne

Ich möchte mit zwei Vorbemerkungen beginnen: Zum ersten will ich hier nur einige Beobachtungen zum Thema, auch einige persönliche Erfahrungen und Einschätzungen vortragen und ein paar Fragen auf den Weg in diese Konferenz bringen – als Anregungen zur Diskussion.* Zum anderen erlaube ich mir eine Korrektur des Titels bei meinem Beitrag (»Zur Geschichte und Aktualität des deutschen Linkssozialismus«). Über ›den Linkssozialismus‹ will ich nämlich nicht reden – es gab und gibt ihn nicht, meine ich. Ich rede stattdessen über Ideen und Interventionen von Linkssozialisten, historisch und auch ein bisschen aktuell.

von Ulrich Schödlbauer

Die Situation ist also endlich einmal eingetreten: das Volk will einen Präsidenten und die Regierung will einen anderen. Daran wird sich so rasch nichts ändern, nicht bis zum Wahltag und nicht darüber hinaus. Der Präsident aller Deutschen wird in Zukunft ein Präsident gegen das Volk sein, ein vom Volk ausdrücklich nicht gewünschter oberster Volksschauspieler. Für die Regierung mögen das peanuts sein, für Verfassungsrechtler kein Problem. Für die Medien steht die Regierung auf dem Prüfstand: Hält sie? Bricht sie? Wenn sie hält, dann haben auch die Medien kein Problem und alle sehen weiter. Die Regierung ist dabei, das Volk aufzulösen und sich ein anderes zu wählen, und es ist: kein Problem.

von Lutz Götze

 Neuerliche Auseinandersetzungen in den klassischen Einwanderungsländern Kanada und Vereinigte Staaten von Nordamerika, aber auch in europäischen Staaten, haben die Diskussion um das Mit- und Gegeneinander von Kulturen neu belebt, zugleich aber die Auseinandersetzung um den Kulturbegriff erneut entfacht. Wir setzen damit unsere Argumentation aus dem Jahre 2005 fort (Götze 2005).

von Herbert Ammon

Gegenüber dem vorherrschenden Geschichtsbild, in dem Winston Churchill als entschlossener Widerpart Hitlers, als unerschütterlicher Kriegsheros, als illusionsloser Gegenspieler Stalins sowie als Wegbereiter Europas hervortritt, hat sich John Charmley, Historiker an der University of East Anglia, mit seiner Biographie Churchill: The End of Glory (1993) einen – nicht unangefochtenen – Namen als Mythenzertrümmerer gemacht. Churchill habe die Chancen eines Friedens mit Hitler 1940/1941 ungenutzt gelassen, die englische Position als Schiedsrichter des europäischen Gleichgewichts verspielt, damit das Ende des britischen Weltreichs herbeigeführt und zu gleich dem Sozialismus der Labour Party den Weg bereitet. Für derlei Thesen ist er von Kollegen als verspäteter Hofhistoriker der von 1979 bis 1990 regierenden Margaret Thatcher charakterisiert und gescholten worden.

von Peter Brandt

Eine Bemerkung vorweg: Der Begriff der Identität suggeriert von der eigentlichen Wortbedeutung her eine Eindeutigkeit, ja Hermetik, die sich leicht ad absurdum führen lässt. Jeder Mensch, und allemal der moderne Mensch, besitzt mehr oder weniger bewusst unterschiedliche Identitäten: geschlechtliche, berufliche, weltanschaulich-religiöse, soziale, politische und eben auch ethnisch-kulturelle sowie nationale.

von Lutz Götze

 Offiziell dauerte das Schreckensregime des Pol Pot und seiner Kumpane der Roten Khmer nicht einmal vier Jahre, genauer: vom 18. April 1975 bis zum 7. Januar 1979. Doch in Wahrheit brachte sich der Großteil der politischen Führung und des Militärs vor den anstürmenden vietnamesischen Truppen in westlicher Richtung in Sicherheit: Im Regenwald, nahe der thailändischen Grenze mit dem Hauptquartier in Anlong Veng, tobte der Terror weiter. 1998 starb dort Bruder Nr. 1, wie sich Pol Pot nennen ließ, friedlich. Das Morden freilich wurde fortgesetzt bis zum Jahre 2002; dann tauchten die noch lebenden Verbrecher in der kambodschanischen Gesellschaft unter. Die meisten leben 2010 immer noch, unbehelligt von Verfolgung oder Bestrafung. Fünf führende Repräsentanten des Democratic Kampuchea (DK) stehen derzeit vor Gericht, darunter Deuch, der Kommandant des Schreckensgefängnisses Tuol Sleng (S 21), in Phnom Penh, der als Einziger teilweise seine Schuld vor Gericht eingestand, freilich im gleichen Atemzug erklärte: »I´m only interested in my children, my stomach and God. There is no future of the Khmer Rouge, they´re finished.« (Kiernan 2002: X).

