Kerbers Kolumne. Aufnahme: ©JCK 2020 Aufnahme: ©MCK

Dr. jur. Markus C. Kerber ist Professor für Finanzwissenschaft und Wirtschaftspolitik an der TU Berlin, Gründer von www.europolis-online.org. In seiner Kolumne nimmt er Beobachtungen aus dem politischen und juristischen Alltag der Nation zum Anlass für zeitdiagnostische Überlegungen: provokant-ironisch im Ton, tabubrechend, wo es sich empfiehlt, mit jenem Maß an Schärfe, das nötig ist, um zu sehen, in welchem Fahrwasser sich die öffentlichen Dinge hierzulande bewegen.

von Markus C. Kerber

Der Intendant des Berliner Ensembles, Oliver Reese, hat mit seiner Behauptung, Theater sei nicht mit Bordellen oder Spaßbädern zu vergleichen und daher systemrelevant, eine überfällige Debatte mitten in der Corona Krise angestoßen. Vor ihm hatte bereits der Gründer und erfolgreiche kommerzielle Betreiber der Love Parade ›Dr. Mott‹ den Anspruch erhoben, für die Berliner Raver-Bewegung finanzielle Unterstützung von Vater Staat zu bekommen. Reese will kein Geld. Denn davon hat er in seinem renommierten Haus mehr als genug. Ihm fehlen die Zuschauer und damit die Legitimation, von Vater Staat so viel Geld zu erhalten, ohne Zuschauer mit der Darstellungskunst seiner Schauspieler zu verwöhnen.

Der Denkanstoß von Reese, den Theaterbetrieb hygienepolitisch nicht mit Spaßbädern und Bordellen zu vergleichen, ist für sich genommen stimulierend. Er gibt auf darüber nachzudenken, mit welcher Berechtigung der Staat den Bürgern seines Landes den Konsum von Kultur, den er sogar subventioniert, verbietet. Insbesondere ist es hinterfragenswert, ob eine immer noch begrenzte Pandemie dazu berechtigt, das gesamte Kulturleben der deutschen Hauptstadt lahm zu legen und hierbei Theaterbetriebe mit Spaßbädern gleichzusetzen. Es spricht einiges dafür, unter hygienepolitischen Gesichtspunkten eine Gleichbehandlung zu rechtfertigen. Indessen ist es eben doch ein Unterschied, ob man den Besuch von Spaßbädern und ähnlich gelagerten privaten Veranstaltungen untersagt, oder den gesamten Theaterkulturbetrieb lahmlegt. Dabei spielt nicht so sehr die ›Betroffenheit der Schauspieler‹ eine ausschlaggebende Rolle. Sie müssen sich, wenn auch schwer, angesichts überragender Gemeinwohlinteressen in ihr Schicksal fügen.

Indessen ist Kultur das Salz in der Suppe einer bürgerlichen Gesellschaft. Ohne Theater würde das Bürgertum seine Schaubühne verlieren. Wer die Theater schließt und das Üben der Chöre grundsätzlich – auch unter strengsten hygienischen Bedingungen – verbietet, hindert eine Kulturgesellschaft am Atmen. Es ist daher nicht länger einzusehen, warum in der gegenwärtigen gewiss schweren Zeit der Betrieb von Theatern grundsätzlich, auch unter strengsten hygienischen Vorkehrungen, untersagt bleibt.

Der Staat ist scheinbar ein Kulturbanause. Er lässt die Profikicker vor einem ausgewählten Publikum spielen, verbietet aber kulturliebenden Bürgern den Gang zur Bühne. Dies will nicht einleuchten. Indessen wäre der Intendant der subventionierten Staatsbühne gut beraten, mit seiner Kritik der Staatsgewalt, die ihm viele Millionen zahlt, sich auch schützend vor die Privat-Theater zu stellen. Dann würde sein Plädoyer gewiss von großen Teilen der bürgerlichen Gesellschaft Berlins, wo diese noch existiert, mit mehr Beifall bedacht, und das Unbehagen an der Unkultur der politischen Elite würde weiter wachsen.

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.