Kerbers Kolumne. Aufnahme: ©JCK 2020 Aufnahme: ©MCK

Dr. jur. Markus C. Kerber ist Professor für Finanzwissenschaft und Wirtschaftspolitik an der TU Berlin, Gründer von www.europolis-online.org. In seiner Kolumne nimmt er Beobachtungen aus dem politischen und juristischen Alltag der Nation zum Anlass für zeitdiagnostische Überlegungen: provokant-ironisch im Ton, tabubrechend, wo es sich empfiehlt, mit jenem Maß an Schärfe, das nötig ist, um zu sehen, in welchem Fahrwasser sich die öffentlichen Dinge hierzulande bewegen.

Zur Aktualität einer historischen Analyse von Ernst Nolte

von Markus C. Kerber

Als Ernst Nolte 2010 sein spätes opus magnum mit dem Titel »Die dritte radikale Widerstandsbewegung: Der Islamismus« vorlegte, schüttelten manche seiner Kollegen den Kopf über den Anspruch des damals über 80jährigen, noch einmal zu einem großen Wurf auszuholen. Gewiss hat die Analyse von Nolte nicht die Tiefenschärfe seiner früheren Werke, umso mehr sticht seine Intuition hervor. Er hat sehr früh erkannt, welches Feuer der Islamismus in der Welt entfachen würde.

Der türkische Staatspräsident macht nach den Untaten islamistischer Mörder in Frankreich gegen den französischen Staatspräsidenten mobil und bezichtigt ihn der Unzurechnungsfähigkeit, da Macron das Recht auf Meinungsfreiheit verteidigt hat. In Bangladesch muss die französische Botschaft vor 3000 fanatischen Islamisten geschützt werden. Die türkische Regierung fordert zum Boykott französischer Produkte auf. Natürlich darf auch die Regierung der islamischen Republik Iran in diesem Konzert der obligaten Proteste nicht fehlen.

Was sich hier zusammengebraut und in Frankreich, einem Land mit 7 Millionen Muslimen, in Form von radikalislamistischen Netzwerken seinen Niederschlag gefunden hat, ist ein hochexplosives politisches Gemisch, das nur darauf wartet, bei entsprechender Gelegenheit zu einer gewaltigen Feuersbrunst zu werden.

Wie konnte es dazu kommen? Weil die Gefahr radikal-islamistischer Netzwerke, die sich religiös tarnen, um den Kampf gegen die westliche Zivilisation zu führen, viel zu lange unterschätzt wurde.

Ernst Nolte hielt in seinem letzten Buch, das er genau dieser Problematik widmete [Ernst Nolte: Ich bin kein Prophet, Ein Gespräch mit Ernst Nolte über den Islam und Europa, Berlin (Edition Europolis) 2016], den Islam und seine Bekenner nur dann für europakonform und integrationsfähig, wenn überhaupt ein Integrationswillen bei der muslimischen Bevölkerung, sich der verfassungsmäßigen Ordnung und dem Rechtsstaat unterzuordnen, bestehe. Hiervon kann jedenfalls in Frankreich längst nicht mehr die Rede sein. Radikal-islamistische Netzwerke haben besonders in den Vorstädten von Paris längst die Oberhand gewonnen. Mehrere Innenminister mussten ihrem Staatspräsidenten melden, dass die Polizei es nicht mehr wage, diese Viertel zu betreten. Der rhetorisch schneidige Diskurs des Staatspräsidenten steht in auffallendem Gegensatz zu den tristen Verhältnissen der banlieues. Hier werben islamistische Hassprediger für ihre Ideen. Das Gesetz der Republik gilt faktisch nicht mehr. Ob und wie Frankreich mit dieser Bevölkerungskomponente fertig werden will, die im Übrigen geltend machen kann einen französischen Pass zu besitzen, ist höchst ungewiss. Gewiss ist aber, dass Ernst Nolte mit seiner hellsichtigen Prognose richtig lag und mehr denn je Aufmerksamkeit nicht nur im akademischen Sinne verdient.

0
0
0
s2smodern
powered by social2s
POLITIK GESELLSCHAFT KULTUR GESCHICHTE
Deutschland Modelle Fluchten Zeitgeschichte
Europa Identitäten L-iteratur Personen
Welt Projektionen Medien Entwicklungen
Besprechungen Besprechungen Ausstellungen Besprechungen
    Besprechungen  

Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.