von Hans-Otto Hemmer

 Eines der ganz wenigen Fotos aus der jüngeren Geschichte des DGB, das sich allgemein eingeprägt hat, zeigt den lachenden ÖTV-Vorsitzenden Heinz Kluncker, der dem DGB-Vorsitzenden Ernst Breit einen Kehrbesen überreicht. Das Foto wurde beim DGB-Kongress von 1982 in Berlin aufgenommen – kurz nach Breits Wahl zum neuen DGB-Vorsitzenden und Nachfolger Heinz Oskar Vetters. Es symbolisiert Klunckers Wunsch und Aufforderung, den Augias-Stall ›auszumisten‹, zu dem der DGB nach seiner Auffassung durch den Neue-Heimat-Skandal geworden war.
Breit wäre es sicher lieber gewesen, wenn diese Geste unterblieben und das Foto nicht entstanden wäre. Im Unterschied zu seinem Freund Kluncker fehlte ihm die Lust an der Provokation und es war ihm bewusst, dass er, wie alle seine Vorgänger im DGB-Vorsitz, auch in dieser exzeptionellen Lage ein Meister des Ausgleichs würde sein müssen. Ist er es geworden?

von Felicitas Söhner

 1849 erschien erstmals in Paris die internationale revolutionäre Tageszeitung La Tribune des Peuples. Als soziales politisches Organ der europäischen Demokratie rief sie auf zum Freiheitskampf im Namen der internationalen Solidarität und Brüderlichkeit. Hier veröffentlichte der polnische Romantiker und Revolutionär Adam Mickiewicz zahlreiche Beiträge für die Idee eines neuen, freien Europas. Am 14. März 1849 schrieb er in der Erstausgabe: »La situation de l'Europe est telle qu'il devient désormais impossible pour un peuple de marcher isolément dans la voie du progrès, sous peine de se perdre lui-même en compromettant ainsi la cause commune.« (Die Situation in Europa ist so, dass es unmöglich ist, dass auch nur ein Volk für sich allein den Weg des Fortschritts beschreiten könnte, es liefe dabei Gefahr, selbst unterzugehen und gleichzeitig die gemeinsame Sache damit zu kompromittieren. Übers.d.Verf.) (Mickiewicz 1907: 54)

von Peter Brandt

Hermann Weber ist – nicht anders als seine Frau Gerda, mit der er über ein halbes Jahrhundert in Liebe und geistiger Eintracht verbunden ist – eine Ausnahmeerscheinung, die aus einer anderen Epoche in die Gegenwart hineinragt. Weber, der im Jahr 2008 achtzig Jahre alt wird, macht sich in seinem jüngsten Buch fast leitmotivisch die bange Frage Heinrich Brandlers (1881-1967, 1921-1923 Vorsitzender der KPD, seit 1928 mit August Thalheimer führende Gestalt der kommunistischen Dissidentengruppe KPD-Opposition) zueigen: »Bin ich verrückt, oder ist die Welt verrückt?« Es mag Hermann und Gerda Weber eine Genugtuung sein, dass nach den Exzessen des Imperialismus und der Weltanschauungsdiktaturen im 20. Jahrhundert sowie der globalen Entgrenzung des Marktkapitalismus an der Wende zum 21. Jahrhundert auch unter Jüngeren die Stimmen wieder zunehmen, die darauf abheben, es sei höchste Zeit, die verrückte Welt gerade zu rücken. Denn die Webers verstehen sich nach wie vor als demokratische Sozialisten in der Tradition der Arbeiterbewegung einschließlich ihres marxistischen Strangs.

von Günter Grass

In jeder Epoche hat es Künstler gegeben, die als Antwort auf die jeweils vorherrschenden Krisen und Hoffnungen ein emblematisches Bild geschaffen haben. So Albrecht Dürer mit seinem Kupferstich Melencolia I zur Zeit des Humanismus. So Francisco Goya mit einem Blatt innerhalb der Capricio-Radierungen mit der Unterschrift Der Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer zur Zeit der Aufklärung.
In kleinem Format sitzt die personifizierte Vernunft als schlafender Mann an einem Tisch. Über ihm bildet fabelhaftes Nachtgetier in dämonischer Ballung den düsteren Traum ab. Ein vieldeutiges Bild, das bis heute Fragen aufwirft: Ist es die Vernunft, in deren Kopf die Ungeheuer ursprünglich sind? Oder bedrohen Ungeheuer die Vernunft, weil sie schläft?
So ist auch die von dem Künstler Carl Frederik Reuterswärd geschaffene und unseren gegenwärtigen Krisen und Hoffnungen gemäße Skulptur vieldeutig, wenngleich man meint, ihren Sinn mit einem Blick erfassen zu können.

von Milutin Michael Nickl

Dem Andenken des amerikanischen Pluralisten und Rhetorikers Richard McKeon (26.4.1900 - 31.3.1985) gewidmet. Er hat viel zur architektonisch-konstruktiven, systemgestaltenden Erneuerung der Rhetorik beigetragen. Intention, Selbstverständnis und Leistungen der Rhetorik stellen sich grundsätzlich als sprechtätig-vermittelte Wissensformen mit partikularisiertem und partikularisierendem Charakter dar, z.B. als »productive architectonic art« (McKeon 1971). Weder die populärwissenschaftlich-utilitaristische, noch die in mitteleuropäischen Szenarien dominierenden literarischen, philologischen oder ›kritischen‹ Rhetoriken werden diesem Grundcharakter der Rhetorik zureichend gerecht. ›Eklektisch‹ gilt wohl meist als Schimpfwort. ›Eklektisch‹ lässt sich jedoch ebenso gut konstruktivistisch-produktiv und systembildend auffassen und anwenden. In diesem Kontext werden zwei strittige Exempla generiert und kommentiert: »Journalistik als Medienrhetorik« und »hard science oder traditionelle Rhetorik?«

von Herbert Ammon

Im Kontext der bundesrepublikanischen Zivilreligion spielt die Erinnerung an den Theologen und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer, am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg von einem SS-Standgericht verurteilt und qualvoll hingerichtet, keine herausragende Rolle. Zu erklären ist dieses Faktum mit dem Charakter der – entgegen der These von der ›Wiederkehr der Religion‹ – säkularen, postchristlichen

von Peter Brandt

Edelbert Richter ist ein bemerkenswerter Mann. Ich kenne ihn seit den späten 80er Jahren (schon davor war er mir ein Begriff) und stehe seit den mittleren 90er Jahren mit ihm in regelmäßigem Diskussionskontakt. Promovierter Theologe aus Thüringen, entsprechend geisteswissenschaftlich gebildet und geübt in der Textinterpretation, in der Honecker-Ära Oppositioneller demokratisch-sozialistischer Ausrichtung mit besonderem Gespür für die potentielle Brisanz der offenen ›deutschen Frage‹, Mitbegründer des »Demokratischen Aufbruchs«, bei deren Schwenk zu Helmut Kohls »Allianz für Deutschland« mit Schorlemmer und anderen Übertritt zur Sozialdemokratie, dort Europa-, dann Bundestagsabgeordneter, 2007 Wechsel zur Linkspartei. Dabei ist Edelbert Richters politische Position im Wesentlichen unverändert geblieben.

von Steffen Dietzsch

Eine Ausstellung im Königsberg Museum der Stadt Duisburg:
Anlass der Ausstellung ist die Auszeichnung des Ruhrgebiets als Europäische Kulturhauptstadt 2010.

Die weltgrößte Binnenhafenstadt Duisburg ist seit Anfang der Fünfziger Jahre Patenstadt der untergegangenen Ostseehafenstadt Königsberg. Im Königsberg Museum Duisburg wird an ihre europaweite geistig-kulturelle Bedeutung erinnert – mit Ausstellungen, Periodika und Büchern zu großen Ereignissen und Personen. Diesmal an den großen europäischen Freiheitsdenker Kant. Denn: »Nicht blos nicht als Lehrer hat Kant gewirkt, nicht blos die grosse Anzahl seiner Zuhörer verdanken ihm die wichtigsten ihrer Erkenntnisse; nicht blos der Staat ist ihm für eine grosse Menge treuer Staatsdiener verbunden; sondern ganz Europa verehrt in ihm den Mann, welcher der Philosophie wieder den ihr würdigen Platz angewiesen hat.« So wurde Kant schon zeitgenössisch – im Deutschen Ehren-Tempel [1823] – gewürdigt. Das ist zugleich das Motto der Ausstellung. Sie wurde organisiert unter Mitarbeit des Kondylis-Instituts für Kulturanalyse und Alterationsforschung (Hagen).

von Ingo Schmidt

 Dank staatlicher Beihilfen hat das große Geld die Wirtschaftskrise gut überstanden. Im Vertrauen auf weitere Hilfen steigen Börsenkurse und Renditeerwartungen auch ohne einen Wirtschaftsaufschwung, der diese Anstiege rechtfertigen könnte, wieder an. Gleichzeitig werden einer Reihe von EU-Ländern, insbesondere Griechenland, eine drohende Staatspleite angedichtet und Sparprogramme aufgezwungen. Die Botschaft ist klar: Wer nichts – oder nicht viel – hat, dem wird auch nichts gegeben. Dies gilt zwischen reichen und ärmeren Ländern ebenso wie zwischen den Reichen und Armen in einzelnen Ländern. Wer sich von einer ›harten Linie‹ gegenüber Griechenland allerdings die Sicherung von Arbeitsplätzen und Sozialsystemen in Deutschland verspricht, dürfte enttäuscht werden. Beschäftigungs- und Sozialabbau haben in der Vergangenheit jene Wettbewerbsfähigkeit geschaffen, vor der die griechische Wirtschaft nun in die Knie gegangen ist. Trotzdem konnte auch der Exportweltmeister Deutschland der Krise nicht entgehen. Beschäftigte, die hierzulande noch um Arbeitsplatz und Sozialversicherung bangen, sind vom organisierten Vermögensbesitz bereits als die Griechen von morgen ausersehen.

von Hanna Behrend

 Am 19. Dezember 2005 teilte der Historiker Manfred Behrend einem Freund mit, dass ihm bei der Operation am 29. November der von einem weit entwickelten Krebstumor befallene linke Lungenoberlappen entfernt worden sei: »Alles in allen bin ich angeknackst, aber noch vorhanden und streitbar. Letzteres erwies sich, wie ich hoffe, beim Fertigstellen der letzten Teile des PDS-Buchs für den Neuen ISP Verlag«. In diesem Brief legte er auch seine Pläne für das nächste Jahr vor: »Nach dem Buchprojekt habe ich für 2006 Kleineres vor. Wesentlich sind mir a) die Vorgänge an der Humboldt-Universität vor 50 Jahren, nach dem XX. Parteitag der KPdSU; vorstellbar wäre wie zum 17. Juni 1953 ein Erlebnisbericht, diesmal etwas länger, da sowohl die historische Konstellation gravierender war, als auch der Autor aktiver, b) die Vorgänge in Spanien ab 1936. Hier schwebt mir einesteils eine Darstellung der Hauptaktionen an der Bürgerkriegsfront (bei gleichzeitiger Auseinandersetzung mit stalinistischen Versionen), andernteils die Würdigung der antistalinistischen Opposition und ihrer Niederschlagung vor. An einem bestimmten Punkt dürften beide Hauptthemen ineinander übergehen.«

von Lutz Götze

Mythen im klassischen Sinne sind Göttergeschichten: erzählt in grauer Vorzeit und weitergegeben von Generation zu Generation. Irgendwann wurden sie aufgeschrieben; zumeist verändert gegenüber dem Ursprung. Nachfolgende Erzähler deuteten sie auf ihre je eigene Weise: So haben sich Mythen über Jahrhunderte hinweg bewahrt und geändert: Ödipus, Prometheus und gerade der Medea-Mythos erfuhren gewaltige Umdeutungen, wenn wir beispielhaft etwa die Medea-Lesart des Euripides mit jener Christa Wolfs vergleichen.

von Florian Mausbach

 1972. Ein China-Restaurant in Bad Godesberg. Journalisten aus Maos China erläutern den Zweijahresvertrag – ein Lektorat im Fremdsprachen-Verlag Peking. Der Ältere von beiden, später langjähriger Botschafter in Deutschland, besorgt: »Und was ist mit Schwierigkeiten bei Ihrer Rückkehr?« »Ich will doch kein Beamter werden!«

2002. Flughafen Peking. Im Pass fehlt das Visum. Eine Einladung des deutschen Botschafters liegt vor. An den Präsidenten des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung zur Einweihung der Deutschen Schule in Peking. Und ein Foto liegt bei von Deng Xiaoping mit dessen persönlicher Widmung und Danksagung. Aus dem Jahr 1977. Es wird als Visum akzeptiert.

von Peter Brandt / Dimitris Th. Tsatsos

Der Gedanke eines engeren Zusammenschlusses Europas, damals als eine Art Fürs­tenbund und in scharfer Abgrenzung gegen das islamische Osmanische Reich, we­niger deutlich auch gegen Russland und die orthodoxe Ostkirche, fand bereits seit dem 15. Jahrhundert seinen Niederschlag in Konföderationsplänen, die teilweise von Herrscherpersönlichkeiten wie Heinrich IV. von Frankreich stammten. Daneben for­mulierten, meist weniger konkret, herausragende Denker wie Johann Amos Co­menius, Jean Jacques Rousseau und Immanuel Kant die Idee der Einigung Europas. Henri de Saint-Simon, zugleich einer der frühen utopischen Sozialisten, fasste ganz Europa bereits als konstitutionelle Monarchie mit einem Zwei-Kammer-Parlament ins Auge. Konservative wie François René de Chateaubriand entwickelten ebenso eigene Vorstellungen wie Vertreter der liberal-demokratischen Nationalbewegun­gen, so Giuseppe Mazzini – in der Tat ist die Differenzierung des großen Kultur- und Sozialraums westlich des Urals in die modernen Nationen ein typisch europäi­sches Phänomen –, der bürgerlichen Friedensbewegung und natürlich des Sozialis­mus in allen seinen Strömungen. Die SPD formulierte etwa in ihrem Heidelberger Programm von 1925 die Parole der »Vereinigten Staaten von Europa«.

von Peter Brandt

Für eine ganze Generation, vor allem, aber nicht allein von Intellektuellen, war die Revolution 1848/49 das große politische Erlebnis schlechthin gewesen, das sie über alle Fährnisse des individuellen Schicksals hinweg für das ganze Leben tief geprägt hat. Sie hießen in den Folgejahrzehnten die ›Achtundvierziger‹ (so wie man heute – mehr oder weniger plausibel – von den ›Achtundsechzigern‹ spricht).

von Herbert Ammon

Wie real ist die ›braune Gefahr‹, wie verbreitet sind rechtsextremistische Tendenzen unter Jugendlichen, was fasziniert an der Subkultur der Skinheads, an Nazi-Rock und martialischem ›Outfit‹? Wann immer von ›rechten‹ Gewalttaten zu berichten ist – da wird ein Obdachloser totgeprügelt, da wird ein Jugendlicher wegen seines ›linken‹ Aussehens zusammengeschlagen und in der Jauchegrube versenkt – sind die Medien mit Erklärungen schnell zur Hand: Schuld sei der nie überwundene Rechtsextremismus, der im Gefolge der Wiedervereinigung aufgelebt sei und vor allem im östlichen Deutschland seinen Nährboden gefunden habe. Werden ›Experten‹ zu Rate gezogen, so dient bezüglich der Ex-DDR als theoretisches Grundmodell vielfach noch der ›autoritäre Charakter‹ und die Faschismus-Skala, welche die westdeutschen 68er einst bei Th. W. Adorno u.a. erlernten und auf ihre Vätergeneration anwandten.

von Herbert Ammon

 ›Wende‹ oder Revolution? Zu den Vorzügen des vorliegenden Buches gehört, dass sein Autor sich nicht der Tendenz unterwirft, die alles umstürzenden Ereignisse im Herbst 1989 im Sprachduktus der zu demokratischen Sozialisten gewendeten Kommunisten zur bloßen ›Wende‹ zu verflachen, sondern als das zu benennen, was zum Erstaunen der Welt wirklich stattfand: eine Revolution. 

von Christoph Jünke

I.

 Warum sollten sich Historiker, Sozialwissenschaftler und, vor allem, gewerkschaftlich Interessierte mit Leben und Werk von Viktor Agartz (1897-1964) auseinandersetzen? Nicht nur, aber vor allem weil Agartz einer der herausragendsten und umstrittensten Gestalten der deutschen Nachkriegszeit gewesen ist. Der bereits in den 1920ern aktive linke Sozialdemokrat gehört zu den wenigen Deutschen, die während des Nazi-Faschismus eine unbefleckte Weste ihr eigen nennen konnten. Er hat sich, soweit ihm dies möglich war, im antifaschistischen Widerstand innerhalb des Deutschen Reiches engagiert. Unmittelbar nach Krieg und Faschismus war er der neben Kurt Schumacher und Hans Böckler wohl wichtigste Funktionär und Vordenker von SPD, Gewerkschaften und Konsumgenossenschaftsbewegung, führend mitbeteiligt am ökonomischen und politischen Wiederaufbau des zerstörten Landes.

von Suitbert Oberreiter

Es ist schon ein wenig schauderhaft, meine ich, was man da mit der schillernden Bischöfin Kässmann aufführte, bis sie sich durch ihren Rücktritt der allgemeinen Hatz entzog. Die Argumente zu ihrer Entfernung, die dabei vorgebracht worden sind, können nichts weniger als scheinheilig gelten; stichhaltig oder überzeugend sind sie für mich jedenfalls nicht. Der Aufruhr war ja gerade so stark, als wäre die Frau mit der Kirchenkasse unterm Arm davongegangen. Und man hat sich dabei der Kleinbürgerlichkeit der Massen aufs Schamloseste bedient und die Dorfmentalität aus Wilhelm Buschs Max und Moritz für ein paar Tage wieder aufleben lassen. »Kein Kavaliersdelikt!« stand da zu lesen. Offensichtlich haben das irgendwelche Polit-Marionetten und Tintenknechte einer deutschen Abart des Berlusconi-artigen ›Denkgenies‹ inszeniert, was dort abgegangen ist. Und da wir in Deutschland eine jahrhundertealte Erfahrung mit der Leibeigenschaft haben, nimmt sich das so aus, als müsse man kleine Bauernopfer bringen, damit die Syphilis der Neuen Grafen und Degenerationsfürsten sich ungestört ausbreiten könne. Der Fall spielt wohl in die – zugegebenermaßen etwas brisantere Fälle enthaltende, aber doch – Schublade von kleinen Denkwürdigkeiten unseres Zeitalters, wie »Entlasse eine Mitarbeiterin der Firma, die sich ein Lachsbrötchen selbst verabreicht hat, aber lasse den ungeschoren, der sich mit 5 Milliarden Euro aus dem Staub macht – und finde das noch in Ordnung.«

von Herbert Ammon

Kaum ein Erzeugnis der politischen Literatur hat solch immense weltgeschichtliche Folgen gezeitigt wie das im Februar 1848 veröffentlichte Kommunistische Manifest. Und doch: Zum 150. Erscheinungsjahr fiel die Debatte über die berühmteste Schrift der Begründer des ›wissenschaftlichen Sozialismus‹ in Wissenschaft und Publizistik eher bescheiden aus, eine Spätfolge des eklatanten Scheiterns des realen Sozialismus anno 1989. Zu den spektakulären Ausnahmen gehörte ein Aufsatz des amerikanischen Sozialphilosophen Richard Rorty (1931-2007), der aus der sozialreformerischen Tradition der amerikanischen liberals heraus in das Programm der sozialistischen Weltrevolution die Lehre der Bergpredigt hineinlas. Ein Indiz für die alsbaldige Renaissance des Marxismus?

von Herbert Ammon

Der Pädagoge Micha Brumlik zielt mit seinem Essay auf um das von Erika Steinbach (CDU) und dem 2005 verstorbenen Peter Glotz (SPD) initiierte Zentrum gegen Vertreibungen. Anfangs gehörte er neben Persönlichkeiten wie György Konrad, Ralph Giordano und Alfred de Zayas zu den Befürwortern des Projekts. Er habe sich davon distanziert, als ihm »klar wurde, dass die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen nicht wirklich willens und in der Lage war, sich von ihrem nationalkonservativen und völkischen Umfeld zu lösen« (135). Ungeachtet des von den Initiatoren bekundeten Konzeptes vermutet Brumlik als »das heimliche Motiv vieler vielen (nicht aller) Betreiber der Zentrumsidee« eine »Konkurrenz mit dem Gedenken an die Opfer der Shoah« (117) und meint, jüdische Intellektuelle wie Ralph Giordano, Julius H. Schoeps und Michael Wolffsohn seien »von Steinbach letztlich düpiert worden« (125).

von Herbert Ammon

Die Dynamik der Ereignisse des Jahres 1989, die zum Mauerfall führten, traf die classe politica der alten Bundesrepublik, kaum anders als die SED-Führung in der DDR, wie ein Naturereignis. Von Differenzen in der politischen Rhetorik zur ›Offenheit‹ der Deutschen Frage sowie in der geschichtspolitischen Ausdeutung der deutschen Katastrophe 1933-45 abgesehen, hatten sich alle Parteien mit dem Status quo der deutschen Teilung abgefunden.

von Herbert Ammon

Die ideengeschichtlich schillernde Konservative Revolution steht noch immer als Synonym für die Verirrungen des deutschen Geistes, für alles, was einst Kurt Sontheimer als »antidemokatisches Denken in der Weimarer Republik« indizierte. Kenner der Materie, von Armin Mohler bis zu Stefan Breuer und Rolf Peter Sieferle, haben dagegen längst gezeigt, dass die in den zwanziger Jahren in Deutschland eklatierende Bewußtseinskrise, das Unbehagen an positivistischem Fortschrittsglauben, die Kritik an Kapitalismus und industrieller Massengesellschaft, die Ablehnung der parlamentarischen Demokratie, kurz: die ideelle Revolte gegen das liberale System gesamteuropäische Dimensionen hatte.

von Herbert Ammon

Es lebe die Freiheit!
(Hans Scholl vor seinem Tod am 22. Februar 1943)

Freut Euch mit mir! Ich darf für mein Vaterland, für ein gerechtes und schöneres Vaterland, das bestimmt aus diesem Krieg hervorgehen wird, sterben.
(Kurt Huber an seine Familie vor seinem Tod am 13. Juli 1943).

von Daniel Bensaïd*

Brav, alter Maulwurf! Wühlst so hurtig fort? O, trefflicher Minierer!
William Shakespeare: Hamlet

 

Unser alter Freund ist kurzsichtig. Er ist auch hämophil. Doppelt geschwächt und doppelt zerbrechlich. Und doch setzt er frohen Mutes, geduldig und hartnäckig, von Tunnel zu Stollen, seinen Weg bis zum nächsten Ausbruch fort.

Das 19. Jahrhundert erlebte Geschichte als einen Pfeil, der in Richtung Fortschritt zeigte. Das Schicksal der Antike sowie die göttliche Vorsehung verloren an Bedeutung angesichts der nüchternen Aktivität einer modernen menschlichen Art, die die Bedingungen ihrer eigenen unwahrscheinlichen Existenz produzierte und reproduzierte.

von Wolf Biermann

Das Lied Melancholie widmete ich vor gut 20 Jahren dem Philosophen Emile Cioran, den ich durch Manés Sperber in Paris kennen lernte. Wir stritten uns rum über den Begriff Hoffnung. Er hasste die Hoffnung. Ich verteidigte tapfer als deutscher Linker und Blochverehrer die Theorie meines verehrten Freundes in Tübingen, das ›Prinzip Hoffnung‹. Kam aber nicht gegen diesen Cioran an. Der hielt das Geschwafel über Hoffnung für einen intellektuellen Selbstbetrug, für eine Illusion, mit der sich die ›Tellektuelinns‹ selber in die Tasche lügen. Ich meine die systemimmanenten Intellektuellen, die gekauften Zuarbeiter der Mächtigen, die affirmativen ›TUIs‹, wie der TUI Brecht sie in seinem Buch der Wendungen schimpfte. Dieser zynische Skeptiker Cioran hielt die ›Hoffnung‹ für eine Tranquilizer-Tablette, frei nach Heine: » ... womit man einlullt, wenn es greint, das Volk, den großen Lümmel.«

von Peter Brandt

Jan Myrdal hat in den 80er Jahren zu recht auf die doppelte Traditionslinie der nordeuropäischen Linksintellektuellen in Gestalt des urban–kosmopolitischen (dabei übrigens durchaus dänisch–nationalen) Geistes von Georg Brandes und der des Grundtvigianismus verwiesen. Ihm selbst sei in der Zusammenarbeit mit der dortigen Linken erst in West–Berlin die eigene Prägung durch Grundtvig bewusst geworden, als einer seiner Artikel übersetzt werden sollte. »Allmählich wurde aus ›folk‹ ... ›die Volksmassen‹, ›folklig‹ verschwand in Umschreibungen und aus ›folkets kultur‹ wurde etwas, was mit den Kulturbestrebungen der Volksmassen zu tun hatte« (Myrdal 1988, S. 53 f.).

von Perry Anderson

 Unter den heutigen US-amerikanischen Journalisten ist Christopher Caldwell, um einen russischen Ausdruck zu gebrauchen, eine weiße Krähe. Nicht nur seine kulturelle Reichweite ist wahrscheinlich ohne Gleichen – mehr als nur flüssig in den großen europäischen Sprachen ist er auch mit dem vertraut, was in ihnen geschrieben wird. Aber auch in Bezug auf seine Intelligenz unterscheidet er sich von den meisten Reportern und Kommentatoren. Auch wenn sein Hintergrund literarisch ist, ist es ein philosophischer Zug seines Geistes, der seine Arbeiten von denen seines Gleichen unterscheidet. Was sein Interesse normalerweise findet, sind Dilemmata – begriffliche, moralische, soziale –, die in Standarddiskursen dominierender oder marginaler Tagesfragen entweder verdunkelt oder übergangen werden. Seine diesbezüglichen Schlussfolgerungen sind fast immer, so oder so, beunruhigend und verstörend. Die Kolumnen dieses leitenden Redakteurs des Weekly Standard, dem Flaggschiff des US-amerikanischen Neokonservatismus, und seine Kolumnen in der Financial Times lassen einen Großteil der liberalen Meinungsmache als jenen eintönigen Einheitsbrei erkennen, der er auch zu häufig ist.

von Christoph Jünke

Rudi Dutschke, der am 7. März diesen Jahres gerade mal 70 Jahre alt geworden wäre und doch schon seit 30 Jahren tot ist, gilt als Aktivist, als Praktiker der Revolte, seine Theorie dagegen als wenig systematisch, als eklektizistisch gar. Entsprechend beschäftigt man sich zumeist mit der Person und hält dessen Ideen für vernachlässigbar. Doch ob als existentialistisch beeinflusster Student im Berlin der beginnenden 1960er Jahre oder als antiautoritärer, revolutionär-sozialistischer Agitator des SDS und der APO, ob als aufrechter Einzelkämpfer im dänischen Exil Mitte oder als grün-alternativer Stratege am Ende der 1970er Jahre, immer ging es Dutschke mit der Erneuerung radikal-sozialistischer Politik auch um die Erneuerung ihrer theoretischen Grundlagen, denn eine »tiefe Auseinandersetzung mit der geschichtlich-gesellschaftlichen Wirklichkeit der Gegenwart kann und darf«, wie er 1968 schrieb, »nicht von den bisherigen Resultaten der revolutionären Theorie abstrahieren«.

von Peter Brandt

Bis vor einem guten Jahrzehnt hätte der Hinweis auf Gültigkeit eines sich aus der proletarisch-sozialistischen Tradition herleitenden Gesellschaftsmodells des »real existierenden Sozialismus« für ein Drittel der Menschheit genügt, um die Bedeutung der Arbeiterbewegungsgeschichte klarzumachen. Unabhängig davon, was aus dessen Zusammenbruch in Osteuropa hervorgegangen ist, bleibt ja die Tatsache bestehen, dass die Auseinandersetzung mit der (wie vermittelt auch immer) auf der Aktion eines Flügels der sozialistischen Arbeiterbewegung erwachsenen Ordnung nicht zuletzt in Deutschland Jahrzehnte der Zeitgeschichte bestimmt hat.

von Michel Husson

Der herrschenden Ökonomie ist es gelungen, die Idee, wonach die Flexibilität das beste Mittel zur Schaffung neuer Arbeitsplätze und zur Reduzierung der Arbeitslosigkeit sei, in den Rang eines wirtschaftlichen Gesetzes zu erheben. Diese Behauptung ist schlicht und einfach falsch. Sie ist Teil eines langen Prozesses, der durch die Annahme von neoliberalen Empfehlungen gekennzeichnet ist und zugleich vom Niedergang des wirtschaftswissenschaftlichen Denkens zeugt.

Peter Brandt

(Vortrag bei der Eröffnung des Regionalzentrums Berlin der FernUniversität am 18. September 2009)

Den meisten der Anwesenden wird in Erinnerung sein, wie heftig und teilweise erbittert 1991 die Debatte um die künftige Hauptstadt des neu vereinigten Deutschland geführt wurde: zuerst in der Publizistik, dann im Parlament. Streng genommen ging es gar nicht um die Frage der Hauptstadt; als solche war Berlin nämlich schon im Einigungsvertrag benannt worden. Hauptstadt und Regierungssitz sind in der Regel, aber nicht zwingend identisch. So ist Den Haag seit rund 200 Jahren Sitz der zentralen politischen Institutionen der Niederlande, wird aber nicht als Hauptstadt angesehen. Diesen Titel hat man der alten Wirtschafts- und Kulturmetropole Amsterdam vorbehalten, die in politischer Hinsicht ohne jede konkrete Funktion ist.

von Terry Eagleton

Vorbemerkung:

Dass der 11.9.2001 ins kollektive Alltagsbewusstsein eingegangen ist, hat vor allem auch mit seinen weltpolitischen Folgen zu tun. Der unmittelbar danach von der US-Administration offiziell ausgerufene und von den führenden Nationen der »Weltgemeinschaft« grundsätzlich unterstützte »Krieg gegen den Terror« hat sich in mehreren militärischen Interventionen, in lang anhaltenden Kriegen und einer zunehmenden Intensität terroristischer Anschläge manifestiert und sich auf diesem Wege Stück für Stück in die gesellschaftlichen Eingeweide

von Christoph Jünke

 Von türkischen Turbulenzen sprechen politische Kommentatoren und Analysten, von einem sich zuspitzenden Kulturkampf am Bosporus, und was wir gelegentlich über die Nachrichtenticker wahrzunehmen vermögen, klingt schon recht kurios. So erklärte das türkische Verfassungsgericht 2007 die türkische Regierungspartei AKP für verfassungswidrig und scheiterte nur knapp damit, sie deswegen verbieten zu lassen. Die gemäßigt islamische AKP wiederum setzte auf parlamentarischem Wege einen Verfassungszusatz in Kraft, der es türkischen Frauen ›ermöglicht‹, mit Kopftuch zu studieren, was daraufhin von den kemalistischen Verfassungswächtern wiederum für null und nichtig erklärt wurde.

von Herbert Ammon

Mit Geopolitik, den geographischen und historisch-kulturellen Bedingungen politischen Handelns, hat sich die ›kritische Linke‹ im 20. Jahrhundert kaum je befasst. Als ideologisch aufgeladenes Synonym für den Imperialismus, dereinst im Weltkriegsjahr 1916 (veröffentlicht 1917) von Lenin »gemeinverständlich« definiert »als höchstes Stadium des Kapitalismus«, war der Begriff verpönt. Selbst nach dem Mauerfall im Epochenjahr 1989, der viele alte Gewissheiten zum Einsturz brachte und die geopolitischen Realitäten erneut vor Augen rückte, machten die meisten ›Linken‹ einen Bogen um ›Geopolitik‹.

von Christoph Jünke

Biografien waren einst den großen Männern der Geschichte vorbehalten und galten – je nachdem, welcher Weltanschauung man anhing – mal als die Krönung der geschichtswissenschaftlichen Kunst und mal als deren zu vernachlässigendes Hinterteil. Mit dem nachhaltigen Einbruch einer die strukturellen Klassengrenzen in Frage stellenden und auf allgemein menschliche Emanzipation zielenden Geschichtsschreibung ›von unten‹, und mit dem parallelen, sich damit gelegentlich überschneidenden, Aufstieg einer sich auf Strukturen konzentrierenden Geschichtsschreibung, kamen sie dann weitestgehend aus der Mode. Doch Moden ändern sich bekanntlich – und die Biografie ist mächtig en vogue Bei dem seit vielen Jahren vor sich gehenden Boom einer Rückkehr zur Biografie dürfte es sich aber weniger um einen schlichten Pendelschlag rückwärts handeln, als vielmehr um eine mindestens partielle Überwindung der beiden alten Dichotomien. Denn was eine Vielzahl dieser unterschiedlichsten Arbeiten auszeichnet, ist gerade ihre Verbindung von Sozial- und Individualgeschichte. Unverkennbar schlägt sich in ihnen die Tendenz nieder, Geschichte von der Strukturebene auf die Ebene realer Menschen und ihrer Rolle in der Geschichte herunter zu brechen – ein Ansinnen, das nachvollziehbar auch damit zusammenhängen dürfte, dass Menschen von einem solchen Blick Rückschlüsse erwarten über den eigenen Ort ›in der Geschichte‹ und die eigenen Möglichkeiten, ›Geschichte zu machen‹.